Flamboyant: 1 Der Volontär

Im Januar dementierte der Bürgermeister Max Hager die Gerüchte, Wölfe könnten aus der Tschechoslowakei in das Fichtelgebirge gespült worden sein und Menschen angefallen haben. Das tat er schriftlich in schöner Sütterlinschrift, die in der Redaktion der Frankenpost erst einmal nicht entziffert werden konnte, bis man den verrenteten Chefredakteur Malte Buschbeck bat, seine Eisenbahn – den Waldsteinexpress en miniature – dem man in der Wirklichkeit gerade die Gleise unter dem Treibsatz fortgerissen hatte, kurz abzuschalten, und sich diesen Brief, am besten gleich, anzusehen. Malte wollte noch zwei, drei Bäume pichen, eine neue Naßdampf-D11 auspacken, und versprach, zu kommen, vorausgesetzt, es gäbe keine besonderen Vorkommnisse, die ihn daran hinderten. Manchmal nämlich legten die Kinder Pfennigstücke auf die Schienen, um den Zug entgleisen zu lassen, und das könne er nicht zulassen, da müsse er mit Enthusiasmus und …

»Bei deiner Miniaturbahn?!«

Malte wirkte überrascht. »Ja wo denn sonst, Ulrich? Die echte Strecke gibt’s ja nun nicht mehr.«

»Gut … das verstehe ich natürlich, aber könntest du dann …«

In der Leitung erklang ein zaghafter Fluch und ein Poltern, als der Hörer auf der anderen Seite rüde abgelegt wurde. Jetzt ist es soweit, dachte Ulrich, jetzt hat er den Verstand verloren.

Sein Ohr wartete geduldig darauf, dass sich die altmodische Stimme wieder meldete, aber er hörte sie nur aus der Ferne schimpfen und zetern: »… hundertmal gesagt …« Dann legte er auf und verließ sein Büro.

»Hör mal, Ella, schaffen wir das nicht alleine? So schwer kann das ja nun auch nicht sein.«

Ella, deren schwarze Lackstiefel sich gerade noch unter der Kniebeuge abbremsten, bevor sie mit voller Geschwindigkeit in ein Kleid aus Glockenblumenmuster rasten, sah ihn an und begann unaufhörlich zu strahlen. »Nix dran!«, wedelte sie mit dem Papier.

»Das übliche Dementi … bedauerlicher Sturm, wie er nun einmal vorkommt, den Opfern werde gedacht, den Familien ein Blumenstrauß gebracht, garantiert keine Wölfe, sondern herumwirbelnde Dachschindeln und Ytong.«

»Ist mein Brief etwa schon da?« Willi Kreutzmann, der stolz darauf war, wie der Schlagzeuger der Grateful Dead zu heißen, die in der Redaktion überhaupt niemand kannte, nie jemand gehört hatte und wohl auch nie hören würde – Willi-Billy Kreutzmann, seines Zeichens Hippie, Psylocibin-Liebhaber (was ihn automatisch zu einem Kuhfladenwühler machte) und Plattensammler, sprang von seinem Stuhl auf und klatschte in die Hände, als er ›sein Thema‹ erschallen hörte. Ella betrachtete seine ausgestreckte Hand mit den langnagligen Fingern. Gott im Himmel, wieso können sich diese Typen nie die Nägel schneiden?

»Guten Morgen, Willi.« Ein Blick mit reichlich Augenbraue.

»Guten Morgen, Chef. Sagen Sie doch bitte Bill zu mir.«

Ulrich stand unschlüssig neben der Schreibtischplatte, auf der Ella eine Schreibmaschine stehen hatte, die wie ein Bergmassiv aus einem papierenen Ozean ragte; die Augenbraue blieb, sie wuchs da. »Ihr schafft das?«

»So schwer ist es im Grunde nicht. Man muss nur das Lineaturverhältnis gegenüber der Kurrent…«

»Her damit, her damit!«, rief Willi. »Das ist echt Showtime, Püppi!«

Püppi?

»Das ist Woodstock, Spanish Castle Magic und Monterey! Echt Jimi ist das!«

Ella betrachtete immer noch die in der Luft schwebende Klaue mit den Handfalten wie Forstwege darin, machte aber keine Anstalten, auf das quengelige Getue zu reagieren.

»Meine Güte, Will …«, sagte Ulrich und verzog das Gesicht nach Art altehrwürdiger Schlagersänger a la Rudi Schuricke.

»Nennt mich bitte endlich Bill!« Die Hand fuhr zur Hose, putze die schwitzende Luft dort ab und fuhr dann nieder auf die Zigarettenschachtel, die er neben einer Pralinenschachtel, auf der ein Schaschlickspieß ausgeschnittene Zeitungsartikel durchbohrte, liegen sah.

»Es ist privat!« Die Zigarette wippte am Ende des Gesichtes auf und ab. Ella verdrehte die Augen.

»Ich bin da auf etwas gestoßen. Vielleicht ist es ja was.«

Ella schüttelte den Kopf. »Es geht um den Sturm. Der Brief ist von Hager aus Marktleuthen.«

Willi nickte und setzte sich mit der Hälfte seines ohnehin schon halbherzig in die Hose gewickelten Hinterns auf den Schreibtisch.

»Leute …« Ulrich trällerte, musste sich eines Tages wohl noch etwas mehr Respekt verschaffen. »Wenn ihr was habt … Ella schreibt den Artikel. Aber nur, wenn ihr was habt! Macht keine Geistergeschichte draus!«

»Oh nein!« Willi-Billi sprang auf seine Turnschuhe, die vorher mitsamt seinen Füßen herumbaumelten. »Da steckt mehr dahinter. Investigativer Journalismus, wie wäre es damit?«

»Es ist investigativ genug, wenn man fragt und eine Antwort bekommt. Was du willst ist spekulativ – und das lasse ich in diesem Fall nicht zu.«

Noch bevor Willi Atem schöpfen konnte, fuhr Ulrichs linke Handfläche wie ein Stoppschild nach oben. »Komm mir jetzt nicht mit dieser Panzergeschichte! Kümmere dich um die Kleinanzeigen!«

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