Denis Scheck: Schecks Kanon

Es ist nicht so einfach, eine Hundertschaft Werke auszuwählen, wenn man über Genre- und Zeitgrenzen seine Pfeife ausbeutelt. Scheck scheint diesbezüglich gar kein deutscher Literaturkritiker zu sein, denn er besitzt Geist, Witz – und ihm fehlt das ignorant Deppenhafte etwa jener Gestalten des Literarischen Quartetts. Scheck kommt aus der Komparatistik und sein Spruch: “Ich weiß, was ich tue!”, stimmt vollumfänglich. Er hat sich nie in der Gosse der Schubladen aufgehalten, genießt vielmehr, was wirklich zählt. Einer Meinung mit ihm muss man längst nicht immer sein, aber man sollte ihm zuhören, weil er die Literatur wirklich liebt, unbenommen von ihrer lebensrettenden Funktion spricht. So findet sich Lyrik, Jugendbuch, Fantasy, Kriminalliteratur und Comic neben bekannten Klassikern. Einen “wilden Kanon” legt der Kritiker vor und weiß um die “Frivolität” dieses Unterfangens. Interessant sind in dieser Hinsicht immer die Diskussionen darüber, was dem ein oder anderen Leser fehlt, auf welchen Grundstock man sich aber einigen kann. Liest man Schecks Argumente zu den einzelnen Werken (die zugegeben nicht immer schlüssig sind), weiß man aber sofort, in welche Richtung dieser Kanon führt. Wäre das vorliegende Buch nicht so erfrischend anders, wäre es weder lesenswert, noch nützlich, denn der Begriff des Kanons ist überholt, wenn auch Leselisten nicht unwichtig sind im Schmodder der Veröffentlichungspandemie.

Immer wieder verteilt Scheck auch Spitzen gegen den Literaturbetrieb (die eigentlich gar nicht massiv genug sein können). Am Deutlichsten wird das bei Tolkiens “Herr der Ringe”. Scheck verknüpft die Tatsache, dass Lesen immer Eskapismus ist, mit Tolkiens berühmtem Zitat, demnach nur Gefängniswärter etwas gegen Eskapismus einzuwenden haben. Und gerade in Deutschland gäbe es unter Kritikern noch sehr viele Gefängniswärter. Die unfassbare Ignoranz gegenüber einer Literaturform, die unbestreitbare Meisterwerke geschaffen hat, wie eben Tolkien, Steven Erickson mit seinem “Spiel der Götter” (den Mann kann man nur neben Homer und Shakespeare stellen), Martins “Lied von Eis und Feuer”, Scott Lynchs “Locke Lamora” usw., ist unverständlich und im Grunde ekelhaft. Natürlich steht Tolkien hier als Stellvertreter einer Gattung und für sein Werk.

Jeder Kanon sähe wohl ein wenig anders aus (meiner zumindest tut das), aber geht es bei Scheck denn auch um persönliche Vorlieben? Natürlich tut es das. Um persönliche Vorlieben und auch ein wenig um das Publikum. So listet er von Nabokov “Lolita” anstelle von “Ada”, von Thomas Pynchon “Gegen den Tag” anstelle von “Die Enden der Parabel”. Er entscheidet sich für Edgar Allan Poes Gedicht “Der Rabe” anstelle seiner viel wichtigeren und einflussreicheren Erzählungen. Er führt Goethes “Faust” im Gepäck, verzichtet aber auf Dante. Von Kafka schaffen es gerade mal die Tagebücher ins Buch.

Bei Darwins “Entstehung der Arten” bin ich etwas unschlüssig, schlussendlich passt es aber zum Konzept, denn auch ein Sachbuch sollte freilich nicht fehlen; warum also nicht dieses, das bis heute viele Diskussionen am Leben hält?

Sherlock Holmes fehlt, aber Agatha Christie und ihr Detektiv Poirot sind mit “Tod auf dem Nil” präsent. Es gibt die etwas weniger überraschenden Werke wie Mark Twains “Huckleberry Finn”, “Robert Louis Stevensns “Die Schatzinsel” und James Joyces “Ulysses” neben großen Überraschungen wie Astrid Lindgrens “Herr Karlsson vom Dach”, Khalil Gibrans “Sämtliche Werke” und auch Clarice Lispectors “Der große Augenblick”.

Gleich zu Beginn treffen wir auf Astrid Lindgren. Ich selbst stellte mir hier die Frage, ob Karlsson wirklich wichtiger ist als etwa “Krabat” von Otfried Preußler. Tatsächlich ist der anarchische Karlsson wohl zeitloser als ein Geschehen im dreißigjährigen Krieg, und so ist mein persönlicher Vergleich auch wieder dahin. Es zeigt nur das grundsätzliche Problem, das man bei 100 Stellplätzen eben hat. Natürlich kann man von Scheck nicht erwarten, 1000 Bücher vorzustellen, aber 250 wären möglicherweise zielführend gewesen. Denn es ist eben nicht die Frage, was alles fehlt – sämtliche von ihm gewählten Bücher sind rechtens in diesem Kanon, aus Platzgründen fehlt dann eben Elementares. Dabei ist diese Liste – bei allen Überraschungen  – noch nicht einmal ein Alternativ-Kanon. Alternativ wäre es gewesen, Hölderlin wegzulassen und stattdessen John Ashbery anzuführen, Marquez wegzulassen und stattdessen Roberto Bolaño aufzunehmen. Und Bruno Schulz usw. Hier ist also nichts alternativ, nur ein wenig eigenwillig. Aber das genügt schon, um den ewig wiederkehrenden Käse zu überdecken.

Hin und wieder zitiert Scheck den großen amerikanischen Kritiker Harold Bloom, und auch das ist Konsequent, denn in Deutschland steht kein Kritiker über Scheck, er kann seinesgleichen nur in einem anderen Sprachraum finden. Nun ist aber Bloom keiner seinesgleichen, das kann man nicht verschweigen. Stockkonservativ und verliebt in Shakespeare ist es manchmal schwer, dem Mann zuzuhören. Dass Bloom Ursula LeGuin über Tolkien stellt, ist eine etwas unglückliche Stelle, denn sie war ja hauptsächlich für ihre Pionierarbeiten in Sachen Science Fiction berühmt; ihre Fantasy – hauptsächlich natürlich “Erdsee” – ist Tolkien nämlich nicht gewachsen. Und was soll die Anspielung auf den Stil, wenn man Jules Verne einen Platz im Kanon zuweist? Natürlich geht es hier in erster Linie darum, zu erläutern, welch herausragende Autorin LeGuin war, und dass sie sich einreiht unter jene, die den Nobelpreis nicht bekommen haben (was ja bekanntlich die größere Ehre ist).

Wie immer könnte man endlos debattieren und zu jedem Posten seinen eigenen Senf anführen, aber darum kann es nicht gehen. Ich glaube jeder, der gerne liest, wird hier einen guten Fundus finden und überraschende Entdeckungen machen. Und ein Kritiker, der Arno Schmidt und Donald Duck im Repertoire hat, dem können Sie tatsächlich vertrauen.

Game of Thrones: Das Ende einer Ära

Die “beste Serie aller Zeiten” geht in ihre letzte Staffel. Die Wahrscheinlichkeit, jemals wieder einer Show dieser Ausmaße beizuwohnen, ist dabei sehr gering. Das liegt vor allem an diesem perfekten Zusammenspiel von Autor und den Machern der TV-Serie. Häufig ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die Filmproduktion den Büchern zumindest ebenbürtig ist, aber dass eine Serie oder ein Film die Bücher übertreffen, ist meines Erachtens noch nie vorgekommen. Übertreffen im Sinne von: Martin ist mit seinem Epos nicht fertig geworden und die Staffeln zogen an der Handlung im Buch vorbei. Natürlich alles in Absprache mit dem Autor. Dennoch ist das ein einmaliger Vorgang.

Lange Zeit konnte man der Überzeugung sein, dass Tolkiens “Herr der Ringe” das Epos unserer Zeit ist. Rechnet man in Jahrhunderten, dann stimmt das auch noch. Rechnet man in größeren Zeiträumen, zieht Tolkien trotz seines Stellenwerts den Kürzeren. Überhaupt leben wir in einer Zeit, in der Homer und Shakespeare obsolet geworden sind. Viele unserer heutigen Epen sind mindestens ebenbürtig. Aber das ist ein anderes Thema.

Martin hat also nur den Makel des Unfertigen an seiner Brust kleben, und Fans bezweifeln mittlerweile, ob er sein “Lied von Eis und Feuer” wirklich fertig bekommt. Wer die Serie schaut, dem dürfte das relativ egal sein. In 8 Staffeln werden wir hier Zeuge einer Tragödie wahrhaft griechischen Ausmaßes, und einer der Hauptgründe, warum die Serie einzigartig bleiben wird, ist seine Erzählform. Jene, die kurz mal reinsehen wollen, haben hier keine Chance. Das ist weit entfernt von den ganzen Serien im Seifenoper-Format, wo man nie wirklich etwas verpasst.

Game of Thrones steht allein da mit seiner schwindelerregenden Dichte, und die Serie unternimmt keine Anstrengungen, Menschen “mitzunehmen”. Hier wird genau das getan, was die High Fantasy immer schon getan hat: sie vertraut der Intelligenz ihres Publikums. Das ist in der heutigen Medienumgebung tatsächlich revolutionär. Und es wird, wie gesagt, nie wieder vorkommen. GOT kam zur richtigen Zeit, als sich die Tür gerade schloss und die Welt sich veränderte. Es ist schwer vorstellbar, dass je eine andere Show ihren Platz in dieser überfüllten Sparte finden wird, die dann über einen so langen Zeitraum wirklich funktioniert. Außerdem wird wohl keine andere Serie das Risiko eingehen, das Game of Thrones eingegangen ist: eine Serie auf die Beine zu stellen, die man sich auch wirklich ansehen kann, die nicht nur im Hintergrund läuft. Netflix-Shows hingegen sind als Scheiße konzipiert, die man sogar auf dem Telefon laufen lassen kann, während man den Rasen mäht.

Lord Dunsany

In dem Stück “The Laughter of the Gods” des irischen Schriftstellers Lord Dunsany (Edward Plunkett) kann man folgende Zeile lesen:

“Ein Mensch ist eine sehr kleine Sache, und die Nacht ist sehr groß und voller Wunder.”

Man wird hier sehr kurz stutzen, denn irgendwie kommt einem dieser Satz bekannt vor, und dann hat man es herausgefunden. Diese Zeile erinnert an die Anrufung der Priesterin Melisandre in George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer: Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken. Es gibt im Grunde keinen Zweifel daran, dass Martin mit Dunsanys Arbeit vertraut, und diese Ähnlichkeit völlig beabsichtigt ist. Martin, wie viele wahrscheinlich wissen, genießt es, gelegentliche und schräge Verweise auf Werke anderer Autoren in Ein Lied von Eis und Feuer zu platzieren. H.P. Lovecraft ist einer jener Schriftsteller, die einige solcher Hinweise von Martin bekommen haben, und dieser war definitiv ein Anhänger Lord Dunsanys.

Für einen Autor, zu dessen Schülern nicht nur H.P. Lovecraft und möglicherweise George R.R. Martin gehören, sondern auch Neil Gaiman, J.R.R. Tolkien, Ursula Le Guin und viele andere, ist Lord Dunsanys Werk – zumindest heute – unverschämt obskur. Viel zu wenige zeitgenössische Leser kennen seinen Namen oder sogar die Titel seiner größten Werke – The Gods of Pegana (nicht übersetzt) und Die Königstochter aus Elfenland, um nur ein paar zu nennen – ganz zu schweigen von seinen weniger bekannten Kurzgeschichten, Gedichten und Theaterstücken. Über einen Zeitraum von 50 Jahren schuf er Werke von höchster Qualität und Bedeutung, die alle literarischen Formen abdeckten.

Lord Dunsany wurde 1878 in London geboren und teilte seine Zeit zwischen seinem Familienbesitz in Irland und verschiedenen Immobilien in England auf. Seine frühesten Schriften wurden von ihm selbst veröffentlicht, und die Literatur war nur eine Leidenschaft unter vielen, einschließlich Jagd und Cricket. Lord Dunsany musste sicherlich nicht für seinen Lebensunterhalt schreiben.

Dunsany fand in seinem irischen Kollegen W.B. Yeats einen literarischen Meintor, der Dunsanys traumhaftes Textgespinst mit den Werken des Schriftstellers Thomas De Quincey, dem Autor der Bekenntnisse eines englischen Opiumessers, verglich. Denn Dunsanys Prosa strahlt ebenso wie De Quinceys von Drogen inspiriertes Werk, ergibt ein wunderschönes Mosaik aus Schmuckwörtern, die den Leser hypnotisieren wie Mohnblumen, die aus einer Opiumpfeife quellen.

Nehmen wir ein Beispiel aus “The Gods of Pegana”:

“Und Jabim ist der Herr der zerbrochenen Dinge, der hinter dem Haus sitzt, um jene Dinge zu beklagen, die weggeworfen werden. Und dort sitzt er und beklagt die zerbrochenen Dinge, bis die Welten an ihrem Ende angelangt sind, oder bis jemand kommt, um die zerbrochenen Dinge zu heilen. Oder er sitzt manchmal am Ufer des Flusses, um die vergessenen Dinge zu beklagen, die darauf treiben. Ein gütiger Gott ist Jabim, dessen Herz schmerzt, wenn etwas verloren geht.” (Übers. M. Perkampus)

Oder dies aus “The Fortress Unvanquishable” (Die unüberwindbare Festung):

“Dann ging der Zauberer des Dorfes in den Turm seines Hauses hinauf, und all jene, die vor Angst nicht zu schlafen vermochten, konnten sein Fenster hoch oben in der Nacht sanft und einsam glühen sehen. Am nächsten Tag, als die Abenddämmerung sich neigte und die Nacht sich schnell ausbreitete, ging der Magier zum Waldrand und sprach dort den Zauber aus, den er gewoben hatte. Und der Zauber war furchtbar und schlimm und hatte Macht über böse Träume und über kranke Geister; denn es war ein Vers von vierzig Zeilen in vielen Sprachen, gleichermaßen lebdendig und tot, mit einer Absicht in sich, mit der die Menschen der Ebene ihre Kamele nicht verfluchen wollten, und einem Schrei, mit dem die Walfänger des Nordens die Wale an die Küsten lockten, um sie zu töten, und ein Wort, das Elefanten zum Trompeten bringt; und jede der vierzig Zeilen schloss mit einem Reim für “Wespe”.” (Übers. M. Perkampus)

Beide Beispiele sind von barocker Qualität und weisen einen bogenförmigen Stil auf, als ob die Worte aus einem längst vergessenen Kapitel eines heiligen Buches stammen und nicht aus der Feder eines irischen Amateurschriftstellers. Einige Gelehrte führen dies auf den Einfluss der King James Bibel zurück, und damit haben sie vermutlich Recht.

Wiedervereinigung mit der Natur

Lord Dunsanys Werk wurde unter den Literaten seiner Zeit gefeiert, heute aber ist er nicht halb so bekannt wie seine literarischen Nachkommen. Und das ist eigentlich eine Schande. Er erschloss als Autor Bereiche, die heutigen Fantasy-Fans sehr vertraut sind. Dunsany erschuf ein ganzes Pantheon imaginärer Götter, Geschichten von fremdartigen Welten, und Geschichten von Helden, die gegen phantastische und magische Feinde antreten.

Er war mit einem Verständnis für die symbolische Kraft der Fantasie gesegnet und er benutzte diese Symbole als Metapher, um die Schrecken der übernatürlichen Welt mitsamt seiner eigenen tiefen Überzeugung darzustellen. Nach Ansicht einiger Experten, die diesen rätselhaften Schriftsteller im Detail studiert haben, war die Notwendigkeit der Wiedervereinigung des Menschen mit der Natur das übergeordnete Thema seines Gesamtwerks.

Der exzentrische 18. Lord Dunsany kandidierte einst für ein öffentliches Amt und galt als treuer Familienvater. Zusammen mit George MacDonald, Rider Haggard, Edgar Allen Poe und William Morris gilt er als einer der Vorreiter der modernen Fantasy.

Der Begriff Dunsanian bezieht sich auf einen Stil und eine Atmosphäre, die oft kopiert, aber nie erreicht oder sogar übertroffen wurde. Eine große Anzahl von Lord Dunsanys 70 Büchern wurden mit Entenfedern geschrieben, die von den Tieren zurückgelassen wurden, und die er selbst zuschnitzte – andere wiederum diktierte er seiner Frau Lady Beatrice.

Dunsany Castle

In seiner Eigenschaft als 18. Baron Dunsany hatte Lord Dunsany reichlich Besitz zu verwalten. Dazu gehörte auch Dunsany Castle, Irlands ältestes verbliebenes Familienhaus aus der Zeit um 1180. Das Schloss und sein Anwesen wurden von der Familie als ein wichtiger Teil des nationalen Erbes betrachtet und sie kämpften dafür, dass es trotz der Schwierigkeiten, die dazu führten, dass viele andere ähnliche Gebäude in Irland während der Amtszeit von Lord Dunsany aufgegeben werden mussten, erhalten blieb.

Dunsany Castle wurde ursprünglich als turmhohe Festung der normannischen Truppen erbaut. Der Bau begann 1180/81 unter dem Kommando des normannischen Kriegsherrn Hugh de Lacy. Der erste Teil des zu errichtenden Geländes war eine Wehranlage (Dun), nach der das Stadtzentrum von Dunsany benannt ist. Natürlich wurden weitere Arbeiten durchgeführt, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, als die Burg auf das Dreifache ihrer ursprünglichen Größe anwuchs. Ein großer Teil des ursprünglichen Gebäudes steht noch, einschließlich des großen Fundaments und der vier Haupttürme.

Noch heute wird Dunsany Castle von der Familie Plunkett geführt, nämlich dem 20. Lord Dunsany Edward Plunkett und seiner Frau Maria Alice de Marsillac. Es ist das am längsten bewohnte Haus und eines der ältesten kontinuierlich bewohnten Gebäude in Irland. Das Schloss kann besichtigt werden und beherbergt noch immer den Schreibtisch, an dem Lord Dunsany seine fantastischen Ideen niederschrieb.

Andere Besitztümer in Lord Dunsanys Obhut waren Trim Castle (Irlands größte Burg), Dunstall Priory und Ivy Cottage in Shoreham, Kent.

Lord Dunsany starb am 25. Oktober 1957 in Dublin an einer Blinddarmentzündung. Aus der daraus resultierenden Operation gelangte er nicht mehr zu Bewusstsein. Er wurde in Shoreham begraben.

Das Kartenmaterial der Fantasy-Literatur

Karten sind dem Fantasyfan genauso wichtig wie die phantastischen Elemente einer Geschichte selbst. Auch das Artwork spielt eine entscheidende Rolle, so dass man durchaus behaupten kann, Fantasy-Leser tendieren zu einer nahezu ganzheitlichen Erfahrung. Viele folgen ihren Helden sozusagen parallel zu dem, was sie lesen, mit dem Finger auf der Landkarte oder werfen zumindest einen Blick auf die Karte, um zu sehen, wo sie sich der nächste Außenposten, die Taverne oder Stadt befindet. Auch wenn heute Karten immer mehr aus der Mode kommen, ist der Tenor doch weit verbreitet, dass Karten eine gute Sache sind. Es gibt sogar Umfragen, aus denen hervorgeht, dass manche ein Buch, in dem keine Karte enthalten ist, gar nicht kaufen würden. Das klingt ziemlich verrückt, oder nicht? Kein Mensch würde auf die Idee kommen, vor dem Fernsehapparat zu sitzen, mit einer Karte in der Hand – oder sich den Film, gibt es keine Karte dazu, nicht anzusehen. Mittlerweile geht der Trend ohnehin dahin, keine Karten mehr ins Buch zu drucken, denn nur eine wirklich gute Karte bringt der Geschichte eine weitere Dimension ein, eine schlechte Karte hingegen könnte vom Leser als Kurzsichtigkeit des Autors ausgelegt werden, die Schwächen eines fragilen Konzepts hervorheben und die Aufmerksamkeit auf den schlechten Stil lenken.

Neben der guten und angemessenen Covergestaltung ist eine professionell erstellte Karte also unerlässlich. Mit den Covern ist das vielleicht verständlicher, und da geschehen gerade heutzutage grauenhafte Dinge, die einen wirklich davon abhalten, das Buch überhaupt auch nur anzusehen, mag es gut sein wie es will. Bearbeitete Fotographien oder computergenerierte Bilder geben zwar meistens schon das Signal, die Finger davon zu lassen, aber eben nicht immer.
Ein Grund, warum das Abbilden von Karten heute rückläufig ist, mag an der Flut der eBooks und eReader liegen . Es ist nicht leicht, aus dem Text zur Karte zu switchen und von da aus wieder zurück. Zumindest ist es nicht ganz so einfach, wie in einem Buch zu blättern. Aber das ist ein Problem, das die Technik durchaus lösen kann.

Sehen wir uns jetzt einfach einige der bekanntesten Karten an.

Thrors Karte

Die Variante der deutschsprachigen Ausgabe

 

Die von Tolkien gezeichnete Karte

Jede Diskussion über relevante Karten in der Fantasy-Literatur sollte die berühmte schwarzrote Zeichnung berücksichtigen, die dem “kleinen Hobbit” vorangeht. Die Karte wurde von Tolkien persönlich gezeichnet und zeigt den Lonley Mountain (Einsamer Berg) und die ihn umgebenden Gebiete, im Besonderen den Running River (Eiliger Fluss), wie auch die Desolation of Smaug (Smaugs Einöde) im Südwesten der Berge. Der Unterschied zur deutschen Nachstellung wird gleich offenbar, wenn man sich die beiden Karten nebeneinander betrachtet.

Was an dieser Karte sofort auffällt ist, dass sie authentisch wirkt, nicht überproduziert, damit sie gut und/oder künstlich aussieht. Sie lädt den Leser auf eine Entdeckungsreise ein. Leider fehlen in der deutschen Version die Runen komplett. Während englischsprachige Kinder damals wohl unter andere damit beschäftigt waren, die Runen entziffern zu wollen, betrachtete man bei uns diese wohl nur als unsinnigen Ballast, wer weiß das schon zu sagen, aber es liegt im Bereich des Möglichen. (Wobei ich nicht weiß, welche Karte in den unzähligen Neuausgaben steckt, ich besitze nur eine sehr alte Ausgabe). Am Ende des Buches findet sich die wunderbare Karte von “Wilderland” – und wer diese Karten mag, der mag alle, die von Mittelerde gezeichnet wurden. Sie gehören zum besten Artwork überhaupt.

Erdsee

Als der junge Duny, den sie alle Sperber nennen, auszieht, um ein Magier zu werden, setzt er Segel in einer Welt, die vor Inseln geradezu wimmelt, ob sie nun groß oder klein sind. Zu sagen, die Karte von Ursula K. Le Guins “Der Magier der Erdsee” sei komplex, wäre eine Untertreibung.

Hier ein Detail

Das sind jetzt nur zwei Beispiele einer faszinierenden Tatsache: dass Karten der Fantasy eine Dimension hinzufügen, auch wenn, wie gesagt, die Tendenz heute eher rückläufig ist (aber wo wäre sie das nicht?). Man könnte darüber diskutieren, ob sie denn wirklich für die Story notwendig sind – und es wird ja auch tatsächlich fleißig diskutiert. Ob das hierzulande jemanden interessiert, vermag ich nicht zu sagen, mir scheint, wir sind im Wesentlichen leidenschaftsloser in solchen Dingen und ich verfolge persönlich auch kaum, was sich hier tut, weil ich da bisher sehr wenig gefunden habe.