Wir haben verwahrt, aufgebahrt und hergerichtet. Die Tische. Die Stühle. Auf den Tellern die Masken. Die gelösten Zungen im Glas. Nun ist dieser Raum offenen Mundes für immer zu schließen.
Nackt und uneingeladen steigt aus den Brunnen die Wahrheit mit ihrem Reisigbesen.
Am 18. März 1856 löste eine Magd, die einen Brief, der ihr zu Boden gekullert war, suchte und dabei die Kerze verlor, den › Selber Brand‹ in ihrer Stube aus. Dabei dachte sie nicht an die ›Pudding Lane‹, Herrschaften, sondern an ihren Goich, den man auch ›Höllengoich‹ – Freier der Mägde – nannte.
Könnte doch jemand wie ich dich tragen ins Allerlei-Gespinst, So schwer die Träne haftet an den Antlitzen der Statuen, Gewöhnlicher war ich nie; und fand Novemberkälte Und fand den Winterschmerz in den großen Hallen der Masken, Die von einem zum andern wechseln, von der Scham keine Spur Zwischen Riffeln und Reue, zwischen Schaum und Kontrast, Der die Niederungen hebt wie ein stolzes Gebirg. Geklopft wird Lange nicht mehr an die Tore des Mumpenzimmers, An den Holzstock, der die Friese ersetzt. Die Schwelle, Durch Raunen zum Stillstand gebracht, Die Gesellschaft in Bewegung erfrorn. Könnte doch jemand wie ich durch die Lustwiege schreiten, Es wäre mir all meine Gesichter wert.
Endlich kam ich zu den großen Hallen, die das Verschwinden nicht nur markieren, sondern das Verschwundene auch beinhalten. Man erzählte sich, dass alles, was je verschwunden war, sich hier wieder einfand, in einer der unzähligen Kammern, die so angeordnet waren, dass sie – wie Hilberts Hotel – in die Unendlichkeit ragten. Nie würde irgendjemand feststellen können, ob keine oder unendlich viele Gegenstände hier versammelt sind, oder gar unendlich mal unendlich viele. Allerdings könnten sich die verschwundenen Dinge verändert haben; was immer sie einmal darstellten, es könnte die Zeit oder der Eigensinn dafür gesorgt haben, daß man sie nicht mehr wiedererkannte. Ein verlorener Knopf, dessen Bestimmung es einst war, eine Strickjacke im Verbund mit anderen Knöpfen auf der Knopfleiste vorne auf der Brust zu verschließen, könnte in diesen großen Hallen zu einem komplexen Türschloß geworden sein, das einen geheimnisvollen Raum vor Zutritten schützt. Seine Aufgabe mag immer noch passiv sein, aber sein Stolz wird ihm auch nur die Erwähnung eines Knopfes in seiner Gegenwart verdrießlich erscheinen lassen, weshalb es völlig unangebracht wäre, den Schließmechanismus nach seiner etwaigen Vergangenheit zu fragen, um den Knopf, den es vielleicht nirgendwo anders mehr zu kaufen gibt, wiederzufinden. Mehr lesen „Mummenschanz in großen Hallen“
Es ist Montag, der neunundzwanzigste August. Der Tag, an dem der Turm sich, der sich uns beiden weissagte, durch unser Aufeinandertreffen in Mannheim, den Lüften zu durch Erde brach. Monate, seit Mitte 2015, hatten wir unzählige Worte, so viele lange Briefe aus dem Wasser der Mondin geschöpft. Uns ausgiebig ausgegossen. Oil mit einem Krug. Waterlily mit einem Krug. Aus einer Pfütze entstand ein Rinnsal : aus einem Rinnsal ein Bach : aus einem Bach ein Fluss : aus einem Fluss ein reißender Strom, der unaufhaltsam das Land unter unseren Füßen abtrug, Meer zu werden. Wir strömten uns zu, tasteten bald in allen Elementen nach uns. Wir siezten, duzten, kollidierten und fusionierten … kollidierten wieder, ließen ab, stoben auseinander, hoben wieder an …, wir gaben uns Namen. Nannten unsere Kinder bei den ihren. Sie spielten uns durch (wie wir sie durchspielten), entdeckten und blößten uns. Bangten bis zu diesem Tag:
Noch früher Morgen, wir telefonieren miteinander, soeben erst aus den Federn gestiegen, fühle ich mich pelzig von dem Zwölfstundendienst, der nun hinter mir liegt. Du hast dich bereits vom Nacken bis zu den Fußknöcheln in dein Weinlaub geworfen (da Kempten, wie du mir erzählst, offenbar eine Stadt ist, die ohne gelbe Hemden auszukommen gedenkt). Ich begleite dich zur Tür hinaus, gen Bahnhof zu gehen, die Tschu Tschu zu nehmen, in der ein Junge sitzen wird, der dich die ganze Fahrt zu mir hin unterhält. Ich springe unter die Dusche, weiß noch nicht, was ich anziehen werde, entscheide mich für mein braunes Wollklaid, packe meinen Rucksack, packe meine Tasche, und noch eine, habe viel zu viel dabei. Schwer beladen in beeschfarbenen Samtpömps, vergesse ich den olfaktorischen Handkuss nicht, tauche meine Finger der rechten Hand noch ins Becken meiner Nymphe und versuche von nun ab als linkshändige Packeselin durchzukommen. Ich stöckele los, mit offener Mähne. Denke an mein Sternbild, dass ich an einem meiner letzten Arbeitstage, vor dem Kuckucksnest gefunden hatte als ich, mit einer Kollegin sprechend, zu Boden blickte, und weiß noch nicht, dass der ausgemachte Handkuss der Umarmung eines Wesens weichen wird, auf das ich keinen Einfluss habe.
Wenn aber ich die Erde abwärts streife der Kleider lose, nackt und bloß mich lege in den Wiesengrund da alles in sich Kosmos ist erspähe ich ein Wunder gebäre ich mich selbst
auf die Frage
Was ist zu tun, der Wurzel Tiefe zu begreifen der Wurzel Festigkeit zu hören der Wurzel Durst allzeit zu stillen
Ich trample auf den Nerven deiner Ahnen Genien und etruskische Todesdämonen Menschen tragen Flügel dort die Welt weit ist dort die Welt versteckt ist
Wenn etwas aus der Tiefe fragt:
Was ist das für ein Mund der dort hinunterführt?
Antwortet etwas darüber:
Der Zivilisationengrund ist Armengrab Ein offener Mund
Der hält den Rachen auf Der frißt sich durch den Bauch Der Erdenkinder Untergang Der Menschenfeind im Überschwang Danieder speichelt er und frißt Es ist der Mund, der niemals küßt
Aber höre auch dies: (Es sind die Gesänge der Vril)
Siehst du dich in Farben voller Flieder (aus dem Meer der Blüten) voller Duft von all den Blumen (die nicht immer Flieder sind) die erhoben hoch (so hoch der Grenzen Unwahrscheinlichkeit) dort enden wo du lebst? (Doch nur, falls du verstehst) Heißt man dich willkommen (denn ein Gast bist du schon längst) wo der Tod nur Wächter ist (und wo die Welt findet ihr Ende) wenn du längst vergessen bist? Es sind Sonnen die nie strahlen (die nie dort sind, wo du warst)
Hörst du diese Klänge (wie von Tausenden von Chören) die dich rufen, dich begleiten (in der Welt, die fremd dir ist) Fühlst du, wie der Wind der dich berührt (der dich begleitet) der dich zähmt (der dich umnachtet) weise kreist, geheimnisvoll?
Hat jemand zwischen den Raunächten Wäsche gewaschen und damit ein Los gezogen? Nimm, Herr Wode, das Dorf nicht achtlos links, kehre ein mit deinem Totenheer, der hartgerippte Steinboden sei dein Totenacker, sei dein Kältebad auf deiner wilden Jagd, entfesselter Wind, als der Nachtwind starrend um die Häuser patrouilliert, die schneebedeckten Zweige schüttelt, hier entlang! Hat jemand die Wäsche gewaschen? Die Zweige neigen sich dankbar für jede Regung, die man ihnen antut, damit sie wenigstens ein bisschen Gewicht von sich stoßen können, denn lange noch, lange noch müssen sie den Perchtenmantel tragen.