Beizeiten bezahlen

Der große Birnbaum, der
Nur noch aus Asche besteht, hat auch
Die neu entstandenen Nerven geweckt,
Die ganz unwahrscheinlich
Und ganz roh

Aus ihren Schatten traten, nicht um
Extravaganzen zuzulassen, wohlgemerkt.
"Mit einem Plüschtier
Kämen wir schneller voran",
So wollte uns der Krämer weismachen.

Daß wir nun aus der angeheiterten
Pfütze trinken, auf Knien rasten
(wo immer)
Das ist die Schuld der Brache, die
Hier Autobahnen baut, die hier
Ganz spiegelverkehrt Geschichten schreibt.

Ähnliche Beiträge

  • Phantom

    Eines Abends, als der Regen in feinen Fäden vom Himmel fiel, saß ich wieder in einem dieser anonymen Cafés. Die Wände waren grau, das Licht zu schwach, um Schatten zu werfen, und die Luft war erfüllt von einem dumpfen Summen, das keinen Ursprung erkennen ließ. Es war die Art von Ort, in dem alles bedeutungslos wurde, weil nichts genug Substanz besaß, um Bedeutung zu erlangen.

    Mehr lesen „Phantom“
  • Nachtwach; ein Schläfer bei Tage

    Ich schlage die Nacht nicht aus, die jetzt die Stunde läutet und Sunna noch einmal übers Land winken lässt, die körperlos darauf verzichtet, alles aus den Schatten zu heben. Die Zeit ist nur im Gewölk am blutblauen Himmel auszumachen: ein Blick – und das Geschmier des Tages bekommt seinen Epitaphen mit der Erscheinung dieses Altostratus. Ich bin zur Nacht gerüstet, mein Mantel ist ein Zeugnis der wandelnden Finsternis, und nur meine Laterne, deren Licht sich in die engen Gassen schlägt, spült kurze Helle in ihre Magenkehle, die der Schattenfürst ebenso duldet wie mich als einen ihrer Protagonisten, der durch ein postsündgeflutetes Metropolis wankt, um den Schläfern einen Anhalt für ihre Träume zu geben. Als Poet bin ich nur wortmächtiger Kadaver, angelangt im Schutt, im Abraum der Ewigen Gärten.

    Vielleicht bleibe ich unter einem Fenster stehen und bilde mir die Vision einer einsamen Existenz heraus, die dort im dämmrichten Erker ihre Sonette niederschreibt, nicht ahnend, dass die Unsterblichkeit kein Archiv besitzt, jetzt, da Bibliotheken fallen und die Erinnerung nur noch bis gestern reicht. Unter Brüdern bin ich auf Friedhöfen, grüße die Wurmlebendigen, die Simse umflappt von Falterstaub, ein letzter Kerzenschimmer über den Giebeln bleckt ein langes Gesicht, darunter gähnen Schluften und Hohlwege, Grottendämpfe zerwehen, vergehen an den Nostern, ausgeschnaupt und angesogen. Ich weiß viel von dunklen Wanderherzen, die sich vom Mondenschein zerklüften lassen, niederlassen an den Strecken, an den Bäumen, leisberauscht vom Zeiselwind. Dichtet euch hinfort, ihr Scharen lappiger Lappsäcke! Vom Frohn bestuhlt erschlafft euch die Zunge im Maule: Mistel, Kinster, Mahrentacken, Mahre, Gaul und Roß! In meinem Sehnen spinnt er sich ein, der Bruder Wurm – und verweigert sich den Zöglingen der Verderbnis. Er schreibt; steht ganz sinnlos und allein vor seiner Wirtin, die ihm den Mietzins aus dem letzten Auge sticht.

    So nenne ich dem leeren Fenster die Zeit und streune weiter, während die letzten ausgerufenen Sekunden zu mir zurückfließen wie Sternentaler. Denn wenn’s den Poeten nicht mehr gelingt, in dieser prosaischen Welt ein Herdfeuer zu entdecken, stirbt jeglicher Geist in den Dingen für immer hin, ersteht nie wieder, hebt nicht mehr den Odemkorb des letzten Hauchs. Ich finde mich im Nachtwind wohl, beobachte durch die kleppernden Läden das Zuendegehen eines Lebens, das noch Duft genannt werden kann, denn der da liegt freut sich offenkundig an der ewigen Wiederkunft und hält und bekommt gehalten das Händchen im Kreise seiner liebsten Kerzen, die so lichterloh scheinen und ihm das Angesicht wie einen Motor vorglühen, auf daß er ohne zu stottern und murren über den Gjöll blicken kann, zur Holle, dem Holunder hin. Noch ist der Jüngling nicht hinüber, beharrt, man kann es sehen, auf sein Recht, das Kissen aufgeschüttelt zu bekommen, um Freund Hein gebührend empfangen zu können, sodann nach einem Trunk mit ihm gemeinsam hinzufahren.

    Ich bin nachtwach, ein Schläfer bei Tage. Ich trage den Traum wie einen Anzug. Ins tiefere Tief hinein weht mich die Melange der späten Stunde, ein zerklüftetes Bäumelein auf einer Insel umgeben von Staub, die Raschelblätter in den ewigen Raum gebeugt.

    Dort hindert den noch Lebenden das Leben selbst am Scheiden. Die Kammer gehört ihm als Gast, der sich um den Abschied kümmert. Fragt ihn die Liebste nicht schon, wohin er gehe? Seine Lippen bewegen sich wie zum Gedicht, man meint, sie küssen sich in Bälde, doch wölbt sich sein Mund hin an ihr Ohr, und der Wiederschall meiner Rufe zersplittert wie ein gläsernes Wolkenschaf an einer Kerkerwand. Um die Errettung der Seele ist’s niemanden mehr, man weiß nichts mehr vom Tod zu sagen, als dass er nach wie vor verlässlich steht wenn aller Schmerz nicht mehr das Leben lindert.

  • Es flüstert da im Dunkeln

    Wie sollte man auch nur ein Wort verstehen, schließlich kommen wir aus dem Nebel. Ich sehe Schatten, die den Raum durchstreifen wie Schwaden der Nacht. Ich verstehe kaum ihr Murmeln ohne im Nachtwind nachzuschlagen, der am Fenster peitscht und peitscht die Liebste aus, dir dort mit Fesseln festgemacht verschmachtet und der Tau aus ihren Poren Eisblumen fallen lässt. Vom Atem sind die Scheiben blind. Ich kenne diesen Traum, ich habe ihn selbst gemacht, als ich der Welt den Rücken kehrte

  • Der 30. Februar des Jahres

    Es regnet brossierte Hüte;
    wer etwas dafür kann,
    sollte jetzt nicht zögern,
    die Hand zu heben.

    Während die Hände sich erheben,
    die Hüte zu fangen,
    den eigenen ins Dickicht zu verlagern,
    schreibt man Schuldscheine aus.

    Es war eine dunkle Hut-Nacht,
    die Schreibmaschinen griffelten
    von Richtung der Nordwest-Allee.

    Wer konnte, aß etwas auf,
    sei es eine Vermisstenanzeige,
    ein parfümierter Liebesbrief,
    der Griff einer Pandora-Büchse,
    ein geliehenes Ohr.

    Dann setzte man sich unter einen
    tapferen Zweig, maß den Umfang
    seines Schädels anhand gelesener
    Bücher, und probte den letzten
    Reim eines verwandten Geistes,
    nicht länger als zweihundert Jahre tot.

    Die Gasthäuser rollten ihre
    Fässer aus den Kellern

    "bring out the dead!"

    manche nutzten die Zeit bis
    zum Aufprall mit dem
    Nachspielen eines Horoskops.

    Ältere Herrschaften wurden mit
    Zöpfen schick gemacht, den
    Töchtern abgeschnitten,
    auf dass niemand erkennen soll.

    Hätte ich noch ein wenig
    mehr Zeit, würde ich
    über die bahnbrechende
    Erfindung der Dorfstraße reden.

    So aber bleibt mir nichts
    als mich anzuschließen.
  • Der Schrecken der Reise

    Die Schnecke erfährt ihr Tempo hinter vorgehaltener Hand.
    Heimlich bekommt sie dafür ein Haus, das wie ein Trichter
    Zum Kleinsten und zum Größten hin führt, aber langsam.
    Langsamer als die Farben aus Gesichtern rutschen,
    Die auf der gleichen Strecke unterwegs sind,
    In einem Raum, der abstrakt scheint, mehrteilig,
    Wie es die optische Täuschung oft vormacht,
    Wenn die Perspektive, von der nun alle reden,
    Nicht mehr vorhanden ist, wenn sie dem Ultraschall
    Des Gehörten, dem Infrarot der Nacht, durch ihre Wärmepausen weicht.

    Dann bleiben gesprochene Worte auf der Strecke liegen,
    Keiner kümmert sich um das Gepäck des anderen. Im
    Forst sitzen die Tafeln mit den Umsteigemöglichkeiten fest,
    Behaupten sich nicht gegen Bäume oder Gräser, haben
    Es aufgegeben, die richtige Stelle mit einem X zu
    Markieren. Sie werden kaum aufgedeckt, gefunden werden.
    Deine Hand leuchtet einen Ballon an, aber auch diese
    Geste bringt keine Zeit zurück, die auf der Reise verloren
    Ging. Trotzdem folgen die Vögel dem Licht zurück in
    Ihre Nester, die jetzt, da sie älter sind, bereits
    Vertrocknet und mit eingeworfenen Fenstern einen Tanzsaal
    Abstrakter Gerüche bilden.

    Nehmen wir auch nur ein einziges Muster fort, hebt sich
    Die Distanz bereits wieder auf, alles ist dann nur
    Ein einziger Ort, der Trichter der Schnecke zum
    Kleinsten, zum Größten hin. Dieses mathematische Rätsel
    Schreckt die Reisenden, die wissen, dass sie sich
    Nicht mehr bewegen dürfen. Es steht in ihrem Gepäck
    Geschrieben, aber auch auf unzähligen Urlaubskarten,
    Die an der Wand neben Faltern ihren Platz behaupten.