Die entblößten Träume

Ich bin auf der Suche nach dem Seltsamen.
Das Leben, die entblößten Träume…
oder mehr noch : der fehlende Sinn, der nur dann fehlt, wenn er wirklich fehlt
und nicht etwa wenn es ihn gar nicht gibt.

Dieser Baustein, der beweisen könnte
dass die Schöpfung eine runde Sache ist, alles
eingerastet und läuft wie geschmiert, wir haben
die Vernunft doch tatsächlich als solche erkannt, hurra.

Die Gebäude und Räume können nur von einer Seite aus betreten werden,
eine Auswahl fällt daher leicht. Im Innern aber
stecken die Möglichkeiten
einer ausgedehnten Traumwanderung, die

– wie eine gute Geschichte – irgendwo anfängt
und irgendwo aufhört. Das Vorher und Nachher ist nur
als Potenz vorhanden, aber es wiegt schwer
in seiner Nichtausgesprochenheit.

Das Leben, die entblößten Träume…

Das Seltsame hat einen anderen Grund als das Gewöhnliche zu konterkarieren,
es führt seinen Tanz in Stille aus und ist
präsent wie ein Bild, das von einer ruchlosen Hand
überpinselt wurde, in der Annahme, niemand würde kratzen
oder schaben oder sich fragen, warum die Farbe
derart monströs aufgetragen wurde,
ob sich da nicht ein Geheimnis finden ließ bei der Entscheidung :

Welches der beiden Kunstwerke soll dem Vergessen
in den Rachen geworfen werden? – von denen eins vielmehr
ein quasi-Kunstwerk ist, mit einem quasi-Dasein.

Zerstören wir das Sichtbare für etwas, das wir nicht kennen –
und wäre ein Vergleich nicht ohnehin töricht? Eine Skizze
ist der erste Beleg für die Dauer,
denn solange immer alles möglich ist,
vergeht kein Gedanke ungedacht.

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    Ausschau halten nach dem Glück, einst heimisch in ihren ausgelaugten
    Taschen. Es gab ein Gesetz, das Wanderschaft verbot, und wer sich daran
    hielt, bekam statt welker Blumen eine neue Disziplin zugeteilt. Die
    Körper wurden straff durch fein gemahlenen Marmor, die Rezepte standen
    in hölzernen Lettern unter den Dielen, graviert mit ungehöriger Tiefe;
    oft fing sich das Wasser darin und versuchte,
    noch vor dem Morgengrauen zu entkommen.

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    als wäre sie nicht das Paradebeispiel des Fiktiven; als Zeuge
    ist sie vielleicht hinfällig, ihr Argument liegt jedoch darin,
    überall dort aufzutauchen, wo man Doughnuts im Zehnerpack für einige
    wenige Groschen ergattern kann. Die Fahrt dorthin wird unterbrochen
    durch sanfte Flugangst, die sich mit musikalischer Unterstützung
    steigern lässt. Wer die Erfindung der Momente einfriert, wird
    wissen, wohin er sich zu wenden hat, wenn das angereicherte
    Material zur Debatte steht. Mit einem Verrat kann immer dann
    gerechnet werden, wenn sich die Summe aus wenigen Teilen
    zusammensetzt, die sich in Nähkästchen verstecken lassen.

    Beim Gehen verlor sie einen Schuh, der sich silber glitzernd
    von ihrem Fußschiff löste und augenblicklich erhob, um auf
    ein gesprenkeltes Hausdach zu schweben. Obwohl ihr Gang jetzt
    etwas läppischer war als zuvor, erreichte sie die anvisierte
    Kreuzung noch vor der Zeit, die ihr zur Verfügung stand, drehte
    sich mehrmals im Kreis und löste sich dann in ihre Bestandteile auf.
    Aus geöffneten Fenstern entwichen die Gerüche einiger Kochkünste
    und versammelten sich an Ort und Stelle. Der Tumult hatte längst
    auch die geheimen Nischen erreicht, ob sie nun überdacht waren oder
    nicht. Das Pulver, das daraus entstand, genügte den hier lebenden
    Nasen für ein weiteres Jahr ihrer Effizienz. Ihrer Beschleunigung
    war es zu verdanken, dass die Kassen gefüllt und das Trapez
    mit dicken Schnüren gespannt blieb.

    Die Art und Weise wie eine Wand zurückstarrt, sollte in nocturnen
    Untersuchungen festgehalten werden. Zunächst mag die Freude
    ungetrübt sein, die Wand vor unliebsamen Zusammenkünften schützen;
    man gibt sich eifersüchtig, wenn sie sich ihren freien Tag nimmt,
    um einmal in der Woche den Tango der Argentinier einzustudieren.
    Doch dann beginnt das Unwohlsein wie ein verkannter Spruch tief in
    den Eingeweiden zu rumoren. Man möchte sich erheben und einen
    Schürhaken schwingen, um der peinlichen Stille gebührend zu begegnen.
    Was man dann jedoch zustande bringt, ist kein nennenswerter
    Gesichtsausdruck, kein plötzliches Schluchzen oder Innehalten, man
    marschiert im Zimmer auf und ab und wirft verstohlene Blicke zur Vitrine.

    Wer die Gefahr kommen sieht, kann durchaus noch die Hand ausstrecken,
    um das Seil, das zur Glocke führt, zu ziehen. Ein neues Zeitalter
    einzuläuten, sagst du, ist der richtige Zeitvertreib nach einer
    langen Nacht der Wunder. Doch das Gebirge, das sich nähert, das in all
    seinen Formen unnachgiebig danach trachtet, den Schlund zu verstopfen,
    wird nicht verstehen, warum deine Hand sich zurückzieht, um im Sumpf
    nach Machtmonopolen zu graben. Ein Schritt mag genügen, um über
    schönere Exemplare sprechen zu können. Du müsstest nur einmal
    da gewesen sein und zugesehen haben, wie das Schiff in schlüpfrigen
    Reimen davon sang, gegebenenfalls entkommen zu wollen. Die Melodie
    einzelner Takte verkommt auch hier zu einer reinen Schneelandschaft.

    Meine Bitte war noch nicht zugestellt, als du die Dinge auf den Tisch
    legtest. Für heute waren wir fertig und zeigten uns gegenseitig das
    freudige Gefühl, das, gestaffelt, vor aller Augen einen glamourösen
    Morgen band, der gar nicht so kalt war, wie wir es besprochen hatten.
    Es stellte sich die Frage, was zu tun sei, wenn all das – diese
    mikroskopischen Sinne und Fürsprachen – nicht mehr dort zu finden
    wären, wo wir sie vermuteten. Gab es diesen latenten Kreis wirklich?
    Oder waren wir alle nur Teufel, gefangen in einem nervösen Rinnsal,
    das von aufgespannten Schuhen tropfte? Die Löcher waren bereits
    groß genug, um nichts mehr damit anfangen zu können. Es waren
    großartige Bilder, die hinter uns standen, aber ihre Sprache
    war neunmalklug, also ließen wir das Ganze einfach sein.

    Als lebten wir in der Spirale mörderischer Weihen, als tauchte
    neues Leben in die blinden Statuetten, ausgefranst und mütterlich treu.
    Es käme auf den Versuch an, hinwegzutauchen, das Gras in seiner vollen
    Pracht auf den nächsten Sommer zu vertrösten, nur um zu erkennen,
    dass wir keine Rösser sind. Der Sternentrunk am Mittag, in ausgespülten
    Kelchen treibt eine neue Form der Reinheit ein Spiel mit unserer
    Wohlgefälligkeit. Das Biest steht stramm, nichts welkt in einer leeren
    Brust, erfindet stattdessen fremde Existenzen in rohen Augenblicken.
    Die Klänge wandern den Flur entlang, hinter uns her schleifen
    die Brocken abgehackter Stunden, denn sie wissen von unserem Schwur,
    zu verweilen.

    Was ich auf der Straße sehe, sind durchgehangene Tauben. Im Licht
    eines unbekannten Spektrums leuchten sie, vom Knick ihrer Rollen
    ausgehend, wie ein Diamant, der im rauschenden Wasserfall eines
    Sauerbrunnens gefertigt, das Tarotbäumchen zur Demut zwingt. Ein
    gelbes Fieber wandelt, durch unzählige Manöver geortet, über die
    Schwierigkeiten einer losgelösten Schienenbahn, einst der stolze
    Besitz immenser Beschleunigung. Das Entsetzen teilt Wege, aber an
    oberster Stelle darf der Kronzeuge nicht fehlen, darf er kein Wort
    von dem verlautet lassen, was wir hier wagen zu besprechen. Es
    könnte sein, dass sonst die Stimmungen siegen und die feine Natur
    der Atempausen chronisch abwinken. Wir können das nicht wollen.

  • Die Servierdame

    Ich erwache erneut. Es ist immer ein Wunder dafür verantwortlich. Manches davon erscheint mir wie eine Schallplatte – rund. Und dann befinde ich mich an einem anderen Ort, der wie ein Damm um mich herum gebaut ist. Manchmal denke ich an seinen Schutz, manchmal denke ich an eine Trennung. Die Welt hat ihren Zustand verändert, ist jetzt gasförmiger denn je.

    Es gibt Menschen; zumindest glaube ich, dass es sich um Menschen handelt, wenn ich ihnen auf der Straße begegne und sie mich in ihre Einkaufstüten schauen lassen. Es schwebt mir noch immer dieses schwarze Ding vor den geschlossenen Augen, das eine Störung der Netzhaut sein mag. Noch einmal werde ich aufräumen müssen, die Gabeln müssen bei den Gabeln liegen.

    Sie trägt ihr Kostüm wie eine Uniform, aus langweiligen Stoffbahnen geschnitten, eine Schürze. Die Schaufensternacht bricht herein wie eine Enterdregge, die in die Rahen haut, das weiße Linnen, das sich noch vor Stunden mit vor Stolz geschwelltem Busen gegen den Salzauswurf gestemmt hat, Wachablösung, Schichtwechsel. Aber dann läuft sie zwischen beleuchtetem Glas hindurch, für einen Augenblick der optischen Täuschung unsichtbar, unberührbar von echten Händen, kehrt zurück und öffnet ihr schwarzes Ungeheuer, in dem die Münzen liegen, die nicht ihr Material Wert sind. Sie steht da und ist ihm vollkommen zu Diensten, möchte jetzt den Verkehr mit ihm zu einem Abschluss gebracht haben. Ich bezahle Teile ihres Midnight-Blue-Nagellacks. Müsste ich mich entscheiden, welchen Finger ich ihr abschneiden würde, käme für mich nur der kleine infrage. Den Kaffee bezahle ich nicht.