Pastos von der Nachbarin

Vielleicht schafft einer ein Gedicht
in einem Jahr, schreibt es so nieder,
wie er sitzt, und hat dann Worte gemacht,

über die er nachdenken muss, früh und spät
(nur mittags ruht er sich aus),
nach zwei Wochen hat er bereits ein Wort verändert,

nichts, von dem er weiß, vielleicht
ist er nicht verantwortlich für sein Gedicht,
vielleicht sind seine Spuren nicht so wichtig,

seine Gestalten im Laternenlicht,
zum Gruß erhob’ne Hand, die Mittelstreifen
existieren noch, die Häuserschluchten,

die ihn verlachen, weil er
Buchstaben ohne Statik bildet,
wenn er zur U-Bahn wechselt,

die Straße unterquert, alle Warnungen
im Schutt der Stadt entdeckt, wie sie
Karten spielen, sich wie kleine Köter balgen,

wenn einer auftaucht, den sie vorher noch
nie geseh’n. Am Abend berichtigt er das Wort,
um am nächsten Tag jene Dinge vorzufinden,

die er zum Leben benötigt, als da wären :
zwei Koteletts vom selben Schwein wie immer
und eine Kaffeepflanze, die ihren Samen Namen gibt,

so dass er sich über ein entgangenes Zwiegespräch
nur dann ärgern muss, wenn seine Nachbarin
klingelt, um ihr Porzellangeschirr

für einen langen Nachmittag abzugeben.
Nie kommt sie über die Schwelle, sagt nur :
„Sie haben nicht vergessen, Ihr Wort zu ändern“,

während er bereits den Kopf schüttelt.
Sie überwacht ihn, weiß, wann er eine
schwache Minute aus dem Schrank holt,

aber mit ihrem Nachschlüssel gelangt sie nur
bis zur Miniatur einer Toilette in Antwerpen,
was sie ängstigt. Was wäre denn, wenn er das schriebe?

Ihren Kopf ist sie ohnehin bereits los,
aber sie würde gerne ihre Hände behalten,
um ihm weiter das Geschirr zu bringen.

Was wüsste sie sonst von der Welt – allein
und ohne Türspion? Gedichte sind nun genau jene
Partikel, aus denen sich die Welt zusammensetzt.


Ähnliche Beiträge

  • Say cheese

    Geschrieben von A. Anders

    Tragen Sie diese niedlichen Ohrringe,
    die aus den Knochen einer Amsel geformt sind,
    und treten Sie ein, in einen unheimlichen Schnappschuss,
    der den Zuschauer einlädt,

    über das eindringliche Flüstern der Vergangenheit

    nachzudenken,

    in einen sofortigen Download
    sanfter Erinnerungen.

    Die Modelle sind spontan
    und in bester Laune entworfen,
    gefertigt von unseren Handwerkern,
    eingerahmt bis zum Tod,
    bestückt mit nach vorne und nach hinten
    gerichteten Schmetterlingen.

  • Im Atelier

    Es gab Menschen, die mir begegnet sind, ich sprach mit manchen von ihnen, ich berührte sie, ich stieg auf einen Berg und betrachtete ihre Häuser, lebte selbst in einem Haus, in einem Zimmer, lag auf einem Bett. Die getäfelten Türen, Häuserfronten, die geweißten Balkone; verzierten Erker schimmerten in einer düsteren Lieblichkeit. Dann und wann tat sich eine Plaza auf, mit schwarzen Säulen, Kolonnaden und den Statuen wunderlicher, menschlicher wie fabulöser Wesen, manche der Ausblicke auf lange, schnurgerade Straßen, in Nebengässchen hinein, oder über Spitztürme mit arabeskenverzierten Dächern hinweg, waren über alle Beschreibungen unirdisch schön. Leute durchstreiften die geziegelten Pfade, kleine Sträßchen, die von grotesken Termen und den Schreinen einfacher Götter gesäumt waren, dort schillerten Fontänen, Teiche und Bassins, in denen sich Flammenzungen auf Bleifüßen und den Hochbalkonen spiegelten, sie beherbergten kleine goldene Fische. Wenn der tiefe Klang vom Glockenturm des Tempels über den Garten, die Stadt zittert, treten aus den sieben Toren lange Reihen schwarz gekleideter, maskierter, kapuzenverhüllter Priester, die mit ausgestreckten Armen große goldene Becken vor sich hertragen, denen ein merkwürdiger Rausch entsteigt, alles nur Erinnerung der Lande, nicht einmal meine eigene, denn ich kenne keine Zeit, ich durchstreife den Dunst des Gestern, bespreche mich mit Gespenstern, gleichzeitig sind meine Erfindungen den Gestalten der Vergangenheit gleich, sie unterscheiden sich nicht in ihrem Tun und Denken, sie sind so wahr, so unwahr.

    Mehr lesen „Im Atelier“
  • Biwak im Herbst

    Die Hieroglyphen sind der Ort, aus dem die Neonfragmente
    Fallen, wenn geschüttelt wird, was nur in der Metapher
    Lebt, sich von ihr benetzen lässt
    Als auch ernährt. Tragen wir dieses Stück Eisenrohr zu ihr,

    Wird sie es lesen können, verschweigen aber, was du
    Nachschlagen willst. So gestaffelt, fällt das Bild auf
    Uns zurück, drückt uns der Schuh. Du weißt, wie
    Die Dinge beschaffen sind, hast sie, sitzend im

    Schneidersitz erfunden, ohne sie loszulassen. Sie
    Fliegen nicht ohne dich, zumindest steht es so
    Geschrieben. Noch einmal überwachen wir die rot
    Andämmernde Landschaft, noch einmal erleben wir

    Das Ritual des Schuhebindens. Nicht umsonst,
    Sagst du, es klingt wie ein Versprechen. Danach
    Wird der Deckel von einem Stromschlag geschlossen, von
    Dem auch du abhängig bist. Die Volteinheit ist schwer

    Zu beobachten, was nicht stimmt.
  • Tempus fugit

    Frühlingserwachen mit entferntem Honiggeruch, Kaffee weht schillernd durch den Flur, Schafscheiße ganz sanft im Rachen, prägnante Wolle, Pulloverpollen, der blühende Garten, tempus fugit.

    Ich kann das Jetzt riechen, zumindest eine Femtosekunde lang, sogar die Linzer Torte von letzter Woche, deren Krumen im wasserblauen Kunstfaser-Flokati keimen. Und wer weiß: eines Tages hängen vielleicht Kuchennüsse an den jungen Trieben und man wäre bald von einem Schlaraffenland umzingelt, von dem mörderischen Wehklagen schmerzender Bäuche.

    Ein unruhiges Flackern, wie es die Erinnerung manchmal inszeniert; der Versuch einer Verschleierung, weil all das Außen nur umgestülptes, ausgestülptes Innen ist – Nordgeschmack, erfüllt von diesen zutiefst entschlossenen Wassern; des Geistes Dämmerung sinkt nieder. Die Luft blaupauste für einen Sommerbrand.

    Es ist immer das verlorene Paradies (Hy Brysail), das auch die Iren an klaren Tagen erblicken. Selbst in der zum Tausendsten Male gesehenen Häuserfront sehe ich ins Unendliche, sehe die Variation der Dinge.

    Über dem Land liegt nichts als Raum, in den die Sonne an diesem Tag hineinstoßen wird, die ersten Vögel räuspern sich schon, das Hungergrollen der Mägen rollt von Wipf zu Wipf. Was vergangen ist, erwacht erneut, doch es weiß nichts von gestern und beginnt damit, alles so zu tun, wie es das große Unbekannte vorsieht.

    Wenn nichts aus einem bestimmten Grund geschieht, dann ist der Anblick eines ruhenden Dorfes, bevor Eos erscheint, eine der schönsten Sinnlosigkeiten, die es gibt.

    Ich schlafe nur, um mich zu rechtfertigen.

    Ich komme aus vielen Generationen und Schmutz.