Dort beim Hexenkraut

Gerüchte ziehen durch das Land. Bodennah kriecht der feuchte Dunst, der von den Zungen platscht, über die Felder, und damit verderben sie dem Morgen die Schönheit der aufgehenden Sonne. Die Waldlaubsänger sirren in den frisch mit Tau bezogenen Baumbetten mit dem Zwielicht um die Wette, flappen um ihre Koje herum, bringen ihre Hymnen den Würmern dar, den großen Ernährern, die aus der Erde ragen, dem Humus, dem Sand.

Fressen oder gefressen werden.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang tragen die Arien der Rotkehlchen weit, aber erst als um 5 Uhr 40 die Stare erwachen, spottet dieses Opernhaus mit seinem tiefblau beginnenden Himmel allen menschlichen Tuns.

Was durch die Lüfte zieht, sich regt, verweht, wird Geschichte werden, die Worte faulender Gestank, der, langsamer als die Federvagabunden, den Wind findet, alles in seiner Reichweite vertreibt, was nicht mehr zur Nacht gehören will. Traumtentakel ziehen sich in die Büsche zurück, hinterlassen nur unangenehm nässende Spuren, ein Ektoplasma, zusammengefallen durch das tägliche Vergessen. Der Morgen beginnt sein Ritual, badet sich in den ex­plodierenden Farben.

In dieser Zeit tritt Nebel aus der Erde, steht auf dem Land herum und wartet auf die endgültige Pracht der Sonne, die zwar schon ihre leuchtenden Arme über den Kohlwald ausstreckt, aber noch nicht in das Herz der Nebel­bank hinein greift. Geisterhaft keckern die Stimmen der Kinder von der gro­ben Steinbrücke, brechen sich an den Gebäuden entlang der Schlossstraße und kehren lallend zurück.

Achtet auf den Widder!

Die Eger gurgelt in ihrem dunklen Flussbett, im Nebel schwanken Glied­maßen, auf der Wiese stehen Schatten. Es sind die Schafe, die schüchtern Gras rupfen vor der hölzernen Wand, hinter der sie ihr Nachtlager wissen. Die Tore sind seit den frühen Morgenstunden geschlossen.

Achtet auf den Widder!

Wollköpfe schnellen lauschend in die Höhe, schwarze Münder blöken. Die Kinderschar lacht, löst sich auf wie eine weitere gespenstische Erschei­nung. Die Steinbrücke ist wieder leer. Als sich der Nebel verzogen hat, steht das Dorf wie ein beginnender Tagtraum still und wartend an seinem Platz. Trügerisch. Denn die Geisterkinder könnten jederzeit wiederkehren. Ich glaube, dass wir uns selbst dort lachen hörten, nur sprachen wir nie darüber. Einer dieser Augenblicke, als wir über die Steinbrücke der Eger tollten, muss­te einen Abdruck hinterlassen haben, der sich dann zu einem Spuk manifes­tierte. Wir hatten alle unser altes Leben gelassen, wo es war, nur erinnerte sich niemand mehr daran. Nur eine unbedeutende Turbulenz in Zeit und Raum, die uns selbst für alles andere sensibilisierte. Die Steine nämlich ver­gessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze minerali­sche Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige ikonische Gedanken abzusondern. Sie sind die Archivare der Zeit. Und manchmal lassen sie ein geflüstertes Wort ent­kommen, noch öfter aber ein schallendes Echo, dem man besser nicht folgt. Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.

Wie täuscht uns das Leben, wenn neben der strauchigen süßen Himbee­re der Kadaver eines Eichhörnchens liegt, wenn schnurrend die Katze im Stroh auf ihren Mäuseleichen thront. Wie täuscht uns das Leben, weil wir uns gerne täuschen lassen. Vergessen ist der große Sturm des letzten Winters, der doch so viel von der Ruhe der Ansässigen gefressen hat. Wenn sie sich daran erinnern, tun sie das mit einem Schaudern. Gerüchte werden zu be­glaubigten Geschichten, die mit eigenen sonderbaren Erfahrungen ausge­schmückt den Abend retten können; und Sonderbares hat hier jeder schon erlebt.

Die gerupften Federn im Mondlicht, Skelette kleiner Nager; eine sich anschleichende Suche. Der Pilger ist träumerisch genug, um sich von der Natur verschlingen zu lassen, das Idyll regt sich durch Wanderung und Heimkehr. Was an der Geschichte Fatum, was Voluntarismus sein wird, darf nicht leichter voneinander zu trennen sein als Silberbromit von einem barytierten Papier.

Hier ist alles waldphantastisch eingbrünnt. Kaiserhammer ist das Zen­trum eines alten Jagdsterns, bei dem im Verlauf mehrerer Tage das Wild dem auf freier Fläche aufgebauten Laufft zugetrieben und mit neu gespannten Netzen und Feuern am Entweichen gehindert wurde. Beim abschließenden Abjagen wurde das Wild in den Laufft hinein getrieben, in dessen Mitte die fürstliche Jagdgesellschaft auf ihre Beute wartete.

Von den Baumheeren geht keine Gefahr aus, wohl aber von dem, was zwischen den Schatten geht. Ein Reh, aus baldiger Nacht verirrt, mit Durst im braunen Fell, will den Tau von Halmen lecken und sieht sich – schon erschos­sen – um. Das Blei zerfetzt den schönen Athletenhals und wirbelt warmes Blut auf die erlahmten Wimpern. Unter den Schuhen des nahenden Jägers wird es finster und nass und schwer und klamm. Der Herbst hält seinen Atem an, kurz bleibt die Stille haften, bleibt verlockend tot.

Sefchen, altes, geiles, rotes, dreckiges Sefchen; tanz du doch noch einmal um den Galgenbaum, tanz du doch noch einmal den Staub auf, Gewitter dei­ner Knöchelchen, Sohlen, Fersen, tanz du doch noch einmal mit hohem Rock, zeig, wo die Seife endete! Der Ruf durch den Nebel von Krähen beheizt, ver­schlungen führt der Weg vorbei an den knatschenden Eichen, an gekrüppel­ten Ästen, an der gesammelten Pest der Altstraße. Wind wurmt über die Tei­che, die Flüsse – des Scharfrichters Tochter ist schön wie jede Gespielin des Verderbens. Wer sie tanzen sieht, wird je zurückkehren, rasten am gemiede­nen Ort, seinen Blick über den Alraunenacker schicken. Es kommt mir so vor, als befände sich das Fegefeuer nicht weit, als ginge ich durch Niemandsland, als warte dahinter der Erdschlund, gurgelndes Magma!

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