Im Busen die Blumen schwellen

Besagtes Wassermalheur in der Küche, das aus einem Zulaufhahn, dem ein Verschlussventil fehlte, als Fontäne nach oben schoss, und als Regen dann niederfiel, den ich an diesem brüllend heißen Tag unerwartet empfing, als die Maklerin im Bad den Haupthahn aufdrehte, war leider noch nicht das Ende der Fahnenstange. Ich sah: Gilbe Türklinken und Fensterrahmen, schnodrig geweißelte Wände, eine Tür, deren Zähne die Bodenfliesen aufreißen, eine unpraktischen Verteilung der Steckdosen. Ich sah mein Gesicht wegrutschen, äußerte: Ich bin geschockt. Das war sie auch. Ständig fiel ihr der Stift herunter. Sie beschwerte sich stante pede beim Hausmeister, der auch gleich kam. Entschuldigte sich mehrfach, hielt im Protokoll fest: der speiende Hahn solle bis morgen repariert sein, und versprach mir eine Wiedergutmachung.

Nuja. Das Bad ist immer noch ansehnlich. Recht groß, mit Badewanne und Waschmaschinenplatz. Der Blick in die Berge nicht zu verachten. Und es ist ruhig. Wirklich sonderbar aber war für mich, dass die Räume, die ich vom Besichtigungstermin mitgenommen habe, irgendwie andere waren. Sie waren mir geräumig, wurden mir im Laufe der Zeit gar weit und weiter. Ich habe sogar aus dem kleinsten Raum – ein Abstellkämmerchen – vor meinem inneren Auge, einen Tanzsaal gemacht. Das gelang mir schon einmal, vor vielen vielen Jahren, in Bergen op Zoom, als ich potselig in meinem Zelt lag, das sich dermaßen ausweitete als hätte es einen ganzen Hofstaat fassen wollen. An Phantasie mangelt es mir offenbar nicht. Nicht verwunderlich, ich vertrage ja auch keine Drogen, bin stets in anderen Sphären. Wer mit mir längere Zeit verbringt, nimmt das wahr. So ist die Entscheidung gefallen, dass der Venusberg eine Herberge meiner alten Möbelstücke wird, die ohnehin sehr raumeinnehmend sind. Ein schwerer weitflächiger Altherrenschreibstisch mit einer Schublade und jeweils einer Tür in den zwei stämmigen Beinen gehört dazu, ebenso ein alter Sessel, als auch mein bestes Stück: ein alter Jugendstilschrank mit ovalem Spiegel, Verzierungen und bunten Glaseinlassungen. Ein Schrank, der einen einlädt, ihn zu atmen, ihn zu begehen. Das wird nun unser gemeinsamer, in dem unsere Garderobe ihr Unwesen treiben kann: wenn im Busen der Kleider die Blumen schwellen … 

Daher kommt er zu uns in den Keselground, in dem wir leiben und leben, wie es wohl kaum jemand anderem aufgrund der Quadratmeterzahl möglich ist. Allein die vielen Pflanzen und ihre Lust üppig zu werden, bezeugen es. Es wirkt auf uns, als fühlten sie sich äußerst wohl, sie kokettieren gar mit ihrer Erscheinung, der sie sich bewusst sind, da sie spüren, dass wir sie wahrnehmen. Fräulein Flamingo Anthurie, noch im zarten Pubertätsalter macht es vor, reckt und streckt sich, gibt alles, was wir ihr geben: in ihren grazilen Wuchs, vor allem aber in ihre wächsernen, knatschroten Phallusblüten. Ihre Babys interessieren sie nicht, sie will einfach nur obszön sein: Schminke! Schminke! Kajal und Lippenstift, ist offenbar ihr einziger Begehr.

Dennoch werden wir den Venusberg gemütlich herrichten. Meine zwei Teppiche werden es leisten. Denn es wird auch Besuch kommen, dem wir somit eigene vier Wände anbieten können. Ansonsten werde ich ihn wohl, habe ich irgendwann mal wieder mehr Zeit, als kleines Künstleratelier nutzen, in dem ich mich am Boden ausbreiten kann, um wieder zu malen. Mit vollem Körpereinsatz, mit Spatel und Spachtel, mit meinen Händen. Das war mir lange nicht möglich.

Wir beide investieren viel Energie. Betreiben Aufwand in allen Bereichen, unsere täglichen Tagespensi sind alles andere als plätschernde. Es ist mir oft, als müssten wir zum Fluss gehen, um uns Wasser zu holen. In den Wald, zum Holzhacken, um es warm zu haben. Das ist natürlich eine Übersetzung. Aber die verwendete Kraft ist oft dieselbe. Wir schleppen, wir laufen, laufen und laufen, zimmern und werkeln. Vergessen dies und das, irren, rennen ineinander, stehen staunend im Bauern herum. Bis einer von uns beiden müde unter der Achsel des Anderen einschläft.

Du bist mein Ort, schriebst du mir, … liest gerade unsere Briefe, gehst durch deinen Zettelkasten.

Deine Chimären sind seit heute nun endlich vollständig ausgedruckt. Es wird Zeit, dass ich wieder über dein Werk schreibe, ich trage es mit mir herum, seit ich damit begonnen habe.

Hitze macht blöde

Heute also Tag des Venusbergs. Die Venus selbst ist kurz vor drei los, um schon mal Vorarbeiten zu leisten, heißt, sich beschlüsseln zu lassen. Die Hitze treibt mir indes schon wieder die Wut hoch, Hitze macht bekanntermaßen blöde. Aber es ist alles noch viel schlimmer, denn der Venus sprotzte das Küchenwasser fontäniert um die Ohren, justamente in dem Moment, wo ich in Keselground verzweifelt und erfolglos nach Illustrierten aus den 70er Jahren fahndete. Tittenmagazine gäbe es zu kaufen, nix aber darüber, was die Gesellschaft dazumal so getrieben hat. Das ist überhaupt das Manko der Geschichtsschreibung, dass sie nur verklausuliert nachzuschlagen ist. Was dagegen ist ein Zeugnis at this point wert? Ich lese da manchmal vom Leben im Mittelalter, fantasiereich und mit allen literarischen Wassern gewaschen, aber wie spielten sich die Szenen zu den Begebnissen ab? Genügen hierzu Wahrscheinlichkeiten? Nie!, man muss sich hinein=kontemplieren, in den Gockel, den Tschukel, den Äpfeldieb. Wie fühlt sich ein Mühlrad an, wenn man aufgekeltert wird? Man träume davon!

Formenspiel

Die Unbekümmertheit, mit der die Jugend ihr Formenspiel beginnt, kommt dem Gefühl für das Unendliche nahe, die Variationen lassen sich beliebig anordnen und ergeben einen Zufall nach dem anderen, aus dem sich das wahre Erleben speist. Jede Auflösung ist ein Zugewinn, eine weitere Sensation. Wenn ich über die Jahrzehnte nachdenke, die hinter mir liegen, kann ich mir nur zu all den provozierten Zufällen beglückwünschen. Trotzdem denke ich an die nicht angenommenen Varietäten, die den Ist/Soll-Faktor derart störten, dass mir nichts anderes übrigblieb, als über die Wahrscheinlichkeiten eines Ergebnisses zu spekulieren. Das Ergebnis ist meist ein Tiefenverständnis, das sich im Absurden äußert.

Alibert

Seit heute Nacht drängt es mich wieder zur Maschine (ich werde zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas zu meiner Schreibmaschinensucht erläutern). Einerseits ist bei mir nicht selten genug die Sprache selbst der Protagonist des Phantastischen, andererseits leide ich dadurch unter der Nivellierung dessen, was man in Deutschland Literatur nennt. Ich habe mein ganzes Leben in den Dienst der Sprache gestellt und mir oft genug die Frage gestellt, ob ich das besser nicht getan hätte. Eine Wahl hatte ich aber nicht.

Vor einem Jahr: 
Die erste Erzählung, die ich jemals verfasste, habe ich nicht aufgeschrieben, weil es eine Erzählung ist, die so oft passiert, im Badezimmer, wenn man die Türchen des Spiegelschranks so stellt, dass man selbst sich bis in die Unendlichkeit hinein vervielfältigt. Aber wem ist in diesem Augenblick schon bewusst, dass dies nicht nur das Prinzip alles Kunst ist, sondern das Rätsel der gesamten Existenz.

Eos

Gestern Abend mit meinem Artikel für die IF-Horrorausgabe fertig geworden. Jetziger Zeichenstand ohne Rotmarker: 24653. Ich freue mich, sie irgendwann in den Händen zu halten. Erlebe das als eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit von Vielen. Wobei ich vor Tobias Reckermann meinen Hut ziehen muss, der, neben eigenen Beiträgen, das Ganze setzt, lektoriert.

Heute Kokkos Kamera eingeweiht, die sie uns vermacht hat. In Schale geworfen und rein in die Brennnesseln. Autorenbilder von dir erstellt. Zuvor aber noch Bilder von dir beim Frühstück gemacht, auf denen du so herzlich lachst. Mit Schokocreme im Mundwinkel. Die lege ich ganz gern neben deine Autorenbilder. 🙂 Da lacht die Koralle. Danach dann Bilder von mir geschossen. Eines für Tobias. Restliche waren Spielereien wie diese:

Gerade eben lange mit dir über die Menschen, die wir geprägt haben, die uns geprägt haben, gesprochen, und wie uns das verändert hat. Wie wir einmal waren und wie wir heute sind.

Auf dem Nebelhorn

Heute Morgen aufgewacht und mich an eine kurze Alptraumsequenz erinnert. Ich träumte mich einer Situation beiwohnend, von der ich den Eindruck hatte, ich solle sie einfach nur sehen. Und was ich sah, war grauenhaft: Menschen vernähten ein Schwein in seiner eigenen Haut, die sie ihm von hinten her ab- und übers Gesicht zogen. Es erstickte in ihr.Um kurz vor Zehn dann mit J. nach Oberstdorf gefahren, um uns mit den Gondeln hinauf auf´s Nebelhorn bringen zu lassen. Schade, dass du nicht auch dabei sein konntest. Zumal ich zum ersten Mal in den Bergen war. Es war großartig. Weder beim Hinauf- noch Herunterfahren musste ich erstaunlicherweise einen Druckausgleich machen. Nachdem wir auf dem Gipfel gespeist hatten, haben wir uns talwärts jede Ebene im Einzelnen vorgenommen. Um dich dann kurz nach 17 Uhr aus dem Haus zu klingeln, um mit dir noch einen Abstecher in die Stadt zu machen. Das hat er sich nicht nehmen lassen. Neugierig war er. Und du warst es auch.

Nun bin ich bergmüde.

P.S. Verzeih mir, dass du den ganzen Tag die Wohnung nicht verlassen konntest und auf der Suche nach deinem Schlüssel warst. Er war in meiner Tasche.

Zementartiger Quarkkuchen

Lesetechnisch bleibe ich weiter bei Ricardo Piglia, „Ins Weiße zielen“ und „Falscher Name“ (letzteres ist mir in der Schweiz abhanden gekommen. Und danach dann den Erzählband „Der Himmel“ von Nona Fernández, deren Kurzroman „Die Toten im trüben Wasser des Mapocho“ mir bereits genau jenes Gefühl verschaffte, auf dem ich in jeder Literatur auf der Suche bin. Weil sich das zeit- und länderspezifisch nicht umreißen lässt (außer in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, da finde und suche ich auch nichts), ist das ein schwieriger Prozess, der nicht durch eine Verschlagwortung abgekürzt werden kann. Von äußerster Wichtigkeit ist das, was Massimo Bontempelli 1927 eine „nouvelle atmosphère“ genannt hat, abgeleitet von einem Denken in Bildern, das kein Verhältnis zur linear geordneten Zeitvorstellung kennt. Gerade in Europa ist das Denken in eine eklatante Katastrophe geraten, mit dem die tiefen Schichten der Wirklichkeit schon lange nicht mehr erfasst werden können.

Obwohl der Tisch, an dem ich schreibe, regelmäßig wie ein Stall abgesprüht und ausgemistet wird, bleibt der kardinale Saustall stets die Konstante. Um 11 der letzte Arzttermin für diesen und nächsten Monat, zur Feier gab es einen zementartigen Quarkkuchen, der die Speiseröhre in einen gut betonierten Abwasserkanal verwandelt.

Neuheiß

nun es also so ist, dass mich die hitze in den raum zwingt, diesen nicht zu verlassen zwingt. Ich kann also das haus nicht verlassen und selbst innen ist es gefährlich, nur minimal bewegen, nur ein buch von hier nach dort tragen, ein luftschrauber im käfig ist an; lese von der hitze 1904 und lese von der hitze im 16ten jahrhundert: aber hat es den sommer über wenig getawet und ist sonsten auch an wasser grosser mangel furgefallen; und jetzt tawet es genausowenig und es gibt auch solche durre und fewersbrunst.

Hardcore-Jazz

Heute Morgen noch einmal beim Orthopäden gewesen. Meine linke Schulter war nun seit Dezember letzten Jahres eben kein Dreh-und Angelpunkt mehr. Nun bessert sich die Sachlage, muss aber, wenn ich wieder völlige Bewegungsfreiheit erlangen möchte, vielleicht in zwei Monaten operiert werden. Ich kann schreiben und lesen; muss ich mich etwa auch bewegen können? Ich arbeite gerade am zweiten Intermeso und an der siebten Abteilung „Wolf aus Erz“ für den Schwarzenhammer-Zyklus. Rose geschnitten, Hornveilchen ebenfalls; morgen werden wir von einem Baugerüst eingekesselt sein, auf denen Hampelmänner dem Haus einen neuen Anstrich verpassen werden. Ich empfange sie mit Hardcore-Jazz.

Vor einem Jahr: 
Wer bist du? Ist für mich eine grundsätzliche Frage. Ich wusste nie, wer du bist, wusstest du je, wer ich bin? Das Unbekannte ist für mich Die Unbekannte. In vielen Augen erkenne ich sie wieder, Augen, die von der Unbekannten benutzt werden. In Gesten sowieso. Aber selbst bei einem Spaziergang den Bach entlang, ist irgendwo ihre Stimme nicht zu hören. Ich vermute selbst, sie sieht mich hier sitzen (mein Arsch klebt vor Hitze auf dem Holzstuhl fest), wie ich in den Kaffee glotze, weil ich mich dort spiegeln kann.