Ähnliche Beiträge

  • Der Tanner

    Aus der Borke der Zeit, einer Ewigtanne, schnitzte sich vor vielen vielen Jahren und Abermyriaden von Blüten und Bienenstaaten, die vergingen, ein Herbergsvater. Der Tanner eines Hauses, das stets versank, sobald die Sonne den Mond ablöste. Er tat es mit jenem Messer, das bis dahin fortdauernd den Broten überlassen war, die die Bewohner dieses von Eulen bewachten Hauses, in dem sie das Licht der Welt erblickten, zu ihren Lebzeiten buken, doch niemals von ihnen aßen.

    Er, der Wirt dieser Seelen, die an das Haus gebunden, ihrem Hunger ergeben waren, wie es Vogelküken im Nest der ersten Lichtstrahlen sind, die sie wachläuten, trug sie des Nachts, nachdem er sie durch seinen Mund in sich aufgenommen hatte, durch das Dorf, um Wirbellose für sie zu sammeln. Nacktschnecken und Würmer, die er ihnen in ihre Münder gab, die sich trotz des Schlafes, der sie barg, weit in seinem Holzrücken öffneten. Er selbst aß niemals etwas. Aß nichts außer ihnen. Und er tat es auch nur, sobald sie der Müdigkeit anheimfielen, die sie tagtäglich ereilte. Was an ihren sich langsam schließenden Augen zu bemerken war, die den Möbeln und Wänden übergeben waren.

    So musste er sich beeilen, geschwinde sein, da es bis zum Morgengrauen nicht mehr lange dauern würde und er rechtzeitig mit ihnen wieder im Haus, in der Küche, an selber Stelle sein müsse, um fest und stämmig zu werden. Damit sie in jenem Moment zurück wären, in dem Aurorah an ihm ihren täglichen Platz nehmen würde, auf dass ihre Geister abermals und erneut aus ihren Mündern in seinem Rücken in die Augen des Hauses entweichen könnten, in jene, die sich ihm in seinem Schlaf dann öffnen würden.

  • Lethe

    Geschrieben von A. Anders

    Sie wuschen ihn,
    kleideten ihn ein,
    drapierten seine Arme
    verschränkt auf seinem Brustkorb.

    Sie schlossen ihre Augen
    und legten sich neben ihn,
    um ihn ein Stück
    seines Weges begleiten zu können.

    Nach einer Weile
    waren seine Hände und Füße
    kaum mehr sichtbar,
    sein Gesicht fiel ein
    zu einer dunklen Höhle,
    in die sie sich hinabbeugten
    und Steine fallen ließen,
    um zu hören, wie tief es in ihm ist.

    Doch das könnten sie nur ermessen,
    indem sie sich, mit dem Gesicht
    dem Himmel zugewandt, selbst
    in ihn hineinfallen ließen.

    Sie erinnerten sich,
    dass man ihnen gesagt hatte:
    die Natur gebiert
    auf dem Bauch liegend blind.

    Sie erhoben sich,
    tastend in ihren Gesichtern,

    nicht wissend,
    ob es noch dieselben waren,
    die sie sonst
    in den Spiegeln erblicken konnten.

  • David Cronenbergs Crash

    Crash

    Der Druck auf meine rechte Körperseite, auf diese Extremitäten, die Knochen, die äußeren Flächen. Das Hervortreten der Schulterblätter. Die Unterbindung des Blutflusses der Beine. Das Gras berührt, die Wange den Boden. Das Klaffen der oberen Lippe. Die Beckenschaufel wieder und wieder in Erde bewegt. Die starkschnellen Schläge. Links, unter meiner Brust. Unter den Rippenbögen, die flache Atmung. Die Weite von vorn, von hinten Wärme. Die Haut deiner Hand. Das Blut schmeckt eisern.

    „Maybe the next one. Maybe the next one.“

    (Albera Anders)

    Crash
    ©Jugendfilm Verleih GmbH

    Vom Asphalt, dem großen geregelten Verkehr der einsamen Städter, in den Graben abkommen. Ins Gras. In die Berührung. In ein Detail. Herbeigeführt durch eine willentliche / künstliche Crashsituation. Warum? Um in einen Zustand zurückzufinden, den man noch erinnert, der sich aber offenbar nicht mehr so einfach einstellt. Extremer ausgedrückt: Es passiert einem ja sonst nichts.

    Ist dir etwas passiert? 

    Nein. Leider nicht!

    Das Auto im Graben. Der Mensch: verletzt. Es folgt eine Bestandsaufnahme der wahrgenommenen Verletzungen, bzw. der eigenen vorgefundenen körperlichen Zustandssituation. Ein Zoom, Vereinzelungen, Details. Substantivierungen: Oder wie man im Dunkel(n) einer Werkstatt (s)ein Auto mit einem Handlicht nach potenziellen Schäden absuchen würde. Im schwärzesten Fall werden aus hervortretenden Schulterblättern Flügel.

    Mehr lesen „David Cronenbergs Crash“