Unter Huf & Egge

Alle Gewässer fallen zusammen und alle Städte fallen zusammen, am Strom, am großen Knoten, Zeitenkelch; der Brunnen gibt und nimmt das Wasser. Die Tropfen in den Kelchen, Pfannen, Augen, sie kochen hoch und regnen davon. Ich suche dich und finde mich, ich brenne aller Feuer mit. Willst du mich wiedersehen, dann reise in das Gestern Zug um Zug, nur langsam mit den Stunden. Erschüttert von den Jahren, die nicht wiederkehren, die neu geträumte Erde jeder Nacht, die heißen Rätsel ihrer Mitte. Als ich die Schatten sehe, spreche ich sie an: »Was tut ihr dort im Morgenrot?«
»Wir ernten«, sagen sie. »Wie weit willst du noch wandern?«
Die tausend Wege haben tausend Köpfe, nichts habe ich für mich getan. Ich will den Blick nach innen wagen, wie viele das schon vor mir taten, wie so viele, die sich ins Feld gesetzt und sangen für den Mais. Die große Schlange ist Ernährer und fordert ihre Opfer ein. Wenn der Sänger das Symbol erforscht, wird er hinter den Verstand geführt, hinter die Spiegel und Pfützen.
»Hier erschaffen wir neues Ackerland«, sagen sie. »Unsere Erde ist unter Huf und Egge.«

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  • Das Lorebuch

    Jemand trat aus der Wand, und ihm war es nicht anzusehen. Wäre es
    nicht möglich, dass die Lichtfelder, die uns beständig umkreisen,
    aus den Schalen kleiner Flusskrebse gewonnen werden? Das Inventar
    wird zu jeder vollen Stunde geflutet, die verstreuten Symbole
    nehmen wir beim Verlassen des Raumes vorsorglich mit uns, der Eintritt
    in den Tag ist frei; das Geländer entlang, aufrecht in Etappen –
    wenn du auf das Wasser deutest, beruhigt sich nicht nur das Bild
    von all den eingezäunten Stränden, auch die Hiebe
    gegen den Türstock werden leiser, denn jetzt kann man
    durch alle Hindernisse schreiten, für den heimlichen
    Besuch haben wir nur Wein eingekauft.

    Für wen sind all die Gruben nützlich, von schwarzgrauen Blumen
    berankt an der Südseite einer Schneise hangend, barfüßige Gräfinnen
    zogen dort ihre nimmermüden Kreise, Ausschau haltend nach den Dingen,
    die vom Tal zu ihnen hinaufwehten und in einem Korbgeflecht gesammelt
    an die hiesigen Gräser verfüttert werden konnten, solange
    die Schlappen im Gartenhaus an der Grenze zum Nichtmehrsein verblieben.
    Andersherum wäre das Ärgernis verströmter Nächte untragbar geworden.
    Die Lüfte eigneten sich kaum dazu, mit ihnen eine Unterhaltung zu beginnen,
    eingesackt und versunken änderten sie ihre Lebensansichten
    mit einer Unvorhersehbarkeit und einem Takt, der nicht zu tanzen war.

    Wie immer auch die Giraffe in den siebten Stock befördert wurde,
    konnten wir nicht erkennen. Von außen erschien das Gebäude wie
    aus Regen gezimmert und mit Schiffsplanken verblendet, was allerdings
    später geschehen sein musste. Die Zeitfolge versprach uns
    eine Beobachtung sonderer Güte, doch als wir ankamen, stolzierten bereits
    behütete kleine Zauberer auf dem Boulevard und kein Geld dieser Welt
    hätte ausgereicht, die prachtvolle Straße zu überqueren. Die Aussichtspunkte
    wurden bewacht von hohen Tonnen, bewaffnet mit je einem Arm
    aus der Werkstätte des großen Doktor Faust. Hinter den Türen
    standen Mäuse, die sich im Vogelsang übten, und unsere Ohren waren
    nicht vorbereitet auf das Gezeter dieser anscheinend so filigranen Entourage.

    Die Aufzählung einiger Banalitäten versandete, während
    der Druck der imaginierten Leitungen dem ein oder anderen zu Kopf stieg.
    Sorglosigkeit hatte es sich mit weiten Ärmeln bequem gemacht
    und nur die Verschwiegenheit der Wolken gewährleistete eine Ansicht von oben. Dennoch trieben die Baumstämme in diesem abgenagten Fluss
    und erkletterten das Land, sobald man sie brauchte, um einen neuen Wald zu geben.

    Es war kein weiteres Gedeck nötig, denn sie wussten, was alle wussten:
    Der Tagtraum zog nach Norden, von wo er einst gekommen war. Man erzählte sich, dass der große Abgrund mit seinen erhabenen Metaphern
    nicht mehr so schön anzusehen war wie in ihren Kindertagen; eine Vermutung,
    die den Anwesenden viel Leid ersparte, aber nicht,
    wenn man alles wissen wollte und dazu bereit war, all das zu erwähnen.

    Die Lebkuchen gaben ihre angestammte Position auf, verließen
    die senkrechte Seite des Hauses und kullerten auf den Steg, an dem
    die unförmigen Objekte festgetaut auf Nachzügler warteten. Sollte
    der Zeitpunkt gekommen sein, würden sie erneut hier stehen und
    Ausschau halten nach dem Glück, einst heimisch in ihren ausgelaugten
    Taschen. Es gab ein Gesetz, das Wanderschaft verbot, und wer sich daran
    hielt, bekam statt welker Blumen eine neue Disziplin zugeteilt. Die
    Körper wurden straff durch fein gemahlenen Marmor, die Rezepte standen
    in hölzernen Lettern unter den Dielen, graviert mit ungehöriger Tiefe;
    oft fing sich das Wasser darin und versuchte,
    noch vor dem Morgengrauen zu entkommen.

    Von der Geschichte geht der originelle Trick aus, so zu tun,
    als wäre sie nicht das Paradebeispiel des Fiktiven; als Zeuge
    ist sie vielleicht hinfällig, ihr Argument liegt jedoch darin,
    überall dort aufzutauchen, wo man Doughnuts im Zehnerpack für einige
    wenige Groschen ergattern kann. Die Fahrt dorthin wird unterbrochen
    durch sanfte Flugangst, die sich mit musikalischer Unterstützung
    steigern lässt. Wer die Erfindung der Momente einfriert, wird
    wissen, wohin er sich zu wenden hat, wenn das angereicherte
    Material zur Debatte steht. Mit einem Verrat kann immer dann
    gerechnet werden, wenn sich die Summe aus wenigen Teilen
    zusammensetzt, die sich in Nähkästchen verstecken lassen.

    Beim Gehen verlor sie einen Schuh, der sich silber glitzernd
    von ihrem Fußschiff löste und augenblicklich erhob, um auf
    ein gesprenkeltes Hausdach zu schweben. Obwohl ihr Gang jetzt
    etwas läppischer war als zuvor, erreichte sie die anvisierte
    Kreuzung noch vor der Zeit, die ihr zur Verfügung stand, drehte
    sich mehrmals im Kreis und löste sich dann in ihre Bestandteile auf.
    Aus geöffneten Fenstern entwichen die Gerüche einiger Kochkünste
    und versammelten sich an Ort und Stelle. Der Tumult hatte längst
    auch die geheimen Nischen erreicht, ob sie nun überdacht waren oder
    nicht. Das Pulver, das daraus entstand, genügte den hier lebenden
    Nasen für ein weiteres Jahr ihrer Effizienz. Ihrer Beschleunigung
    war es zu verdanken, dass die Kassen gefüllt und das Trapez
    mit dicken Schnüren gespannt blieb.

    Die Art und Weise wie eine Wand zurückstarrt, sollte in nocturnen
    Untersuchungen festgehalten werden. Zunächst mag die Freude
    ungetrübt sein, die Wand vor unliebsamen Zusammenkünften schützen;
    man gibt sich eifersüchtig, wenn sie sich ihren freien Tag nimmt,
    um einmal in der Woche den Tango der Argentinier einzustudieren.
    Doch dann beginnt das Unwohlsein wie ein verkannter Spruch tief in
    den Eingeweiden zu rumoren. Man möchte sich erheben und einen
    Schürhaken schwingen, um der peinlichen Stille gebührend zu begegnen.
    Was man dann jedoch zustande bringt, ist kein nennenswerter
    Gesichtsausdruck, kein plötzliches Schluchzen oder Innehalten, man
    marschiert im Zimmer auf und ab und wirft verstohlene Blicke zur Vitrine.

    Wer die Gefahr kommen sieht, kann durchaus noch die Hand ausstrecken,
    um das Seil, das zur Glocke führt, zu ziehen. Ein neues Zeitalter
    einzuläuten, sagst du, ist der richtige Zeitvertreib nach einer
    langen Nacht der Wunder. Doch das Gebirge, das sich nähert, das in all
    seinen Formen unnachgiebig danach trachtet, den Schlund zu verstopfen,
    wird nicht verstehen, warum deine Hand sich zurückzieht, um im Sumpf
    nach Machtmonopolen zu graben. Ein Schritt mag genügen, um über
    schönere Exemplare sprechen zu können. Du müsstest nur einmal
    da gewesen sein und zugesehen haben, wie das Schiff in schlüpfrigen
    Reimen davon sang, gegebenenfalls entkommen zu wollen. Die Melodie
    einzelner Takte verkommt auch hier zu einer reinen Schneelandschaft.

    Meine Bitte war noch nicht zugestellt, als du die Dinge auf den Tisch
    legtest. Für heute waren wir fertig und zeigten uns gegenseitig das
    freudige Gefühl, das, gestaffelt, vor aller Augen einen glamourösen
    Morgen band, der gar nicht so kalt war, wie wir es besprochen hatten.
    Es stellte sich die Frage, was zu tun sei, wenn all das – diese
    mikroskopischen Sinne und Fürsprachen – nicht mehr dort zu finden
    wären, wo wir sie vermuteten. Gab es diesen latenten Kreis wirklich?
    Oder waren wir alle nur Teufel, gefangen in einem nervösen Rinnsal,
    das von aufgespannten Schuhen tropfte? Die Löcher waren bereits
    groß genug, um nichts mehr damit anfangen zu können. Es waren
    großartige Bilder, die hinter uns standen, aber ihre Sprache
    war neunmalklug, also ließen wir das Ganze einfach sein.

    Als lebten wir in der Spirale mörderischer Weihen, als tauchte
    neues Leben in die blinden Statuetten, ausgefranst und mütterlich treu.
    Es käme auf den Versuch an, hinwegzutauchen, das Gras in seiner vollen
    Pracht auf den nächsten Sommer zu vertrösten, nur um zu erkennen,
    dass wir keine Rösser sind. Der Sternentrunk am Mittag, in ausgespülten
    Kelchen treibt eine neue Form der Reinheit ein Spiel mit unserer
    Wohlgefälligkeit. Das Biest steht stramm, nichts welkt in einer leeren
    Brust, erfindet stattdessen fremde Existenzen in rohen Augenblicken.
    Die Klänge wandern den Flur entlang, hinter uns her schleifen
    die Brocken abgehackter Stunden, denn sie wissen von unserem Schwur,
    zu verweilen.

    Was ich auf der Straße sehe, sind durchgehangene Tauben. Im Licht
    eines unbekannten Spektrums leuchten sie, vom Knick ihrer Rollen
    ausgehend, wie ein Diamant, der im rauschenden Wasserfall eines
    Sauerbrunnens gefertigt, das Tarotbäumchen zur Demut zwingt. Ein
    gelbes Fieber wandelt, durch unzählige Manöver geortet, über die
    Schwierigkeiten einer losgelösten Schienenbahn, einst der stolze
    Besitz immenser Beschleunigung. Das Entsetzen teilt Wege, aber an
    oberster Stelle darf der Kronzeuge nicht fehlen, darf er kein Wort
    von dem verlautet lassen, was wir hier wagen zu besprechen. Es
    könnte sein, dass sonst die Stimmungen siegen und die feine Natur
    der Atempausen chronisch abwinken. Wir können das nicht wollen.

  • Räuberisches Haupt

    Das Wetter ist unentwegt schön, man glaubt gar nicht, dass irgendwelche Geister gerade heute ihre Geisterhunde spazieren führen wollten, sollte das walk-the-dog-Syndrom auch später noch gelten. Aber diese Schönheit des Tages, diese besondere Bläue des Himmels, lässt die dunklen Falten dennoch gewähren, wahrscheinlich mit einer Anwesenheitsliste, damit man die Schuldfrage schnell abhandeln konnte, wenn es denn erwünscht war und niemand das räuberische Haupt verantworten wollte.

    Es ist der Kommunikation so viel anheim gegeben, da reichen komplexe Sprachsysteme nicht aus, da müssen auch die Gesichtsmuskeln mitspielen, die Hände, die ganze Haltung – und dann merken sie, dass sie gar nicht sprechen, jauchzen und jodeln müssen, sondern sich auf Zehenspitzen drehen und hüpfen können – bis sie niemand mehr versteht, gerade so, als würden sie doch reden.

    Lass mich tanzen, ich will reden.
    Lass mich sitzen, ich will reden.
    Lass mich aufstehn, ich will reden.

    Die Geister kamen wirklich nicht heraus, ihre Geisterhunde blieben auf ihren Geisterteppichen liegen und wünschten sich eine Geistergasse herbei, aber solcherlei Vergnügungen waren weit. Die Sonne lässt Geister verdampfen und – von brodelnden Kochtöpfen angezogen – könnte die diffuse Gesellschaft in die Nahrungskette eingreifen, Spukkartoffeln zum Beispiel könnten mit einem mal gar sein und im nächsten Moment wieder roh.

  • Tollhaus

    almosengumpig hatte der italienische bischof Goffredo de Prefetti den plan, hinunterzusteigen ins Heilige Land, um dort die schwerter so singen zu lassen, dass ihre kehlen mit angedicktem blut geölt nie gekannte befriedung erfuhren und so tat er ein haus auf dort zu London und baute es über einer kloake, wo der strom der elenden hinterteile nie versiegte. Vorm wahnsinn fürchtet man sich noch am besten, die tänzer können nicht für ein verbrechen baumeln, die schwarzgalligen nicht für treulosigkeit verbrannt werden, dummes huhn, was krähst du in die ferne, schau putt putt da hast du tupp tupp

    leider leider was schöner rauch das wäre neben den ungeliebten weibern, die milch bereits im euter quarken, brotleiber auf den hinterbacken kneten und den schlendrian im wald in ein loch purzeln lassen, dass er lande bei den elven

    die finsterei wurde geflüstert, dämonisches ringen kuriert, schwefel- und zundermasken im feuer gesehen

    wir sind der sache nicht gewachsen
    wir wachsen nicht aus stahl heraus

    Ich wusste nicht dem Hunger zu begegnen, also nahm ich mir einen Sessel, den ich aß. Sein Polster war mir rotes Trockenfleisch in einer dunklen Ecke voller Morasch. Dort spie auch ich danach, und spielte, „eine fliehende Ratte zu benetzen“, doch ich traf nur meinen Schuh. Das Holz war feiner Sensenstaub, von Wurmverwandschaften vorbereitet, ein Brot daraus zu backen schien mir fremd, zumal der nächste Ofen im Keller gerade Knochen verbrannte. Ich hatte keine Magie in meinen Adern, nur absonderliches Blut, abgestanden wie die Luft in den Gängen des alten Bedlam.

    Ein Irrenhaus ist eine gute Wahl, wenn nicht irgendwo ein Krieg tobt, in dem man sich zermalmen lassen kann. Ich sehe sie noch vor mir, die duftenden Damen, die Besucher durch das Haus navigierten, damit sie nicht in ein Loch im maroden Boden fielen, sondern der peinlichen Therapie ihr vollgepumptes Gewissen übertragen können, ein Theater wie sonst nirgendwo zu sehen. Das bizarre Regelwerk der Spiele.

    so viel war es nicht, das wir wussten
    so viel war es nicht, das wir verloren

    Wir setzten uns auf die ausgehärtete rostige Spucke und zählten die vergangenen Tage durch. Es waren immer gleich viele. aber ihre Zahnspangen hatten sich jedes Mal verändert. Die kühle Luft, früher undurchdringlich aufgrund abweisender Partikel, hatte sich in Gang gesetzt und schob uns die Karten für den Eintritt zu. Es war ein großes grabschen und nehmen, und am Ende folgten wir dem Parfüm in einen großen Blechraum, von dessen Decke ein Stuhl in der Mitte baumelte. Wer darauf festgebunden war konnte das nackte Auge nicht erkennen, so schnell wie er sich drehte, wie in einem Nebel verwischte die Gestalt und bald musste sie im Nichts verschwunden sein, in 43 Teile zerfallen und hinter ihr ein Schlosshof zu sehen sein. Wo war das noch? Ich kannte das Bild, merkte es mir jedoch nicht, weil sich die Wunde augenblicklich schloss und alles wieder Blech und Wahnsinn war.

  • Gen Haubenschloßpark

    Man kommt nur dann außer Haus, wenn man außer sich gerät und weder plant den Ort noch den Weg. Dann gerät man außer Haus wie ein Abenteurer und seine Konkubine (oder wie eine Dame und ihr Kofferträger); wartet auf die Kutsch, die vielleicht nicht fährt und steigt dann in eine ein, die sich von Weitem schon als die gleiche wie immer erkennen lässt. Es gibt da dieses Mangrovengeflecht im Gehirn, das aussieht, als käme man nie hindurch. In Wahrheit sind es Treppensteine, die hinauf führen; dafür wurden sie gemacht, es ist ihr Begehr und Dasein.

    Treppen

    Was dachtet ihr Römer, als ihr euch eine Stadt vorstelltet, die es noch nicht gab, die hier noch nie gewesen ist und die ihr vielleicht nie kennen lernen werdet?

    Kempten Anhoehe