Nebelversailles

Wenn man die Erzählungen nicht bricht, kommt immer das gleiche dabei heraus, ein Pfad, der sich nicht ändert, noch nicht einmal die Sohlen nutzen sich ab, keine Blume verwelkt und es wird auch keine neue geboren, die Ermüdung setzt ein und die Fähigkeit, das Wunder zu gestalten, verschwindet wie das Nachbild eines Blitzes, so schnell wie es gekommen ist, aber eigentlich zurückgelassen wurde, damit wir ihm folgen. Es gibt da die Sage vom Regenbogen, aber ist es denn wirklich ein Regenbogen?

Verlier‘ nicht deinen Kopf, Marie, denn irgendwann da könntest du ihn brauchen.

Es ist sehr schön, dass ihr mich besucht; seht, ich bin kaum vom Wetter gegerbt, wie lebt es sich in eurer einsamen Zeit?

Einst besuchten mich zwei Engländerinnen im Garten, wie war noch ihr Name, ich beachtete sie kaum. Das Verschwinden einer Welt zugunsten einer anderen, wir schaffen Platz, um uns nicht an den Schultern zu berühren, während wir durch den traumhaften Nebel wandeln, die Spiele der Gewalten uns voraus.

Die Zeit ist ein Feld, ein Acker mit Gebäuden, in den Gebäuden Parzellen und ein Keller und ein Boden; oben und unten sind identisch, aber unten und oben sind es nicht.

Ähnliche Beiträge

  • Teichbestandteile

    Geschrieben von A. Anders

    Es ist warm. Schwalben tauchen in die verspiegelten Fenster des großen schweren Hauses hinter mir. Während ich Nachtblätter mit leuchtend grünen Adern sammele, löst sich das Tuch, das ich mir um mein Haar geschlungen, auf meinem Kopf zu einem Dutt gebunden hatte. An meinem Hals, über meine Brust lassen sich Nattern in alle Himmelsrichtungen in meinen Garten herab. Ich werde schwarz und werde warten, bis die Schwalben das schwere Haus wieder verlassen. Als sie dann irgendwann aus den offenen Augen schwärmen, dringen die Nattern, nunmehr verjüngt, aus den umstehenden Büschen hervor. Sie lachen mit Stimmen noch sehr junger Kinder, die, während sie an meinem Körper hochschlängeln, meinen Körper tasten. Eine von ihnen hält an meinem Rücken auf Höhe meiner rechten Niere und sagt: „Teichbestandteile“. Die anderen unterdessen zischeln: „Es sind Kinder, die einen Lotos zerpflücken!“

  • Sturm Alabasters

    Die Augenbirnen in den Nussschalen,

    in regengebadeten Prismen, also ein künstliches Land.

    Ohne mich zu kennen, bin ich gerannt

    und schüttelte Hände im Sturm Alabasters,

    die Sagen vergessen, das Land unbekannt.

    So stehen die Ritter bei Grabe

    und schmettern Gewölk vom Gesicht in die Tiefe –

    in die Höhlen der Mesmerei; dort hatten sie

    einst Schafe erschaffen, mit Wolle,

    durch silberne Lettern

    und Angst an der Wand, stets in Blei.

    Es scheint mir alles zu sein und ich weiß nicht:

    es scheint eine Art Stille zu sein, die uns

    in ein Vakuum fließen lässt

    und ich weiß nicht:

    es scheint eine Art Verzweiflung zu sein,

    die uns einander näher bringt.

    Sie erhob sich von ihrem Stuhl, als sie mich

    aus dem Wandschrank kommen sah.

    Außer Königen, Dichtern und Druiden erhebt sich jeder,

    wenn er etwas für einen ehrlichen Gruß übrig hat.

    Es war nicht leicht zu erklären, wie ich

    dort hineingeraten war. Ihre starren Augen

    nahmen die Rundungen eines Opfers an,

    das sich nicht kampflos ergeben wollte.

    »Wegen dir bin ich doch gekommen!«, sprach ich an ihr vorbei,

    weil sich dort noch ein Platz für Worte fand, blieb aber ganz

    der berechnende Geminus, ein kleiner Janus über den Türen.

    In ihr Ohr hinein sagte ich Dinge, die sie hören wollte,

    bis ihre feingeschwungene Muschel,

    viel zu zart für ihren großen Kopf, überlief.

    In der geheimen Höhle des Herzens

    sitzen zwei an dem Brunnen des Lebens;

    das abgetrennte Ich trinkt Süßes und Bitteres,

    es mag das Süße und es mag nicht das Bittere.

    Währenddessen trinkt das höchste Selbst Süßes und Bitteres.

    Es mag noch mag nicht das eine oder andere;

    das Ich tappt im Dunklen herum,

    während das Selbst im Licht lebt.

    In alten Sprachen sind Wind und Hauch

    Böen aus Splitter, fragile Kommunikation.

    »Du?«

    »Ja. Ich bin es wirklich.«

    Ich durfte sie Schranktüre schließen,

    ohne dass die Gefahr bestanden hätte, dass sie davonlief.

    Fraktale Welt, Frakturen des Erlebens;

    hingestreckt erwachen ihre Finger.

    Siziliumhände, Schwefelhauch,

    Eisenknochen, Aluminiumhaar.

    Von Vogelbanden begleitet

    werde ich der Gottesanbeterin anheimfallen.

    Höre, draußen geht ein Sturm; den rufen wir:

    Los, Donnerhand! Den knechten wir mit Eisenband,

    und führn ihn an der Lorelei vorbei

    und lachen über dieses sich kämmende Monster.

    Aus den Bechern rieselt Wort um Wort,

    ein Regen ist geworden; und all das

    fasst nicht an, womit das Herz bewohnt sein will.

    An kalten Tagen spickt man aus der Nische

    und wundert sich, wieʼs draußen geht. Doch hier

    im Stübchen glüht der Herd,

    bereitet warmen Mündern Speisen.

    Wir segeln durch die Endlosigkeit der Himmel,

    Sternenaugen, schwarz die Nacht;

    sie seufzt den silbernen Baum-Mond an,

    er fällt herab in Tränen, Licht der Nacht –

    die Erde ein violetter Brand im Saphirdunst des Orbits,

    während darunter Bäume in einer kühlen Brise baden.

    Wir passieren das Karmesinauge des großen Gottes Mars.

  • Die letzte Herbaria

    Die Schlange biss sich in den falschen Schwanz; welche Wechselwirkung können wir uns nicht vorstellen? Die Sauberkeit des Magens war ihr Thema, von dem sie selbst dann nicht abließ, als ihr bereits Grübchen wuchsen, gefüllt mit Tupfen aller Tugenden, sagen wir: einer Oase, die sich stets sorgenvoll bereit hielt, als könnten wir das jemals vergessen. Selbst das Geschirr umzäunt, selbst die Sandalen am Fliehen gehindert. So könnte sie sich doch sehen lassen, oder etwa nicht? So also sah man sie und sah sie nie wieder wie an diesem Tag, beinahe nass. Dass er in das Gewölk von hintenrum hineinfasste und ein Stück des Wacholders vorfand, unterschied sich nicht von den Praktiken, die unter dem Saum stattfinden sollten. Beschmierte Stullen sind der Preis, also wuchsen sie, je länger sie vermoderten. Eine Party in einer dieser alten Telefonzellen mitten im Wald, mitten im kernigen Moos, Nummern troffen von der bewegten Masse, die Einschätzung war schwierig. Um etwaigen Vergiftungen vorzubeugen kramte sie im Handschuhfach herum, fand tatsächlich Reste dieser alten Landkarte wieder, freigesetzte Plakate sozusagen, an vier von fünf Ecken mit Tesa befestigt, bleich wie ein Glas Milch, bevor es getrunken wird. Die letzte Herbaria.

    Vor allem aber ist die Dunkelheit nicht allumfassend. Zünden wir ein Streichholz an, verschwindet sie. Das Streichholz indes haben wir uns von dem Blitz abgeschaut, in einer jenen mystischen Nächte, die nicht näher zu bestimmen sind. Es gab diese Erfindung nämlich nicht, das Feuer hat nie jemand entdeckt.

    Fortschritt bedeutet, Wissen auszulöschen, für immer hinter sich zu lassen, um dadurch Kultur zu ersinnen, die aus der Trauer besteht, Verlorenem nie wieder habhaft werden zu können.

  • Der Schrecken der Reise

    Die Schnecke erfährt ihr Tempo hinter vorgehaltener Hand.
    Heimlich bekommt sie dafür ein Haus, das wie ein Trichter
    Zum Kleinsten und zum Größten hin führt, aber langsam.
    Langsamer als die Farben aus Gesichtern rutschen,
    Die auf der gleichen Strecke unterwegs sind,
    In einem Raum, der abstrakt scheint, mehrteilig,
    Wie es die optische Täuschung oft vormacht,
    Wenn die Perspektive, von der nun alle reden,
    Nicht mehr vorhanden ist, wenn sie dem Ultraschall
    Des Gehörten, dem Infrarot der Nacht, durch ihre Wärmepausen weicht.

    Dann bleiben gesprochene Worte auf der Strecke liegen,
    Keiner kümmert sich um das Gepäck des anderen. Im
    Forst sitzen die Tafeln mit den Umsteigemöglichkeiten fest,
    Behaupten sich nicht gegen Bäume oder Gräser, haben
    Es aufgegeben, die richtige Stelle mit einem X zu
    Markieren. Sie werden kaum aufgedeckt, gefunden werden.
    Deine Hand leuchtet einen Ballon an, aber auch diese
    Geste bringt keine Zeit zurück, die auf der Reise verloren
    Ging. Trotzdem folgen die Vögel dem Licht zurück in
    Ihre Nester, die jetzt, da sie älter sind, bereits
    Vertrocknet und mit eingeworfenen Fenstern einen Tanzsaal
    Abstrakter Gerüche bilden.

    Nehmen wir auch nur ein einziges Muster fort, hebt sich
    Die Distanz bereits wieder auf, alles ist dann nur
    Ein einziger Ort, der Trichter der Schnecke zum
    Kleinsten, zum Größten hin. Dieses mathematische Rätsel
    Schreckt die Reisenden, die wissen, dass sie sich
    Nicht mehr bewegen dürfen. Es steht in ihrem Gepäck
    Geschrieben, aber auch auf unzähligen Urlaubskarten,
    Die an der Wand neben Faltern ihren Platz behaupten.
  • Die Kleider dem Huhn

    Wie zu Zeiten der pestilenzischen Seuche oder der Post-Klondike-Stille hatte die Umgebung die Ereignisse gespeichert, abgedeckt, vor neugierigen Blicken verborgen. Ein qualmender Schlot täuschte Weiterleben vor. Der Wanderer war in der Lage, die Verstecke im Gehöft zu erahnen, denn die Trostlosigkeit war jetzt ein Teil von ihm.

    In der schwarzen Küche fand er Federn und einen Kübel mit Blut auf dem Boden stehen, eine Menge Brennholz, aufgeschichtet zu einer Pyramide neben einem Herd aus Bruchstein, auf dem oben eine dünne Steinplatte zur Abdeckung lag. Auf dieser stand ein Dreifuß mit einer noch sanft baumelnden Pfanne. Eine leere Hutschachtel lag auf einem Tisch mit kräftigen barocken Beinen. Unter der Hutschachtel ein Brief:

    … nichts Anderes hat man gehört als Rauben, Stehlen, Morden, Sengen und Brennen. Die armen Leut’ wurden niedergehauen, gestochen, gestoßen und geraidelt; vielen die Augen ausgestochen, Arm und Bein entzwei geschlagen, etliche beim Feuer gebraten, teils im Rauchschlot aufgehenkt und Feuer unter sie geschüret, etliche in die Backöfen gestoßen, Stroh fürgemacht und angezündet, Kein und Schwefel über die Nägel gesteckt und angezündet, spitzige Knebel ins Maul gesteckt, daß das Blut haufenweise herausgeloffen … in Summa die große Pein, davon auch der Teufel in der Hell nicht Wissenschaft haben mochte. Dorothea und ich, wir haben beschlossen, aufzubrechen, nirgendwohin.

    Der Ruß klebte zentimeterdick und ölig glänzend an den Wänden und an der Decke, von der sich Kohlentropfsteine nach unten reckten. Bei leichter Erschütterung blätterte etwas davon ab und fiel in den Staub, der den festgestampften Erdboden bedeckte. Sie saß auf einem kleinen krustigen Schemel und rupfte ein Huhn, als gälte es, durch dieses Ritual das schleichende Chaos fern zu halten. Neben ihrem rechten Bein, das in dicke braune Bandagen gewickelt war, stand ein Blecheimer voll Blut; man glaubt gar nicht, wie viel davon in einem kleinen Tier vorhanden ist; der Kopf und der lange Hals schwammen darin herum. Den dicken Fliegen waren sie eine Insel, die mit der klebrigen Leckerei überzogen deren Herrschaft anerkannte. Hinter ihr öffnete sich zaghaft die einflüglige Tür unter dem Oberlicht, die zu den Ställen führte, und ein junges Mädchen von neunzehn Jahren trat ein. Es trug ein Kleid mit Schlupfärmeln aus walnußgefärbtem Wollstoff, ein Unterkleid aus wenig gebleichtem Leinen, ein eingehängtes Schürztuch, Haarsack, nadelgebundene Strümpfe aus handgesponnener Wolle, und darüber einfache Holzklepper. Ihre angstvollen Blicke wanderten unstet umher. Hinter der ähnlich gekleideten älteren Frau, die das Rupfen nicht unterbrach, blieb sie unsicher stehen.

    »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Es ist so still, seit…«

    »Wäre es nicht still, könnten wir den Donner aus der Ferne nicht gut hören.«

    Die Erschütterungen trieben Wellen durch das Blut, die sich an Kopf und Hals des geschlachteten Tiers festhielten, aber nur Blasen in den Federn hinterließen. Merkwürdig leuchtende Nebelzonen waren die toten Augen, in denen sich eigenartige Lichterscheinungen brachen wie große, strahlende Kugeln, die sich manchmal unterhalb der Wasseroberfläche zeigen.

    »Man hat uns doch nicht wirklich hier zurückgelassen?«, versuchte es das Mädchen erneut. Ohne zu antworten erhob sich die Ältere mit einem Ächzen, klopfte sich die Federn von der Schürze und legte das Huhn auf eine speckige Anrichte, auf der zerbrochene Krüge und dunkle Mehlreste lagen. Das Mädchen trat hinzu, befummelte das nackte Huhn. »Das ist unser letztes Fleisch, wir sollten ebenfalls fortgehen!«

    Sie hüllten sich in dicke Mäntel.
    »Wo wollen wir hin?« fragte die Alte.
    »Erst einmal zur Straße!«

    Die junge Magd war sichtlich erleichtert, den Hof jetzt verlassen zu können. Gemeinsam zogen sie eine Schublade auf, holten eine der Hutschachteln heraus, die Puppenkleider enthielt. Sie kleideten das Huhn in hübsche bunte Sachen, bevor sie ihre Koffer in die behandschuhten Hände nahmen und hinaus auf die Straße traten. Aus der Ferne hörten sie die Detonationen die Erde erschüttern, die ihre Füße kitzelten.

    Aus Adams Notizbuch:
    Einmal fanden wir am Bach Dinge und steckten sie uns in den Mund, um die Dinge der Welt, die zufälligen, zu schmecken; es gab auch Anderes zu finden, aber wir fanden es nie.