Die Veranda: 7 Raum-Café

Sie putzen das Inventar, die Gläser, ein Schluck hiervon, ein Schluck davon, die Theke. Im Pissoir wechseln sie sich täglich ab, philosophieren gummibehandschuht über die Wahrheit, die der Beweisbarkeit überlegen ist. Über dem Egertal pennen die Vaganten der Wohngemeinschaft, die anorektische Journalistin, der drogenabhängige Pizzabäcker. Der seine alkoholischen Getränke mit Aspirin anreichert. Die Mafiatorten fielen ihm reihenweise vom Teller, er kratzte sie, vorsichtiger als er sie servierte, vom Boden zurück auf den Teller, rieb noch einmal Käse darüber, ließ das Ganze noch einmal zwei Minuten schmelzen, fertig.

Was wäre, wenn dieser Raum, dieses Kneipenzimmer sich von allem lossagen, zum Raumschiff würde, ein Raum-Café? Es ist dunkel, nur die Tischleuchte wirft von oben herab ihr warmes Blendwerk auf das grüne Spielfeld, die Kugeln mit Speck eingecremt wie der kleine Kirschenarsch einer Jungfrau. Mögliche Konsequenz der Soziologie des Wissens: Wenn alle Wirklichkeiten oder Methodologien ein Produkt historischer Umstände sind, dann steht die Wahrheit in Bezug zu ihrem individuellen Kontext, und es gibt keine absolute oder transkulturelle Wahrheit. Bingo! Das bedeutet auch, dass jede Epistemologie oder Weltansicht genauso akkurat bzw. nicht weniger akkurat als jede andere beliebige ist. Deshalb fliegen sie also jetzt durch Raum und Zeit mitsamt der Kneipe, die Pisse und Kotze im Scheißhaus eingerechnet; ums gemütlicher zu machen: auch die Schnäpse flattern mit. Rupert rennt, er merkt natürlich sofort, dass etwas nicht stimmt, zum Fenster. »Alles weg!«, ruft er. »Da draußen ist nix mehr!«

Es stimmt, denkt Willi, mir wird selbst ein wenig flau im Magen. Aber das ist bei den Gerüchen nicht wirklich ein Wunder.

Rupert wurde in Indien verrückt. Er kam zurück und erkannte niemanden mehr. Abgesehen davon, dass er nicht mehr lächelte (als wäre sein Mund zugefroren; unpoetischer ausgedrückt: zugenäht), erkannte er nicht einmal seine Eltern, wollte seiner Mutter sogar in den Hals beißen. Und das wäre vielleicht sogar geschehen, wenn sie der Vater, der wegen einer Verätzung der Speiseröhre nicht mehr sprechen konnte, nicht zu Boden gerissen hätte. Ein Muttermord, ich von deinem Blut will dein Blut. Zauberdinge. Es gibt Zauberdinge, und wer weiß, was Rupert da unten alles erlebt hatte. Der Leibhaftige konnte ihm erschienen sein (oder eine alte Skulptur) da in diesem Sivananda-Ashram – und niemand würde es je erfahren.

Er also wurde verrückt und Willi hätte es werden müssen. In Wirklichkeit nahm er jedoch an, dass er auf die Veranda vorbereitet wurde – und Rupert auf so einer Veranda stand, womöglich irgendwo in Pushkar, diesem kleinen, verschlafenen Nest am Heiligen See. »Es bewegt sich!«, wird er gebrüllt haben. »Es bewegt sich alles!« Wie Galileo in seiner besten Phase.

»Das stimmt!« Die antwortende Stimme eines englischen Touristen, Willi hört sie aus seinen Tiefen wallen. »Und das schon seit dem Frühstück!« Statt jedoch gemeinsam loszuprusten, hat Rupert Spiegelberg dabei den Verstand verloren und wurde von einem elterlichen Rückholkommando für ein paar Tage in einem netten kleinen Zimmer untergebracht. Das bewegte sich zwar ebenfalls durch Zeit und Raum, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr, war er doch am Bett festgeschnallt.

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    2

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    Auf dem Weg zu katatonischer Starre von Vorkommnissen begleitet, die ihr die Schau stahlen, trat sie in den vor ihr liegenden Traum, unbekannt, von welchen Wegen, Sehnsüchten, Pflastersteinen (vornehmlich Grus) erschaffen, ungenau in seiner euklidischen Darstellung, freskenbetont und einsam. Sie, die sich stets in ihrer Mitte wusste, fand hinaus, fand die Stimme wieder, die sie dazu ermuntert hatte, durch die Wand zu entschwinden. Hören wir hinein, ablauschend die Erinnerung, aber kein Wort, weil Worte versagen, kein Schild, weil Schilde versagen, und der Hof, der schöne verfallene Hof lag hinter ihr. Schlief sie in Wellen, erwachte als ein Ding, oft in Taschen oder anderorts verlegt, ein Gegenstand von Kälte, blassem Fieber. Eine Welt oder eine andere. Die Motoren drücken strenge Muster aus. Sie hört davon in den Ecken einer gewissen Grabesstille, flüsternde Tote, spinngewobene Kleidung, Humus aus Dosen, Grabstätten der einen Fantasie. Alle Male auf ihrer Haut verheißen ihre Rückkehr, eine Begegnung mit dem Wanderer wird unvermeidlich sein; sie lügt ihn an, was ihre Tätigkeit betrifft, denn sie ist nicht die, für die er sie hält. Eine hübsche Trophäe wäre sein Kopf, seine ausgebeinte Schulter, sein trockengelegter Tränenkanal, statt dessen gießt sie ihm ein, bereits mit Händen, die keine Zeichen mehr geben können, die Nähte ungewachst und spröde geworden. Alle Rätsel fließen in ihrer Brust, alle Fragen in seiner.

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    Vielleicht war es ihr erstaunlicher Werdegang, begonnen mit einem in der Welt sein auf Stachelkissen, gewaschen mit Brackwasser, vielleicht waren ihre großen Nüstern schuld, Dinge namentlich zu erschnüffeln, ein Trüffelmädchen mit einer Neigung zum Hässlichen, denn darin standen ihr die Augen offen, erblickten dort Grenzposten in gilben Uniformen auf- und abpatrouillieren, das Niemandsland bewachen. Ihr gelang es von Zeit zu Zeit einen Fuß auf das verbotene Feld zu setzen, um zu erkunden, was geschehen würde, wenn sie sich nicht an Kompromisse hielt. Es geschah nie etwas, ihr Vorhandensein blieb unbemerkt. Wer achtet schon auf eine Nase, die sich über Grasnaben schiebt?