Und sie tanzten einen Tango

K. rümpfte die Nase, als er sah.
Vorher hatte er gut zu tun gehabt, aber sein Nasenwerk hielt die Balance. Niemand sollte ihn je von der Seite sehen müssen.
Ein frontales Gemetzel war ein Ereignis. Und oftmals gingen die Lieder aus und konnten kaum von den Umstehenden nachgefüllt werden.
Der Tanz der Säbel etwa. Da schnitten sich manchmal welche in mehrere Teile
und die Teile, die dann tanzten, waren schon längst in einer anderen Dimension zuhause.
Die Erde lechzte nach etwas verdorbenen Brei, in dem das Blut ein Stelldichein mit dem Sonnenlicht hatte.
Und sie tanzten einen Tango. Die Töpfe rasselten eine Habanera.

Dunkelheit der Seele

Als ich anfing, ist’s (dann doch) ein Köter geworden. Aber Mary hatte einen Zahn. Die Wiese ging nur bis zum Baum und verschwand in dem ein oder anderen Garten, schließlich waren wir alle nicht besonders rücksichtsvoll und wollten gemeinsam die Alte Mutter ausgraben, die hier irgendwo liegen sollte. Ich grub zuerst (und es ist – dann doch) ein Köter geworden, den ich fand. Knochig und gelöst von Würmern und Dingen, die so bizarre Namen trugen wie Triosephosphatisomerase.

Er kam mit mageren Lenden, magerem Beinwerk, gar keine Macken außer seinen zuckersaugenden Lippen (wenn er denn Zucker fand, zu einem Würfel zusammengehauft). Die Rippen eher die Adern eines Blattes, Spanten eines versunkenen Schiffes : so schritt er den Gurtbogen entlang des Tonnengewölbes, kratzte sich die Kehle frei und schmetterte wie ein Bügelhorn : Jetzt bin ich so weit gekommen, und wenn ich mich umdrehe, erkenne ich die Hand vor lauter Augen nicht mehr, so nebelicht scheint mir der Weg, versponnen mit der Dunkelheit der Seele!

Kischote

Deine Mühlen werden besser beschienen, Kischote, wenn du dich von Mittag her näherst. Dann werden die Lupinen von deinen Taten zeugen und die Brunnen werden Heimweh haben. Dann wird sich die Erde erheben und die Berge werden dem Gesang lauschen, der hinter einem einsamen Duschvorhang erklingt. Auf einem geschnitzten Abfallhaufen landet deine Lanze, Kischote, wenn du dich vom Abend her näherst, auf einem nur gemalten Gaul, die Rotoren, von Mückenflug und Atemfluch getrieben, zermalmen den Zehnten, den Müller gleich mit, und seine Schürze hängt noch da, wenn du dich vom Morgen her näherst, der Mühle den Hintern zu versohlen, mit Rost und Federhelm und reichlich Irrglauben. Du wirst mit deinen Mühlen besser beschienen, Kischote, wenn du dich von Mittag her näherst.

Eigentlich nach Norden

Um schließlich in den Bau zu gelangen, sollten noch einige Enten gescholten werden. Sie waren durch ein Gatter entkommen, das hinter alten Fassaden stand und dort auf uns wartete, kaum wahrnehmbar an einer Grenze zwischen Nebel und Dunkelheit.

Weil es Winter wurde, packten wir unsere Kaleidoskope aus, damit wir die Kälte aus einer anderen Perspektive wahrnehmen konnten, doch sie waren zu dieser Zeit nicht besonders zuverlässig, weshalb wir uns um Alternativen bemühten, die wir hinter Schornsteinen fanden. Mal waren sie da, mal waren sie absichtlich absent, indem sie sich versteckten, um uns zu zeigen, dass sie sich bereits nach Norden aufgemacht hatte.

Kalibrierte Nettigkeiten

Nichts an uns war maßgeschneidert, die Lumpen besaßen ihr Eigenleben. So
kam es vor, dass sich die Nahten selbständig machten, wenn sie an Ort
und Stelle gebraucht wurden, um jene Teile zusammenzuhalten, die ebenfalls
entschlossen waren, eine ganz andere Party zu feiern. Niemand kümmerte
sich in jenen Tagen um die Reste der Nacht, die auf den Fensterbrettern lagen
und bereits damit begannen, sich in den Urmorast zu verwandeln. Es wäre ein
seltsamer Anblick gewesen, verkleinerte Darstellungen geschuppter Reptilien
über den Teppich laufen zu sehen, denn es spukte ohnehin in all den Köpfen.
Es wäre durchaus möglich gewesen, verschiedene Tassen umzudrehen, um Eindringlinge davon abzuhalten ihren Tee daraus zu trinken, aber wir fanden die Schlüssel nicht, die eine andere Welt aufsperrten, also beließen wir es bei der bloßen Hoffnung, es möge etwas geschehen, das mit uns rein gar nichts zu tun hatte.

Mahlmaschinen

Was kann man in einer derart dämonischen Zeit, in der alle Tore der Hölle sperrangelweit aufstehen, noch tun, um sich zu retten? Vertrieben aus der Stille des Nichtverstehens, in den Lärm der Mahlmaschinen geschickt, die gar nicht mehr aussenden, verstanden werden zu können. Der umnachtete Geist ist der umlärmte Geist, der unauslösbar an den Ketten des Geschehens festgemacht. Jeder einzelne Augenblick ist voller schäbigem Glanz und es umgeben uns die Zotteln gleichgültiger Auswüchse, die wie künstliche Wisente von oben auf uns herabbrunsen.

Die Spindel in den Brunnen

Kam dann an einer stillen Ecke an, 
gesäumt von Kleidungsstücken,
Wollgarn schwarz, die um eine
brennende Tonne hockten. Aus den
offenstehenden Fenster drang Rauch,
die Haustüren ausgehängt, die Straße
leblos, mit Ruß beschmiert.

Wir verbrennen, was wir finden, wir
wärmen, was wir wärmen können. Die Nächte
sind kühl, aber dunkel. Nicht auszudenken,
wenn uns die Sonne schiene, besser ist es,
jeder schläft. Pfützenschnaps
erklärt dir alles Weitere. Die Spindel
in den Brunnen dort, dann bekommst du
deine Freiheit.

Aus den offenstehenden Fenstern
drang jetzt lauter Atem, die Haustüren
erwiesen sich als flachgewalzte R,
die Straße leblos, mit Rost geschmückt.
Die Spindel in den Brunnen dort, dann bekommst du
deine Kleider, du selbst musst dann entkernen dich,
den Körper unter Kannibalen teilen.

Die unheimlichen Vergnügungen der Architektur

Unter den Fundamenten reibt sich die Erde auf, verdichtet sich zu fremden Stein, der in Jahren ohne Sommer an die Oberfläche drängt. Die Erdeschütterungen auf ihrem Zenit haben die Gebäude gebrandmarkt, das Erkennen in den Erkern, die auf einen nutzlosen Garten spucken. Wo man wollte sah man Saat, die aufging und sich neu verstecken musste, weil eine neue Straße über die Hügel gezogen wurde. Die Menschen sind dem Unsinn so nahe wie die Gerüche aus den früheren Ställen, in denen jetzt Küchen betrieben werden. Auch wenn die Besucher in der Regel ausbleiben, möchte man vorher noch ins Bad eilen, einen Mantel anziehen – der kurze Blick in den Spiegel zeigt nichts Überraschendes – die Zähne mit den Fingern befeuchten und hinaus eilen, um das Defilieren zu beobachten. Könnte man etwas davon abbekommen, stünde man erst gar nicht hier. Ein bitterer Walzer ertönt und es ist unklar, in welchem Takt er enden wird, das Tanzbein steht still, man ist nur für die Pirouette zuständig, die lässig beginnt, dann aber das schnelle Rotieren der Achse nutzt, um sich in die Erde zu graben. Die große Freude bleibt aus, aber ein Schild, das vorher auf der Rückbank eines Pritschenwagens schlief, wird dort aufgestellt, wo es garantiert niemand sieht. Man kann seine eigene Schrift nicht mehr lesen, aber wer wüsste darüber besser Bescheid als der Fahrer, der immer nur geradeaus fahren will. Führte das nicht unweigerlich in die Stille wäre es nachgerade ein Wunder.

Wollten wir uns lossagen von der Freiheit, belogen auf Balkonen existieren, ihr Hauptgrund in der Luft, zu manchen Stunden Garten, dann käme das dem Frevel gleich, uns nicht von Antlitz zu Antlitz gegenübertreten zu wollen, ein Bedenken, das in keiner Maschine haust. Die vielen Hinweise, die unsere Hände erschaffen, führen durchaus in luftige Höhen – und das Panorama kann genauso zugeschaltet wie auch andere Farben ausgewählt werden, nur ist dann ein Filter erforderlich, der wie Essig schmeckt. Verlassen wir die Stadt, erkennen wir die wirkliche Rundung unserer aufgetakelten Erde, die mühsam versucht, uns in ihre Kimme zu schütteln, Flöhe, die am Rand des Sumpfes ihren Zirkus gründen und sich dabei die falschen Fragen stellen: Wohin führt?, Wie funktioniert?, Warum habe ich? Es kann der Nebel kaum gelassener an uns vorüber ziehen, sein Innerstes ist sicher. Sicher.

Die ganze Nacht polterte das Kettengespinst auf den ausgedehnten Treppenstufen, ging auf, flog mit Stufenberührung ab, harrte – ob sich etwas außer ihm bewegte – (Atem wie ein Unimogmotor bei Seilwinde in Betrieb) – und begann von vorne bei einer violetten Stunde. Es wollte eine Ruhe nicht ohne sein Gesäß an einer Tafel, die ausgeschmückt zur winterlichen Zeit mit Kuchen um Kuchen aus der Küche schellte. Da dies nicht infrage kam, besann es sich auf seine Nachttöpfe – in der richtigen Reihenfolge aufgestellt ergaben sie die Skyline einer Blechstadt, in der die Fassaden die einzigen Fluchten waren, die es sich entlangzuflanieren lohnte. So einen schönen Glühbirnenaufgang am Abend, eingewickelte Bonbons in den Backentaschen, Rotz am Ärmel, die Gemeinheiten einer Schlagzeile in den vorgeblichen Schaufenstern einer Besserungsanstalt: Herr Mutter erschlägt Frau Vater; da überkam den Flaneur der eigene Brechreiz von oben, der sich rotmeerisch spreizte, um die Ziehwägen zu locken und mit Brocken dann – die Geschichte ist ein Kreis – in den Schlampampel zu stoßen. Die lautere Absicht zu leugnen hieße, alles zu leugnen. Alles zu leugnen wiederum beträfe auch den eigenen Schlaf zwischen den Scharten ausgewählter Zinnen.
Aber ja, wir sind in die Köpfe eingedrungen, wir fanden die Klamotten unserer Vorgänger unter den schwarzen Trauben, ihrer Kultur längst beraubt. Dennoch warten sie geduldig auf die Pflücker, die eines Tages fratzenhaft aus dem Gebüsch schreiten, schief, aus Gründen eines Opfers für Chac Mool, das erwartungsvoll in seiner besten Schale zu begaffen ist. Und sie harren dem Ende der Zeit. Und er liegt und harrt dem Neubeginn. Die steinerne Finsternis verheißt ein Leben in Ewigkeit, in den Erinnerungen, in den unbedachten Gedanken, die abschmieren wie ein Seifenkahn. Die gestiefelte Keramikschüssel, aller Dämpfe beraubt, allem Unglück ein Zeuge. Woher stammst du, Jungfernrebe? So wild schüttelst du deine Gifte und stolzierst rankend hinauf zu den erschütterten Vulkanen, zu den Schakalen, die mich stolz bewachen.

Die so entstandenen Wyrmfelder erzeugen Räume, in die man Dinge stellen kann, die dann verschwinden, denn wo es 1 Ding gibt, muss es auch 1 Ding nicht geben, vorzugsweise dasselbe – Ding – die Taschen sind gepackt, von oben nach unten, unter dem Henkel die Adresse: Flatiron Building. Erstaunlich, wie sich die Wäsche in die Löcher faltet, aus denen Lorbeerstrünke (Kugeln Kegeln Säulen) ragen. Nun muss der Geist aus den Flaschen entlassen werden, auf Holzfasern verzichtet die Chronik an dieser Stelle, das Pochen wird substanzlos, der Takt aber bleibt. Ich selbst konnte nicht sehen, wo sich die Zeit verbarg (die erste Ernte wurde an Menschen verschenkt, die keine eigenen Felder besaßen). Gewitterwolken zogen vorbei und nahmen die Gäste mit, die in Reihe auf der Terrasse standen. Jetzt konnten die Gepäckstücke sich durchsetzen, ihre lange Nacht begann wie verabredet.

Die Schwärze ist ohne Klang und sie ist allein; allein ist auch das Nichts, das kein Lebewesen denken kann. Möglicherweise ist es der Wille, der die Münder öffnet; der Rachen, der in die nicht vorhandene Schwärze führt, ohne Klang und allein, der sie durchdringt, ohne Klang und allein; der Wille, der neben der Schwärze haust, der neben dem Nichts zwar nicht existiert, aber will; vielleicht ist er es, der die Münder öffnet, die in dieser Stille auftauchen – und ihr Name ist Legion – die dann die Welt ins Dasein singen, zunächst allein, doch nicht ohne Klang, die Schwärze nicht mehr allein, nicht ohne Klang. Und vielleicht ist es der Wille, der die Münder öffnet, vielleicht ist es der Klang, der sich Münder in die Schwärze denkt, die dann singen, wie es war, so ohne Klang und allein, wie es war, so nicht zu sein, und wie der Wille ihre Lippen schuf; und Schwärze, die nun Rachen kennt.