Ehre dem Sinnlosen

Ich müsste aufhören, Podcasts zu machen, aufhören, mich ins Getümmel zu werfen, aber es treibt mich immer weiter, weil die Dinge mich interessieren, von denen ich da spreche. Ich habe keine Gesprächsrunden mit easy talk, ich bemühe mich nicht um Werbepartner, und meine Überschriften sind kein Clickbait. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass mein Zielpublikum nicht aus jenen Idioten besteht, die man damit gewöhnlich angelt. Das trifft ja mehr oder weniger auch auf die Veranda zu. Natürlich ist es absurd, alles rundherum zu verachten, um es dann auf irgendeine Weise doch zu nutzen. Aber es ist eine andere Art. Ich genieße die Sinnlosigkeit hinter allem. Sie ist mein eigentlicher Beweggrund und ihr gebührt mein ganzes Vertrauen.

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    Tag 1. Stille in den Gassen. Früh. Der Sonne Wicht fährt aufwärts. Blick zu den Gesimsen links und rechts aus alter Zeit. Kein Staub tönt die Sicht. Alles blaubehimmelt, als würde es zeitig ein schönes Jahr.

    Im Märzen der Dichter die Blätter einspannt. Er setzt seine Feder durch Tinte in Stand.


    Als Phantast zieht man sich Träume über, sie sehen gut aus unter dem Kragen. (Ich komme nicht problemlos in die Ärmel, mein linker Arm ist noch immer Schrott.). Station vinzenzmurr : alle lebendig. Nicht nur Überreste, sondern eine wirkliche Welt. Meine tiefe Trauer hält an und verwandelt sich in leichtes Gefieder.

  • Wege sind kaum mehr zu finden

    Dorfstraßen sind mächtige Wege; das heißt, sie waren es früher einmal. Heute gibt es nur noch Straßen, Wege aber sind kaum mehr zu finden. Der Unterschied besteht darin, dass Straßen irgendwo hin führen müssen, deshalb bewegt man sich auf ihnen, man will die Strecke schnell bewältigen. Ein Weg hingegen ist zum Flanieren gedacht, nicht allein, um anzukommen. Wo auch sollte man ankommen wollen?

    Früher war alles besser; aber nur, wenn man heute lebt. Fortschritt ist doch nur das Fortschreiten – das sich-entfernen – vom Guten. Vergessen wir dabei nicht, dass ein Gutes kein Paradies ist, kein endgültiger Zustand des Bestmöglichen; das Bestmögliche nämlich meint keine Existenz. Im Leben kann die Grausamkeit nicht ausgeblendet werden, sie kann nur durch etwas Gutes gemildert erscheinen. In anderen Fällen erreichen wir das Gute überhaupt erst jetzt. Dabei gibt es allerdings kein Wir. Wer spricht, ist entscheidend. Früher war alles besser, weil die Illusion noch funktionierte und weil es etwas Natürliches gab – und das Analoge.

  • Unvorhersehbares

    Ich weiß nicht, wann ich den Kurs aus den Augen verloren habe. Natürlich war und ist der Weg auf kein Ziel aus (vielleicht, die Verdammnis abzustreifen), er schlängelt und mäandert (was in etwa dasselbe ist), aber was wäre die Sprache ohne mich? Sie scheint eine Göttin zu sein, nicht nur eine Muse. Dass die Welt aus den Fugen geraten wird, war mir bereits bei meiner Ankunft klar. Es war notwendig, ein Bein hier und ein Bein dort zu haben, aber ich war auf das Ende der Welt nicht gut vorbereitet. Ich kann weitere Zauber folgen lassen, denn sie sind alles, worum sich mein Leben dreht. Es gibt zwei Schreiber in mir: einen, der billig vor sich hin brütet (wie jetzt gerade), und einen, der die Sprache als Treppe nutzt – nicht hinaus, nicht hinab, sondern überallhin. Vielleicht haben mich die Exzesse verlassen; was wollen sie auch von einem alternden Dichter. Wohin ging mein Protagonist, nachdem er Raha erreicht hatte, und vor allem: was ist Raha überhaupt. Natürlich geraten die Sumerer wieder in den Fokus, weil sie schließlich die Wiege unserer Neuzeit sind.

    Die Gedanken sind gut – sie sind wie Wasser und sie müssen vollendetes Chaos sein. Kommen und gehen. Unvorhersehbar.

  • Neuheiß

    nun es also so ist, dass mich die hitze in den raum zwingt, diesen nicht zu verlassen zwingt. Ich kann also das haus nicht verlassen und selbst innen ist es gefährlich, nur minimal bewegen, nur ein buch von hier nach dort tragen, ein luftschrauber im käfig ist an; lese von der hitze 1904 und lese von der hitze im 16ten jahrhundert: aber hat es den sommer über wenig getawet und ist sonsten auch an wasser grosser mangel furgefallen; und jetzt tawet es genausowenig und es gibt auch solche durre und fewersbrunst.

  • Manchmal suche ich etwas in den alten Notaten

    Nur um die Maschine zu wechseln war ich in den Keller hinabgestiegen, aber wie immer, wenn ich in den Katakomben aus Büchern und Notizen krame, nehme ich etwas mit nach oben. Diesmal war es neben der Maschine eine Tüte, in die ich vor langer Zeit an mich gerichtete Briefe und Karten gestopft hatte; außerdem einige Notizbücher aus den 1990er Jahren, vorrangig jene, die meine „Mexikanischen Impressionen“ von 1993 enthielten.

    Sie scheinen mir heute genauso wenig wichtig zu sein wie die Dokumente, die ich während meiner zweiten Europareise 1996 unterwegs verfasste, und doch zieht mich das billige Papier – zumindest ästhetisch – an. Manchmal suche ich etwas in den alten Notaten, etwas, das ich vergessen haben könnte, zum Beispiel den Grund meiner Rastlosigkeit und des Aufbruchs. Aber ich finde meist nur ein längst vergangenes Leben und schlecht geschriebene Phrasen. Mir fällt auf, dass ich vor 2005 zwar viel geschrieben, aber nichts fabriziert hatte, dessen man sich nicht schämen müsste. Immerhin war ich 35 Jahre alt, als ich die ersten Sätze zu Papier brachte, denen ich auch heute noch Gültigkeit zuerkenne, alles was vor meinem Leben in der Schweiz lag, ist nahezu eine Katastrophe.


    Ich lese, um etwas über das Leben herauszufinden (um ehrlich zu sein, ist mir das bis heute nicht gelungen), eine andere Möglichkeit hat sich mir nie erschlossen. Ich hatte das Glück, viele Drogen nehmen zu können, was ein dürftiger Ersatz ist, aber ein Ersatz – einerseits für die Lektüre, andererseits für das Träumen. Heute gelingt mir letzteres auch am Tag und ich benötige keine Drogen mehr. Der Schlaf aber ärgert mich mittlerweile, weil ich in diesem Zustand nicht lesen kann, und an meine Träume erinnere ich mich nicht, weil ich schreibe, was ich schreibe, also einen Ersatz dafür habe. Erst wenn ich etwas aufgeschrieben habe, weiß ich, was ich geträumt hätte.