An einem weinroten Tag

Esrabella Gräf hätte erklären können, warum ausgerechnet hier die Zeit einen Tunnel durch das Granit brach, um Ereignisse zuzulassen, die weit weg von einer modernen Welt angesiedelt waren. Man befand sich bereits in den 70ern, der Mond war längst erobert und in des Menschen Hand, Hawlett Packard stellte einen programmierbaren Taschenrechner her, und nicht zuletzt konnte man sich endlich vernünftige Spannbettlaken zulegen, ohne sich vier Knotenknödel unter die Matratze schieben zu müssen. Und trotzdem …

Esrabella hätte gesagt, dass sie alle in der Mitte der Unendlichkeit leben,und man von da aus nicht nur nach vorne in der Zeit, sondern auch in ihre unwägbare Tiefe hinabsteigen kann, denn die Zeit ist eine Kugel. Genau aus diesem Grund wiederholt sich auch alles, so, wie sich Geschichten wiederholen. Exposition – Hinführung zur Krise – Verzögerung (wie beim Geschlechtsakt) – Auflösung oder Katastrophe : Der Wolf frißt den Hasen. Basta.

Mit der Zeit ist nicht zu spaßen. Wer denkt, er hätte verstanden, was sie da macht, sollte noch einmal darüber nachdenken. Meistens geschehen die Dinge gleichzeitig. Das ist einfach, aber nicht zu verstehen. Am allerwenigsten ist jedoch zu sagen, warum etwas geschieht.

»Das ist mit allem so!«, sagte Dorn irgendwann einmal zu Adam. Es dürfte das letzte Gespräch gewesen sein, das die beiden führten. »Die ganze Welt kennt kein Warum.«

›Gerade dich betrifft es! Erinnerst du dich an die Gespräche, die wir über Raha führten?‹

›Ich habe nachgesehen, Dorn… es gibt keinen Ort mit diesem Namen. Es ist ein Mythos, wie Agartha, oder… ja, wie der Garten der Hesperiden.‹

›Du irrst dich. Es gibt so viele Möglichkeiten wie Sterne da draußen, Gedankenstädte. Unablässig werden nie gesehene Orte beschworen und beschrieben. Bist du nicht jemand, der ständig in seiner Vergangenheit herumkramt, um etwas zu finden, das er übersehen haben könnte? Oder warum treibst du dich sonst dort herum… und vor allem: Hast du dir schon einmal überlegt, wie du dich dort herumtreibst?‹

›In Gedanken natürlich. Ich erinnere mich.‹

Adam schüttelt den Kopf. Nein, das ist es nicht. Ich befinde mich jederzeit in allen Szenen, die sich heraufbeschwören lassen. Ich verändere sie sogar. Neulich… also, neulich…

Ja, neulich…

Jemand legt eine Spur aus, der andere folgt ihr. Als die Geisterstimme wieder verschwunden ist, bricht Adam auf. Er tut das Offensichtliche, denn er weiß, wohin Dorn gegangen ist, aber er weiß nicht, wie er das gemacht hat.

Die Freunde standen im mannshohen Schilf, etwas abseits der Feierlichkeit, die aus der Umkleidekabine des FC Schwarzenhammer in alle Himmelsrichtungen röhrte. Steff hatte ihnen doch tatsächlich den Schlüssel besorgen können und zerkratzte nun seine Schallplatten auf einem kleinen, mobilen Gerät, das in der Hopfenbrühe schwamm. Die Nacht hatte begonnen, aus dem Himmel zu zwinkern, regte sich nicht einmal über das Flutlicht auf, das nur eine Hälfte des Platzes in ein schummriges Szenario verwandeln konnte.

»Ich will hier nicht weg, Dorn!«

Adam hatte ihn beiseite genommen, um ihn sagen zu hören, dass er das nicht müsse, oder zumindest, dass ihn der Freund besuchen käme.

»Wir können die Rätsel nur lösen, wenn wir uns außerhalb davon befinden.«

Sollte das eine Antwort sein? Der Wanderer muss wandern und Glück beim Wandern ist soviel wert wie ein fetter Pferderücken beim Reiten.

Oft machten sich Dorn und Adam einen Spaß daraus, Leute zu verfolgen, die sie nicht kannten, ganz so, wie es ihre Lieblingsgeschichte ›Der Mann in der Menge‹ hergab. Stets träumten sie davon, einer ebenso mysteriösen wie erregenden Spur zu folgen, wie sie Edgar Poe für sich fantasiert hatte. Oft sagte Dorn, dass Poe zwar den Gespensterhoffmann verehrt habe, aber von diesem Kaff hier noch mehr begeistert gewesen wäre. Von seinen Zuhörern wusste außer Adam keiner, wovon er überhaupt sprach. Auf diese Weise hatten sie die beiden Schwestern kennengelernt, die zur Abwechslung einmal hinter ihnen herliefen. Trotz dem Geknutsche im Auto hatten sie nicht ein einziges Mal ihr Shirt lupfen mögen. Finger nicht dahin, Finger nicht dorthin, dies lassen, jenes lassen, einmal Adam mit Monique im Auto, Dorn und Jule draußen im Dreck, dann Lagerwechsel, die Arme um den Hals in dieser schwachsinnig machenden Distanz. Bauerntulpen, Töchter von Knechten und Milchkannendirndl, aber sie hatten ein Automobil, einen hässlichblauen Golf der ersten Generation. Ein Duftbaum baumelte, den Gestank eines Klosteins verbreitend, dem man nicht einmal rauchend Herr wurde. Bei jedem Treffen die gleiche Frage : »Wohin?«

Den Burschen fiel ein Weiher ein, eine entlegene Grillstelle oder ein Bierzelt, eine Geisterbahn. Die Schwestern wollten wissen, warum ausgerechnet eine Geisterbahn, warum nicht ein Autoscooter.

»Warum denn Autoscooter?« Entsetzen machte sich in Adam breit.

»Weil man da nicht dieses scheußliche Zeug sehen muss«, sagte Monique, die ältere der beiden.

»Die Geisterbahn ist ein Ort der Andacht, da will ich keine Witze hören!«

Hilflose Blicke, endlich der Beweis, dass hier Verrückte stehen, und wenn eine Bauerntulpe das sagt (vergessen wir nicht, was man auf dem Land alles gewohnt ist), ist der Orakelspruch der Pythia dagegen ein Hippie-Späßchen. Wer würde einem Verrückten noch einmal den Busen uns Gesicht drücken wollen, abgesehen von verzweifelten Müttern?

»Wenn ich jetzt gehen muss, komme ich bestimmt nicht mehr zurück«, sagte Adam zu Dorn.

»Wenn du die Gelegenheit hast, von hier abzuhauen, dann solltest du sie nutzen.«

Durch das Schilf raschelte zum wiederholten Male Rainbow’s Stargazer, schien sich nicht einen Deut abzunutzen. »Hier gibt es niemanden mehr«, legte er nach, »das hier ist ein Spielfeld des Todes, zumindest für dich.«

Adam ertappte sich dabei, wie er bröckelte, wie er in Momenten und nicht in Spannen dachte, wie er die dicken Mauern in Marktredwitz hasste, weil er nach Kaiserhammer gehörte wie alle Tinkerbells. Aber jetzt war nicht nur Sebastiana tot, sondern auch noch Carisma. Und Carlos hatte sich aus dem Staub gemacht, so dass er fünf Zimmer für sich hatte, die wie ein Museum arrangiert waren. Adam konnte die Tage nicht mehr ertragen und gliederte sich ein in die immerwährende Nacht, in der das Licht nur eine Illusion ist. In Marktredwitz hatte Adam Dorn kennengelernt, der nicht wusste, dass es Kaiserhammer überhaupt gab.

Dorn zieht Adam in die kleine Kammer, die ein Wohnzimmer symbolisiert, mitteleuropäisch eingerichtet mit Gebrauchsschutt, aus der Küche dampfen die verlockenden Gerüche eines Fertiggerichts, das aber, ganz anders, als sein Name impliziert, noch gar nicht richtig fertig ist. Dorn schnappt sich die Lasagnen-Farce, gießt Tabasco und Worcester drauf, vermatscht alles fleißig, und klatscht das Material auf zwei Teller. Sieht aus wie Zebrascheiße, von einem Fohlen vielleicht, aber Adam ist das völlig egal, er hat seit drei Tagen nichts gegessen, halluziniert schon von schachspielenden Göttern. Zu dritt sitzen sie jetzt vor dem Mann mit der Eishockey-Maske. Herta macht einen Strich: »Wieder einer!«

»Ich hätte dich gar nicht so eingeschätzt, so verbunden mit ein paar Sträuchern und Bäumen.«

»Schau es dir an, besuche mich«, hatte Adam am Telefon gesagt, kurz nachdem Carismas Sarg in den Flammen des Krematoriums wogte und Adam sich weigerte, zu Ludwig nach Marktredwitz zurückzukehren, nicht mehr zurück wollte in die Kälte der dicken Mauern mit ihren eklatanten Unebenheiten, dem quietschenden Flur, der zum Abtritt führte. Spinnennetze in der Eiseskälte, Käfer am Stiel, Fliegen mit Vanillegeschmack. Ein Gummiboden, hinten rechts im Eck das Portal zum Arschauswringen. Der Hundertjährige, der den gleichen Lokus benutzte, pisste ständig die Klobrille voll. Die Krücke fällt um, das Papier fliegt neben das Loch, meistens mußten jedoch Zeitschriften in die Bresche springen. Wenn Adam Hunger hatte, und das kam oft vor, stahl er dem Alten die Terrine aus dem Küchenschrank, während er absitzen ging oder seinen Fernsehapparat so laut drehte, dass einem Fell an den Ohren wuchs.

Ähnliche Beiträge

  • Nimrod

    Nichts ist mir zu heiß in diesem Land des Nimrod, nichts ist mir die Sonne, der Sand, vor allem aber die Sonne, die wankt, den ganzen Tag wankt, die mich anglüht. Eile Du nur vorwärts! eile zu den Gärten, erblicke die große nichtssagende Schönheit, die alles enthält: das Ganze und dich; jede Blume, auch dich!
    Unter der Zunge schwärt die Lüge, die große große Saat. Ich möchte mich niedersetzen auf den Sternenstein, sinnieren mit keimenden Trollblumen, über die Nebel hinweg schauen. Ich möchte an der Hitze erfrieren; die weiße Erde erstarrt.
    Was willst du dich beklagen, dass du lebst, wenn du lebst und alles andere stirbt. So weit der Weg nach Mitternacht, der schwarzen Frucht der Finsternis. Dein Herz klopft dort noch leise weiter, wird gehört von Tausenden, die wie Du am Kragen schlottern.
    Nichts ist mir dunkel wie die Stunde, die ich nicht verlassen kann. Wenn sie endet, ende ich.
    »Will jemand mit mir speisen?«, fragte Nimrod dort am ersten Stein, der lag, wo sich dann Babylon erhob. Nie sagte jemand Nein zu Datteln, nicht zu Wein. Jeder dachte an die große Geschichte, die noch zu schreiben war.

  • Ortswechsel

    Ich betrachtete gerade eine neue Situation, als wir auch schon fliehen mussten. So war es schon immer gewesen, die gemachten Betten zerwühlt von kreidebleichen Gesichtern, aber mit Gefühl in der schimmernden Brust. Man könnte leicht auf die Idee verfallen, es gäbe nur Mehlspeisen, die sich unter der besonderen Bläue des Tages zu einer neuen Form aufraffen. Die Steintreppen hinab gerann der Luftzug an den Wangen, einzelne Hinweise lagen verstreut an den Rändern der Gassen oder lehnten für einen kurzen Augenblick an den wankelmütigen Gebäuden. Es wäre uns recht gewesen, wenn zumindest irgendwo irgendjemand am Fenster gestanden hätte, aber die Uhrzeit war noch nicht reif.

  • Die Veranda: 5 Die Drogen dein Honig

    Heute sitzt Willi bei denkbar schönem Wetter auf seinem Balkon herum, der natürlich irgendwie auch Ilenes Balkon ist, trinkt Kaffee und blickt über den Eichenhain hinweg. Die leichte Betäubung seiner Nerven – durch das aufpeitschende, schwarze Gold kommt es ihm zumindest so vor, als sitze er auf seiner Veranda. Die Eichen zerlegen sich zu Dornensträuchern, was übrigbleibt zu einer Sukkulentenvegetation. Die überschaubare Ebene arrangiert sich zu sanft geschwungenen Berghängen und wie ein Hochofen gießt die Sonne ihr grüngeschmolzenes Blei vor die Augen. Selbst der nervus glossopharyngeus verändert unter diesen Voraussetzungen die Anzahl seiner Geschmacksknospen. Die Dendriten übermitteln: Sonne schmeckt nach Zitrone oder Apfelsine. Jonathan Levke hatte ihm das gesagt, damals an der Uni.

    Mehr lesen „Die Veranda: 5 Die Drogen dein Honig“
  • Das blaue Kleid

    Seit langem schon wollten wir das verfallene Haus in der Mühlgasse aufsuchen, und obwohl uns der Mut der Gruppe schon an manche unheimliche Orte gelenkt hatte, fehlte uns dazu bisher die Unerschrockenheit. Von der Straße aus konnten wir es im Herbst oder Winter durch die laubfreien Äste betrachten, immer aber schien es uns kein richtiges Haus zu sein, sondern eine Karkasse, an der noch Fleisch und Hautreste hingen.

    Mehr lesen „Das blaue Kleid“