Fort ist Glückes Hildebrand

 : was ich schrieb, trieb mich weiter in den Abgrund, in die Kellergefüge kein schöner Land, wohl nicht mehr und nie mehr wie aus idealen Erzählungen entnommen, kein Rätsel außer dem des Lebens, kein Bleiben außer dem Vergehen, den gewaltigen Umbrüchen auf einen Pukt gebracht, geschrumpft, so klein wie man es bei dieser Größe vermutet. Die glatten Wände sind des Geistes Tod, die schlanken Gärten voller Steine, die sich unendlich wiederholen, eine Kloake in hohen Stiefeln

ich setze einen Fuß über die Schranke
Ich glaube nicht, dass man einen abgestimmten Ort verlassen sollte,
wo jeder Baum einen Namen trägt und Zeuge von uns allen ist

Als ich las, las ich von Zeremonien, ich las von Morden
(diejenigen, die einen Abdruck hinterlassen)

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  • Wäscheboden

    Manchmal setze ich mich auf dem Dachboden in den Sessel, der in der Wohnung seinen Platz für ein freies Teppichfeld räumen musste. Die Geruchsmischung aus altem Gebälk, weichgespülter Wäsche und der gewaltigen Enzyklopädie mit vergoldeten Schnittkanten, die ebenfalls vorerst aus meinem Arbeitszimmer verschwunden ist, weil sie einen ungemein bibliothekaren Duft verströmt, oder besser und wahrer gesprochen, weil ich in diesem Zimmer sonst nicht mehr treten kann, verleitet mich dann dazu, eine Pfeife anzustecken. Ich sitze da und betrachte die vertraute Wäsche. Wie wäre es, wenn ich unter dem Dach leben würde? Das ginge nicht ohne Hut. Ich gehe also hinunter in die Wohnung und wähle einen, den ich selten trage, schließlich sitze ich auch selten unter der Wäsche; wieder oben angekommen, finde ich das Tableau, das ich mit mir darin selbst nicht sehen kann, perfekt vor. Vielleicht aber habe ich die falschen Schuhe an, weil man das, was ich anhabe, nicht Schuhe nennen kann. Morgen aber, wenn ich die Wäsche abnehme, werden es die richtigen sein.

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    Ich betrachtete gerade eine neue Situation, als wir auch schon fliehen mussten. So war es schon immer gewesen, die gemachten Betten zerwühlt von kreidebleichen Gesichtern, aber mit Gefühl in der schimmernden Brust. Man könnte leicht auf die Idee verfallen, es gäbe nur Mehlspeisen, die sich unter der besonderen Bläue des Tages zu einer neuen Form aufraffen. Die Steintreppen hinab gerann der Luftzug an den Wangen, einzelne Hinweise lagen verstreut an den Rändern der Gassen oder lehnten für einen kurzen Augenblick an den wankelmütigen Gebäuden. Es wäre uns recht gewesen, wenn zumindest irgendwo irgendjemand am Fenster gestanden hätte, aber die Uhrzeit war noch nicht reif.

  • Die Bar am Ende der Welt

    Wir lebten unter dem Dach eines Musikcafés, teilten uns die Zimmer mit amerikanischen Familien, die sich durch ein starkes, strammes Heck hervortaten, mit dem sie ihre Balance hielten, während sie durch das Fachwerk navigierten.

    Am Abend saßen sie im Flur und sangen „Wish you were here“, wozu sie Jim Beam tranken, von unten herauf quoll der Blues wie Reisbrei aus einem Topf.

    – Töpfchen koch
    wir nannten sie der Einfachheit halber „Zupfer“, die Amis, das waren immer nur die Zupfer, die anorektische Journalistin, die neben mir ein Zimmer hatte, saß meistens bei ihnen
    – Töpfchen steh
    ich kam da lang, die Treppe, an ihnen vorbei, um noch mehr Schnaps zu besorgen
    (ein Glasflaschenentwerter)
    der Boden, der Kümmerling
    (die Flaschen)
    – Töpfchen koch
    der Boden nicht mehr zu sehen
    (wer den Boden nicht mehr sieht)
    oh, ihr Gäste und ihr fremden Menschelgen, heute Abend schob ich keine Pizzableche in den Feuerschein, verzupfte nicht Salat, schlug keine Filets, kein angetrocknetes Mehl, heute versoff ich das Geld, das ich gestern verdiente, vor Feuerschein und Gurke
    (ich wurde jeden Tag ausbezahlt)
    mit Leuten, die ich nicht kannte, wie unbekannt mit mir zu feiern, setzt euch doch
    – Setzen wir uns doch
    auf die Stühle, die ich mir geborgt hatte, genauso wie den Tisch, den wir nicht brauchten, weil wir alles auf den Boden schmissen, oh Hasi Hasi, der feiste Baß
    – Töpfchen koch
    dann unten, alles voll, die lange Theke nur noch für mich der Platz, du unnahbares Objekt meiner Begierde, mit Augen wie Bambi
    (Bam Bam Bambi)
    du Körper der Lust, du Heizdecke
    (ich widdere sie)
    rauchiges Universum
    (der Blues)
    Now I left home this mornin‘, I swore I’ve stopped and think
    Made my friends a promise, I wouldn’t even take a drink
    Of that bad, bad Kümmerling
    Woodstock-Anhänger, wie schön war’s damals, als wir noch alle völlig verblödet mit Drogen im Blut, Veganer, Fleischfresser, alles da, Hippies, Leary Leary hey, fickten, soffen, fraßen und am frühen Morgen vom Stuhl fielen, ich saß in meinem Rom, meinem Babylon, meinem Korinth, der sündige Heilige
    (ich reinigte auch die Scheißhäuser)
    Rabelais, Grimmelshausen, Villon, Ovid
    (aber unterzeichnete mit Attila)
    und es gab keine Tür hier, die ich noch nicht eingetreten hatte, war im weitesten Winkel der Welt versteckt und war doch zuhause, in der Welt, aus der Welt, in einem Sternbild, Lichtjahre entfernt von einem anderen Ort
    (hinter den gelb melierten Fenstern und dem Vorder- und Hinterausgang)
    die Gesichter vertraute Ballons, die an mir vorüberschwebten, bekifft, versoffen, planlos, du neue Welt, Stillstand im Rausch, ewiger Bacchos, Eddi spielt Billard, mit seinem flächendeckenden Gesicht glotz er die Kugeln ins Loch, der Queue nur Beiwerk, ein phallisches Instrument
    (und da tat ich meins dazu)
    – Hasi Hasi
    dessen Fruchtbarkeit Siege bedeutet, die Säulengänge des alten Athen, wo statt Philosophie Billard gespielt wird, alles fließt, sagt Heraklit und steigt aus dem Wasser, hinter allem steckt die Idee, sagt Platon1 und zerlegt die Pferdheit zu Rouladen, Eddie zielt und trifft, er darf noch einmal, so will es das Gesetz, Hasi bringt mir noch ein Bier
    (und bringt sich selbst gleich mit)
    ich beobachte die Umluft, sie stellt einen Karton Kümmerling dazu, heute ganz Kelte, trunksüchtig statt wollüstig
    (und wieder widdere ich)
    kniete sie neben meinem Bett, während ich unter der Decke eine Belgerung vorbereitete, näher bin ich dir ja nie gekommen, in der Ecke
    (ich im Bett)
    diskutierte ihr Bettgestell mit Melchior über Physik, für Physik interessierte man sich hier, Lied von der Symbiontenstrategie, das Licht wechselt von Teilchen zu Wellen, ich begann Hasi ebenfalls in einer Heisenbergschen Unschärfe wahrzunehmen, sie akzeptierte meinen abgehackten Wörter
    (während der Klimax bitte nicht sprechen)
    und stand erst auf und ging zur Physik als meine Finger der Biologie wegen neue Wege ging
    – Das Universum
    eine Teilchenschleuder, du führtest doch meine Hand unsichtbar in Gedanken, du hattest mich doch erkannt, wußtest wer ich war
    – Das Multiversum
    oh, jetzt denkt sie an mich, hier entschied sich das Leben, hier wurde das Leben begründet
    – Das Desasterversum
    und der Hintereingang reißt sich auf, zwei fremde Wesen tanzen herein, stören die Dämmerung, die Gedanken, das Meer, augenblicklich reißt mich der Wahnsinn in seinen ausgezehrten Schlund
    (Eddie zielt und trifft)
    und pure Nüchternheit vertreibt jeglichen Nebel aus meinem Gehirn, ich erleide einen Schock und komme nicht dazu, die Beine hochzulegen, der Engel war erschienen und besuchte nun den Sündenpfuhl, um die Seelen aus dem dritten und vierten Kreis der Hölle zu retten
    (Dante wo warst du)
    blond, neckisch und reif wie ein überquellender Fruchtkorb, dem der Zucker austreibt
    – Die Bar
    die Schleusen meines Herzens, schon wieder verliebt, in jede, in jede, da oben warteten sie auf den Schnaps, den bring ich auch, den bring ich gleich, ich bin schließlich Attila, plane den Weltuntergang, plane die Wolke zu finden
    – Sieh doch Mutter, ein Gesicht
    stand auf und bohrte mich durch den archaischen Urdunst, hin zur Skulptur am Ischtar-Tor, eine Schlucht, zu beiden Seiten säumen hohe Mauern den Weg, riesige Ungeheuer starren von den Kacheln, spielen Pool, die graue Maus daneben
    (Gold wird in dreckigen Truhen transportiert)
    aus dem Seitenwinkel meiner glänzenden Augen, die Reaktion hinter dem Tresen, du Hasi weißt, was ich begehre, ein Tropfen rinnt durch die zitternde, pumpende und heimliche Hand, der Traum spricht von der Schuld der Ekstase, die vergessen hinter Herbstlaub lauert, das stampfende Weiß der Augen trägt sich durch die silberne Luft des nur schwarz sehenden Auges, welches sieht, wie die Gier und die Vibration des Körpers beständig schnaufen, dort sieht das Auge alles zucken
    – Seit gegrüßt von einem einsamen Segler in notdürftigen Gewässern
    ich wies meine Soldaten an, von ihren Feldzügen alle unbekannten Pflanzen mitzubringen, im Sommer, mit den Sklaven zusammen, schöpft also Wasser aus den Brunnen und pumpt es in viele kleinere Kanäle
    (damals im Garten)
    Semiramis reagierte und
    – Wer ist der Sprecher
    ein König der Holzbuden und Einmachgläser, aber ein König, sie stimmte voller Holz und Wurzelwerk, erzählte Nebensächlichkeiten, aber Semiramis, du bist kein Engel, wie war denn das, als du in das Ornament gekleidet die Hinrichtung befahlst, mein Sehnerv ist verändert und es bleibt ein Hokuspokus, bist du vielleicht doch ein Engel, dann rette mich, rette mich
    – Vielleicht bin ich ein Engel
    ich habe dich noch nie gesehen, du wurdest ja nicht gemalt, sie nahm mich so ernst wie ein vierjähriges Kind eine Fliege ernst nimmt, mit ausgerissenen Flügeln, die wie ein Brummkreisel auf dem Tisch rotiert, oben sitzen die Hunnen, warten auf den Schnaps, die Stimmen sangen, der Blues, Türen wurden geöffnet und geschlossen
    (eine Eigenschaft, die man ihnen nachsagt)
    die Atmosphäre eine Prothese meines Zustands, ich verwandelte mich in die Seele des Gebäudes, heiße Küsse im Treppenhaus, unter wummernden Bässen und verschwommene Figuren labten vorbei, erwachte irgendwo auf dem Boden liegend
    (war es denn der nächste Tag)
    eine Zahl im Kopf, eine Formel, ein Heureka, ein pythagoreisches Geheimnis, das sich unter meinen rhythmisierten Schädel schob, ich fasste nach einem Namen, nach einem beschrifteten Glas, in dem eine milchigweiße Sensation schwamm, die leeren Flaschen zerfetzten das Sonnenlicht, tausend Flüchtlinge verseuchten, durch meine Augen zu dringen, die Zugbrücken rasten herunter, links und rechts über meiner Nasenwurzel, praktischerweise lag ich direkt neben der Tür, ins Badezimmer
    (die Reise beginnt)

  • On dem Grab

    Ein seltenes und schönes Stück Wohnkultur,
    einfach lecker handgemachte Spitze,
    in feines Leinen eingeführt
    mit scrollenden Schnittblumen und Laub.

    Die Seiten mit gewellter Spitze und Pom-Poms getrimmt.
    Viele Stunden mühsamer zarter Arbeit
    haben dieses schöne Stück geschaffen.
    Das Stück ist frisch gewaschen und liebevoll gebügelt,
    gebrauchsfertig auch.

    Ein schönes und spezielles Gelegenheitstuch in gutem,
    selten gebrauchtem, antikem Zustand. Ein paar
    blasse Flecken, die nicht ablenken,
    mit einem Keks-Engel, die meiste Zeit
    in einem Zink-Container on dem Grab.

    Katholische Tradition. Voll
    mit alten kleinen Perlen.

  • Der Weg nach Raha: 5 Die ganze Stadt verschwindet

    Raha war ein verschwommener Zug, der am Horizont vorbeihastete, hinter diesem dicken Nebel verschwand, der sich wie Milch im Kaffee der Nacht ausbreitete. Raha war die perfekte Mischung aus Utopie und Historie, ein Gleichnis für die Archäologen und die Menschheit insgesamt, viel näher als ein anderes Paradies, viel wirklicher als eine erfundene Hölle, alle anderen großen Städte danach waren lediglich eine Kopie des Unfaßbaren. Diese Stadt war uralt; sie war so alt, dass nicht einmal die Patriarchen ihre Uranfänge kannten. Hier begann der Mensch zum ersten Mal Steine aufeinander zu schichten, sich von der Erde zu empören.

    Mehr lesen „Der Weg nach Raha: 5 Die ganze Stadt verschwindet“