Renate is fatsching yu

Früher hoben wir alte Zeitungen auf, um das vermaledeite Feuer anzubekommen, wenn die krustigen Zahnstocher partout kein Wölkchen von sich gaben. Oder um auszugleichen, dass wir uns keine Unterwäsche leisten konnten. So eine Schlagzeile über der Mutterbrust sorgte nicht selten für Lacher, wenn man auf Hippie-Partys klein Kurt nach dem milchigen Gesöff schnappen ließ wie ein Bullkarpfen nach der Mücke im Wind. Die Ecken pulten wir dann immer zwischen die Fettfalten, damit ja nichts abrutschte. Auf die Idee, daraus Gedichtchen zu formen wären wir niemals gekommen. Häkeln, Stopfen und Nähen war unser Beruf, liebe Gendertussen – wenn ihr mir diese moderne Höflichkeitsfloskel gestattet! Hatten wir keine Wolle, trennten wir eben alles wieder auf. Heute eine Socke, morgen ein Pullover, übermorgen Handschuhe. Dem gedruckten Zeug einen Hauch altertümlicher Handarbeit zu verpassen, erfreut mein in die Jahre gekommenes Kümmerherz so sehr, dass ich mir gleich einen Dornkat erlauben werde, um mein Glück ja niemanden spüren lassen zu müssen. Denkt immer daran, liebe Dichterlein: Renate is fatsching yu!

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  • Nebelsirene unter Wasser


    Lüge und Manipulation, das sind die Stoffe, aus denen wir die Welt gemacht haben, quasi der Stoff aus dem die Träume nicht sind. Kaum hat Zarias die Augen aufgeschlagen, denkt er wieder an die Veranda. Das kommt in den letzten Tagen wieder häufiger vor. Hat er wirklich daran gedacht, das ganze sei überstanden? Manche Erinnerungen machen einfach für unbestimmte Zeit Urlaub, hängen ihr Tagwerk für unbestimmte Zeit an den Psycho-Nagel und gehen surfen, vielleicht liegen sie in Cancún am Strand, um neue Kraft bei einem Mexican Colada zu sammeln (oder um weiteren Anlauf zu nehmen), aber sie kamen immer wieder zurück. Es gab nichts Verläßlicheres als eine eingesperrte Obsession. Kurz nach der Ankunft seines Bewußtseins im heutigen Tag, hat er das Gefühl, die Träume ziehen weiter, auch wenn er sie nicht mehr mitmachen kann, zu vergleichen mit dem Leben, aus dem man herausstirbt. Die Träume – das Jenseits? Levke hätte das gewußt. Auch an ihn muß er wieder häufiger denken, aber noch nie ist ihm das direkt nach dem Aufwachen passiert, mehr am Abend, an dem sich stets eine philosophische Stimmung breitmacht, der Herbst des Tages. Vielleicht deshalb. Wenn etwas vergeht, schießt Schwarze Galle in den Bauchraum, verbindet sich mit Dung, Schleim und fermentierten Bazillen und schickt das ganze Gemisch ins Oberstübchen, um Melancholia auszulösen, eine Nebelsirene unter Wasser, ein nicht-ortbares Rufen aus einer geisterhaften Ferne. Zarias erhebt sich, aber wach ist er eigentlich nicht. Normalerweise gönnt er sich das Viertelstündchen (nichts ist so trüb in die Nacht gestellt / der Morgen leicht macht’s wieder gut), bevor er in die Möglichkeit vorstößt, die ihm ein neuer Tag anbietet, aber heute kann er nicht mehr richtig liegen. Die Stellungen sind abgenutzt: Bauch, Rücken, Embryo. Komm jetzt, du Faulfleck! Es ist schönstes Wetter! Aber auch wenn es nicht so wäre, das Liegen sollte den nächsten Schritt täglicher Entwicklung tun und zumindest zu einem Sitzen werden.

  • Kenorland

    Träne um Träne, eingeteilt in große und dicke und zarte Wasserperlen. Man nannte sie Namen wie Elfuhrdreißigtränen oder auch Vierzehnuhrtränen, Abendtränen, Nachttränen. Schmachtende Wasserfälle waren das, die infantile Verwandlung eines einfachen Kissens in ein zu huldigendes Herz. Hingebeugt in den Herd der Unruhe: gutes Kind, hast nie vergessen, wie man den Wahnsinn kultiviert. Ich aber gleite weiter, ich bin bereits nicht mehr einzuholen. Niemand, der ein Wort an mich richtet, da draußen ist keine Welt, wir alle sind Gespenster.
    Es überlebt kein Wetterfrosch, wenn Asche niederfällt; die Nüstern der Stuten wittern das Feuer, das nicht mehr existiert. Filigran der Beischlaf heute Nacht, das geöffnete Fenster. Ich blicke hinaus, der Unsterblichkeit ins Gesicht. Ist aber der Mythos voller ewig gültiger Wahrheit, bleiben unsere Aussagen Hypothesen, die sich ständig erneut vor der Empirie zu bewähren haben, doch der Mythos (im Gegensatz zu den sich ständig verändernden Aussagen der Wissenschaft) hat nichts von seiner Kraft eingebüßt, seine Motive sind konservierend und nicht expansiv. Unter den Gehörnten will ich speicheln wie ein Gott. Da draußen ist keine Welt, wir sehen die Gespenster der Gaslaternen, der Strommasten, der Kraftwerke, der Windmühlen. Wir sehen einen Stall, in dem abgetragene Schuhe stehen. Auf die Tische, ihr barocken Engel! In unserem Herzen lebt ein Wurm; wir kaufen ihm die Trauben ab. Vor unseren Türen tobt ein Sturm, es gehen Schatten auf und ab und über das gespreizte Feld von Annas Flügel fegt ein wolkenreicher Himmel. Die Asche ist kühl, das Porzellan hat Flecke. Komm, setz’ dich! Komm, setz’ dich ins kalte Neon, ins geflutete Tal!
    Wir ließen Berge schwimmen.
    Die Schattenrose blüht.
    »Sie sind doch noch ganz Ohr?«
    Ich bestehe aus nichts anderem.
    Die festliche Umrandung nur gehauchter Worte, das Brausen des Ozeans, Mirovia um Kenorland, gischtende Syntax, Bilder im semantischen Kreislauf, Autopoiesis. Siehe : ich schmettere felswärts, reinige mich der Lieder, sehe mir Bilder von ihr an, den Stuhl, auf dem sie saß.
    Dinge verwandeln sich stetig vollständig mit ihrer ganzen Form aus dem Haus ging ich, um eine Salatgurke zu kaufen, unterwegs dachte ich daran, noch Orangensaft dazuzupacken aus dem Orangensaft wurde ein Fass Wein, aus der Salatgurke Toast und Ananas und Schinken und Käse und man kann es auch nicht ändern, die Gegenstände zerfließen förmlich.

  • Pupillenängste

    Glotzende Gesichter. Pupillenängste; eine lachende Taube in einer nichtbeleuchteten Gasse; die Stille hat ein Gesicht, zeigt sich im kalten Stein, poliert, erinnert an die Vergänglichkeit. Unkraut umrankt eine Oase des Friedens, Verlassenheit lehnt sich aus einem dunklen Fenster. Die Tür ist schwer zu öffnen, es riecht nach gar nichts. Bilder vergangener Tage ziehen gleichmütig vorbei, kein Vogel pfeift : niemals; kein Blatt fällt: jemals. Irgendwann muss man eines Tages Tagwerk beginnen. Aufgeblasene Scham, pumpende Energie, wie ein Schiff, senkrecht angeordnete Zylinder, Schaufelräder gegen Wind und Flut. Wo wohnst du? Bei der Nachbarin im Bett. Stinkende Straßen, kalte Keller : dreh dich doch einfach mal um!
    Ich rittere nach dem Gral, folge den Zeichen, plane nichts. Die Pfütze, die sich nach einem Tritt nicht leert, der Fuß, der darin verschwindet (die Wasserflut schwappt über den Schuh hinweg, rankt das Bein hinauf). Da ist ein Loch, ein verrücktes Loch (im Universum). Diese Löcher; wie wäre es mit uns? Abgetaucht, die Atemluft wird knapp, die See; sieht das denn niemand? Die See auf langer Wanderschaft. Sieht das denn niemand: da ertrinkt doch einer!
    Die Sehkraft schwindet, aber der Wald ist da, durch den das Frühjahr gerade gezogen kommt. Obskurer Wechsel der Ortschaft, da blättert es, dort grünt es, Blick in das schlanke Rauschen (auch Tanzen der Zweige); beschlagene Räder, Deichsel der Zeit. Jemand macht sich auf, dem Geräusch entgegenzugehen. Unsere Welt, das ist eine Welt der Wahrnehmung; ändern wir die Wahrnehmung, ändern wir die Welt. Kommt mir bekannt vor, so dreckig hier unten.
    »Sie zogen mich durch den Schweinepfuhl!« (Du erfindest dir Geschichten.)
    Ich erinnere mich an die Speisen vor hundert Jahren, ich erinnere mich an dich und an die Bibliothek : jedes Buch hatte Flügel, aber keine Seiten. Alle Bücher schreiben sich selbst.
    Sie kamen am hellichten Tag, wir bohrten Früchte aus dem Acker, der wenig hergab in diesem Jahr. Was übrigblieb (die Vogelscheuchen fielen um, so fragil erbaut), verschlangen die kehlenden Krähen, wie Totenvögel sahen sie aus, rissen den Strohkopf von deinem Leib. Mit der Axt wollten wir die Ernte retten, die Vögel klagten.

  • Erste Erwähnung des vielgereisten Mantels

    Einmal war hier alles voller Kartoffelkäfer. Die ganze Straße über Nacht ein Exodus der Insekten, aber es war nur einmal so. Geschehnisse sind nur einmal, sind nur einmal auf eine ganz bestimmte Weise; jedes weitere Mal sind sie anders, wiederkehrend. Aber um wiederkehrend zu sein, müssen sie einmal etwas Besonderes meinen, unbedeutend, was sie sind, wenn man ihnen nur Aufmerksamkeit schenkt. Überall krabbelten die Tierchen, knackten unter den Plastikrädern, aber immer wieder brandeten neue heran und der Spielzeuglaster knirschte wie auf Sand, es regnete sogar. Es regnete Sommertropfen, die sehr dick waren, man konnte sie trinken, aber die Kartoffelkäfer ertranken nicht, sie blieben von der gleichen Zahl. Das Geschäft im Schloss würde schließen, man bräuchte Stelzen, aber dann könnte man die braunen Papiertüten mit dem Einkauf nicht mehr transportieren, weil beide Hände in Betrieb wären.
    Das Geschäft schloss.
    Das Geschäft hatte geschlossen, als der Plastiklaster vorgefahren kam. Der Fahrer dachte Jahrzehnte später : Wenn wir also sprechen vom Engel, der ein Falter ist, wenn wir Abraum produzieren, industriell, gefangene Motten in alter Wolle, Knopflochvagabunden, ein Mantel vielgereist, Staub, der nicht mehr herauszuwaschen ist, wenn wir also sprechen vom Engel, der ein Falter ist, ein durcheinandergeratenes, giftiges Räupchen, dann sprechen wir von der Unmöglichkeit der Interpretation, die eine Wahrnehmung der Fülle übriglässt (Kartoffelkäfer, die nicht weniger werden).
    Als das Geschäft wieder öffnete, hatten schon manche Stelzen gebaut. Die Tageszeitungen waren etwas älter als gedacht.

  • Der Trompeter

    : durch Dornenfelder, hinter Wänden des Schlafs gelegen :

    kollabierende Zeitsphären, flügelzerschnittene Luft, in
    einer Grube der Impressionen, Miasma aus Staub, Quirl
    hochschießender Sphären, durch Dornenfelder, Flügelschlag
    mit Weltenklang
    (wie frei die Täler)
    nebelrein &
    alles ist als Spiel erdacht & wo
    ich meine Kerze trage, pustet man sie aus.

    Die Geister des Hauses
    ziehen sich auf die Höhe ihrer Erinnerung zurück, der
    schlechtgelaunte Ton der Stufen jammert durch das Lebe
    Wesen, das Wände hat, dass wir kommen, dass wir quietschen.

    Man wüsste es spätestens jetzt : Räume entstehen, radieren
    die Wirklichkeit hinfort, vor dem Haus tut die Welt so, als
    hätte sie das, was von den Wänden ummantelt wird, nicht verloren,

    als gäbe es noch einen Platz dazwischen, der ausreicht, dem
    Haus nicht zu nahe zu kommen. Alles ist Klang, ein Ton, doch war
    davor ein Rhythmus. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass
    die Trompeten trompten
    (denn trompeten kann nur der Trompeter)
  • Kostüm der Felsformation

    Die fürchterliche Trauer über ein vergangenes
    Tonikum erstrahlt so viele Schritte weit im Westen;
    die Fesseln tragen die Schuld an der vorübergehenden
    Bewegungslosigkeit, die so gar nicht beabsichtigt war.
    Jemand nennt das Spektakel beim Namen, weiß
    aber den genauen Wortlaut nicht mehr, so dass sich
    ein zufälliger Reim ergibt, der alles geändert hätte,
    befänden wir uns auch nur ein Stäubchen weiter links.

    Am Kostüm der Felsformation ändert sich nichts. Die
    Mineralien treiben nahtlos wie am ersten Tag, und nur die
    Höhlen, die wir im Dunst nicht erkennen, haben die
    Kommunikation bereits eingestellt. Es wäre zumindest denkbar,
    einen weiteren Schritt zu tun, ohne Schirm, ohne Schranken.
    Ich sehe den Schlund noch vor mir, aber bäte man mich
    um eine zuverlässige Beschreibung, würde ich lügen.
    An diese sonderbare Aussicht wird man sich gewöhnen müssen.