Possenspiele

Schlagwort: Literatur (Seite 45 von 83)

Die Ernte des Bösen / Robert Galbraith

Zunächst einmal muss ich sagen, dass Blue Oyster Cult einer meiner Lieblingsbands ist, die viele aufgrund ihres Songs “Don’t fear the Reaper” kennen dürften. Das vorliegende Buch ist im Original nach einem anderen Song benannt: “Career of Evil“, von einem der besten Alben aller Zeiten, dem 1974 erschienenen “Secret Treaties“. Übersetzt wird daraus “Die Ernte des Bösen”, aber wider Erwarten habe ich daran überhaupt nichts auszusetzen. Erschienen ist das Buch im Februar 2016 bei Random House und es ist nicht nur nach einem Blue Oyster Cult Song benannt, sondern jedes Kapitel auch mit einer Textzeile aus ihrem Werk überschrieben.

Die Verbindung ist natürlich nicht willkürlich. BÖC war die Lieblingsband von Cormoran Strikes Mutter und der Detektiv glaubt ja, dass sie nicht zufällig an einer Überdosis Heroin gestorben ist, sondern ermordet wurde.

Anders wie in den ersten beiden Bänden, wird es hier von Anfang an persönlich.

Ich konnte den dritten Band der Reihe allerdings erst besprechen, nachdem ich auch den vierten Band gelesen hatte, was zum Teil an einem wirklich hollywoodreifen Cliffhanger liegt, der die beiden Bücher miteinander verbindet. Beim schreiben des vorliegenden Bandes scheint Rowling aufgegangen zu sein, was sie an ihren Hauptfiguren tatsächlich hat – und auch wenn zeitweise alles schwer in romantische Gefilde abzugleiten droht, lässt die Autorin die Zügel nicht schleifen.

Obwohl Cormoran Strike und Robin Ellacott gerade zwei große Fälle erfolgreich gelöst haben, ist nicht alles in Ordnung. Zwar läuft es für Cormoran, der neuerdings mit der glamourösen Elin zusammen ist, ganz gut, aber Robins Beziehung zu ihrem Verlobten Matthew war noch nie so schlecht wie jetzt – sie streiten sich fast jeden Tag über Robins Job und ihre (rein platonische, was auch immer Matthew denken mag!) Beziehung zu Strike. Natürlich werden die Dinge noch viel chaotischer, als Robin ein abgetrenntes Bein mit der Post erhält.

Die Ernte des Bösen ist vielleicht der beängstigendste von Galbraiths bisherigen Romanen, da der Roman mit Kapiteln aus der Sicht des mysteriösen und verdrehten Mörders durchsetzt ist, die seine Handlungen und seine Identität andeuten, ohne etwas vollständig zu enthüllen. Diese Kapitel sind umso unheimlicher, als von Anfang an klar ist, dass der Mörder zwar Cormoran schaden, aber Robin töten will. Zu wissen, dass eine der Hauptfiguren in unmittelbarer Gefahr ist, verleiht Strikes Ermittlungen eine ganz andere Dimension – und es ist natürlich interessant, Zugang zu Informationen zu bekommen, in die nicht einmal Cormoran selbst eingeweiht ist.

In mancher Hinsicht ist der dritte Teil auch der dritte Gang in der Entwicklung der Hintergrundgeschichte. Strike ist mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund und Robin sieht in ihrem Verlobten fast schon ein Hindernis für die Leidenschaft, die sie der Ermittlungsarbeit entgegenbringt.

War es leicht, die ersten beiden Bände im klassischen Krimihandwerk zu verorten, bricht Rowling hier in Richtung Thriller auf und lässt Cormoran und Robin zu einem Balzspiel tanzen, das sie interessanterweise voneinander zu entfernen scheint.

Strike kommen sofort vier Männer aus seiner Vergangenheit in den Sinn, die wahnsinnig genug sind – und ihn genug hassen -, um ihm ein abgetrenntes Bein zu schicken. Während er jeden einzelnen in Betracht zieht, erhält der Leser einen größeren Einblick in Cormorans früheres Leben und seine Arbeit. Das ist nicht nur faszinierend, sondern auch eine brillante Erzähltechnik, da Strike als Figur eher zurückhaltend ist, wenn es um seine Vergangenheit geht; wir dürfen also einen Blick auf Bereiche seiner Vergangenheit werfen, die er normalerweise nicht aufgreifen würde.

Da ist zum Beispiel die Geschichte zwischen dem zweitklassischen Möchtegern-Musiker Jeff Whitaker, der mit Strikes Mutter verheiratet war, die im ersten Band bereits angedeutet wurde und hier ihre Ausführung erfährt. Es sind diese Geschichten in Geschichten, mit denen Rowling Strikes Vergangenheit Stück für Stück und wohldosiert entblättert – das eigentliche Salz in der Krimi-Suppe. Jede gute Literatur ist von der Vergangenheit geprägt, von Erinnerungen und dem biographischen Werden.

Es ist nicht nur Cormoran, über den wir mehr erfahren. Zum ersten Mal bekommen wir auch einen guten Einblick in Robins Vergangenheit und ihre Beweggründe. Rowling nimmt sich viel Zeit, um die Beziehung zwischen Robin und Matthew zu erkunden, sowohl im Guten als auch im Schlechten, was eine gewisse Abweichung von den früheren Romanen darstellt. Matthew-Hasser werden hier reichlich Futter für ihr Feuer finden, aber wir bekommen auch zu sehen, was Robin in ihm sieht.

Die Charakterisierung in diesem Roman ist also wieder einmal hervorragend. Darüber hinaus führt die Autorin einige interessante neue Charaktere ein. Wardle kehrt in diesem Buch zurück, und seine Interaktionen mit Strike bekommt eine neue Facette. Und auch ein Mann namens Shanker bekommt seinen Auftritt – und man wird das Gefühl nicht los, als formiere sich hier auf lange Sicht ein äußerst ungewöhnliches Team, vor allem, wenn man bedenkt, dass Wardle Strikes einzige halbwegs vernünftige Beziehung zur Polizei ist und Shanker ein Dieb, den Strikes Mutter einst vor dem Verbluten rettete.

Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal tatsächlich Robert Galbraith zu lesen und nicht eine weltberühmte Autorin, die wieder einmal zeigen will, was sie kann. Der Erfolg der ersten beiden Bände dürfte die Fesseln endgültig gesprengt und sie dazu getrieben zu haben, ihre Serie endgültig zu festigen.

Mord im Handgepäck / Elizabeth C. Bunce

Gewöhnlich wird recht wenig Aufsehen wegen einer Jugendbuchserie gemacht, wenn man einmal von Harry Potter absieht, was allerdings ein einmaliges Phänomen war, das sich nur mit mit der Sherlock-Holmes-Manie vergleichen lässt, was allerdings, nun … KEIN Jugendbuch war.

Enola Holmes mag aufgrund der Netflix-Verfilmung noch etwas berühmter sein als Myrtle Hardcastle; man darf allerdings nicht vergessen, dass allein schon der große Name Holmes dafür ausreicht, einiges an Aufmerksamkeit zu bekommen. Elizabeth C. Bunce hat ihre zwölfjährige Detektivin selbst ersonnen, wobei sie keineswegs einen Hehl daraus macht, dass sie selbst als Jugendliche besessen von Trixie Belden war, die aber von fast allen gegenwärtigen weiblichen Jungdetektivinnen weit übertroffen wird.

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Raymond Chandler: Der große Schlaf

Zum 80-jährigen Jubiläum begann der Diogenes-Verlag 2019 die Raymond Chandlers Klassiker in einer neuen Übersetzung herauszugeben. Nachdem ich mir das Buch einmal angesehen hatte, das von Frank Heibert neu übersetzt wurde, tendiere ich doch eindeutig zu der Übersetzung von Gunar Ortlepp, die 1974 erschien.

Chandler

Raymond Chandler sagte einmal, er sei der erste gewesen, der auf realistische Weise über Los Angeles geschrieben habe. Um über einen Ort zu schreiben, sagte er, müsse man ihn lieben oder hassen, oder beides, abwechselnd, so wie man eine Frau liebt. Leere und Langeweile waren zwecklos. L. A. hat ihn nie gelangweilt. Er fand es vielleicht banal, aber niemals leer. Er liebte es (als er 1912 ankam) und hasste es (als er 1946 abreiste), bis es schließlich, wie er sagte, für ihn eine müde alte Hure geworden war. Er hat diese Stadt besser als jeder andere verstanden, ihren Rhythmus und ihre Grobheit, ihre Tankstellen, die verschwenderisch mit Licht gefüllt sind, die Häuser in den Schluchten, die in der Schwärze hängen, den Geruch der Luft, das Gefühl der Winde, den Puls des Ortes, weshalb seine Romane zu keiner Zeit veraltet wirken: Er hat die Essenz der Stadt eingefangen, nicht nur ihre zeitliche Oberfläche.

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