Die Veranda: 6 Ich rippte in der Buck’s Row

Übersetzt man ›Veranda‹, ist eine mögliche Bedeutung: ›Der sehende Junge‹. Willi kommt zu seiner Veranda während des Vögelns. Diejenige, die da unter ihm zappelt – nicht weil es ihr gefällt, sondern weil sie keine Luft mehr bekommt (so fest hat er sich in sie gekrallt), heißt Ella. Ein wirkliches Abenteuer ist das nicht, sieht man einnmal davon ab, dass man der Dame in die Brustwarzen zu beißen hat, will man sie zum Klimax führen. Der kündigte sich mit einem »jetztjetztjetzt« an. Der so über ihren Leib Gestülpte, der nichts von ihrer erotischen Absonderlichkeit weiß, mag sich da bereits heroisch bestätigt fühlen, das Ziel ist erreicht, der Hengst gießt sich selbst aus und wälzte sich runter, um noch eine Mütze voll Schlaf zu erhaschen, bevor der Morgen wieder klingelt, der Leib zur niederen Tätigkeit geschunden wird. Die Mademoiselle macht Mathemusik, eine Muse der mathematischen Zufälle auf der Geige, die Pausen singen von dem, was die Materie auseinandertreibt.

Ella ist nichts Festes, nicht das »Ich-glaube-du-fehlst-mir-wenn-du-nicht-da-bist«-Ding. Sie hat ihren Weggefährten (oder ihre Weggefahr, je nachdem) bereits gefunden, nur vögeln will sie nicht mit ihm. Er schnarcht während des Beischlafs, was sich bisher kein Oto-Rhino-Larynologe erklären kann. Aber am Wochenende gehen sie zum Tanz, meistens dorthin, wo The Four Aliberts aufspielten. Ella ist mit den Jungs vertraut, und wenn Willi nicht alle Sinne täuschen, kennen die Jungs wiederum das Geheimnis ihrer Titten.

Willi aber kennt die Arbeitszeiten des Gehörnten, was ihm dabei behilflich ist, keine Spuren zu hinterlassen, weder in der Wohnung (er setzt sich beim Schiffen, rasiert sich dort nicht), noch auf Ellas Körper (wie es drinnen aussehen mag, weiß Gott allein, wenn er sich für so was interessiert).

Willi bearbeitet Ella parallel zur Renovierung der Wohnung, was schon mal Farbkleckse verursacht. Auch das natürlich ein kosmisches System, nur lesen müsste man es können.

Eine gewöhnliche Kopulation löst bei Willi keine Visionen aus, und schon gar nicht so eine, bei der er sich nicht mehr auf das konzentrieren kann, was sich da unter ihm abspielt; schließlich darf er seinen Einsatz (jetztjetztjetzt) nicht verpassen – und er verpasst ihn nie.

Das Röcheln unter ihm wird immer eindringlicher (zaghafte Faustschläge auf den Rücken), das Bild, das ihn eben noch anrührte, wie die kratzlieblichen Töne einer Violine das Universum anrühren (ach, das zauberisch verpackte Geiglein!), verschwindet wie eine Seifenblase, löst sich nicht einfach auf, sondern fällt in schillernden Farben zusammen. Erbost (wer visioniert denn schon nebenher den schönsten Traum, in dem aller Kummer des Lebens den fernen Pastellen weicht, die zu erreichen dem Sinnenden das einzige Prinzip?) springt er zunächst aus Ella und dann aus dem Bett. Die um ehrliche Lust Betrogene zeigt einen japsenden Mund, gefüllt mit heiß flüsternder Lava. »Bist du verrückt!« – wäre ja noch menschlich gewesen, so aber erinnert sie Willi an jene Karpfen, die seine Großmutter jeweils zu Ostern in einem Kräutersud servierte. Karpfen blau. Er war nie an das verdammte Rezept herangekommen, obwohl sie ihm versprochen hatte, es ihm eines Tages zu geben, dann nämlich, wenn er die ›große Fischküche‹ intellektuell fassen könne. Doch sie starb ohne Federlesens, und das einzige, was sie hinterließ, war ein Schrank voller Valium und Morphium, sowie ein steinhartes Brot im Brotkasten.

Willi (jetzt neben dem Bett stehend) starrt sie an, sein Blick aber geht durch sie hindurch. Sind wir nicht alle nur Atome, wild kreiselnd, dazwischen : nichts? Er möchte die Vision wiederfinden, die Ella mit ihrem vermaledeiten Überlebenstrieb unterbrochen hat. An manchen Tagen gelingt so ein Rückholkommando durch eine Tätigkeit, die man Glotzen nennt. Glotzen: Ausschalten jeglicher Ahnung von Realität (Wissenschaftliches Bewusstsein ist entfremdetes Bewusstsein), in Erwartung eines geistigen Supergaus, einer Art Nirwana für Ungeübte. Willi glotzt also auf das Wesen, das sich den Hals reibt, dann kopfüber aus dem Bett heraus eine Menge Schleim zu Boden hustet (so viel drin in einem Menschen!), dann nochmal etwas krächzt, aufsteht, ins Badezimmer torkelt, schnieft und schneuzt, sich hinsetzt und pinkelt.

»Das war eine Veranda!«, murmelt er seinen Händen entgegen, die – natürlich – leicht zittern. Er setzt sich auf den Rand des heilbringenden Bettes und verbrennt sich die Nase beim Versuch, sich eine Zigarette zu entflammen. Ella kehrt zurück, bleibt sicherheitshalber in einiger Entfernung stehen, und – mal im Ernst: sie sieht aus wie eine Vogelscheuche.

Eine Woche später spielt Willi mit Rupert Spiegelberg Billard. Die Kneipe ist leer, Atem liegt sinnlos herum, in den Ecken die versteckten, nur im Suff gesagten, bleichen Satzversuche. Das Milieu riecht heute Morgen, wie jeden Tag, nach eingetrockneten Extras, Granini-Zuckersäften, die in Gläsern mit Wodka, Blue Curaçao oder Batida de Côco verquickt wurden, verschüttetem Bier, nassem Holz, filzigen Teppichen, Moschus-Klosteinen mit extraordinären Ausdünstungen. Dichlorbenzole lungern unter einem vergitterten Fenster herum, werden irgendwo anders mit der Muttermilch aufgenommen (man hört Karl Feigenbaum sagen: ›Ich rippte in der Buck’s Row!‹). Das Scheißhaus Welt immunisiert seine Neuankömmlinge.

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