Der 2015 verstorbene William McIlvanney, der Vater von Liam McIlvanney gilt als einer der Paten des Tartan Noir, einer bei uns nahezu völlig ignorierten Spielart des schottischen Kriminalromans, der bis zu Louis Stevensons „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde“ zurückreicht. Geprägt wurde der Begriff von Ian Rankin und umfasst jene Werke, in denen es um die Dualität der Seele geht, um die Natur von Gut und Böse, Fragen der Erlösung, des Heils und der Verdammnis. Das schottische Konzept der Dualität eines einzigen Wesens ist eine treibende Kraft in der schottischen Literatur und kommt besonders im Genre des Tartan Noir zum Tragen. Ein weiterer Einfluss sind die amerikanischen Meister des Hardboiled-Genres wie Dashiell Hammett und Raymond Chandler.
Als „Who is Maud Dixon?“ im März 2021 veröffentlicht wurde, wurde es für viele relevante Feuilletons, darunter die New York Times und Entertainment Weekly, als eines der besten Bücher des Jahres gehandelt. Jetzt ist der erste Roman von Alexandra Andrews mit dem Titel „Die Assistentin“ auch bei uns erschienen und bei Goldmann erhältlich, von dem ich auch das Rezensionsexemplar habe.
Es gibt Kritiker, die sich darin einig sind, dass Alexandra Andrews das Zeug dazu hat, in die erste Riege der Krimi-Autoren vorzustoßen, und auch wenn „Die Assistentin“ wenig Charakterentwicklung und wenig Plausibilität zu bieten hat, ist der Roman doch reich an der wichtigsten Zutat in dieser Art von Spannungsromanen: Einfallsreichtum. Die Handlung macht peitschenartige Wendungen, Loopings und plötzliche Umkehrungen. Die Twists beginnen in Marokko, schwenken nach New York und enden in der kühlen amoralischen Leere, die Fans der Ripley-Romane von Patricia Highsmith kennen. Wie könnte man das nicht genießen?
Dr. Anna Fox lebt allein in ihrem schicken Haus in einem gehobenen Viertel von Harlem. Seit einem mysteriösen Unfall vor fast einem Jahr leidet Anna unter schwerer Agoraphobie und ist nicht in der Lage, einen Fuß vor die Tür zu setzen oder mit Menschen zu interagieren. Auch ihr Mann und ihre Tochter stehen auf dieser Liste, und obwohl Anna sie liebt und vermisst, sind beide ausgezogen, um sie nicht zu „zu viel Kontakt“ zu zwingen.
Die Schwarze Fledermaus ist ein eher unbedeutender Pulp-Held, an den man sich dennoch gut erinnert. Er gehörte zur „dritten Welle“ der Pulp-Helden, die alle auch Comic-Figuren hätten sein können, und erschien in Black Book Detective, herausgegeben von Ned Pines Pulp-Reihe „Thrilling“.
Die schwarze Fledermaus trug ein ähnliches Kostüm wie Batman, der etwa zur gleichen Zeit (1939) auf den Markt kam, was wahrscheinlich einer der Gründe ist, warum die meisten Menschen sich überhaupt an ihn erinnern.
Bei all den neuen Geschichten über die Schwarze Fledermaus ist es wichtig, dass die Leute verstehen, wer die Figur wirklich ist, und vielleicht dazu angeregt werden, die Originalgeschichten zu lesen.
Wie bereits erwähnt, war die Schwarze Fledermaus Teil der „dritten Welle“ von Pulp-Helden, die 1939 begann. Diese Figuren zeichneten sich dadurch aus, dass sie bunter und comicartiger waren. Obwohl die Schwarze Fledermaus aus einer eigenständigen Idee heraus entwickelt wurde, konnte sie aufgrund ihres Outfits leicht mit Batman verwechselt werden.
Im August 1914, dem Monat, in dem Großbritannien in den Krieg eintrat, begann John Buchan mit der Niederschrift eines Romans, der als Blaupause für Spionagethriller in die Geschichte eingehen sollte: Die Neununddreißig Stufen. Als das Buch im Oktober 1915 veröffentlicht wurde, war es sofort ein Erfolg, nicht zuletzt bei den Soldaten an der Front: “Das ist genau die Art von Literatur für uns”, schrieb ein Offizier dem Autor.
Es wird vermutet, dass die Erstausgaben deshalb so selten zu bekommen sind, weil die meisten von ihnen im Schlamm Frankreichs verloren gingen. Das Buch, das Buchan nonchalant als “Schocker” abtat, veränderte sein Leben, und Hitchcocks Film von 1935, in dem der Inhalt massiv verändert wurde, zementierte es endgültig in der öffentlichen Vorstellung. Richard Hannay, der Held der Geschichte, wurde zum Inbegriff für Mut und Einfallsreichtum unter Druck.
Kommen wir noch einmal zu den drei Fragezeichen zurück. Am Anfang (und zu seiner Zeit) war das eine verdammt gute Serie von Robert Arthur, und neben Miss Marple und Sherlock Holmes sicherlich eine der Buchreihen die mich zum Krimi gebracht haben. Insgesamt gibt es 43 Originalbücher, die von 1964 bis 1987 erschienen sind, bevor die drei Detektive zu einer rein deutschen Angelegenheit wurden. Allerdings hören die guten Abenteuer ab Band 29 auf.
Die Grundidee, die Mitte der 60er Jahre das Licht der Welt erblickte, war, dass drei Jugendliche eine Detektei gründen. Sie hießen Jupiter Jones, Bob Andrews und Peter Crenshaw. Ihr Hauptquartier befindet sich auf dem Schrottplatz von Jupiters Onkel Titus in Rocky Beach.
Findet mir eine Gespensterschloss!
Rocky Beach liegt in einer Ebene, die auf der einen Seite vom Meer und auf der anderen von einer Bergkette begrenzt wird, unweit von Los Angeles. Die Stadt selbst ist fiktiv, obwohl es ein echtes Rocky Beach im Indischen Ozean gibt, das heute allerdings Gilchrist Beach heißt. Und natürlich heißen die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Die Hörspiele mit den drei Fragezeichen sind Kult, auch wenn sie nur rudimentäre Versionen der Bücher enthalten und nicht alle Bücher gleich gut sind, aber es lohnt sich, sie noch einmal zu entdecken. Die Abenteuer begannen mit dem Gespensterschloss, das 1964 im Original und vier Jahre später auch bei uns erschien. Es ist nicht gerade das beste Buch über die drei Detektive, aber immerhin das erste. Natürlich geht es um ihre blutigen Anfänge. Sie drucken ihre berühmten Visitenkarten und haben am Anfang noch nichts mit Alfred Hitchcock zu tun, der ihnen später immer wieder Fälle schickt. Er ist zunächst nicht begeistert, als sie sich in sein abgeschirmtes Studio einschleichen, um für ihn ein Geisterhaus für einen seiner Filme zu finden.
Dashiell Hammett gilt als einer der Meister des Kriminalromans, doch seine literarische Karriere war kurz und intensiv. Er begann als Autor von Pulp-Fiction-Geschichten, die er in hohem Tempo und mit großem Geschick verfasste. Zwischen 1922 und 1927 schrieb er mehr als hundert solcher Geschichten für verschiedene Magazine und erfreute seine Fans mit spannenden Plots und scharfsinnigen Dialogen.
Obwohl er vor allem für seine Kurzgeschichten bekannt war, schuf Hammett auch fünf Romane, die zu Klassikern des Genres wurden. Nach seinem letzten Roman im Jahr 1934 hörte er jedoch auf zu schreiben und widmete sich anderen Aktivitäten, wie dem politischen Engagement und dem Verfassen von Drehbüchern. Er starb 1961 ohne weitere nennenswerte literarische Werke hinterlassen zu haben.
Der Titel stammt von einem Spiel, das die Mädchen in der Schule spielten, bei dem sie sich gegenseitig Punkte dafür gaben, dass sie die Leute außerhalb ihres Kreises die haarsträubendsten Lügen glauben ließen. Es ist ein albernes Spiel, das nach hinten losgeht, und als die Mädchen in ihrem letzten Schuljahr von der Schule verwiesen werden, kommt der Ruf, den sie durch das Spiel aufgebaut haben, zurück, um sie zu verfolgen.
Der Grund für den Rauswurf wird im Laufe der Geschichte angedeutet, ebenso wie die Umstände des mysteriösen Todes von Kates Vater, der zufällig auch der Kunstlehrer der Schule ist. Etwas, das die Frauen während ihrer Schulzeit getan haben, droht nun ans Licht zu kommen und gefährdet das Leben, das sie sich seitdem aufgebaut haben. Es gibt viele von Ware’s typischen Wendungen. Ich fand, dass die große Enthüllung nicht so schwer herauszufinden war wie in ihren früheren Romanen, aber es war immer noch ein unterhaltsamer Ritt.
Ich mochte auch viele der Charaktere und sah, wie sich die Ereignisse in der Schule auf sie alle auswirkten. Thea suchte Trost im Alkohol, und ihre Lebendigkeit als Teenager verwandelte sich im Erwachsenenalter in eine fast bittere Verzweiflung. Fatima wurde Ärztin und gründete eine Familie, aber wie Thea richtig bemerkt, ist Fatimas Perspektive jetzt starr, sie hat den unschuldigen Spaß verloren, der sie als Mädchen auszeichnete. Kate war die einzige aus der Gruppe, die nach dem Verweis in Salten blieb, und ihre Entscheidung, in einer Stadt zu bleiben, in der jeder ihre Geschichte kannte und darüber sprach, offenbart die Verbundenheit mit ihrer Geschichte, die weit über das hinausgeht, was selbst ihre Freundinnen zu wissen glauben.
Heute habe ich das Vergnügen, euch den vierten Band der Myrtle Hardcastle-Reihe vorzustellen. Wir haben bisher alle Abenteuer von Myrtle hier begleitet und wenn ihr noch mehr Informationen über die Hintergründe der Reihe haben wollt, dann findet ihr die Sendungen kompakt und informativ ebenfalls im Magazin oder überall dort, wo ihr eure Podcasts hört. Heute geht es um Eine Schifffahrt, die ist tödlich von Elizabeth C. Bunce. Der Originaltitel ist wie immer sprechend und lautet diesmal In Myrtle Peril, abgeleitet von In Murder Peril, denn Bunce setzt in in ihren Titel für Murder stets den Namen Myrtle ein, was in der deutschen Übersetzung leider nicht so funktioniert.
Obwohl die Reihe um die zwölfjährige Myrtle Hardcastle, die im viktorianischen England ihre Fälle löst, für Kinder gleichen Alters angepriesen wird, hege ich starke Zweifel, ob eine junge Leserschaft tatsächlich das Zielpublikum sein kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand in diesem Alter begreift, was überhaupt vor sich geht. Das ist nicht etwa eine negative Kritik, ganz im Gegenteil. Elizabeth C. Bunce hat auch im vierten Buch einen ganz hervorragenden Stil, der ziemlich viele Bücher der sogenannten Erwachsenenliteratur alt aussehen lässt. Tatsächlich haben wir es hier mit Cozy Crime zu tun, eine jugendliche Detektivin ändert daran nichts.
Szene vom Originalcover; Algonquin Young Readers
Bunce recherchiert ihre Hintergründe stets sehr gut, und wenn man ihren kleinen Zusatz am Ende des Buches liest, dürfte es sich wie ein heimliches Vergnügen anfühlen, all die historischen Details zu kennen. Die Fußnoten, in denen die Etymologie bestimmter Wörter erklärt wird, geben dem Leser einen Einblick in Myrtles Denken und bilden ihn ebenso weiter wie die lateinischen Überschriften der Kapitel.
Inspiriert von dem in der Realität verschollenen Schiff Mary Celeste, das sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Eine Schiffahrt, die ist tödlich zum 150. Mal jährte, hat Elizabeth in ihren Krimi ein verschollenes Schiff namens Persephone eingebaut, eine britische Brigantine, deren kleine zehnköpfige Besatzung zusammen mit dem Rettungsboot des Kapitäns verschwindet, darunter auch die junge Tochter des Kapitäns, eben genau wie damals bei der Mary Celeste.
Das aufzudeckende Geheimnis in diesem Buch ist, wie in den anderen Myrtle-Bücher auch, recht vielschichtig. Es ist auch diesmal gar nicht so einfach, vor Myrtle herauszufinden, was genau vor sich geht. Das ist bei Krimis, die sich an Erwachsene richten, wesentlich einfacher. Ein befriedigendes Rätsel allerdings ist heutzutage ein wahrer Schatz. Und auch das macht dieses Buch zu etwas Besonderem, auch wenn ich zugeben muss, dass es nicht mein Lieblingsabenteuer der Reihe ist. Aber das sind eher Fragen des Geschmacks und keine der Qualität.
Myrtles Vater, Staatsanwalt von Swinbourne, ist in einen heiklen neuen Fall verwickelt, und Myrtle und Miss Judson werden gebraucht, weil es hierbei um ein junges Mädchen geht, deren Nöte erst einmal verstanden werden müssen. Vor etwa 10 Jahren verschwand das Schiff Persephone auf dem Weg nach Australien, und an Bord des Schiffes befanden sich Kapitän Snowcroft, seine Frau Audrina und seine kleine Tochter Ethel. Mr. Hardcastle wurde gebeten, sich um den Nachlass von Viscount Snowcroft zu kümmern, der ohne Erben starb – es sei denn, Mrs. Snowcroft oder die kleine Ethel werden irgendwie doch noch gefunden. Wenn nicht, will die Eisenbahn das Land haben und die Suche nach Erben könnte Jahre dauern.
Bunce greift hier im kleinen auf ein Motiv aus Charles DickensBleak House zurück, wo im Fall Jarndyce gegen Jarndyce genau das passiert und das Erbe schließlich von den Anwaltskosten aufgezehrt wurde.
In unserem Fall wurde ein Mädchen namens Sally Cooke, das der vermissten Ethel sehr ähnlich sieht, ausfindig gemacht. Sally behauptet, keine Erinnerungen an das Schiff zu haben, sondern nur, dass sie als Kaufmannstochter in Australien aufgewachsen ist, aber wenn sie beweisen kann, dass sie tatsächlich Ethel ist, wird sie ein Vermögen erben.
Während ihr Vater außer Gefecht gesetzt ist, will Myrtle genau das herausfinden. Eine schlimme Mandelentzündung und eine Operation bringen Mr. Hardcastle ins Krankenhaus, wo er kurz darauf behauptet, Zeuge eines Mordes gewesen zu sein. Die Krankenschwestern und der Arzt schieben das als Halluzination aufgrund des Morphiums, das er gegen die Schmerzen bekommt, beiseite.
Diesmal ist es an Myrtle, die verantwortungsvolle Erwachsene zu sein und ihren Vater vor Schaden zu bewahren. Die Frage ist: Können sie und Miss Judson das Rätsel lösen und ihren Vater beschützen? Kann sie beweisen, dass Sally in Wirklichkeit Ethel ist? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen und was haben die Broschüren für die Internatsschule in Vaters Schreibtisch zu suchen?
Dies ist ein weiteres unterhaltsames Myrtle-Abenteuer, auch wenn es etwas zögerlich beginnt. Erst nach der Hälfte des Buches gibt es tatsächlich eine Leiche. Es dauert sogar noch länger, bis man die Identität des Opfers und das Motiv für den Mord herausfindet.
Myrtle macht in ihrer altklugen Weise erneut richtig Vergnügen. Diesmal verzichtet sie auf kindisches Verhalten, das in den letzten Büchern ihre Glaubwürdigkeit durchaus untermauern konnte. Schließlich ist sie ja ein Kind.
Diesmal wird der Spieß jedoch umgedreht und Myrtle ist gezwungen, sich wie die Erwachsene in der Familie zu verhalten. Ihr Vater ist derjenige, der sich diesmal kindisch verhält, Wutanfälle bekommt und darauf besteht, dass er Zeuge eines Mordes geworden ist, obwohl erst einmal nichts darauf hindeutet. Dann aber wendet sich das Blatt und es liegt an Myrtle, ihren Vater in Sicherheit zu bringen, bevor der Mörder es auf ihn abgesehen hat.
Myrtles Gouvernante Miss Judson steht auch diesmal mit ihrem gewohnt gesunden Menschenverstand an ihrer Seite. Köchin ist diesmal ebenfalls in die Detektivarbeit involviert und sie ist wirklich gut darin. Sie ist es, die die Leiche an einem sehr ungewöhnlichen Ort findet. Tante Helena ist erneut so formidabel wie früher. Sie ist besessen von der möglichen Snowcroft-Erbin und himmelt das Mädchen an. Caroline Munjal spielt kaum eine Rolle in der Geschichte, aber Mr. Blakeney ist wieder dabei, um Mr. Hardcastle bei seiner Arbeit zu helfen und die Damen ebenfalls bei ihrer Detektivarbeit zu unterstützen. Die Reporterin Genie führt ihre eigenen Ermittlungen über die richtigen Nachrichtenkanäle durch, hat aber ansonsten nicht viel beizutragen.
Elizabeth C. Bunce erzählte einmal die Geschichte, wie wie auf den Namen Myrtle kam. Das ist deshalb interessant, weil alle Titel im Original das Wort „Myrtle“ anstelle von „Murder“ beinhalten, was in der Übersetzung leider verloren gegangen ist. So heißt der erste Band, der bei uns bei Knesebeck erschienen ist „Mord im Gewächshaus“, in Wirklichkeit aber „Premediated Myrtle“ anstatt von Premediated Murder, also vorsätzlicher Mord. Der zweite Band – „Mord im Handgepäck“ heißt „How to get away with Myrtle“ anstelle von „Wie man mit Mord davonkommt“ – und der Band, um den es heute hier geht, nennt sich „Cold Blooded Myrtle“, anstelle von Kaltblütiger Mord. Übersetzt wurde der Titel mit „Das Geheimnis des Glockenturms“.
Myrtle war tatsächlich ein simpler Versprecher ihres Ehemanns, der Elizabeth Bunce einen Artikel über einen vorsätzlichen Mord vorlas und das Wort „Murder“ so herausbrachte, dass es sich wie der Name unserer Detektivin anhörte. Es dürfte klar sein, dass Myrtle etwas zu sagen hatte und sich auf diesem Wege bemerkbar machen wollte.
Bunce kanalisiert in ihren Romanen geschickt die Energie britischer Detektivgeschichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damit ist sie zwar nicht allein, aber während zum Beispiel Robin Stevens in seiner Wells und Wong-Reihe eher den Stil von Agatha Christie als Vorbild nimmt, arbeitet Bunce feministische Themen ein, die häufiger bei Dorothy L. Sayers zu finden sind. Myrtle selbst ist ihrer Zeit weit voraus und kann sich mit Hilfe von Miss Judson, Dr. Munjal und einigen anderen sympathischen Erwachsenen auf eine Weise weiterentwickeln, die vielen Mädchen ihrer Zeit verwehrt blieb – und wir sprechen hier vom viktorianischen Zeitalter.
Szene vom Originalcover; Algonquin Young Readers
In „Das Geheimnis des Glockenturms“ stößt unsere Ermittlerin auf ihren ersten ungeklärten Fall aus der Vergangenheit, etwas, das sich als Cold Case in unseren Jargon gearbeitet hat. Vor Jahren verschwand eine Studentin des örtlichen Colleges unter mysteriösen Umständen, und es wurde nie eine Spur von ihr gefunden. Ein Mord zu Beginn des Romans erinnert an dieses alte Geheimnis, und Myrtle, Miss Judson und die Katze Peoney machen sich auf den Weg, um eine verwickelte Geschichte von Geheimgesellschaften, kryptischen Botschaften, lang vergrabenen Geheimnissen und einem auf Rache sinnenden Mörder zu entwirren.
Diese Folge spielt in der Weihnachtszeit in Myrtles kleinem englischen Dorf Swinbourne. Festtagskrimis haben eine lange Tradition in der Kriminalliteratur, und viele unserer modernen Festtagsbräuche haben ihren Ursprung im viktorianischen Zeitalter.
Myrtle ist immer noch so impulsiv, entschlossen und unnachgiebig wie eh und je. Aber nachdem sie nun bereits mit mehreren Morden konfrontiert wurde, hat sich ihre Sicht auf die menschliche Natur definitiv erweitert. In mancher Hinsicht scheint sie verständnisvoller zu sein, aber manchmal ist sie sogar noch misstrauischer gegenüber jedem. Jeder, dem sie begegnet, scheint mörderische Absichten zu haben. In „Das Geheimnis des Glockenturms“ wird Myrtle in ihren bisher persönlichsten Fall hineingezogen, in dem es auch um ihre verstorbene Mutter geht. Myrtle ist in einem Alter, in dem sie beginnt, ihre Eltern als Menschen mit Vergangenheit und Geheimnissen zu sehen, und vielleicht auch mit weniger liebenswerten Eigenschaften. Sie lernt ihre verstorbene Mutter hier aus einer anderen Perspektive kennen.
Die Myrtle-Hardcastle-Krimis bringen jungen Lesern nicht nur den Spaß an klassischen Detektivgeschichten nahe, sind aber so hervorragend geschrieben und recherchiert, dass sie auch von erwachsenen Liebhabern der gemütlichen Krimis mit Gewinn gelesen werden können. Zum Beispiel sind den einzelnen Kapiteln wie gewohnt Auszüge aus Myrtle Hardcastles Handbüchern vorangestellt. Das sind in jedem Buch andere und in diesem Roman konsequenterweise jene mit dem Titel „Die moderne Julzeit – Ein historischer und wissenschaftlicher Diskurs über Weihnachten & seine altehrwürdigen Traditionen“. Myrtle gibt auch gleich das Datum an, wann sie dies notiert hat, nämlich 1893.
Ihre Erzählung in der ersten Person zeigt – wie auch besagte Notizen und zahlreiche Fußnoten – ein äußerst aufgewecktes, sehr gebildetes und intelligentes Mädchen, von dem man auch deshalb gerne etwas erfährt, weil sie einen sehr feinen Humor besitzt. Auch dieses Buch ist vollgepackt mit historischen Kuriositäten, neuen Charakteren, neuen Blickwinkeln auf vertraute Mitglieder der bereits bekannten Besetzung und weiteren fabelhaften Schauplätzen des 19. Jahrhunderts, denn englische Dörfer haben viele Geheimnisse, denen es sich lohnt, auf den Grund zu gehen.
Es versteht sich von selbst, dass ich auch den dritten Band der hervorragenden Myrtle-Hardcastle-Reihe nicht nur jüngeren Lesern, sondern allen, die klassische Krimis lieben, ans Herz legen will. Die Bände erscheinen bei Knesebeck.
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