Teichbestandteile

Geschrieben von A. Anders

Es ist warm. Schwalben tauchen in die verspiegelten Fenster des großen schweren Hauses hinter mir. Während ich Nachtblätter mit leuchtend grünen Adern sammele, löst sich das Tuch, das ich mir um mein Haar geschlungen, auf meinem Kopf zu einem Dutt gebunden hatte. An meinem Hals, über meine Brust lassen sich Nattern in alle Himmelsrichtungen in meinen Garten herab. Ich werde schwarz und werde warten, bis die Schwalben das schwere Haus wieder verlassen. Als sie dann irgendwann aus den offenen Augen schwärmen, dringen die Nattern, nunmehr verjüngt, aus den umstehenden Büschen hervor. Sie lachen mit Stimmen noch sehr junger Kinder, die, während sie an meinem Körper hochschlängeln, meinen Körper tasten. Eine von ihnen hält an meinem Rücken auf Höhe meiner rechten Niere und sagt: „Teichbestandteile“. Die anderen unterdessen zischeln: „Es sind Kinder, die einen Lotos zerpflücken!“

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  • Und sie tanzten einen Tango

    K. rümpfte die Nase, als er sah.
    Vorher hatte er gut zu tun gehabt, aber sein Nasenwerk hielt die Balance. Niemand sollte ihn je von der Seite sehen müssen.
    Ein frontales Gemetzel war ein Ereignis. Und oftmals gingen die Lieder aus und konnten kaum von den Umstehenden nachgefüllt werden.
    Der Tanz der Säbel etwa. Da schnitten sich manchmal welche in mehrere Teile
    und die Teile, die dann tanzten, waren schon längst in einer anderen Dimension zuhause.
    Die Erde lechzte nach etwas verdorbenen Brei, in dem das Blut ein Stelldichein mit dem Sonnenlicht hatte.
    Und sie tanzten einen Tango. Die Töpfe rasselten eine Habanera.

  • Rosa Depression

    Geschrieben von A. Anders

    Rosa und energetisch
    ist diese wirbelnde Depression,
    so perky.

    Ihre Mutter mag nicht davon beeindruckt sein,
    aber es macht Spaß und ist ein bisschen unhöflich.

    Es ist ein historisch inspiriertes Stück,
    das nicht zum Taillentraining geeignet ist.

    Somit ist es leichter für eine Dame,
    sich selbst an- und auszunehmen.

    Daher kann Ihre Bleibe in Form einer Sanduhr-Figur
    entweder nur mit vorderer Schnürung
    oder Rückenschnürung hergestellt werden.

    Vor allem dort, wo das Glas etwas dicker ist,
    und man die errötende rosa Farbe sehen kann.

    Gönnen Sie sich oder jemandem, den Sie heute lieben, etwas Neues.

    Die Farbe ist lieb, der Verkauf ist final!

    Keine Tränen, Seiten- und Eckbekleidungen,
    die den Raum schmerzlich vergrößern.

    Nur ein paar Füchse und der Farbverlust Ihrer Augen.

  • Schmerzlindernde Kanzblume

    Ich bin im Schloss gewesen, denn dort lebten wir neben der schmerzlindernden Kanzblume am Flussrand, überginstert mit diesem morschen Zaun, der sich die Zähne aushob, frisch gebrochene Latten, von den Fähen im Trittbild wechselnder Schrittlängen mit dem Wildwuchs Hand in Hand (am Johannistag steckt in den Mulden Bergwohlverleih, um den Bilmenschneider zu verschrecken). Schandhaube oder Hahnenkamm, das Geschenk an dich. Es biegt sich um deine Nase, lässt sich für immer Frühling nennen, für immer aufgetanes Wunder, immer First auf Firsten, ochsenköpfig schneebebergt.

    Die Novelle: Hört es sagen, von der abgerollten Rolle gelesen; (als stünd’ er da in Stulpen) mit diesem Erlass (und kann die Kurrentschrift schlecht lesen) scharrt auf dem Podest, ein Knopf weist auf eine Schublade hin, die unter dem Rhetor noch andere Rotuli enthält, frikative Labiale (hier etwas Speichel in den Backenofen fahren lassen, an der Zunge zunken, wie eine Zitze zutzellen, schnaupen durch ein einziges Nasenloch, Atem pfeifend ausstoßen, Luft anhalten um einen roten Kopf).

    Fast wäre ich es gewesen, der es versäumte, dich reich zu illuminieren. Vom Tal zur Höhe ist es nicht einmal halb so weit wie gedacht, die Abkürzung ist nur ein vorübergehender Schwindel. Das Anrecht, mit den Fingern im Nacken zu graben, hat der Sturm. Schwarz ist die Wolke, schwarz das Licht.

    Man kann diese Hände, die aus dem Mauerwerk ragen, nur schütteln, sehʼn kann man sie nicht.

    Also: Wieder Nacht; wieder Schlaf – und immer so fort. Die Träume, die ich mir nicht merken kann, lasse ich mir wiederholen. Es bringt hingegen nichts, sich den Tag zu merken, das ist mehr was für die Kleinen, deren Tage randvoll sind mit Ungereimtheiten der eigenen Existenz. Dieser Überfluss, der in die Gräben rinnt, dieser fett sprudelnde Oneirokritikon (wenn so ein Fluss hieße, heißt das); und irgendwo ist immer Licht. Die gebeugten, die gebückten Szenen, würdelos angeflimmert. Ich erinnere mich nicht, ich müsste raten. (Wie du weißt, will ich nicht wirklich wandern, nur Ferngehen ist mein Ziel).

  • Anna, die Fliegenpilzin, leibhaftig

    Die Stimme war hinter mir erklungen und löste die Erstarrung von meiner Haut. Ich drehte mich, gewohnt, den Stimmen zu begegnen, herum.

    »Ich bin Anna, die Fliegenpilzin, und Ihr seht aus, als wäret Ihr etwas aus der Fasson geraten.«

    Mit kindlicher Grazie machte Anna große runde Augen, es sollte Unschuld symbolisieren, doch dahinter lauerte eine nicht unbedeutende Gefahr, die mich körperlich anging. Gekleidet war sie wie ein Rotkäppchen, ihr Alter war überdies schwer zu schätzen. Ihr eigen schienen sämtliche Zeitalter zu sein. [Sandsteinburg-Story: Die Fliegenpilzin (Weg nach Raha)]

    Neu zum Bild: Hinter mir erklang eine Stimme, die durch ihre hauchzarte Schwingung dafür sorgte, dass sich mein Körper zu ihr ausrichtete und meine Erstarrung von mir abließ.

    „Ich bin Anna, die Fliegenpilzin, und du siehst aus, als wärest du reichlich irritiert.“

    Sie machte große Augen, wobei ihr die kindliche Grazie dabei half, Unschuld zu markieren. Doch hinter der Fassade lauerte eine nicht unbedeutende Gefahr, die mich bereits körperlich anging. Gekleidet war sie wie ein Rotkäppchen, und aus einem einfachen roten Rock stürmte der Stamm ihres Halses hinauf zu ihrem Gesicht, das von einem leuchtendroten Hut mit weißen Tupfen eingerahmt wurde.

  • Die unheimlichen Vergnügungen der Architektur

    Unter den Fundamenten reibt sich die Erde auf, verdichtet sich zu fremden Stein, der in Jahren ohne Sommer an die Oberfläche drängt. Die Erdeschütterungen auf ihrem Zenit haben die Gebäude gebrandmarkt, das Erkennen in den Erkern, die auf einen nutzlosen Garten spucken. Wo man wollte sah man Saat, die aufging und sich neu verstecken musste, weil eine neue Straße über die Hügel gezogen wurde. Die Menschen sind dem Unsinn so nahe wie die Gerüche aus den früheren Ställen, in denen jetzt Küchen betrieben werden. Auch wenn die Besucher in der Regel ausbleiben, möchte man vorher noch ins Bad eilen, einen Mantel anziehen – der kurze Blick in den Spiegel zeigt nichts Überraschendes – die Zähne mit den Fingern befeuchten und hinaus eilen, um das Defilieren zu beobachten. Könnte man etwas davon abbekommen, stünde man erst gar nicht hier. Ein bitterer Walzer ertönt und es ist unklar, in welchem Takt er enden wird, das Tanzbein steht still, man ist nur für die Pirouette zuständig, die lässig beginnt, dann aber das schnelle Rotieren der Achse nutzt, um sich in die Erde zu graben. Die große Freude bleibt aus, aber ein Schild, das vorher auf der Rückbank eines Pritschenwagens schlief, wird dort aufgestellt, wo es garantiert niemand sieht. Man kann seine eigene Schrift nicht mehr lesen, aber wer wüsste darüber besser Bescheid als der Fahrer, der immer nur geradeaus fahren will. Führte das nicht unweigerlich in die Stille wäre es nachgerade ein Wunder.

    Wollten wir uns lossagen von der Freiheit, belogen auf Balkonen existieren, ihr Hauptgrund in der Luft, zu manchen Stunden Garten, dann käme das dem Frevel gleich, uns nicht von Antlitz zu Antlitz gegenübertreten zu wollen, ein Bedenken, das in keiner Maschine haust. Die vielen Hinweise, die unsere Hände erschaffen, führen durchaus in luftige Höhen – und das Panorama kann genauso zugeschaltet wie auch andere Farben ausgewählt werden, nur ist dann ein Filter erforderlich, der wie Essig schmeckt. Verlassen wir die Stadt, erkennen wir die wirkliche Rundung unserer aufgetakelten Erde, die mühsam versucht, uns in ihre Kimme zu schütteln, Flöhe, die am Rand des Sumpfes ihren Zirkus gründen und sich dabei die falschen Fragen stellen: Wohin führt?, Wie funktioniert?, Warum habe ich? Es kann der Nebel kaum gelassener an uns vorüber ziehen, sein Innerstes ist sicher. Sicher.

    Die ganze Nacht polterte das Kettengespinst auf den ausgedehnten Treppenstufen, ging auf, flog mit Stufenberührung ab, harrte – ob sich etwas außer ihm bewegte – (Atem wie ein Unimogmotor bei Seilwinde in Betrieb) – und begann von vorne bei einer violetten Stunde. Es wollte eine Ruhe nicht ohne sein Gesäß an einer Tafel, die ausgeschmückt zur winterlichen Zeit mit Kuchen um Kuchen aus der Küche schellte. Da dies nicht infrage kam, besann es sich auf seine Nachttöpfe – in der richtigen Reihenfolge aufgestellt ergaben sie die Skyline einer Blechstadt, in der die Fassaden die einzigen Fluchten waren, die es sich entlangzuflanieren lohnte. So einen schönen Glühbirnenaufgang am Abend, eingewickelte Bonbons in den Backentaschen, Rotz am Ärmel, die Gemeinheiten einer Schlagzeile in den vorgeblichen Schaufenstern einer Besserungsanstalt: Herr Mutter erschlägt Frau Vater; da überkam den Flaneur der eigene Brechreiz von oben, der sich rotmeerisch spreizte, um die Ziehwägen zu locken und mit Brocken dann – die Geschichte ist ein Kreis – in den Schlampampel zu stoßen. Die lautere Absicht zu leugnen hieße, alles zu leugnen. Alles zu leugnen wiederum beträfe auch den eigenen Schlaf zwischen den Scharten ausgewählter Zinnen.
    Aber ja, wir sind in die Köpfe eingedrungen, wir fanden die Klamotten unserer Vorgänger unter den schwarzen Trauben, ihrer Kultur längst beraubt. Dennoch warten sie geduldig auf die Pflücker, die eines Tages fratzenhaft aus dem Gebüsch schreiten, schief, aus Gründen eines Opfers für Chac Mool, das erwartungsvoll in seiner besten Schale zu begaffen ist. Und sie harren dem Ende der Zeit. Und er liegt und harrt dem Neubeginn. Die steinerne Finsternis verheißt ein Leben in Ewigkeit, in den Erinnerungen, in den unbedachten Gedanken, die abschmieren wie ein Seifenkahn. Die gestiefelte Keramikschüssel, aller Dämpfe beraubt, allem Unglück ein Zeuge. Woher stammst du, Jungfernrebe? So wild schüttelst du deine Gifte und stolzierst rankend hinauf zu den erschütterten Vulkanen, zu den Schakalen, die mich stolz bewachen.

    Die so entstandenen Wyrmfelder erzeugen Räume, in die man Dinge stellen kann, die dann verschwinden, denn wo es 1 Ding gibt, muss es auch 1 Ding nicht geben, vorzugsweise dasselbe – Ding – die Taschen sind gepackt, von oben nach unten, unter dem Henkel die Adresse: Flatiron Building. Erstaunlich, wie sich die Wäsche in die Löcher faltet, aus denen Lorbeerstrünke (Kugeln Kegeln Säulen) ragen. Nun muss der Geist aus den Flaschen entlassen werden, auf Holzfasern verzichtet die Chronik an dieser Stelle, das Pochen wird substanzlos, der Takt aber bleibt. Ich selbst konnte nicht sehen, wo sich die Zeit verbarg (die erste Ernte wurde an Menschen verschenkt, die keine eigenen Felder besaßen). Gewitterwolken zogen vorbei und nahmen die Gäste mit, die in Reihe auf der Terrasse standen. Jetzt konnten die Gepäckstücke sich durchsetzen, ihre lange Nacht begann wie verabredet.

    Die Schwärze ist ohne Klang und sie ist allein; allein ist auch das Nichts, das kein Lebewesen denken kann. Möglicherweise ist es der Wille, der die Münder öffnet; der Rachen, der in die nicht vorhandene Schwärze führt, ohne Klang und allein, der sie durchdringt, ohne Klang und allein; der Wille, der neben der Schwärze haust, der neben dem Nichts zwar nicht existiert, aber will; vielleicht ist er es, der die Münder öffnet, die in dieser Stille auftauchen – und ihr Name ist Legion – die dann die Welt ins Dasein singen, zunächst allein, doch nicht ohne Klang, die Schwärze nicht mehr allein, nicht ohne Klang. Und vielleicht ist es der Wille, der die Münder öffnet, vielleicht ist es der Klang, der sich Münder in die Schwärze denkt, die dann singen, wie es war, so ohne Klang und allein, wie es war, so nicht zu sein, und wie der Wille ihre Lippen schuf; und Schwärze, die nun Rachen kennt.