Eric Rücker Eddison: Der Wurm Ouroboros

Dies ist ein Werk heroischer Fantasy, das von Künstlern wie J. R. R. R. Tolkien, C. S. Lewis und Ursula LeGuin als Inspiration für ihre eigene Arbeit ausgelobt wurde. Und sicherlich finden sich die Ideen des Transfers in eine fremde Welt, heroische Suchen und große, oft scheinbar aussichtslose Auseinandersetzungen gegen böse Mächte als Wurzeln zu großen Teilen in diesem Werk.

Es ist ein seltsames Buch, und das war es bereits 1922, als es zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Allerdings ist es für manche ein sehr befriedigendes seltsames Buch. Der Autor war ein englischer Beamter, außerdem übersetzte er nordische Sagen und galt als Experte für mittelalterliche und Renaissance-Poesie, hatte also viel mit C. S. Lewis gemeinsam. tatsächlich kannte er Lewis und Tolkien persönlich und interagierte mit ihrem Inklings-Kreis. Anders als diese beiden war er jedoch entschieden kein Christ und könnte am ehesten als neoheidnisch angesehen werden – wie auch dieses Buch. “Eric Rücker Eddison: Der Wurm Ouroboros” weiterlesen

Game of Thrones: Das Ende einer Ära

Die “beste Serie aller Zeiten” geht in ihre letzte Staffel. Die Wahrscheinlichkeit, jemals wieder einer Show dieser Ausmaße beizuwohnen, ist dabei sehr gering. Das liegt vor allem an diesem perfekten Zusammenspiel von Autor und den Machern der TV-Serie. Häufig ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die Filmproduktion den Büchern zumindest ebenbürtig ist, aber dass eine Serie oder ein Film die Bücher übertreffen, ist meines Erachtens noch nie vorgekommen. Übertreffen im Sinne von: Martin ist mit seinem Epos nicht fertig geworden und die Staffeln zogen an der Handlung im Buch vorbei. Natürlich alles in Absprache mit dem Autor. Dennoch ist das ein einmaliger Vorgang.

Lange Zeit konnte man der Überzeugung sein, dass Tolkiens “Herr der Ringe” das Epos unserer Zeit ist. Rechnet man in Jahrhunderten, dann stimmt das auch noch. Rechnet man in größeren Zeiträumen, zieht Tolkien trotz seines Stellenwerts den Kürzeren. Überhaupt leben wir in einer Zeit, in der Homer und Shakespeare obsolet geworden sind. Viele unserer heutigen Epen sind mindestens ebenbürtig. Aber das ist ein anderes Thema.

Martin hat also nur den Makel des Unfertigen an seiner Brust kleben, und Fans bezweifeln mittlerweile, ob er sein “Lied von Eis und Feuer” wirklich fertig bekommt. Wer die Serie schaut, dem dürfte das relativ egal sein. In 8 Staffeln werden wir hier Zeuge einer Tragödie wahrhaft griechischen Ausmaßes, und einer der Hauptgründe, warum die Serie einzigartig bleiben wird, ist seine Erzählform. Jene, die kurz mal reinsehen wollen, haben hier keine Chance. Das ist weit entfernt von den ganzen Serien im Seifenoper-Format, wo man nie wirklich etwas verpasst.

Game of Thrones steht allein da mit seiner schwindelerregenden Dichte, und die Serie unternimmt keine Anstrengungen, Menschen “mitzunehmen”. Hier wird genau das getan, was die High Fantasy immer schon getan hat: sie vertraut der Intelligenz ihres Publikums. Das ist in der heutigen Medienumgebung tatsächlich revolutionär. Und es wird, wie gesagt, nie wieder vorkommen. GOT kam zur richtigen Zeit, als sich die Tür gerade schloss und die Welt sich veränderte. Es ist schwer vorstellbar, dass je eine andere Show ihren Platz in dieser überfüllten Sparte finden wird, die dann über einen so langen Zeitraum wirklich funktioniert. Außerdem wird wohl keine andere Serie das Risiko eingehen, das Game of Thrones eingegangen ist: eine Serie auf die Beine zu stellen, die man sich auch wirklich ansehen kann, die nicht nur im Hintergrund läuft. Netflix-Shows hingegen sind als Scheiße konzipiert, die man sogar auf dem Telefon laufen lassen kann, während man den Rasen mäht.

Das Kartenmaterial der Fantasy-Literatur

Karten sind dem Fantasyfan genauso wichtig wie die phantastischen Elemente einer Geschichte selbst. Auch das Artwork spielt eine entscheidende Rolle, so dass man durchaus behaupten kann, Fantasy-Leser tendieren zu einer nahezu ganzheitlichen Erfahrung. Viele folgen ihren Helden sozusagen parallel zu dem, was sie lesen, mit dem Finger auf der Landkarte oder werfen zumindest einen Blick auf die Karte, um zu sehen, wo sie sich der nächste Außenposten, die Taverne oder Stadt befindet. Auch wenn heute Karten immer mehr aus der Mode kommen, ist der Tenor doch weit verbreitet, dass Karten eine gute Sache sind. Es gibt sogar Umfragen, aus denen hervorgeht, dass manche ein Buch, in dem keine Karte enthalten ist, gar nicht kaufen würden. Das klingt ziemlich verrückt, oder nicht? Kein Mensch würde auf die Idee kommen, vor dem Fernsehapparat zu sitzen, mit einer Karte in der Hand – oder sich den Film, gibt es keine Karte dazu, nicht anzusehen. Mittlerweile geht der Trend ohnehin dahin, keine Karten mehr ins Buch zu drucken, denn nur eine wirklich gute Karte bringt der Geschichte eine weitere Dimension ein, eine schlechte Karte hingegen könnte vom Leser als Kurzsichtigkeit des Autors ausgelegt werden, die Schwächen eines fragilen Konzepts hervorheben und die Aufmerksamkeit auf den schlechten Stil lenken.

Neben der guten und angemessenen Covergestaltung ist eine professionell erstellte Karte also unerlässlich. Mit den Covern ist das vielleicht verständlicher, und da geschehen gerade heutzutage grauenhafte Dinge, die einen wirklich davon abhalten, das Buch überhaupt auch nur anzusehen, mag es gut sein wie es will. Bearbeitete Fotographien oder computergenerierte Bilder geben zwar meistens schon das Signal, die Finger davon zu lassen, aber eben nicht immer.
Ein Grund, warum das Abbilden von Karten heute rückläufig ist, mag an der Flut der eBooks und eReader liegen . Es ist nicht leicht, aus dem Text zur Karte zu switchen und von da aus wieder zurück. Zumindest ist es nicht ganz so einfach, wie in einem Buch zu blättern. Aber das ist ein Problem, das die Technik durchaus lösen kann.

Sehen wir uns jetzt einfach einige der bekanntesten Karten an.

Thrors Karte

Die Variante der deutschsprachigen Ausgabe

 

Die von Tolkien gezeichnete Karte

Jede Diskussion über relevante Karten in der Fantasy-Literatur sollte die berühmte schwarzrote Zeichnung berücksichtigen, die dem “kleinen Hobbit” vorangeht. Die Karte wurde von Tolkien persönlich gezeichnet und zeigt den Lonley Mountain (Einsamer Berg) und die ihn umgebenden Gebiete, im Besonderen den Running River (Eiliger Fluss), wie auch die Desolation of Smaug (Smaugs Einöde) im Südwesten der Berge. Der Unterschied zur deutschen Nachstellung wird gleich offenbar, wenn man sich die beiden Karten nebeneinander betrachtet.

Was an dieser Karte sofort auffällt ist, dass sie authentisch wirkt, nicht überproduziert, damit sie gut und/oder künstlich aussieht. Sie lädt den Leser auf eine Entdeckungsreise ein. Leider fehlen in der deutschen Version die Runen komplett. Während englischsprachige Kinder damals wohl unter andere damit beschäftigt waren, die Runen entziffern zu wollen, betrachtete man bei uns diese wohl nur als unsinnigen Ballast, wer weiß das schon zu sagen, aber es liegt im Bereich des Möglichen. (Wobei ich nicht weiß, welche Karte in den unzähligen Neuausgaben steckt, ich besitze nur eine sehr alte Ausgabe). Am Ende des Buches findet sich die wunderbare Karte von “Wilderland” – und wer diese Karten mag, der mag alle, die von Mittelerde gezeichnet wurden. Sie gehören zum besten Artwork überhaupt.

Erdsee

Als der junge Duny, den sie alle Sperber nennen, auszieht, um ein Magier zu werden, setzt er Segel in einer Welt, die vor Inseln geradezu wimmelt, ob sie nun groß oder klein sind. Zu sagen, die Karte von Ursula K. Le Guins “Der Magier der Erdsee” sei komplex, wäre eine Untertreibung.

Hier ein Detail

Das sind jetzt nur zwei Beispiele einer faszinierenden Tatsache: dass Karten der Fantasy eine Dimension hinzufügen, auch wenn, wie gesagt, die Tendenz heute eher rückläufig ist (aber wo wäre sie das nicht?). Man könnte darüber diskutieren, ob sie denn wirklich für die Story notwendig sind – und es wird ja auch tatsächlich fleißig diskutiert. Ob das hierzulande jemanden interessiert, vermag ich nicht zu sagen, mir scheint, wir sind im Wesentlichen leidenschaftsloser in solchen Dingen und ich verfolge persönlich auch kaum, was sich hier tut, weil ich da bisher sehr wenig gefunden habe.

Die Welt bei Kerzenschein

Folklore und Legenden sind Teil eines Vermächtnisses unserer ursprünglichen Ängste, die in der Morgendämmerung der Menschheit ihren Ursprung haben, als die Welt noch vom Übernatürlichen dominiert war: Wälder, Hügel, Berge und Flüsse waren der Lebensraum von alten, unsichtbaren Dingen. Leben bedeutete, im Schatten dieser Geheimnisse zu leben. Kerzen drückten die tiefe Angst des Menschen aus, nur in einem kleinen Lichtkreis inmitten einer riesigen, dunklen Welt zu leben.

Dieses Motiv ist eine Konstante in fast jedem Mythos. Hrothgar, der König der Dänen, erbaute eine große Festhalle in den wilden Mooren Dänemarks und brachte damit das Licht und das Lachen der Menschen in die dunkle Landschaft seines Reiches. Grendel, einer der drei Gegenspieler des Beowulf, zahlt es den Eindringlingen in sein Gebiet heim, indem er sich nachts in die Halle schleicht und alle Anwesenden ermordet. Die goldenen Tapeten sind abgerissen, die Lichter der Halle erloschen, und das Moor liegt wieder still und leise da. “Die Welt bei Kerzenschein” weiterlesen

Robin Hobb: Der Weitseher

Eine der besten Fantasy-Serien unserer Zeit startet mit dem Titel „Assassin’s Apprentice“, übersetzt als „Der Adept des Assassinen“ (und leider neuerdings als „Der Weitseher“) von Eva Bauche-Eppers. Das zu erwähnen scheint mir notwendig, weil sich die meisten Fantasy-Übersetzungen nahe an der Katastrophe bewegen, diese hier aber ist grandios.

Als Megan Lindholm unterzeichnete Robin Hobb den Vertrag über eine Trilogie 1993 bei Bantam-Books, da ahnte noch niemand, dass hier ein moderner Klassiker des Genres entstehen würde, der zur Zeit in seine dritte Runde geht (Hobb arbeitet gerade an ihrer dritten „Farseer-Chronik“), wobei gesagt werden muss, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer deutschen Übersetzung derzeit nicht abzeichnet.

Wie man sich bettet, so liegt man – ein Sprichwort, das besonders für den Konsum von Fantasy-Literatur taugt. Fühlen wir uns in einer Welt, ihren Sitten, ihrer Kultur wohl, hegen wir kaum den Wunsch, diese Welt eines Tages wieder zu verlassen. Zumindest nicht so schnell. Das Geheimnis eines Klassikers wie der „Weitseher-Trilogie“ liegt nicht so sehr in der Geschichte selbst als am Wie der Geschichte. Da wir uns seit vielen tausend Jahren stets die gleichen fünf bis sechs Geschichten erzählen, kann das Besondere jeder ‘neuen’ Variation nur die Form sein. Es ist der Sänger, nicht das Lied, lautet ein anderes Sprichwort, das verdeutlicht, was hier gemeint ist.

Oberflächlich betrachtet, haben wir es hier mit der „gewohnten“ Form klassischer Fantasy zu tun, aber wie jeder gute Autor, erzählt uns Hobb mehr als einfach nur eine spannende und wendungsreiche Geschichte in einer Prosa, die an Honig erinnert, satt und schillernd. Jedes Detail steht in 3-D vor uns, die Welt ist intensiv, die Figuren lebendig und komplex, die Intrigen fein gesponnen. Das hört sich dann schon nach moderner statt klassischer Fantasy an, und in der Tat verzichtet Hobb auf stereotype Mechanismen, wie man sie etwa von Tolkien kennt.
Die Magie, die es in den 6 Dutches (Provinzen oder Herzogtümer) gibt, besteht hauptsächlich aus zwei glaubhaften Prinzipien: Einmal der „Gabe“, die einer parapsychologischen Telepathie ähnlich ist, und zweitens aus der „Alten Macht“, einer Tiermagie, wie man sie in archaischen Religionen beschrieben findet.

Die sechs Provinzen

Robin Hobb nutzt, wie so viele Fantasy-Autoren, für ihre Arbeiten eine Karte der Ländereien, die sie kennt. In ihrem Fall ist das Alaska. Vorgestellt werden die Provinzen und ihre Kulturgeschichte durch den einzelnen Kapitel vorgelagerten Auszügen aus Chroniken, Schriften des alten Fitz (woraus zu erkennen ist, dass er seine Abenteuer überlebt), oder seines Lehrmeisters Chade. Dieser Kniff ist notwendig, weil Hobb Fitz in der ersten Person erzählen lässt, was bekanntlich die Sicht auf die Welt einengt. Andererseits gelingt es dadurch aber auch, die Erlebnisse äußerst intensiv zu halten, die Geheimnisse hingegen wage und widersprüchlich. Und Hobb beherrscht ihre Figur in dieser Perspektive perfekt, was sich nur mit der Literatur des 19. Jahrhunderts vergleichen lässt.

Mit dem Weitseher-Zyklus zieht sie sämtliche Register der Hofintrigen, mischt diese mit Elemente der Artus-Sage (Stichwort Königstreue) und einer glaubhaften psychischen Komponente, die nicht wirklich als Magie zu bezeichnen ist, sondern als durchaus plausibles geistiges Talent. Plausibel, subtil und fehlerbehaftet in einem glaubhaftem Maß sind schlicht alle Figuren. Hobb beherrscht die Charakterisierung wohl einzigartig, einzigartig vor allem in dieser Fülle, in der Weltbeschreibung, Emotion, Tat, Gedanke, Talent, Traum und Wirklichkeit, Vision, Schrecken, Freundschaft und vieles mehr derart ineinander greift, dass man dieses Werk nur als eines der wenigen absoluten Meisterwerke des ganzen Genres beschreiben kann.