Changiere das rechte Ding

Fortschritt ist zunehmende Entropie; Veränderung, die nicht eigentlich den Fortschritt bezeichnet, sowieso. Genau genommen gibt es einen Fortschritt nicht, er bezieht sich nur auf zwanghaftes Verhalten. Veränderung hingegen kann ein notwendiger Umstand sein. Mit ihr ist gemeint, die Dinge willentlich in einen anderen Zustand zu überführen, denn Veränderung ist sekündlich, demnach nicht der Rede wert. Zwei große Zeitparzellen verzeichne ich : Das Fichtelgebirge der Abkunft; Das Allgäu des Bauern. Unterbrochen sind diese Zeitparzellen durch unablässiges Reisen und Stolpern, sowie mein Leben in der Schweiz. Ein kurzes Aufbegehren, das mich nicht Fuß (und Knöchel) fassen ließ, so sehr ich es auch versuchte. Dass ich je nur meine Ruhe wollte, um schreiben zu können, ist dem Erringen um jeden Preis zuzurechnen, ein wahrer Wettkampf mit den Unbilden einer im Grunde menschenverachtenden und seelenvernichtenden Gesellschaftsform. Nun, ich nehme das zur Kenntnis und setze meinen Weg fort. Sinnlos, nonkonform, aber unablässig. Standin‘ at the crossroad, tried to flag a ride. Didn’t nobody seem to know me, babe, everybody pass me by. Betwixt and Between.

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  • Verlorene Vergangenheit

    Heute kam nach sieben Jahren, die ich nun bereits wieder in Deutschland bin, der Rest meiner Manuskripte und Bücher an. Fabienne, die wirklich eine ausgezeichnete Archivarin ist, hat Bilder, Briefe, Romananfänge mitgeliefert, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass es sie gibt, teilweise bis in die 80er Jahre zurückreichend, als ich noch für das Theater arbeitete. Es waren Studioberichte dabei, als ich meine ersten Hörbücher einlas, Zeitungsberichte und eine Menge skurriler Dinge mehr. Teilweise kann ich gar nicht glauben, dass dies wirklich mein Leben war – aber natürlich weiß ich es besser. Schließlich war auch das Manuskript einer Story von Christian Kind, dessen Nachlassverwalter ich ja bin, dabei.
    Sehr treffend, dass ich heute dieses Netzbuch eröffnet habe. Da ist eine Menge Platz für Reflexionen.

  • Von der Lebensgefahr beim Schreiben

    Wer schreibt, liest. Das eine bedingt das andere: eine Binsenweisheit. Nur ist es nicht immer so, dass man das schreibt, was man liest. Der Leseprozess selbst ist ein Schreibprozess, zumindest dann, wenn man lesen kann. Was sich wie Provokation anhört, ist gar nicht so unerhört, denn beim Lesen entsteht ein Gedankenraum im Leser, der vom Autor gar nicht intendiert war, von dem er nie Kenntnis haben wird, denn der Autor wird nie Leser seines Buches sein, sondern immer nur der anderen. Der Autor ist also vom Lesen ausgenommen, auch wenn es sich bei dieser Blockade nur um seine Bücher handelt. Der Schreiber öffnet einen Gedankenraum, den er vom Lesen kennt, und dann taucht er seine Feder ein und zeichnet aufs Papier, was er beim reinen Lesen ohne seine Hand erkennt. Jeder spürt die Gefahr, die beim Schreiben vom ersten Augenblick da ist. Die meisten ignorieren sie, andere lassen sich von dieser Gefahr treiben. Diese Lebensgefahr wird sie zur Meisterschaft bringen.

  • Im Akt

    Alles ist ein Akt, immer trägt er etwas anderes. Je mehr man spricht, desto stummer wird man. Je mehr man fragt, desto mehr antwortet man sich selbst. Nichts kommt zur Ruhe, nichts verwandelt sich. Alles bleibt Traum, von einem Moment zum nächsten.

    Doch wie lange währt die Gegenwart? Sie scheint ewig zu dauern und vergeht doch zugleich. Wohin sie geht, sagt sie uns nicht. Wo sie verweilt, können wir nicht sein – Wanderer im unendlichen Äon.

    Wenn ich keine Flächen mehr beschreibe, wachsen Blumen. Sie haben etwas zu geben, doch sobald ich mich nähere, werfen sie sich fort in ein dunkles, schwarzes Loch und sagen: „Es waren deine Worte. Folgst du ihnen, wird niemand wissen, wohin du gegangen bist. Tust du es nicht, bleibt dir nur das Warten.“

    Ich muss hinaus. Heute scheint die Sonne, und ich spüre, dass ich hinaus muss. Mein Appetit kehrt nicht zurück, aber ich trinke viel Wasser. Es bleibt ein Vakuum, und mir gelingt es nicht, mich selbst zu beobachten, um herauszufinden, was ich tun soll.

    Doch es ist notwendig. Ich muss mich zur Seite drehen, um nicht zu ersticken. Diese dunkle Phase ohne Worte, sie ist das Beben, das zeigt, dass man lebt. Ohne dieses Beben wüsste man es vielleicht nicht.

    Schreiben ohne Hände – man könnte Schrift diktieren. Es gäbe immer einen Ausdruck, selbst mit den Augen, und letztlich mit den Gedanken. Doch wenn der Raum, aus dem das Schreiben stammt, geteilt wird mit dem, was zu empfinden wichtig ist, um die richtigen Worte zu finden, dann bleibt doch immerhin die Gefahr, wirklich stumm zu werden.

    Worte sind mir gerade ein Gräuel. Nicht, weil ich sie nicht finden kann, sondern weil sie verschwinden, sobald ich sie gefunden habe. Sie verschwinden im Gesagten, werden übergangen. Zeichen helfen wenig, vielleicht bleibt nur der Klang.

  • Dass sich hinter meinem Rücken selbst viele Rätsel aufgestaut haben

    Mir sind jene Geschichten lieb, in denen jemand nach seiner verlorenen Vergangenheit sucht. Herausgefunden habe ich diese Vorliebe für diese spezielle Form der Queste, als ich vor Jahrzehnten Tabucchis Indisches Nachstück las. Es war mir stets ein Ereignis, von einer melancholischen Vergesslichkeit zu träumen, die unmittelbar auf die Vergänglichkeit verweist.

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