Aus den Brunnen

Geschrieben von A. Anders

Wir haben verwahrt, aufgebahrt und hergerichtet.
Die Tische. Die Stühle. Auf den Tellern
die Masken. Die gelösten
Zungen im Glas. Nun ist dieser Raum
offenen Mundes
für immer zu schließen.

Nackt und uneingeladen
steigt aus den Brunnen
die Wahrheit mit ihrem Reisigbesen.

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  • Mummenschanz in großen Hallen

    Könnte doch jemand wie ich dich tragen ins Allerlei-Gespinst,
    So schwer die Träne haftet an den Antlitzen der Statuen,
    Gewöhnlicher war ich nie; und fand Novemberkälte
    Und fand den Winterschmerz in den großen Hallen der Masken,
    Die von einem zum andern wechseln, von der Scham keine Spur
    Zwischen Riffeln und Reue, zwischen Schaum und Kontrast,
    Der die Niederungen hebt wie ein stolzes Gebirg. Geklopft wird
    Lange nicht mehr an die Tore des Mumpenzimmers,
    An den Holzstock, der die Friese ersetzt. Die Schwelle,
    Durch Raunen zum Stillstand gebracht,
    Die Gesellschaft in Bewegung erfrorn.
    Könnte doch jemand wie ich durch die Lustwiege schreiten,
    Es wäre mir all meine Gesichter wert.

    Endlich kam ich zu den großen Hallen, die das Verschwinden nicht nur markieren, sondern das Verschwundene auch beinhalten. Man erzählte sich, dass alles, was je verschwunden war, sich hier wieder einfand, in einer der unzähligen Kammern, die so angeordnet waren, dass sie – wie Hilberts Hotel –  in die Unendlichkeit ragten. Nie würde irgendjemand feststellen können, ob keine oder unendlich viele Gegenstände hier versammelt sind, oder gar unendlich mal unendlich viele. Allerdings könnten sich die verschwundenen Dinge verändert haben; was immer sie einmal darstellten, es könnte die Zeit oder der Eigensinn dafür gesorgt haben, daß man sie nicht mehr wiedererkannte. Ein verlorener Knopf, dessen Bestimmung es einst war, eine Strickjacke im Verbund mit anderen Knöpfen auf der Knopfleiste vorne auf der Brust zu verschließen, könnte in diesen großen Hallen zu einem komplexen Türschloß geworden sein, das einen geheimnisvollen Raum vor Zutritten schützt. Seine Aufgabe mag immer noch passiv sein, aber sein Stolz wird ihm auch nur die Erwähnung eines Knopfes in seiner Gegenwart verdrießlich erscheinen lassen, weshalb es völlig unangebracht wäre, den Schließmechanismus nach seiner etwaigen Vergangenheit zu fragen, um den Knopf, den es vielleicht nirgendwo anders mehr zu kaufen gibt, wiederzufinden.  Mehr lesen „Mummenschanz in großen Hallen“

  • Faunlaub & Löwenstöckel

    Es ist Montag, der neunundzwanzigste August. Der Tag, an dem der Turm sich, der sich uns beiden weissagte, durch unser Aufeinandertreffen in Mannheim, den Lüften zu durch Erde brach. Monate, seit Mitte 2015, hatten wir unzählige Worte, so viele lange Briefe aus dem Wasser der Mondin geschöpft. Uns ausgiebig ausgegossen. Oil mit einem Krug. Waterlily mit einem Krug. Aus einer Pfütze entstand ein Rinnsal : aus einem Rinnsal ein Bach : aus einem Bach ein Fluss : aus einem Fluss ein reißender Strom, der unaufhaltsam das Land unter unseren Füßen abtrug, Meer zu werden. Wir strömten uns zu, tasteten bald in allen Elementen nach uns. Wir siezten, duzten, kollidierten und fusionierten … kollidierten wieder, ließen ab, stoben auseinander, hoben wieder an …, wir gaben uns Namen. Nannten unsere Kinder bei den ihren. Sie spielten uns durch (wie wir sie durchspielten), entdeckten und blößten uns. Bangten bis zu diesem Tag:

    Noch früher Morgen, wir telefonieren miteinander, soeben erst aus den Federn gestiegen, fühle ich mich pelzig von dem Zwölfstundendienst, der nun hinter mir liegt. Du hast dich bereits vom Nacken bis zu den Fußknöcheln in dein Weinlaub geworfen (da Kempten, wie du mir erzählst, offenbar eine Stadt ist, die ohne gelbe Hemden auszukommen gedenkt). Ich begleite dich zur Tür hinaus, gen Bahnhof zu gehen, die Tschu Tschu zu nehmen, in der ein Junge sitzen wird, der dich die ganze Fahrt zu mir hin unterhält. Ich springe unter die Dusche, weiß noch nicht, was ich anziehen werde, entscheide mich für mein braunes Wollklaid, packe meinen Rucksack, packe meine Tasche, und noch eine, habe viel zu viel dabei. Schwer beladen in beeschfarbenen Samtpömps, vergesse ich den olfaktorischen Handkuss nicht, tauche meine Finger der rechten Hand noch ins Becken meiner Nymphe und versuche von nun ab als linkshändige Packeselin durchzukommen. Ich stöckele los, mit offener Mähne. Denke an mein Sternbild, dass ich an einem meiner letzten Arbeitstage, vor dem Kuckucksnest gefunden hatte als ich, mit einer Kollegin sprechend, zu Boden blickte, und weiß noch nicht, dass der ausgemachte Handkuss der Umarmung eines Wesens weichen wird, auf das ich keinen Einfluss habe.

  • Unter dem Gras (Die Gesänge der Vril)

    Antwort des Baches

    Wenn aber ich die Erde abwärts streife
    der Kleider lose, nackt und bloß
    mich lege in den Wiesengrund
    da alles in sich Kosmos ist
    erspähe ich ein Wunder
    gebäre ich mich selbst

    auf die Frage

    Was ist zu tun, der Wurzel Tiefe zu begreifen
    der Wurzel Festigkeit zu hören
    der Wurzel Durst allzeit zu stillen

    Ich trample auf den Nerven deiner Ahnen
    Genien und etruskische Todesdämonen
    Menschen tragen Flügel
    dort die Welt weit ist
    dort die Welt versteckt ist

    Wenn etwas aus der Tiefe fragt:

    Was ist das für ein Mund
    der dort hinunterführt?

    Antwortet etwas darüber:

    Der Zivilisationengrund
    ist Armengrab
    Ein offener Mund

    Der hält den Rachen auf
    Der frißt sich durch den Bauch
    Der Erdenkinder Untergang
    Der Menschenfeind im Überschwang
    Danieder speichelt er und frißt
    Es ist der Mund, der niemals küßt

    Aber höre auch dies:
    (Es sind die Gesänge der Vril)


    Siehst du dich in Farben voller Flieder (aus dem Meer der Blüten)
    voller Duft von all den Blumen (die nicht immer Flieder sind)
    die erhoben hoch (so hoch der Grenzen Unwahrscheinlichkeit)
    dort enden wo du lebst? (Doch nur, falls du verstehst)
    Heißt man dich willkommen (denn ein Gast bist du schon längst)
    wo der Tod nur Wächter ist (und wo die Welt findet ihr Ende)
    wenn du längst vergessen bist?
    Es sind Sonnen die nie strahlen (die nie dort sind, wo du warst)

    Hörst du diese Klänge (wie von Tausenden von Chören)
    die dich rufen, dich begleiten (in der Welt, die fremd dir ist)
    Fühlst du, wie der Wind
    der dich berührt (der dich begleitet)
    der dich zähmt (der dich umnachtet)
    weise kreist, geheimnisvoll?

    Jetzt mußt du dich niederlegen
    erregter Mensch

  • Seit wann schaukeln meine Schafe?

    Hat jemand zwischen den Raunächten Wäsche gewaschen und damit ein Los gezogen? Nimm, Herr Wode, das Dorf nicht achtlos links, kehre ein mit dei­nem Totenheer, der hartgerippte Steinboden sei dein Totenacker, sei dein Kältebad auf deiner wilden Jagd, entfesselter Wind, als der Nachtwind star­rend um die Häuser patrouilliert, die schneebedeckten Zweige schüttelt, hier entlang! Hat jemand die Wäsche gewaschen? Die Zweige neigen sich dankbar für jede Regung, die man ihnen antut, damit sie wenigstens ein bisschen Ge­wicht von sich stoßen können, denn lange noch, lange noch müssen sie den Perchtenmantel tragen.

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