Die Gasse der sprechenden Häuser (SSB-Version)

Zur Druckversion (Mummenschanz in großen Hallen)

Die Häuser in dieser Gasse, deren letztes Gehöft einst eine Milchwirtschaft beherbergte (der Wind nimmt dort nicht selten langgezogene Kuhlaute an) waren alt und längst mit ihren Flanken, Gärten und Erkern aneinander gewachsen. Windschief darbten sie in der Sonne oder ergaben sich der flink wechselnden Witterung, die selbst Bestandteil ihrer kühlen Außenmauern war. Ihre Zeit des Beobachtens und Speicherns war seit Jahren vorbei, jetzt sonderten sie all die Eigenheiten wieder ab, derer sie in Jahrhunderten Zeuge geworden waren. Kein Tun und keine Verwicklung war ihnen fremd geblieben, noch öfter aber war ihnen das Animalische begegnet. Was geschehen konnte, war in ihrer Obhut geschehen. Und so fanden die Häuser zu ihrer Sprache, die aus dem Knarren ächzender Dielenbretter, aus rumpelnden Balken, die sich in ihrem Dachbett dehnten, Windkanälen, die um Giebel herum zürnten, Fugen, Luken, Brechungen, dem Zischen in alten Rohrleitungen, und dem Resonanzraum des ganzen Gebäudes mit seinen besonderen Eigenheiten bestand. Vorgesehen zum Abriss waren sie längst, entsprachen nicht mehr der Vorstellung einer von der Moderne degenerierten Gesellschaft, die sich körperlos und körperfremd von allem distanzierte, was sie an das Leben erinnerte, wie es wirklich war : schmutzig und echt, einst aus dem Ozean gespien, von dem keiner mehr etwas weiß und der sich selbst nur noch vage an uns erinnert, obwohl sein Gedächtnis zeitlos ist, denn das Gedächtnis des Ozeans ist ein Schmerzgedächtnis.

Die Häuser nähren sich von jedem Kadaver, von jedem Gedanken, der dem Trieb entspricht, der Neugier; von jeder Tat. Sie nähren sich vom Spiel und vom Blumenschmuck, vom Ramsch in den Kellern, den verzagten Utensilien und von der Geometrie der Einrichtungsgegenstände, von den Bildern an den Wänden, den Erinnerungsstücken, die wie Batterien aufgeladen werden. Es gibt eine Theorie, nach der die Form der Pyramide am besten dazu geeignet ist, Energien zu konservieren, und das mag stimmen – aber in Pyramiden fand nie jenes Leben statt, das anderes Leben absorbiert, und so haben diese Bauwerke uns nichts zu sagen. Die Substanz der historischen Architektur, die wir für uns ersonnen haben allerdings bringt die Genauigkeit unserer Interaktionen wie einen Rekorder zur Geltung und zieht uns nicht selten in den Schlund des Verderbens, dem wir zum Sinnbild geworden sind. Wir sind das Maskottchen der geistigen Nacht, wir sind die furchterregenden Konstellationen in den abgelegenen Winkeln, und sobald das Licht erloschen ist, sind wir die Opfer unseres persönlichen Wahnsinns.

In der Gasse, die in ein totes Ende mündet, stehen fünf leere Häuser zum Abriss bereit, und bevor sie von der schweren Birne getroffen und von Planierraupen zum Einsturz gebracht werden, erzählen sie sich gegenseitig, was sie von uns wissen, denn nur das Erzählen schafft Gewissheit.

Die wenigen Schattenreste, die sich bei Sonnenlicht in der Erde verbergen, lassen den Pilz kurz zusammenstauchen, unbedrängt aber in seiner gesamten Wucherung zehrt er von seinem kilometerweiten Dasein. Nur die Zunge hat sich in die nasskalte Wand gegraben, nur seine Sporen sind das sichtbare Zeichen seines unzweifelhaften Wachstums, das er mit Schaben und Wanzen gemeinsam hat. Nässe und Furcht, das schleimige Schimmern der Panzer, der Verwachsungen, das Projekt des Befalls, Lebenszweck der Wucherung, der Verzehr von Frische, Reinheit, Fleisch, Organ.

Die tropfenden Wasserhähne, die trotz ihrer beendeten Nutzung Schmerz absondern, klingen barock in den zersprungenen Auffangbecken.

Das Haus, in dem ich mich befinde, nutzt seine Gefäße und formuliert damit das Unbekannte, Überhörte, das nur die anderen Häuser verstehen. Und sie antworten durch das Heulen ihrer Schlüssellöcher, durch das Zischen im Kamin.

»Wer mag bei dir sein?«

»Er sieht sich den Schimmel an, als ob es ein menschengemachtes Kunstwerk wäre. Und er bekommt Briefe, die ein fünfjähriges Kind täglich unter der Tür hindurchschiebt. Er spricht mit meinen Gespenstern.«

»Ich würde ihn gerne sehen. Schickst du ihn zu mir?«

»Ich glaube nicht, dass er beabsichtigt, von hier zu verschwinden. Der Pilz antwortet ihm.«

Eine wahnwuchtige Brücke aus schwarzen Steinen überspannte den Flusslauf, und über diese war ich schließlich in den bizarren Teil der Stadt gekommen, der nur aus geschlossenen Fabriken und Baracken bestand. Eine Stätte der Ruhe ohne jeglichen Verkehr, wo man bereits bei Tage das Gefühl hatte, in einem Dunst aus Traumgespinsten zu versinken.

Das dritte Haus von oben trägt weder eine Nummer noch ist es in irgendeiner Weise als Hotel ausgezeichnet; darin nimmt man die Pilger auf. Die Notiz, der ich mein Hiersein zu verdanken hatte, stimmte mit meinem tatsächlichen Eindruck überein. Zwar verwunderte es mich, wie zügig und problemlos ich diesen abgeschiedenen Stadtteil gefunden hatte, schob es aber auf die tadellosen Aufzeichnungen, die mir mein Freund hinterlassen hatte. Das war, bevor ihn die Schatten einholten, die ihm schon lange gefolgt waren, ihn durch die Nacht jagten. Sie spielten das Spiel der Verfolgung nach ihrem Jahrtausende währenden Schlaf, ein Zustand der Raserei halbverhungerter Gier trieb sie an. Er spähte einst den Lichtern entgegen, der fremden Substanz verbotener Truhen voller antiker Geheimnisse; Blicke, die ihm galten.

Reiche Stuckverzierungen an den Wänden, die gedämpften Stimmen; kein Raum bietet genügend Platz für den Fluss der Zeit. Stillstand in einem Raum (nichts bewegt sich, die Stimmen sind DAS große Kauderwelsch der Welt, Geister wehten aus Gullydeckeln, Gespinste überreizter Nerven. Wie ein schwarzer überreifer Schlauch lag die Gasse unter seinen knallenden Schritten. Das Unaussprechliche wuchs zu einem großen Dröhnen heran: »Was mag da draußen liegen?« An den Häuserwänden konnte er die Bewegungen erkennen, einen treibenden Nebelschleier, formlos, seine Formen wurden ins Nichts gerissen. »Es muss jemanden geben, der mich kennt!«

Doch sein Gedanke fand den Mund nicht mehr.

Schwarzes Weben, bizarre Formen und Gestalten, Gesichter und Fratzen aller Menschen, die jemals verrückt wurden, aller Menschen, die sich jemals auf die Suche gemacht hatten, das Mysterium der Existenz zu enthüllen.

Dann war da Gelächter hinter den Schächten, ein Gelächter wie aus einem Brunnen, in dem der Unmut schwamm. Vor den Schächten ein Fenster, hinter dem noch Licht brannte. Meines.

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