Das Singen niederstürzenden Regens

Das Gelände zu betreten ist nicht das eigentliche Problem, die Stadt schläft und die Illusions-Programme laufen ohne Unterlass, schalten Träume hinzu, koordinieren die Nachtarbeit; auch ich selbst werde für gewöhnlich aus den Computern gespeist. Ein ganz hervorragendes Weltbild wird uns allen zuteil, es ist wandelbar, widersprüchlich und lernfähig, reagiert also auf unsere Vorstellung von der Welt mit präzisen und sofortigen Korrekturen. Ich bin an der Schönheit interessiert, nicht an der Harmonie, gespannt auf ein allgegenwärtiges Gestern, diesem ewigen Tag, wie ihn Mnemosyne überbringt. Ich begreife, wie wichtig die Zwiesprache der Vögel ist, die sich gegen den Bass des Donners abhebt, das Singen des niederstürzenden Regens. Da erkunden wir der Erde Klang. Auf den Feldern, die sich überschwemmen lassen, wo das Wasser männliche Attribute zeigt, überläuft, den Acker begießt, die Knollen des Goldregens, der Akelei, und jene rosa Wiesenblumen, die wir ›Zahnbürsten‹ nennen, tränkt. Die Schafe stehen in ihren Pullovern im Stall und warten in ihrer ausschließlichen Gegenwart auf das neue trockene Jetzt. Die Säfte beschleunigen sich in allen Rinnen, spülen die Staubjacken von den Steinen und Quadern, auch von mir, der ich mit einem Brocken Kernseife in der Hand unter dem Wassersturz ein kosmisches Bad zelebriere, während die tief hängenden Augen des Jagdschlosses auf mir ruhen, in der Ferne rauscht ein Schienenbus vorbei.

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  • Der Umbra-Täschner

    die Umbra=Tasche des Umbra=Täschners, die fettgemordeten Fruchtfinger tappen in einem künstlich angelegten Schleck=Früchtewald, nur die Sektspitze ragt aus dem Leiber=Haus, dem ehemaligen Amöben=Bottich
    weitweißwild
    (und wieder zurück)
    die Geräusche sind jetzt bare Münze, ungläubige Bluttropfen räkeln sich nahe an Tischdecken, das laszive Wummern wird entdeckt & geradegerückt, eine Speerspitze der Nacht schwimmt in kaltem Kaffee, solange warten, bis sich die Brücke nähert, die Schlappen=Ablage beugt sich nahezu undenkbar (und nur halb so konkret) in den euklidischen Raum, sarabendentanzend, im Mittags
    Gesicht taucht ein Ulcus aus der zarten Melasse der flüssigen Haut, im Kühlschrank : die letzten Reste der Lindwurm=Schwarte

    Die schönste Vollendung unserer Eigentümlichkeit, die okkulte Qualität, vom Pfützen naschenden Symbol wird Wärme unerschöpflich ausgestrahlt (und sternförmig führen die Pfade von Dir fort); und Einer wird unterirdisch hell mit Phosphor betüncht, Sucher des elysischen Gesprächs, mit doppelter Zunge zwar, die er nötiger hat als ein Schatten seine Zweifel, denn er redet von den Schleiern, als gäbe es dahinter keine Überraschung mehr für ihn. Folge den Faltern in den Abgrund, der den Boden nicht erkennen läßt, stochere im Wasser ohne Grund. Dein Traum mag flügge werden, den Du mit Deinen Lenden träumst, die Falter sind Dein Licht im Spiel (und Deine Verletzung wird Erschöpfung sein!), der Urgrund nährt Dich mit Erdtönen. Das uneinholbar Unendliche geht Dir voran. So spricht das Bildnis seines Traumes kurz vor Morgengrauen, wo die Einbildungskraft eine letzte Höhe erklimmt. Man mag hier nur die Augen öffnen können ohne zu erwachen, hineingreifen in das bizarre Wirbeln der Moleküle, die sich Gestalten ausdenken.
    Dort in den Lichtfalten weiblichen Adels fehlte ihr nicht der nervöse Ansturm des Nymphenrufs, Urgemächt des augenblicklichen Lebens, als Zeit noch nicht ziellos umherschnellte.
    Aber genauso phantomhaft war unsere ganze Begegnung, unser Sein, Werden, und erst recht der Abschied :
    wir schieden nicht voneinander, uns gab es von einer Sekunde zur nächsten nicht mehr.

    ich komm mit aufmäntelchen gestockert; hierherein hierherein! ein laterniges rufen, brahmanisch irgendwie, so voller sternenlicht, so voller antiker quasare. Allschau : ein weg ins himmelbunte, dornfleischige, blütenwürzige.
    Vieler tritte tanz, vieler tanzschritte tritte, luftausgepolstertes singen über ansteigenden gassen, treppwege zu den auster=augen hin. Lispelndes laspelndes lachen stürzt unter die hüte DERER VON, die hüte tragen, da letzte haar krawallt und bäumt sich gegen die see, vom atem angesaugt.

    — Das lied : wie ists, wo ists : das lied ?

    — Im schneckenkasten eingefasst in blendend weißen taften, die an den spitzen außer sich geraten, flappen, flunkern, flügeln. Man säh da einen engel, meint man, man säh, wie er zum start sich hebt.
    Es finden sich jene, die ins unermeßliche steigen, um einen kranz von büsten kauern, der sämann Arepo hält mit mühe die räder, auf der suche, die andauert.

  • Villon

    Hier werden sie mich nicht finden. Hier werden sie mich endlich für eine faulende Leiche halten; doch keiner ahnt, dass nicht die Maden mich, sondern ich immer noch die Maden fresse.

    Die Scheiterhaufen brennen, die Henkersknoten tanzen. Dolche werden in die Leiber versenkt, aber ich, ich bin dem Leben längst entflohen.

    Meine Balladen werden sie in Schenken plärren, am Galgen noch ein letztes Wort, solange ihnen der Kragen noch nicht zu eng geworden. Rühmen werden sie sich, mich gekannt zu haben, den Vagant und Desperado, den einen oder anderen Körper mit mir zusammen bestiegen zu haben. Doch geliebt habe ich immer alleine. Welch üppige Mahlzeit bereitete mir ein rotes Weib! Wie ergoss ich mich in den Sommern! Man erkannte mich lange genug an der Henkers-schlinge um meinen Hals, die ich zum Spott in jede Stadt hineintrug wie ein kostbares Schmuckstück, das ich in Wirklichkeit nie besaß. Da gafften sie, nicht wahr, ihr gafftet alle! Denn soviel Frevel schien euch der Allmächtige nicht in eurem Verstand unterzubringen. Ich bin der Rotz, der Deibel, der Aussatz. Habt ihr das nicht gesagt? Von der Brut aller Huren! Und das Leben ergab sich mir wie ein Geschenk, es wollte gelebt werden von mir, denn es galt, einen Pakt zu erfüllen: Mir das Leben, dafür aber Acht und Bann! Mir den Gesang, dafür eine durstige Kehle! Mir die guten Fötzlein, dafür niemals eine Gefährtin!

    Aber wer im Nehmen konnte besser sein als ich, denn ich nahm den freien Himmel und ich nahm jedes Stückchen Staub in diesem Räuberkessel der Welt. Wenn es eine Hölle gibt, dann haben sie sich dort eingerichtet mit ihrem Silber und Gold, denn an welchem Platze könnte man seinem Lotterleben besser frönen, als unter den Verängstigten und Eigenen? Dahin haben sie mich nie gebracht und nun sind sie mich los, weil ich verschwunden bin. Spurlos. Nein, ich werde nicht die geringste Spur von mir hinterlassen, nicht eine! Ich werde verstummen, denn mein Testament wurde längst geschrieben.

    Oh Guillaume! Nur an dich gedenke ich noch in Freundschaft! Deine verzeihende Hand lässt mich auch in dieser Stunde nicht los und berührt mich da, wo auch ich das Herz sitzen habe, Hund und Ungeheuer, das man mich schimpft. Ja, Guillaume! Dein missratener Pflegesohn steht in diesem Herbst vor den geöffneten Toren des Abyssos und träumt. Und er wird den Weg gehen, hinaus aus des Menschen Pfuhl. Wie oft habe ich ihnen meine Venusinen vorgetragen? Daran werden sie noch denken, wenn sie dem Schwulst und der Schnörkel der Dichter überdrüssig sind, jenen gansigen Männlein, die noch nie ein Elend angefasst, außer ihrem eigenen! Die sich in der Wirklichkeit flüchten, weil ihnen die bunte Welt nicht taugt und sich Doktrin über Doktrin geben lassen von Parteien und Gemeinschaften, die ihnen Schnallen ums Maul binden. Was wären diese doch für armselige Kreaturen, dächten sie einmal nur der Freiheit Sinn und verlören ihren Brotherrn! Denen sprechen sie nach dem Maul in fetten Versen und herzloser Schmiererei! Aber mich wollen sie zum Schund und Schmutze werfen. Ja, genau! Das Leben ist eine kostbare Vulgarität, das kann man sich nicht abwaschen im Bade, im Parfum. Laben sich an des Königs Lambretten und ich trag tagein tagaus den Bettelsack, weil ich doch sehen will, woʼs hingeht und woʼs ankommt, was ich aus meinem Bauch herausfließen lasse. So istʼs ein Teil von mir, dem ich nicht abscheulich bin.

    Die Troubadoure, die scheißen und die pissen nicht, die schwitzen es sich durch die Haut, die genauso fahl wie jede andere aus ihren feisten Kleidern spickt. Aber hätten sie jemals nur den Aufruhr des Blutes erlebt und besungen, dann rutschte das, was in ihrem Kopfe klingt, eine Etage tiefer, dort hinein, wo die echten Glocken sitzen. Aber selbst der Vollmond, der mit dem Gesicht eines sehr schönen Mädchens im Verse gefüllt wird, glotzt dumpf wie ein Schaf von oben herab und fühlt die Liebe nur im Taschentuch, das bedauerliche Tränen auffängt, weil es juckt unterm Kleid und das Jucken in keiner Strophe abgehandelt wird. Man möchte ihnen gerade helfen und sie zusehen lassen dort im Stroh, wo die Stute nass läuft. Da hat aber doch der ärmste Stallknecht noch mehr Freude daran. Die Liebe! Die Liebe! Das ist ein unnützes Ding aus Brokat für diese feinen Wichte mit ihren Schmalzlippen und starren Strümpfen.

    Tharanne! Gib du gut acht auf meine Moritaten und Bänkellieder, die dir stets sagen, wo ich gefunden, was ich je gesucht und alles, was mir sonst noch widerfahren genannt werden kann.

    Jetzt habe ich euch alle zurückgelassen, auch dich, Marie, die du mir die Backen rundfüttern wolltest bis die Pflaumenbäume blühen. Aber ich musste hinaus, ja ich muss hinfort und auch der Freunde nur mehr gedenken, als dass ich sie mich wiedersehen lassen könnte. Ich bin ein Blatt im Wind, der ewig bläst und mir die Haare längst schon hat vom Kopf gefressen. Mein Gesicht kann er gut erkennen, hat er es doch höchstselbst die Jahre modelliert. So wird er mich denn immer finden und singt mit mir, den dennoch Trauer stets begleitet. Du hast es in mir gesehen, Marie und wolltest mein Blut nur kochen lassen, um neue Balladen zu sinnen. Doch ich bin stumm, weil keine Zeit mich Neues lehrt, als dass der Mensch ein Lügenwurm und die Lügen sich gerne verstecken mögen in Hochwohlgeborenen und Tonangebern. Denen traut man nicht, wenn man auch nur etwas versteht. Hier findet man mich nicht und keinen Ort mehr will ich nennen, wenn es nicht mein geliebtes und glühendes Paris sein kann. Die Verbannung wird sich nicht mehr kehren lassen und an einem anderen Ort möchte ich nur, dass ein Strauch mich krault, bevor ich ihm zum Abschied winke. Denn keine Frau auf Erden küsst so süß wie die schönen Frauen von Paris.

  • Das Od

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    Oh höret! – während ich das schreibe – und bereits schon davor – hat mich die Schwärmerei ergriffen, und ich will gleich hinfahren auf den Tod, sollte ich nicht eingelassen werden in das tiefe Reich der Liebe!

    Mehr lesen „Das Od“
  • Vor einem Regal der Toten

    Ich könnte singen von den unheilvollen und drohenden Dingen, den toten und vergessenen. Doch werde ich je wieder reisen durch den vom Wahnsinn gelb gefärbten Nebel des Vergessens, zu den Gestaden fremder Wirklichkeit? Fände ich überhaupt den Weg zurück, der mir damals so zufällig erschien wie einst Rip van Winkle sich über das Auftauchen einer flämischen Gesellschaft verwunderte? Mir selbst wurden keine Jahrzehnte durch einen sonderbaren Schnaps gestohlen, noch nicht einmal Jahre, aber von den merkwürdigen Festen wie in den Tiefen des verhängnisvollen Venusbergs könnte auch ich berichten. Doch wüsste ich nie zu sagen, was sich daran mit mit meinen halluzinatorischen Träumen mischte, denn eines ist mir klar geworden: Es gibt unterschiedliche Arten des nächtlichen Gespinstes und mindestens eines davon eröffnet uns das Jenseits mit seiner unendlichen Weite. Es ist für mich gar nicht ausgeschlossen, dass, sobald wir unserer so stabiles Sternensystem verlassen würden, wir auch außerhalb unserer fleißigen Schlaftätigkeiten dorthin gelangen könnten, allein deshalb, weil wir unsere Körper nicht behalten dürften und stürben; d.h., es stürbe das, was wir in unserer Welt so sehr benötigen, und wenn wir es verlieren, geistern wir umher, unfähig, weiter zu träumen, weil wir in einem derartigen Zustand schlicht all unsere Erinnerungen für einen Traum halten. So nötig haben wir den Schutzschild der Materie, dass wir um seinen Verlust so sehr bangen wie um nichts anderes. Es mag sein, dass wir die Geister deshalb fürchten. Sie zeigen uns, dass wir auch im Tode nicht entkommen können und endlos weiterspielen müssen. Sie zeigen uns durch ihre finsteren Auftritte, wie wichtig die Wiederholung ist und wie sich eben alles so lange wiederholt, bis das Wort Ewigkeit seine Berechtigung erlangt.

    Es gibt Geschichten, die man sich ausdenken möchte, um dann zu erkennen, dass sie wahr sind. Das gleiche gilt andersherum. Eine Erinnerung, auf die man Stein und Bein schwören möchte, erweist sich als falsch. Und dann gibt es die Mischverhältnisse in verschiedenen Abstufungen. Was die Realität ist, werden wir nie herausfinden, und das Geheimnis der Fiktion ist längst legendär. Ich erinnere mich an mein Leben wie an eine Geschichte, die ich gelesen habe. Es gab eine Zeit, da ich mit den Surrealisten in Paris träumte und vielleicht hatten sie, Jahrzehnte vor meiner Geburt, von mir gehört. 1990 las ich ihre Aufzeichnungen, Pamphlete und Manifeste, um zu sehen, ob ich irgendwo darin verzeichnet war. Dann aber fiel mir ein, dass ich lange vor meiner Geburt mit einem anderen Namen ausgestattet war. Zumindest hörte ich nichts von mir, wie ich mich kannte. Man erwacht und steht vor einem Regal der Toten. Alles, was von ihnen übriggeblieben ist, ist das, was man aus ihren Gedanken macht.