Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum. Nur die Steine sprachen miteinander. Fünfzehn Stufen lagen vor mir, und die erste fand ich hell erleuchtet. Nebel, die Stufen aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig, braun zurückgelassener Fußabdrücke, Dornenstaub darüber, Gestalt des Wahnsinns.
Hört auf, mich zu halten, Skelette! Würmer kriechen aus euren Mündern, an den Kiefern kleben niemehrkauend gelbe Zähne, Knochenhälse recken aus dem Morast, Mooszyrrhose. Man krönte mich zum König, man hängte mir geräucherte Würste um den Hals, man baute mir ein Bett aus Gammelmais und Daunen, dreizehn Nymphen, kleiner als ein Daumennagel, putzen meinen Körper. Prinzessinnen wollen saubere Kandidaten.
Ich darf entscheiden, wem man heute die Augen aussticht, entscheide mich für einen von der Bank, der Augensaft, die Tränke der Nymphen, das Geschrei des Sterbenden wird untermalt von Pauken, bucklige Glöckner schwingen den Klöppel. Ich bin der König der Skelette, ich bin der gesäuberte, bezirzte neue König, werde in Plasma gebadet und besteige hierzu eine gusseiserne Glocke, meine Augenbrauen verfärben sich rot.
Der Fremde blieb fremd, tastete nach seinem Hals: »Verzeihen Sie mir, ich suche eine Inspiration und weiß nicht, wo ich suchen soll!«
Sitzt an meinem Tisch und beobachtet mich mit Zonulafasern, Linse, Augenstiel. Beinahe hätte ich ein Lied daraus gemacht: Oh Zonula Augenstiel, Netzhaut, Binde-hau-tsa-hack!
Er beugte sich über die Schreibmaschine (Hermes Baby), roch nach Moschusdrüsen und Schweiß und bellte, die Lippen straff geöffnet, künstliches Loch, die Zunge wie ein Rollmops; als wisse der, wer ich bin.
Die Schnecke erfährt ihr Tempo hinter vorgehaltener Hand. Heimlich bekommt sie dafür ein Haus, das wie ein Trichter Zum Kleinsten und zum Größten hin führt, aber langsam. Langsamer als die Farben aus Gesichtern rutschen, Die auf der gleichen Strecke unterwegs sind, In einem Raum, der abstrakt scheint, mehrteilig, Wie es die optische Täuschung oft vormacht, Wenn die Perspektive, von der nun alle reden, Nicht mehr vorhanden ist, wenn sie dem Ultraschall Des Gehörten, dem Infrarot der Nacht, durch ihre Wärmepausen weicht.
Dann bleiben gesprochene Worte auf der Strecke liegen, Keiner kümmert sich um das Gepäck des anderen. Im Forst sitzen die Tafeln mit den Umsteigemöglichkeiten fest, Behaupten sich nicht gegen Bäume oder Gräser, haben Es aufgegeben, die richtige Stelle mit einem X zu Markieren. Sie werden kaum aufgedeckt, gefunden werden. Deine Hand leuchtet einen Ballon an, aber auch diese Geste bringt keine Zeit zurück, die auf der Reise verloren Ging. Trotzdem folgen die Vögel dem Licht zurück in Ihre Nester, die jetzt, da sie älter sind, bereits Vertrocknet und mit eingeworfenen Fenstern einen Tanzsaal Abstrakter Gerüche bilden.
Nehmen wir auch nur ein einziges Muster fort, hebt sich Die Distanz bereits wieder auf, alles ist dann nur Ein einziger Ort, der Trichter der Schnecke zum Kleinsten, zum Größten hin. Dieses mathematische Rätsel Schreckt die Reisenden, die wissen, dass sie sich Nicht mehr bewegen dürfen. Es steht in ihrem Gepäck Geschrieben, aber auch auf unzähligen Urlaubskarten, Die an der Wand neben Faltern ihren Platz behaupten.
…. rasch rasch: die Über=raschung; schneller schneller ge=schnellt; mach auf! was ist da drin? Spiel des Schicksals: rot (oder): rot (oder): die Kiste (es sind noch immer Kisten, Fässer !); knarr knarr geht auf, überhäuft der Augen reifen Schauder mit Kinkerlitz, der dicker mästet, als in der Kiste Innen=Raum Platz gewesen wäre. 1 Trost: wie tröstet man ? – die Wolken zaudern nieder, interrupt=pausierend, wenn dann: rasch rasch die Über=raschung. So geschah’s im Keller: ich stand bloß da, um die Kirschen zu stehlen, die Steine zu spucken, weil sie so menschensüß. Im Regal: was Du köpfst – und sey es noch so groß – verzehre ! – trinke aus dem Hals das sprudelnde Bächlein Naab, den eingemachten Saft …. rasch rasch : es rasch=schellen die Hände am Klavier : Ding=Dong ! – es läutet, wenn das Weck=Glas fällt, zerbricht; es weckt jetzt: die schon schlafen sind, die jetzt schon liegen, schlafen wollen (kommt auf die Uhrzeit an: ein jeder hat sie an der Hand, doch in der Hand sie niemand.). Der elende Fant steht schlemmend, hemmungslos vor: Truhe & Regal; er reckt sich nicht, Glas regt sich nicht – und alle schlafen weiter oder ein.
Subkultur. Nur wenn man sich unsichtbar Oder Unscheinbar macht, fährt man mit.
Zunächst sitzt ein Kleid auf einer Bank, Angezogen von Füßen, die von Schuhen nicht Eingekesselt (es ist etwas Seltsames an Füßen, sie erweitern das Geschlecht).
Die Landschaft ist ein Streifen mit der Zunge, aber mit den Füßen auf der Erde, Auf der Bank und dem Kleid, Erkannten dich die Glockenblumen wieder.
Die Bagger werden zwar nicht mehr mit Dampf betrieben, weil die Kessel, in denen er produziert werden kann, mittlerweile kaum noch auf einem Flohmarkt zu finden sind und die Beschaffungskosten astrale Höhen zeitigen, aber das trübt das Gesamtbild nur marginal. Die Zeitreisenden freut es sicherlich zu erfahren, dass Kempten in diesem Jahr damit begonnen hat, sämtliche Straßen und Bürgersteige abzureißen, damit die Bevölkerung sich wieder am Matsch und am naturbelassenen Schlagloch erfreuen kann. Kinder werden ihre Papierschiffe wieder mitten auf der Straße kentern lassen können und auch Pferdescheiße wird bald wieder die glückliche Luft um uns herum erfüllen. Gegenwärtig ist das Pilotprojekt in der Haggenmüllerstraße zu bewundern, und ich kenne niemanden, der nicht vor Aufregung zittert, weil es endlich wieder in ein Jahrhundert voller Sonnenschein und Muse geht. Brechen wir gemeinsam auf.
Morena erschien mir von unserer ersten Begegnung an als eine überirdische Schönheit, und es darf nicht verwundern, dass sie, die auf einen uralten Stammbaum zurückblicken konnte, im besten Alter für eine Frau, noch nicht geehelicht wurde. Merkwürdig waren die Geschichten, die man sich über ihre Schönheit erzählte, und erste ernstgemeinte Avancen kamen wohl aus Furcht nicht zustande, denn man wusste in den sie umgebenden Kreisen sehr wohl, dass man sich immer auch den Ahnen zu stellen hatte, die das Geschlecht einst groß gemacht. Wehe dem, der sich nicht als würdig erweisen sollte, der zögert, wenn es gilt, nach vorne zu stoßen, oder der, andersherum, voller Übermut eine ganze Bresche allein zu füllen versucht. Ich war weder von der einen noch von der anderen Sorte und wurde wohl von ihr angehört, weil ich weder stürmte und drängte, noch die übliche Furcht vor ihrer Aura zeigte. In ihrer Nähe wurde ich stets von einer Kraft erfasst, die mir ermöglichte, philosophische Höhen zu erklimmen und etwa über Jakob Böhme, der bei diesen Gesellschaften zu dieser Zeit gern diskutiert wurde, zu parlieren, als wäre ich je ein Studiosus gewesen und hätte die Aurora nicht nur gelesen, sondern verstanden. Morena bedachte mich dann mit Blicken, die mich aufforderten, nur weiter so kühn von der alchimistisch-poetischen Machart zu sprechen und gerade den Gedanken vom Widerspruch als ein notwendiges Moment weiter zu verfolgen. So sprach ich oft vor ihr und ahnte nicht, dass ich gerade das, wovor sich die meisten fürchteten, heraufbeschwor.
Auf dem aus der Wand gewölbten Spiegel stand die Rechtfertigung gegenüber meines Verdachts, den ich vielleicht erst etwas später hätte äußern sollen.
»Ich habe nie …« Dabei war dieser Gedanke nie ausgesprochen worden, meine hängende Mundpartie hätte sich gar nicht um die vorgesehenen Worte wölben können. Also schwieg ich.
Ich hatte sie im Raubvogelgehege stehen lassen, konnte mich nicht dazu entschließen, auf sie zuzugehen, beobachtete sie dabei, wie sie einen verbrannten Engel küsste. Aber das war es nicht, was mich veranlasste, ihr zuzusehen und mich dabei hinter einem gefiederten Baum zu verstecken. Meine Augen wären ihr dabei vielleicht nicht willkommen, und wenn nicht meine Augen, dann vielleicht ihr Blick.
Es waren ihre bandagierten Arme, die mich neugierig machten (den Engel erkannte ich, um die Wahrheit zu sagen, auch erst viel später), und nicht zuletzt ihr Atemgerät, das ihr aus dem Gesicht ragte wie eine Radarfalle. Da kannte ich sie noch nicht.
Später traf ich sie noch einmal, sie fiel mir durch ihr verräterisches Kleid auf. Ihre Maske hatte sie nicht mehr bei sich und auch ihre Arme waren ohne Wunden, die eine Verhüllung erforderlich gemacht hätten. Nur ihr Kleid und die Brandflecken darauf. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit in Öl zerlassenen, kleinen Fischen – Sprotten, um es genau zu sagen. Der Ausgang war nicht weit, aber man wurde stets durch ein Schnellrestaurant geschleust, bevor man nach draußen kam. Die Tür öffnete sich erst, wenn man etwas verzehrt hatte (oder wenn man etwas zu Verzehrendes gekauft hatte; ob man es dann liegen ließ oder in den Papierkorb warf – es war pures Kalkül, dass es nur einen Papierkorb gab, so wurde an das moralische Empfinden appelliert – blieb der eigenen Strategie überlassen).
Ich sprach sie natürlich nicht an, aber ich schlenderte hinüber zu ihrem Tisch und grapschte nach jener Brust, die auf meiner Seite lag. Hätte sie die Maske noch getragen, hätte ich es nicht gewagt.
Ihr Teller zerbarst auf dem kargen Boden und die Fische schlitterten über die Fließen, als hätten sie es eilig, wieder zurück ins Meer zu finden. Aber sie fanden es nicht, verteilten nur das Öl und blieben liegen, wo sie waren.
Ich kann nicht genau sagen, was dann geschah. Erst jetzt erinnere ich mich an die krümeligen Reste ihrer Wimpern, die sie im Waschbecken hinterließ, an eine gesalzene Seezunge im Kühlschrank. Ich schaue mir ihre Handschrift auf dem Spiegel noch einmal an: »Ich habe nie …« Was wollte ich sie fragen?
Wenn meine Träume unerträglich für sie wurden, sprach sie in der Dunkelheit auf mich ein, anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich ihre helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für sie habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich sie an den Ort, an dem ich das wurde, was sie liebte und fürchtete zu gleichen Teilen. Ich führe sie an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe ihr Blicke zu, während ich das Dorf in der Halbtotalen betrachte. Nichts hat sich verändert: Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genauso wenig wie du, die ich hier dennoch zu finden hoffe, damit ich euch beide verschmelzen lassen kann.