Ein Hungerleider am Straßenrand: 1 Zahnlose Minka

Er kam über die pittoreske, aber unnütze Steinbrücke, die mit zinnenähnlichen und auskragenden Absätzen verziert war und die sich seit vielen Jahrzehnten nur noch über Gneisbrocken, Schiefer und Unkraut beugte. Sein angestrebtes Ziel war der Hof, der aus dem wolkigen Dickicht reckte, und der von seinem Standort aus gesehen ganz genauso verlassen wie alle anderen Höfe in dieser sinnlosen Zeit wirkte. Die abgestorbenen Brisen fanden keine intakte Höhlung mehr vor, die den windigen, feuchten und veränderlichen Tönen als Tanzplatz diente.

Der Farbton eines vergangenen Lebens, an seiner Naivität zugrunde gegangen, umfirnte ihn, verkarstet an einer plakativ zur Schau gestellten gesunden oder sonst wie gut gearteten Welt, die der Wanderer nicht nur aufgrund seines Alters von Natur aus floh, sondern auch deshalb, weil er in einem unablässigen Hokuspokus stakste, der noch weniger fasslich zu machen war als die Traumblase so konkreter Erfindungen wie Plakatwände, Transistoren, Ionensphärenhöhenmesser, Radarzielgeräte, Tauchkugeln oder Spezialröhren für das Farbfernsehen.

Ein Palolwurm durchbrach in der Ferne das Ackergelände, an dessen Ränder der Wanderer entlang gegangen war, um sich zumindest notdürftig zu orientieren, nachdem das Himmelsgewölbe weder Mond noch Sonne durchscheinen ließ. Die Mutation überließ es augenscheinlich dem Zufall, was in seinem Verdauungstrakt landete, er kannte kein anderes Ziel als die Transformation des Bestehenden, war am Tage des Chaos nicht etwa erwacht, sondern aus einem einfachen Ringelwurm erwachsen. Die ›zahnlose Minka‹ tauchte unter dem Donnern eines leichten Erdbebenstoßes auf und die Saugpumpe des Mundes arbeitete dem Muskelmagen zu, dessen harte Körnigkeit alles zerrieb und zu einer klebrigen Erdpaste werden ließ. In seiner negativen Phototaxis wendete er sich gegen das Licht und reagierte damit wie eine Pflanze, die ihre Blätter vom Licht abwendet.

Der Wanderer blieb stehen, hörte nach dem Verschwinden des Wurms nur noch seinen domestizierten Atem in Form einer weiße Kalkschalenluft, die noch nicht ganz Nebel war, und – Schritte, die seine eigenen imitierten. Da er fest an einem Ort stand, vornehmlich, um sich den Gebäudekomplex, auf den er zumarschierte, etwas genauer zu betrachten und weit und breit kein Menschenwesen zu sehen war, ahnte er von dieser neuen Umgebung das erste Gesetz : die Verzögerung; das waren also seine eigenen Schritte, nur noch nicht dort angekommen, wo er jetzt stand. Das Phänomen der Verfolgung durch sich selbst. Er lauschte und blickte sich um, aber er verstand die Semiologie einer toten Landschaft noch nicht.

Sein Magen rührte sich, brachte alles durcheinander. Ein Hungerleider am Straßenrand.

Ein kräftiger Vorkragen des oberen Dachdreiecks im Giebel stand von einem breitgelagerten Hauskörper ab; Stall und Scheune waren hintereinander unter einem Dachfirst vereint. So kannte er’s von dort wo er her kam. Geht eine Welt zugrunde, wachsen zwanzig neue wie auf dem Fenchelstab des Dionysos nach (oder waren’s gar dreißig?).

Wie überhaupt das Feuer in uns allen tobt und braust; wie es Wunderlande so an sich haben, stand hier die Zeit still, zumindest dehnte sie sich durch intensives Einwirken des Irrationalen ins Unermessliche, hörte nicht einfach auf zu existieren, sondern verging in der Tiefe. Wie gerne würde er dieses Phänomen Intensivqualität nennen, doch dann müsste er den Begriff beschreiben, und dann, mit Verlaub, würde alles ganz und gar unverständlich herauskommen, nähme eine Menge absonderlichen Raum ein.

Zwei große Tentakel peitschen aufeinander zu, vereinen sich zu einem finalen Stoß gegen die Bootswand. Es ist Charon, der die Rettungskähne überprüft.

Er marschiert weiter, vielleicht gibt’s da vorne Milch.

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    Als Firestarter (Feuerkind) im Jahre 1980 veröffentlicht wurde, war Stephen King bereits ein echtes Phänomen. Er lebte in seinem berühmten Herrenhaus in Bangor, Maine, verdiente mehr Geld als er ausgeben konnte und sein neuer Vertrag mit New American Library war ein echter Glücksfall. Sie behandelten ihn dort besser als jemals bei Doubleday, aber was wirklich zählte: sie verstanden es besser, seine Bücher zu verkaufen. Ob es an seinem massiven Alkoholkonsum liegen mochte, oder an seiner neu hinzugewonnenen Kokainsucht; die Bücher, die er in dieser Periode seines Schaffens schrieb gehören zum dunkelsten und gemeinsten, aber auch zu den weniger umfangreichen Romanen seiner Karriere. Außerdem enthüllten sie eine wesentliche Tatsache über King: er schrieb überhaupt keinen Horror.

    Bill Thompson, der Herausgeber von Doubleday, der King entdeckt hatte, hatte sich noch Sorgen gemacht, dass King als Horrorschriftsteller eingestuft werden würde, als dieser ihm Salem’s Lot vorgelegt hatte – und wieder, als King ihm die Handlung von Shining erzählte. „Zuerst das telekinetische Mädchen, dann die Vampire, jetzt das Spukhotel mit dem telepathischen Kind. Du wirst gebrandmarkt sein,“ hatte er angeblich gesagt. Für Doubleday war Horror schmierig und sie arbeiteten mit King nur widerwillig. Die Bücher wurden billig gedruckt, hatten armselige Cover, und die hohen Herren konnten sich nicht mal an seinen Namen erinnern, so dass sich Thompson wieder und wieder in der Rolle wiederfand, King, der ihnen allen ihr Urlaubsgeld einbrachte, im eigenen Hause publik zu machen.

    New American Library hingegen war ein Taschenbuchverlag, der die Macht der Genreliteratur verstand. Sie investierten erheblich mehr in Kings Karriere als es Doubledy je getan hatte. Für Doubleday war King eine Überraschung, für New American Library war er eine Marke.

    Gibt es aber über das Marketing hinaus etwas, das King als Horrorschriftsteller auszeichnet? Sieht man sich heute seine frühen Bücher an – Dead Zone (ein Mann plant ein politisches Attentat), Feuerkind (Vater und Tochter auf der Flucht vor der Regierung), und Cujo (tollwütiger Hund stellt Frau und Kind in einem Auto), dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ohne Horror-Boom, der sich diese Titel einverleibte, ohne die Marke „King-Horror“, die auf die Cover gedruckt wurden, heute diese Bücher eher als Thriller verkauft werden würden. King selbst behauptete, er schriebe Spannungsromane. Kurz bevor Feuerkind veröffentlicht wurde, gab er dem Minnesota Star ein Interview, in dem er sagte:

    „Ich sehe den Horrorroman als nur einen Raum in einem sehr großen Haus, das man als Spannungsroman kennt. Dieses besondere Haus schließt solche Klassiker wie Hemingways Der alte Mann und das Meer und Hawthornes Der scharlachrote Buchstabe mit ein.“

    Und natürlich seine eigenen Bücher.
    In einem anderen Interview sagte King:

    „Die einzigen meiner Bücher, die ich für unverfälschten Horror halte sind Brennen muss Salem, Shining, und jetzt Christine, weil sie keine rationale Erklärung für all die übernatürlichen Geschehnisse anbieten. Carrie, Dead Zone, und Feuerkind haben mehr mit der Science Fiction- Tradition zu tun … The Stand wiederum steht mit je einem Bein in beiden Lagern …“

    Warum also greift das Horror-Etikett?

    King schreibt über Menschen in Extremsituationen, deren Gefühle von Angst, Schmerz und Hilflosigkeit dominiert werden, die dunkel und drohend selbst dann durchscheinen, wenn noch gar nichts passiert ist. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, die Spannung aufrecht zu erhalten. Er verwendet viel Zeit auf die Beschreibung des menschlichen Körpers, verweilt bei den physischen Details der Unvollkommenheit und des Verfalls (Altersflecken, Verwachsungen, Akne, Narben), wie er auch die Körperlichkeit an sich feiert (Sex, Erektionen). Seine Charakterzeichnungen sind mit breiten Strichen gesetzt, im Zentrum stehen meist die körperlichen Makel (Schuppen, Glatzen, schlechte Haut, Fettleibigkeit, Magersucht), was viele seiner Figuren ins Groteske verzerrt. King schreibt viel über Kinder und Jugendliche, seine Hauptfiguren sind in der Mehrzahl attraktiv.

    Es sind diese intensiven Szenen, bestehend aus Sex und Gewalt, den attraktiven Hauptfiguren, und die Betonung der Angst und Spannung, die sein Publikum an den Horrorfilm erinnert, wo Sex, Gewalt, Jugend und Angst sich in der Regel tummeln. Als King seine erfolgreichste Phase hatte, boomte auch der Horrorfilm (1973 – 1986 war die goldene Ära der amerikanischen Horrorfilme), und es ist nicht schwer, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen. Der Vergleich von Kings Werken mit Filmen ist das, worauf es Kritiker von Anfang an angelegt hatten, und King selbst betonte oft genug, dass er ein extrem visueller Schriftsteller sei, der nicht in der Lage ist, zu schreiben, bevor er nicht die Szene im Kopf hat. Die öffentliche Meinung, King sei ein Horrorschriftsteller, wurde durch die Verfilmungen von Carrie und Shining noch zementiert. Wenn etwas also als „Horror“ vermarktet wird, wenn es die Leute an „Horror“ erinnert, und wenn der Autor kein Problem damit hat, als Horrorschriftsteller zu gelten, dann ist es Horror. Obwohl King darauf hinweist, dass Science Fiction ein besseres Label für seine Arbeiten wäre.

    Feuerkind ist eines der Bücher von King, wo das Label Science Fiction hervorragend passt. Der Roman wurde als Verfilmung ein Flop und seitdem hat sich das Interesse an Firestarter im Laufe der Zeit getrübt. Das ist nur eins von vielen Beispielen, wo ein mieser Film ein gutes Buch quasi ruiniert.
    1976 begonnen, gab King das Buch zunächst auf, weil es ihn zu stark an Carrie erinnerte. Der Hauptcharakter war ein Ebenbild seiner zehnjährigen Tochter Naomi. King war zunächst fasziniert von Pyrokinese und dann von einer Figur wie Carrie White, die ihre psychischen Kräfte an ihre Tochter weitergegeben hatte.

    Das Buch liest sich wie eine paranoide, politisch linke Phantasie auf Amphetaminen, die mit der zehnjährigen Charlie McGee und ihrem Vater Andy beginnt. Sie befinden sich auf der Flucht vor einer Regierungsorganisation, die sich „Die Firma“ (The Shop) nennt. Andy und seine Frau hatten in den 60ern an einem Regierungsexperiment teilgenommen, bei dem ihnen die LSD-artige Substanz Lot 6 verabreicht wurde. Die Droge aktivierte ihre latent vorhandenen psychischen Kräfte, die an Charlie weitervererbt wurden. Ihr ist es möglich, allein durch ihre Gedanken, Feuer zu legen, was ihr aber von ihren Eltern als eine böse Sache verboten wurde. Charlies Mutter wurde von der Firma getötet, und Andy hat nur die Fähigkeit, den Geist anderer zu kontrollieren, was allerdings jedes mal, wenn er seine Fähigkeit anwendet, Schäden an seinem Gehirn zurücklässt.

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    Das klingt nach einer einfachen Geschichte, aber zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere feuert King aus allen Rohren, und so ist sie alles andere als das. Voller Handlungsabläufe, die derart lebendig beschrieben sind, dass sie an verschiedenen Stellen in surrealistische Poesie übergehen (explodierende Hühner rennen umher, Wachhunde werden verrückt vor Hitze und wenden sich gegen ihre Halter), ist der Roman gespickt mit subjektiven Eindrücken der Figuren, die sich in fast schon wahnwitzig lyrischen Ergüssen äußern. King wurde vorgeworfen, er würde sich vor Sexszenen scheuen (Peter Straub sagte einmal: „Stevie hat Sex bisher noch nicht entdeckt.“), aber in Feuerkind ist die grundlegende Geschichte die von Charlies sexuellem Erwachen.

    Es gibt nur wenige Dinge, die kraftvoller sind als die Beziehung zwischen Vätern und Töchtern, die Popkultur hat enorm viel Aufwand betrieben, das Unbehagen der Väter angesichts der Sexualität ihrer Töchter zu thematisieren, angefangen von der Kontrolle, die Väter über den Kleidungsstil ihrer Töchter ausüben wollen. Zu Beginn des Buches ist Charlie ein kleines Mädchen, die an der Hand ihres Vaters spaziert und nicht weiß, was sie zu tun hat. Am Ende des Buches ist ihr Vater tot. Zwar kann sie ihre pyrokinetische Fähigkeit noch nicht voll kontrollieren, die aber ist wesentlich stärker als irgendjemand angenommen hatte, und sie befindet sich auf dem Weg nach New York, um ihre Geschichte zu erzählen.

    Sexualität und Feuer sind linguistische Zwillinge („Brennende Leidenschaft“, „Das Feuer der Begierde“, „Glimmende Augen“) und es ist ein Freudianischer Witz, dass sie von ihren Eltern das Verbot bekommt, die „böse Sache“ zu tun. Schnell verwandeln sich diese Stellen von Subtext in Blanktext, dann nämlich, wenn Rainbird sich ihr widmet, um „ihre Verteidigung zu durchdringen“, sie „wie einen Safe zu knacken“ und um sie zu töten, während er ihr tief in die Augen schaut.
    „Es ist eine sexuelle Beziehung“, sagte King später über diese beiden Figuren in einem Interview. „Ich wollte das Thema eigentlich nur streifen, aber es macht den Konflikt nur noch monströser.“
    Als ihre Hemmungen fallen, ihre Fähigkeit einzusetzen, genießt Charlie ihre neuentdeckte Stärke, die ihr besondere Privilegien einbringt und sie zum Mittelpunkt eines jeden Mannes im Buch macht. Wiederholt wird darauf hingewiesen, dass, wenn sie ihre Kräfte nicht zu beherrschen lernt, sie die Welt zerstören könnte; ein Klischee über die weibliche Sexualität (wenn sie einmal anfangen, hören sie nicht mehr auf). Als Charlies Sexualität mehr und mehr erwacht und eindeutiger wird (sie hat sogar Träume, in denen sie nackt auf einem Pferd zu John Rainbird reitet), werden auch die heimlichen Wünsche der Männer, die Kontrolle über sie ausüben, selbstzerstörerischer. Andy versucht einen letzten Ausbruch mit Hilfe seiner Gabe, was aber im Unterbewusstsein der Opfer ihre geheimen Obsessionen entfesselt und sich in Selbstzerstörung äußert. Für Dr. Pynchot, dem zuständigen Psychiater von Charlie und Andy äußert sich das Verdrängte in Form eines Missbrauchs, den er einst durch Kommilitonen erleiden musste. Seine Besessenheit betrifft den „Vulva-ähnlichen“ Abfallzerkleinerer. Er kleidet sich mit der Unterwäsche seiner Frau und tötet sich, indem er die Hand hineinsteckt, während er läuft. Der Kopf der Organisation, Cap Hollister wird von eingebildeten, glitschigen Schlangen heimgesucht, die überall auf ihn warten, um ihn zu beißen.

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  • Der goldene Brunn

    Ich trete hinaus in eine Wirklichkeit, die das Ergebnis vermittelter Konstruktionsprozesse ist. In vollkommener Isolation komme ich an Behausungen aus Holz und Bambus vorbei; Chakren, Ansanas. Apollon verwundet hier die Schlange Python. Dichtes Gewühl. Gewahre Schatten von Verfolgern, die nun nicht mehr von mir lassen. Viel Verkehr, vom Irrsinn gebläute Augen. Verstrickungen wie diese, dass man mich anspricht.
    Ich antworte im Namen der Schwarzen Löcher, im Namen ihrer absolut verdichteten Materie. Auch ich bin das genaue Gegenteil von Zeit. Was es nicht alles darüber zu sagen gäbe! Ich will einem dieser Führer gestatten, voran zu gehen, sage nichts, nicke nur. Wir gehen, beide mit freiem Oberkörper, auf eine Auto-Rikscha zu, deren Seiten mit Lilien, Weinstöcken, einem Pentagramm verziert sind. Großer Architekt; der erwachte Mensch hebt die Hand, die steif ist.

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  • Die entblößten Träume

    Ich bin auf der Suche nach dem Seltsamen.
    Das Leben, die entblößten Träume…
    oder mehr noch : der fehlende Sinn, der nur dann fehlt, wenn er wirklich fehlt
    und nicht etwa wenn es ihn gar nicht gibt.

    Dieser Baustein, der beweisen könnte
    dass die Schöpfung eine runde Sache ist, alles
    eingerastet und läuft wie geschmiert, wir haben
    die Vernunft doch tatsächlich als solche erkannt, hurra.

    Die Gebäude und Räume können nur von einer Seite aus betreten werden,
    eine Auswahl fällt daher leicht. Im Innern aber
    stecken die Möglichkeiten
    einer ausgedehnten Traumwanderung, die

    – wie eine gute Geschichte – irgendwo anfängt
    und irgendwo aufhört. Das Vorher und Nachher ist nur
    als Potenz vorhanden, aber es wiegt schwer
    in seiner Nichtausgesprochenheit.

    Das Leben, die entblößten Träume…

    Das Seltsame hat einen anderen Grund als das Gewöhnliche zu konterkarieren,
    es führt seinen Tanz in Stille aus und ist
    präsent wie ein Bild, das von einer ruchlosen Hand
    überpinselt wurde, in der Annahme, niemand würde kratzen
    oder schaben oder sich fragen, warum die Farbe
    derart monströs aufgetragen wurde,
    ob sich da nicht ein Geheimnis finden ließ bei der Entscheidung :

    Welches der beiden Kunstwerke soll dem Vergessen
    in den Rachen geworfen werden? – von denen eins vielmehr
    ein quasi-Kunstwerk ist, mit einem quasi-Dasein.

    Zerstören wir das Sichtbare für etwas, das wir nicht kennen –
    und wäre ein Vergleich nicht ohnehin töricht? Eine Skizze
    ist der erste Beleg für die Dauer,
    denn solange immer alles möglich ist,
    vergeht kein Gedanke ungedacht.

  • Frisch bläst uns der Wind ins Gesicht

    … und frisch bläst uns der Wind ins Gesicht, als wir vom Walde her die freie Flur betreten. Leise steigt er heraus aus dem Tal der Eger, raunt und wipfelt in den Schattenseiten der Fichtenschonung. Packt er aber härter zu, schüttelt die wetterzerzausten Kronen der alten Überhälter und erstickt das hohe Trommeln des Buntspechtes, dann empfindet man es gerade hier, als gingen die Geister noch um von der Herren Raitenbach aus der Burg Graßlitz, den Grafen von Liebenstein aus dem alten Schloß oder den rauflustigen Forstern aus der Burg Neuhaus auf dem Schloßberg, die aus ihren Raubnestern ausgezogen, um sich zu ergötzen am gruseligen und grausamen Spiel, das sie trieben, als sie hier und in der ganzen Umgebung die Kaufleute und sonstiges fahrende Volk ausraubten und ausplünderten. Bis es den Egerern zu dumm wurde und sie sich mit einer Reihe von Fürsten, darunter Herzog Ludwig von Bayern, die Markgrafen von Weitzen, ferner die Städte Eger, Zwickau, Ölnitz usw. zusammenschlossen, um den Landfrieden wieder herzustellen und zu erhalten. 1412 wurde Graßlitz geschleift. Dann kam die Rache auf Neuhaus zu. Alle Zünfte, voran die Tuchmacher und Metzger aus Eger, erstürmten die Burg und zerstörten sie vollständig.

  • Der Hase

    Offensichtlich werden beim Träumen gewisse Bilder im Körpergewebe freigesetzt. Ist die Begleitung zahlreicher, so kommt es darauf an, wie sie sich zusammensetzt. Es stellt sich die Frage, was denn der Geisterglaube mit der psychischen Thematik des Kohortenstadiums zu tun haben soll. Sie erwarten ein Geschenk von Obst oder Süßigkeiten, oder aber sie läuten die Türglocke bis zum Ausleeren von Unrat. Das alles sind nicht mehr unbedingt typische meteorologische Konsequenzen eines Orkantiefs. Wenn dann noch das Heulen hinzukommt, wie wir das von Gewitterböen kennen, dann ist die semantische Brücke zum Jammer schon geschlagen. Einbrecher hinterlassen am Ort ihrer Untat einen Kothaufen, die Unangreifbarkeit wird in solchen Symbolen mutwillig-herausfordernd demonstriert. Eines Tages, heißt es, sei ein Mädchen ganz ohne Zutun des Mannes schwanger geworden. Schon nach sieben Monaten gebar sie ein Kind, einen Hasen, und kam dabei ums Leben.