Das süße Gift der Adoleszenz (1)

Die nodöse Krätze, die uns am Leben schabt, hat nur das dauernde Zucken der Glieder, eines dem anderen zu Hilfe eilend, um es erfolglos zu berühren, im Sinn, und hat gewonnen, wenn der so Befallene sich schon im Angesicht des Irrsinns das Fleisch unter die Fingernägel gräbt. Da sind die schauerlichen Erscheinungen der verblichenen Ahnen, die Sauerkirschblätter oder Goldregen in ihren Porzellanpfeifen paffen, ansonsten aber still in ihren jeweiligen Ecken stehen, wo sie alles überschauen können was sich ihnen nähert oder sich von ihnen entfernt, trügerisch nach Puderzucker riechend, dem einzig schmeichelhaften Firn, dem sie sich noch entsinnen können, komm schon hübsch herüber, auf allen Kuchen liegt der weiße Staub, nimm dir nur, und nimm dir weiter, wir sind alles gewesen, wir sind gewesen, was du heute bist, wir hatten nur die Dinge, die uns betrafen, nicht so sehr aus den Augen verloren. Der Traum, den man nicht selbst ruft, ist eine schäbige Pflanze, die unter dem strengen Regen bricht.

Ich erwache, sobald ich ein Ende erreicht habe, durch das die Wirklichkeit in ihrem trügerischen Ballsaal wartend zu erkennen ist. Die Schupfentüren knarren auf und zu, die Bienen schlafen, die Gänse schlafen, die Häuser schlafen, nur ich schlafe nicht. Die Verpuppung ist eine ernste Sache, und wie alle ernsten Dinge, reicht sie die Tasche rüber, randvoll mit Bildern, die das bürgerliche Universum sofort zensieren würde, vorausgesetzt, jemand könnte dieser Tasche, in der sich die Alben befinden – denn ordentlich ist der Keim der Verpuppung durchaus, wirft nur durcheinander, was auch durcheinander gehört – habhaft werden. Aber dann, so vermute ich, säße die Biedermeierfamilie um den Herd herum und würde sich die Bilder ansehen, bevor sie dem Feuer, das in der Küchenhölle lodert, überantwortet würden, den reinigenden, stubenwärmenden Flammen. Aber nichts ist auszumerzen, was der Fantasie obliegt, was ihr ureigenstes Gebiet betrifft, und so stampfe ich in die fette Dunkelheit des Kellers hinunter und bilde mir ein, hier sei die Nacktheit eine Präsenz, die nicht nur vom Lummerlicht der Glühlampen repräsentiert wird, vom kalten, grauen Betonboden, den Gattern der Parzellen, sondern und gerade von der Vorstellung, dass ein jeder einen solchen Keller auch in sich trägt, die Verwandtschaft des Körpers mit einem Haus ist nicht nur sprichwörtlich als solche zu nehmen. Es spielt keine Rolle, wieviel Uhr es ist, denn draußen prasseln die Jahreszeiten vorbei, alles ein dunkelgrüner Fleck, dann Lichtung, dann Rhode, dann Dorf und Feld. Als erster Mensch oder letzter Überlebender nehme ich mir ein Stück Seife mit auf die nächtliche Straße, um mich, im Regen stehend, abzureiben, während ich das schattige Schloß beobachte, ob es sich vielleicht bewegt. Natürlich hätte ich auch unten im Fluß baden können, aber das Wasser stank abscheulich, es hätte mich wahrscheinlich nicht sauber gemacht. Die schlafenden Vögel werden naß, aber ich sehe sie nicht, weil sie einfach weiterschlafen und sich nichts daraus machen. Feine Nadelstreifen in der Nacht. Im Haus ist es ruhig, und auch das Schloß bewegt sich nicht. Unvorstellbar ist mir der Gedanke, dass in seinen zahlreichen Räumen die Zeit gefangen ist, ohne sich auch nur ein einziges Mal bemerkbar zu machen, am Fenster zu winken, durch den Schlot zu jagen, die Türen zu schlagen. Lavendelwasser rinnt an mir herunter und verschwindet nur schwach schäumend im Gemenge der flüssigen Massen.

Ein Geistermädchen entschwindet in die Wälder, morgen werde ich ihr folgen, um ihr zu erzählen, dass eine Dusche unter freiem Himmel sie wieder lebendig machen wird.

Der Baum, aus dem Humus gerupft, vollgepackt mit Aluminiumfäden, gegossen wie eine Primel. Aber der Geruch, Anis ist das (Nelke, Zimt, Piment auch), zerstochert im Mörser; ätherische Öle treiben durch das Haus. Das ist also die Welt; von hier aus gesehen gar nicht rund, sondern wie ein Deltoidikositetraeder gerundfächelt; aber immer wieder sind runde Dinge darin zu finden. Ersatz für Walnüsse und versilbertes Obst, Schneebälle, Kälteknödel, handgemachte Planeten. Jetzt regnet es nur, das Wetter ist schaffarben, wie gelbdurchsichtiges Horn. Von oben herab nähert sich ein riesiges Auge, um alles zu betrachten, denkt vielleicht, die Kugel mache das Gesicht, ruft nach hinten: »Sie sind aufgewacht, die da drinnen sind aufgewacht!«

Aber schon ändert sich das Bild. Vertrieben aus dem Bratapfelparadies, die nelkige Orange runzelt. Spätestens wenn sich das Lanugo in Terminalhaar wandelt, das Anal- und Schamhaar sprießt, bedeutet dies, das Kainsmal zu tragen.

Er hat in die Feige gebissen, das Jucken der Sinnlichkeit dafür erhalten, starrt die Wand an, die wie geschaffen ist, um darauf Szenen aus dem Leben eines Fauns zu malen. Die Blümchen darauf signalisieren einen fetten, goldenen Gilbhart.

Er hätte alles werden können, hat sich aber dazu durchgerungen, nichts zu werden. Teile eines Ganzen verbinden sich dadurch zur Einheit, dass sie wechselseitig Ursache und Folge ihrer Form sind; die Wand fungiert als Energielieferant, Energie, die sein System braucht, um sich beständig neu zu organisieren. Ohne einen einzigen Gedanken zerstöbe er, aber der Gedanke ist nicht das, was einen Stein zusammenhält. Wieder taucht er ab in eine fritierte Zeit. Davusse, Tibiusse, wohin er auch blickt. Sie reden selten mit ihm, diese unheimlichen Mitglieder seiner Gilde, auch wenn sie nicht nicken, nicken sie ihm zu.

An manchen Tagen spielten Kinder im Staub und blickten den Fuhrwerken entgegen, die in das Dorf einrollten. Sie spielten, dass sie einen Schatz fänden, sie spielten aber auch, dass sie diese Straße bauten, dass man ihnen dafür dankte, weil die Händler so ihre Ware schneller liefern konnten. Wenn es regnete, führte die Straße, die nicht viel mehr als eine Piste war, direkt in das gesammelte Wasser hinein, so als läge auf dem Grund in diesem zeitweiligen See ein geheimnisvoller Ort, und die Straße wies den Weg. Die Kinder dachten sich dann Abenteuer aus, mit sonderbaren Geschöpfen, die dort hausten. Das taten sie während der Regen fiel und sie spielten. Die Kutschen lagerten an den Streckenposten und alle warteten. Die Kinder warteten nicht, sie träumten. Obwohl sie träumten, brach ein neuer Tag an, an dem ihre eigenen Kinder dort spielten, wo nun Teermaschinen und Walzen die Erde erstickten. Nachdem die Bauarbeiter ihre Maschinen ausgestellt hatten und nach Hause gegangen waren, spielten die Kinder, dass sie nun die Straße planierten und den kochenden Teer verteilten. Sie spielten, dass es gar keine Baumaschinen mehr wären, sondern Raumfahrzeuge. Wenn es regnete, dann roch es komisch. Es roch nach bitterer Hitze, ölige Tropfen rannen von den Dächern der Fahrzeuge. Die Arbeiter warteten in ihrer Halle, bis der Regen nachgelassen hatte. Die Kinder warteten nicht, sie träumten. Und während sie träumten, zog ein neuer Tag herauf, und ihre Kinder spielten am Straßenrand. Wenn ich da jetzt hinginge und nachsähe, könnte auch ich von dem träumen, was einst war. Ich stehe auf der Schulstraße und erblicke nichts als Regen. Es ist Nacht und niemand kommt mir aus dem Brodem entgegen. Das Geistermädchen ist schon längst in den Wäldern verschollen.

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