Starte bitte neu und neu und neu und neu

Während des Voranschreitens überhole ich mich meist selbst. Was vor einigen Jahren noch als Traumidee galt, könnte ich jetzt besser machen. Es wäre zum Beispiel kein Problem, den Phantastikon-Podcast so hinzubiegen, dass er meinen gegenwärtigen Vorstellungen entspricht, aber nein, ich schaue mich gleich nach einer neuen Plattform um und will alles von vorne beginnen. Dabei geht es thematisch gar nicht um einen großen Wechsel. Interessante Geschichten sollen es sein, nicht länger als im Schnitt zehn Minuten. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, falsch begonnen zu haben; der Podcast sollte ein Zusatzangebot im Magazin sein, und so ist dieses jetzt ein Gewurstel aus Artikeln und Audiotexten, die ohnehin niemand liest. Und manche dieser Texte sind ja auch scheiße, was die Formulierungen betrifft. Nachzulesen ist das ja auch in manchen Artikeln, die ich hier in der Veranda eingestellt habe. Nur weil ich bereits über 200 Folgen produziert habe, bedeutet das nicht, dass es nur um die Erhöhung der Zahl geht. So eine frische Nummer 1 ist durchaus ein attraktiver Gedanke.

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  • Regen in der Stadt

    Regen in der Stadt, er bringt die Oberflächen zum Glänzen
    (reinigt die Skulpturen menschlicher Behausung)
    der Wetterbericht, der Sturm nicht angekündigt, der sich über Mülleimer hermacht, wie ein zorniges Kind Zweige von den Bäumen der Alleen bricht und die herabstürzenden Tropfen in jeden Winkel wirbelt, wer in den Betten liegt
    – Es geht etwas vor
    wird durch das Trommeln gegen die Fensterscheiben und heruntergelassenen Rolladen dazu ermuntert, sich tiefer in den Schlummer zu begeben, niemand wagt sich um diese Zeit freiwillig nach draußen, sag es mir, wo bist du gewesen
    – Wo gehst du hin
    wenn du dich aus dem Atelier schleichst, wenn du
    (wie ich weiß)
    im Werkzeug wühlst, was uns trennt, was uns noch nicht trennt, die Nacht das Zepter in der Hand, wie es aussieht, wird es einen neuen Tag nicht geben
    -Ein Traum
    wenn es gut geht, läuft es auf ein Unentschieden hinaus, die Sonne brennt ein diffuses Licht in die Schwärze, ohne sich auch nur einmal sehen zu lassen, das Ergebnis ist ein nebelverhangener Schleier, der wie eine Glocke über allem hängt
    (kein Traum, sondern)
    niemand ist da, um die Gestalt in dem knöchellangen Mantel zu beobachten, die dem Wind trotzt, ihre linke Hand faßt den Kragen enger, als würde sie sich selbst würgen, die rechte trägt einen hellen Ballon, torkelnd kommt das Wesen, sich weit nach vorne beugend die Straße entlang, hält im Torbogen kurz inne und müht sich weiter zum Rain, seit 1478 das Festgelände, dort findet es, was es sucht
    – Da geht etwas vor sich und du wirst mir nicht erlauben, was es ist
    (einen Pfahl, an dem noch lose ein paar Drahtreste hängen)
    der Draht ist unwichtig, aber auf dem Pfahl soll das Ding, das der Mann mit sich führt, seinen Platz einnehmen
    – Sei ruhig, sei wieder ruhig
    vereinzelt tropft immer noch Blut aus dem abgeschlagenen Kopf, rinnt durch den Regen begünstigt das Holz hinunter als er aufgespießt wird
    (werden es morgen wissen)
    der Umfang des Pfostens ist wie eigens dafür geschaffen in den abgehackten Hals zu gleiten, kurz betrachtet der Unheimliche sein Werk, nickt
    (und das Haus hat Schaden genommen)
    und schlenderte an der Unteren Mühle vorbei Richtung Rotmoos, wo er verschwindet
    – Es geht etwas vor
    – Was denn
    sei ruhig, es war nur ein Traum, ein Traum, der dich einlud, vor die Türe zu sehen, aber da war nichts
    – Aber es geht etwas vor
    – Aber da ist nichts, nur ein Wetter
    nur das Wetter gegen das Haus, alter grober Wind, was bläst du so stark
    (alter grober Wind)
    wie eine übermütiges Kind

  • Vom Brot

    Da tanzen sie im Rhythmus ihrer Negermusik durch die Küche, als ob sie das Brot höchstselbst erfunden hätten. Dass sie den Sauerteig nicht gleich mit ins Bett nehmen, um sich regelmäßig der nassen Pfütze in ihrer Mitte gewahr zu werden, sollte einer nachts aufwachen und Furcht vor geträumtem Psychoballast bekommen, verwundert mich dann doch bei derartigem Enthusiasmus. Nur weil ihnen mal etwas geglückt zu sein scheint.

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  • Bartholomäus: 4 Dieses Land est Noir

    Alvin Gerard war gerade damit beschäftigt, einen Kunststoffbottich, der einmal ein Rührwerk bekommen sollte, mit seiner Ameise zur Weiterverarbeitung durch das Tor in die Betriebshalle zurückzubefördern, als Roland laut rufend aus dem Waldstück gerannt kam. Eigentlich war der Franzose zuständig für den Karosseriebau der Firma Netzsch Kunststoff. Als ein Monteur von Citroen genoss er hier einige Privilegien, fuhr selbst einen Méhari, der in Deutschland wegen der leicht brennbaren Kunststoffkarosserie eigentlich gar nicht zugelassen werden durfte. Hier bei les boches in den montagnes, die sie nach ihren épinettes, den Fichten benannt hatten (obwohl er kaum welche zu sehen bekam), scherte man sich nicht wirklich um sein Auto, das aussah wie ein Spielzeugjeep. Hier war alles etwas anders, sehr anders. Alvin hatte sich daran gewöhnt, er verdiente schließlich eine Menge Geld hier am Arsch des Universums, und wenn er alle zwei Wochen nach Levallois zurückkam, hatte er seinen Freunden eine Menge zu erzählen. Zum Beispiel von einem monsieur du grenier, dem Schwarzen Mann, an den sie hier wirklich glaubten, und den sie Agilmo oder Agil-up-fer nannten. Genau das rief Roland, gefolgt von seinen hechelnden und wesentlich kleineren Spielgefährten, die ihm kaum nachkamen.

    Mehr lesen „Bartholomäus: 4 Dieses Land est Noir“
  • Schlafmähre

    Dunkle Wasser; die Nacht :
    schnell rast sie an,
    um die Ecke der Häuser gewickelt.

    Ankerplatz. Bis wir endlich
    mit Gewalt auf diese Insel der Träume rückten,
    in den Hafen, den sie Schlaf nennen, einbogen,
    und stiegen bei dem Elfenbeintor an Land.

    Doch jetzt noch Schlaf finden,
    Gespenster in Kellern, ich mit ihnen. „Wo hin? –
    Wo hin?“, der Wind nimmt die Verfolgung auf;
    schlaf, ein Herz, doch vorher richte dir ein Lager! –

    Die Schulter dagegen, diese Tür ist zu;
    eine wird sich finden lassen.
    Schlafmähre, Elfentraum, Couchemar,
    Fell so weiß. die Abendgeräusche.

    Die Vererbung ist ein Speicher für alle Erfolge, die das leben jemals errungen hat. Die Niederlagen werden vergessen. Kein Fehler bleibt im genetischen Code bewahrt. Durch diese Perseveranz lernt die Natur aus ihren Fehlern nicht und wiederholt sie andauernd.

  • Die Wünscheltruhe

    Das kalte Gemäuer hat den Vorteil,
    auch die Helligkeit davon abzuhalten,
    kleine Unebenheiten in jeder Ritze
    ins Rampenlicht zu treten. Auf dem
    Boden steht – ganz plump – eine Truhe.
    Aber sie birgt nur den Wunsch,
    den du in ihr hast. Ein Vorher wird dich
    nicht retten, keine Erfahrung klafft hinter
    dir auf. Das Holz dringt in dich und
    schlägt dir viele Dinge vor – allesamt nutzlos
    und trocken – ein Kamin, der
    nicht nach Asche riecht.

    Es ist nur der Gedanke einer
    langen großen Überfahrt, ein Verschwinden
    und ein beinahe-verschollen-sein.
    Eine reisende Truhe nimmt stets ein wenig
    Luft der alten Welt mit sich, und dadurch
    auch ein Stück unerzählter Geschichten, die
    sich mehr und mehr auflösen – es verdünnisiert
    sie der Trubel, manuell und ohne große
    Maschinenträume.

    Ein weißer Schutz gegen die noch heißeren
    Sommernachtsträume. Es geht wohl überall hin
    mit dieser Barke – ein Drops auf steiler Bahn. Doch
    der Standort verändert sich nicht, er hat den Anspruch
    der Ewigkeit, konserviert durch das Vergessen
    monumentaler Merkwürdigkeiten.