Der Gesundheit zuliebe

Der Gesundheit zuliebe habe ich alle Konserven runter zum Fluss gebracht. Ich hab sie da natürlich nicht reingeworfen, sondern am Ufer vergraben, vorher aber überall ein Loch reingemacht, damit das Ungeziefer besser ran kann. Die können ja scheinbar gut mit Giften, sonst würden sie ja viel öfter auch auf unseren Krankenstationen landen. Tun sie aber nicht. Ich weiß, das ist eine fürchterliche Beweiskette, aber ich hab ja auch nur eine einfache Schule besucht, und vom Maschen aufnehmen und fallen lassen versteht man keine höhere Mathematik.

Der Kurt hat seinen Quark erst nicht wollen, weil er ihm zu sehr nach Pampe ausgesehen hat. Er hats ja eh mit dem Magen und kennt Pampe daher ziemlich gut aus dem Bad. Mehr sag ich nicht, damit ihnen ihr Essen – völlig nutzlos – nicht mehr schmeckt.

Zu meiner Zeit war Fleisch das Größte, vielleicht noch ein paar Erdäpfel, damit der Teller nicht so leer wirkt, aber heute basteln wir das alles aus Gummistiefeln und Erbsen, was den Vorteil hat, dass wir uns nicht mehr mit dem Herz eines Serienkillers ausstatten müssen, um die Familie satt zu kriegen. Wenn meine Mutter mit dem Messer in die Scheune schlich, um zukünftige Würstchen vorzubereiten, fragte ich sie einmal: „Hast du deine Tage oder warum klebt überall Blut an dir“. Ich weiß noch, dass ich eine richtig fette Ohrfeige davontrug, so dass mein jugendliches Gebiss noch tagelang den Radetzky-Marsch klapperte, nur weil ich immer so neugierig war. Das konnte meine Mutter gar nicht gut leiden. Heute versuche ich es natürlich an Kurt auszulassen, er bietet sich ja als Ehemann auch so einfach an. Aber kleben kann ich ihm keine, da müsste ich schon auf einen Stuhl steigen. Dafür gibts jetzt ein paar Tage lang Quark, und ich überlege mir, ob ich den nicht auch ins Bad stelle, damit er mal sein Gesicht damit einreibt. Es heißt, große Poren würden dann zuckerzart verschwinden und die Haut einem Stück gegerbten Leder gleichen.

Ähnliche Beiträge

  • Domizil im Wachgras

    Dies sind die Nägel, die, mit
    Kronkorken vernetzt, die Hütte bilden, in
    Der Schweiß produziert werden kann; wie es
    Der Hopfen zu etwas bringt, ist hier gewahr,

    Ist hier ein Magnet für das vorbei
    Kommende Wasser, in dem sonntags die Fische
    Fehlen. Der Mund offen gehalten, die
    Sensation im Luxus gefangen, aber Einfachheit

    Kennt viele Namen. Iriswelten, wenn man
    Das Auge sieht. Das Tremolo auf die
    Seite gerutscht, aber vorhanden. Dort
    Treiben die Genüsse ein Spiel mit

    Haselnußzweigen. Da bist du hin, da
    Bist du gewesen. Dort befindet sich Rost
    An den Klinken & auf den Flaschenhälsen.
    Dürre stoppt das Auslaufen einiger Stunden.

    Auch die Tauchbecken wurden mit einem
    Unsichtbaren Milieu gefüllt, um gemeinsam
    Auf die Sonne zu warten. Du treibst Blüten,
    Ein Ausnahmebezirk, Kreis der Geschehnisse

    Am Apfelbaum, der Kerbe, zugeheilt in
    Gedanken. Wohin mit der Streuung? Sie
    Erteilt Aufmerksamkeit, gibt von
    Ihrer Hingebung das Besondere aus.
  • Das mag alles gewesen sein

    Wir hatten das Leben ohne Schranken entdeckt, 
    das nicht im Händeschütteln endet, die Neugier
    auf die Möglichkeiten des Lebens sind romantisch
    und die Romantik gehört ganz und gar der Jugend
    und ich werde nicht mehr schlau aus mir selbst,
    sie warf mir die Schallplatten, Kleider und Bücher
    die Treppe hinunter. Sie stand oben an der Tür
    und ich stand unten an der Tür.
  • Ufer

    An Tadeusz Rózewicz

    ich bin ein Ufer
    das Schöne und das Wahre
    sind getrennt

    nach dem Ufer beginnt eine neue Welt
    wie immer

    in welche Richtung
    ist nur eine Frage
    die einer am Scheitel stellt

  • Jack (Arbeitstitel)

    Als ich erwachte, wusste ich, dass es sich um denselben Albtraum gehandelt hatte, der mich bereits seit vielen Jahren nicht aus seinen Klauen ließ. Er begann bereits zu bröseln, kaum öffnete ich die Augen, blähte sich noch einmal auf und zerfiel schließlich in seine körperlosen Bestandteile. Zurück blieben wilde Farben und das klamme Herz in meiner Brust. Oft vergas ich in den ersten Sekunden eines neuen Tages zu atmen, wähnte mich nicht am Leben, bis mein Kopf den Druck des Sauerstoffmangels kaum mehr aushielt und den Mund öffnete, um den ersten Schritt zum Überleben in Betrieb zu nehmen. Erst dann setzte die Routine wieder ein. Ich keuchte und schwitzte und sprang viel zu schnell aus dem Bett. Der Fluchtgedanke war ein nicht zu kontrollierender Impuls, mein Kreislauf aber keine fünf Pfennige wert. Und so sackte ich jedes mal auf die Knie, um mich blind zu übergeben. Nach wenigen Minuten hatte sich mein Zustand wieder hergestellt. Ich fühlte mich miserabel. Dieses unfreiwillige Ritual sorgte für ein völliges Vergessen. Nie gelang es mir, Bedeutung, Sinn und Hergang des bösen Traums zu greifen. Wie ein Geschwür breitete er sich in mir aus, während ich wehrlos schlief. Livia hatte nicht unrecht, wenn sie auf einen Arztbesuch drängte. Vielleicht schob ich den Albtraum vor eine ernsthafte Erkrankung. Meiner Ansicht nach traten diese Anfälle zwar heftig, aber unregelmäßig auf. Wochen und Monate lang schlief ich wie ein Engel.

    Es gab noch eine andere Theorie, die sich auf mein „böses Blut“ fokussierte und die ich vorsorglich für mich behielt. Ich war ein Erbe der okkulten Detektive, die viele für die Erfindung überspannter Literaten hielten. Das böse Blut hatte ich natürlich nicht von ihnen, wohl aber den Hang zur Sensibilität, ein empflindlich gestörtes Gemüt, das sich in unserer Familie durch mich bereits in der fünften Generation manifestierte. Geisteskrankeit ist ein zu starkes und unspezifisches Wort, deshalb möchte ich es an dieser Stelle nicht verwenden. Früher hatte man diesbezüglich weniger Skrupel, auch nicht hinsichtlich der Gerüchte, von denen eines andeutete, ich sei ein direkter Nachfahre jenes unbekannten Schreckens, der im Jahre 1888 ganz London in Atem gehalten hatte. Mein Verstand spricht von der Unmöglichkeit dieser Abkunft, aber mein Blut behauptet etwas anderes. geht man der Sache auf den Grund, so wird man leicht feststellen, dass mindestens eines der Opfer von Jack the Ripper zur Zeit ihrer Ermordung schwanger gewesen sein soll. Mary Jane Kelly war ihr Name. Sie war zwar nicht das letzte Opfer des Rippers, aber das letzte, das ihm zugeschrieben wurde. Von dieser Schwangerschaft kann ich nur berichten, dass Jack sie beendet hatte, doch auch das mag nur eine Legende sein. Nicht aber, dass sie im Jahre 1881 einen Sohn gebar, der zum Zeitpunkt ihres Todes sieben Jahre alt war. Sein Name verliert sich in der Dunkelheit, aber von Robert Kelly, der 1901 den Nebel der Welt erblickte, führt eine direkte Linie zu mir. Mein dunkles Blut ist ein Mythos der Geschichte und mehr als ein Fluch, der durch die Reihen meiner Familie schritt. Auf ein glaubhaftes Argument muss ich verzichten, wenn auch einer meiner ersten Träume mir zeigen wollte, wie sehr die Bande der Generationen gerade im Unglück geeinigt sind.

    Natürlich würde das bedeuten, dass zumindest ein Teil meiner Herkunft in Irland zu verorten wäre, denn Mary Jane wurde in der Stadt Limerick, in der Provinz Munster geboren. Besonders scherzhaft war ihr Leben trotz ihrer Herkunft jedoch nicht. Aber welch Wunden lädt man sich im steten Flug durch die Jahrhunderte auf? Man würde wahnsinnig werden, wenn jede im Suff getroffene Entscheidung das Leben eines Nachkommen zerstören würde.

    Spreche ich von mir als von einem okkulten Detektiv, so begann aufgrund der Gerüchte um meine Familiengeschichte mein Interesse an den Whitechapel-Morden. Ich bildete mir, wie viele andere ein, den wahren Jack entlarven zu können, durch nichts anderes als meine erstaunlich Intuition. Eine Annahme, die nichts anderes zeitigte als meine Albträume. Ich musste zu dem Schluss kommen, dass es diesen Mörder niemals gegeben hatte, dass er für alle Zeiten ein Phantom bleiben würde und nichts mit einem realen Menschen zu tun haben konnte. Es schien, als sei er nur die Personifikation einer gesellschaftlichen Tendenz gewesen, die im viktorianischen London gemeinsam mit dem Nebel durch die Stadt und das ganze Land wanderte.

    Es sind stets die Phantome, die alles so interessant machen, die steten Ungewissheiten. Nichts ist je sicher, nicht für einen Moment. Eine Menge rätselhafter Raum liegt hinter uns – und vor uns vielleicht auch. Für die Geisterwelt mögen wir die Phantome sein. Während ich durch die vollgepackte Innenstadt von M. schlenderte, fühlte ich mich verfolgt. Das Gefühl hatte ich schon öfter gehabt, es verflog aber schneller als ich darüber nachdenken konnte. Schlafentzug, oder zumindest mehrere wirklich schlechte Nächte hintereinander, konnte durchaus Paranoia auslösen, aber man leidet nicht unter Verfolgungswahn, wenn man wirklich verfolgt wird. Unter all den Leuten, die ihren Geschäften nachgingen, wirkte das Gefühl völlig fehl am Platz. Als ob man unter all dem Höllenlärm einer Stadt einen Ton wahrnimmt, der eine ganz besondere Färbung besitzt, der gerade dadurch auffällt, weil man ihn nicht zuordnen kann. Die Gesichter, die mir begegnen, sind leer, es könnten geradewegs Attrappen sein, einzig dazu geschaffen, mich anzurempeln oder mich zu missachten. Aber unter all diesen Leuten musste es jemanden geben, der mich anstarrte. Die Nadel im Heuhaufen mit einem energiegeladenen Blick.

  • Leseversuch in der Cucina Toscana

    Cucina Toscana
    Cucina Toscana, Hildegardsplatz, Kempten

    Kaffee ist ein Stück Lebenskraft. Auch wenn ich meinen Konsum in den letzten Jahren etwas eingeschränkt habe, die Atmosphäre, die sich im besten Fall um den Kaffee dreht, war nie ganz von der Hand zu weisen. Bücher und kulinarischer Esprit haben sich schon immer gut vertragen, und was den Kaffee betrifft: Es gäbe tausend Geschichten zu erzählen. Dafür bräuchte man fast einen eigenen Blog. Nun wohne ich mit Kempten zwar nicht in einer kulturellen oder literarischen Hochburg (das ist Bayern und insbesondere das Allgäu im Allgemeinen nicht), aber es ist ein ganz außergewöhnliches Städtchen, in dem man sich wohlfühlen kann. Also dachte ich mir, ich schaue mir die kleinen Oasen, die es dann doch gibt, etwas genauer an. Vielleicht mit einem Buch in der Hand (ich habe mir inzwischen wieder angewöhnt, überall Bücher mitzunehmen und zu lernen, überall und in jeder Situation zu lesen, ob im Gehen oder Stehen). Das bedeutet eine völlige Veränderung meiner Lesegewohnheiten, denn mein Ausgangspunkt ist, dass ich sogar mit Ohrstöpseln in meiner Wohnung sitze, weil ich nicht den geringsten Lärm ertrage. Aber was wäre das Leben ohne Abenteuer?

    Mehr lesen „Leseversuch in der Cucina Toscana“
  • Der Weg nach Raha: 2 Raha konnte überall sein

    Die Erregung ließ so schnell nach wie sie gekommen war, und ich probierte mich vorsichtig, in Erwartung eines neuerlichen Lustschubs, noch einmal an der Tür. Diesmal schnappte sie auf und schwebte wie von selbst nach innen, kaum dass ich die Drehung im Schlüsselloch vollendet hatte. Ich blieb eine Weile stehen und blickte hinein. Natürlich war das Zimmer nicht auf dem neuesten Stand, das hatte ich auch kaum erwartet, aber es war längst nicht so schäbig, wie ich es mir vorgestellt hatte, es roch nach uraltem Holz an nassen Stein. Als ich hineingegangen war und die schwere Tagesdecke weggezogen hatte, kam ein gestärktes, aber gilbes Bettzeug zum Vorschein, etwas feucht verströmte es denselben modrigen Geruch, der den Raum dominierte. Weil er darauf zu warten schien, hier herauszukommen, öffnete ich das beinahe blinde Fenster über dem Bett, dessen Scheibe mit Schlieren und Einschlüssen in Bleistegen gefasst war.

    Mehr lesen „Der Weg nach Raha: 2 Raha konnte überall sein“