Castrum Montségur 1 (Die Ankunft des Heeres)

Vorläufiger Eingangstext; das ganze erste Kapitel der Erzählung in progress.

I. Die Ankunft des Heeres

In dieser Nacht würde das Leben sie verlassen. Es würde ihnen aus den Höhlen ihrer Brust gerissen werden, und ihre Gärten, die sie so liebevoll gepflegt hatten, würden zertrampelt und mit ihrem Blut getränkt die Ewigkeit hinter sich lassen müssen. Vor dem hoch aufragenden Kalkkegel stand das entschlossene Heer der Inquisitoren und brüllte Forderungen in die schwankende Luft, die den Montségur nicht erreichen konnten, gepaart mit Lügen, die aus ihren Mündern tropften und glühten wie das Feuer selbst, das sich auch in ihren Augen spiegelte und das sie ihre Fußtruppen bereits mit reichlich Holz vorbereiten ließen. Die Katharer sollten brennen! Ihre Häresie sollte ausgelöscht werden wie ein falsches Wort aus einem heiligen Manuskript.

Eudes de Tarascon, ein weltlicher Schreiber zwischen Askese, Kunstfertigkeit und geistiger Verantwortung im Dienste des Bischofs der Katharer Guilhabert de Castres, stand auf den Zinnen und beobachtete das heranziehende Heer. Noch war er nicht panisch, aber etwas beunruhigt. Es gab Vorkehrungen, die einer Belagerung standhalten würden und das für eine lange Zeit. Er war vor drei Jahren aus dem äußerst sumpfigen Arles, wo er Pergamente für das Haus Barcelona kopierte, nach Montségur gekommen, auf der Flucht vor Fragen, die er sich selbst gestellt hatte – Fragen über die Natur der Wirklichkeit, über das, was hinter den Schleiern der wahrnehmbaren Welt lauerte. Die Katharer hatten Antworten versprochen, die den Dominikanern ein Dorn im Auge waren. Er aber war interessiert an der Sache der Albingenser, aber statt einer Antwort hatten sich ihm nur tiefere, verstörendere Fragen aufgedrängt.

Niemand entkam den Händen der Inquisition, die, einmal der Folter verfallen, sich für immer an den Qualen der zerbrechenden Körper ergötzte und ihre ganze Aufmerksamkeit und ihr Leben den Strömen des Blutes und dem Gesang des Todes widmete. Die Folterknechte hatten ihre eigene Sprache entwickelt, eine Grammatik des Schmerzes, eine Syntax aus blanken Schreien. Eudes hatte davon reichlich gehört – von jenen, die aus den Kerkern der Inquisition entkommen waren, obwohl im nicht klar war, wie das hatte möglich sein können; ihre Körper gebrochen, ihre Geister in Stücke gerissen.

Die Furcht hatte sich schon wie ein Schatten über die Burg gelegt, da war das Trampeln der teuflischen Hufe, der Rhythmus des Verderbens noch nicht zu hören gewesen. Ein Schatten ging um. Er kannte bereits aus Arles die Geschichten von Schatten ohne Körper, die von Nachtwächtern gesehen worden waren, aber es gab überall im Süden Frankreichs Predigtsammlungen, die ausdrücklich von Schatten sprachen, die um Klöster herum schlichen und ihrer Natur gemäß durch Wände gehen konnten.

Er kam zwar angeblich in warnender Absicht als Vorbote der Nacht, blieb aber wohl in Montségur, um seine Legende zu bewahren. Er materialisierte sich stets zwischen den Zinnen und wies in die weite Ebene des Tales, kaum als menschliche Form auszumachen. Eudes hatte ihn zum ersten Mal vor zwei Wochen bemerkt, in jener Nacht, als der letzte Perfecti vom Blut des Grals getrunken hatte und nicht mehr als Mensch zurückgekehrt war.

Die Unruhe wuchs schon allein deshalb, weil niemand zu ergründen vermochte, was der Schatten von den Menschen wollte, die hier ihrer täglichen Arbeit nachgingen und sich von allem irdischen Treiben außer ihrem eigenen fernhielten. Sie waren Katharer – Reine, wie sie sich nannten – und versuchten mit ihren Perfecti eine Brücke ins Jenseits zu schlagen, das nichts mit einem christlichen Jenseits oder dem Himmel der Katholiken zu tun hatte. Sondern dorthin, wo die alten Götter wohnten, dunkle brütende Wesen, die existierten, bevor die Kirche ihren einzigen Gott mit Feuer und Schwert durchsetzte.

Sie suchten den Übergang schon sehr lange, seit Generationen trugen sie ein geheimes Wissen wie die Last schwerer Knochen mit sich. Das Wissen war aus dem Osten gekommen, mit den Kreuzfahrern, aber es war älter als das Christentum, älter als Babylon, älter vielleicht als die Menschheit selbst, die sich an ihre Anfänge nicht erinnert und deshalb ein Possenspiel daraus machte. Ein Gelehrter namens Kyot der Provence hatte in Toledo in arabischen oder heidnischen Schriften vom Gral gelesen, machte sich auf nach Akkon und entwendete ihn aus einer Bibliothek unter der Stadt, wo die Texte in einer Sprache geschrieben waren, die niemand mehr sprach und auf die sich die Tempelritter mehr konzentrierten als auf eine einfache Schale. Aber die fragmentarischen und hastig ausgeführten Bilder verstand man auch ohne Worte. Zyklopische Städte, die so, wie sie gezeichnet waren, nicht von Menschen erbaut worden sein konnten. Wesen mit tausend Formen, die spukafter Phantasterei zuzuschreiben waren. Und Namen, die angeblich die Zunge verbrannten, wenn man sie aussprach und keine Vorkehrungen getroffen hatte.

Eudes vermutete, dass der Bischof genau deshalb nach ihm geschickt hatte. Die magische Schale füllte sich manchmal tatsächlich aus unbekannten Gründen und zu noch weniger durchsichtigen Zeiten mit Blut, das allerdings nicht menschlich sein konnte. Eudes hatte es untersuchen dürfen unter dem flackernden Licht einer Kerze, mit den bescheidenen Kenntnissen, die er von einem arabischen Arzt gelernt hatte, was nicht viel wahr. Aber er erkannte, dass es in einem dunklen Blau schimmerte und dabei dicker war als das Blut bekannter Geschöpfe. Es schien ihm nicht wie das Blut des Erlösers, es roch nach Salz und nach den Tiefen des Ozeans, nach uralten dumpfen Schichten, wo das Licht nie hingelangte.

Doch darüber hinaus bewirkte die Flüssigkeit nichts außer einem seherischen Rausch, der die Gestalt veränderte und niemand bei klarem Verstand beließ. Die Perfecti, die davon tranken, kamen nicht direkt um. Ihr Herz schlug weiter, ihre Lungen pumpten Luft. Aber etwas in ihren Augen und in ihrem Geist erlosch, oder machte dort Platz für etwas ganz anderes. Sie sprachen dann in Zungen, die niemand verstand, brabbelten Worte, die sich in chaotischen Kritzeleien niederschlug, die nicht von dieser Erde stammen konnten. Vor allem erholten sie sich nicht mehr.

Vielleicht war ihnen der Kelch nicht wohl gesonnen. Vielleicht waren ihre Perfecti zu schwach, um das Geheimnis ihrer Visionen zu durchschauen, und wurden mitgerissen, weil ihr Verstand dem Wahnsinn, den sie erblickten, nicht gewachsen war. Was mochte diese andere Welt sein?

Die Fragen kreisten durch die Gemäuer wie irregewordene Vögel: Warum öffnete sich diese andere Welt nicht wie eine Blume, die den Sonnenstrahlen lauscht? Waren sie alle näher an der Verdammnis, als in den Genuss des Geheimnisses eines Gartens zu gelangen, der sich weigerte, sich zu verfestigen? Musste man sich wirklich seiner selbst entledigen, um in einen ewigen Traum einzutreten?

Keimzelle Montsegur (Kerntext, Prosa)

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