Bad auf dem Flur

Letzte Woche bin ich abgestürzt,
fand Kleopatras Nacken.
Der Legende nach soll er sehr schön sein,
glatt wie die Rippen eines Gullideckels.
In Wirklichkeit sah er aus
wie antiker Joghurt, an den Rändern
ausgeblichen wie das Fernsehbild
der damaligen Zeit. Trotzdem steckte
ich einen Teil davon ein, sei es,
um etwas Wonne in die Kaffeehäuser
zu bugsieren, wenn da auf einem Schild steht:
Dichter mit Teilen von Kleoptaras Nacken
sucht Appartement mit Bad auf dem Flur.

Ähnliche Beiträge

  • Karambol

    In den ersten Minuten ist diese fleckfiebrige Luft nicht einzuatmen, die in Krankenzimmern, Gefängnissen, unterirdischen Kellern, Brunnen etcetera zur Hypochondrie führt und die es darauf abgesehen hat, sich in seinem Organismus auszubreiten. Das zwar alles Leben über die ‚funiculus umbilicalis‘ eingetrichtert wird, sein Blut aber das Blut seiner Babet, von ihrem Blut sein Blut übrigbleiben würde, lange über das Leben hinaus. Also balgte er die Lungen & und schrie der Welt ins Gesicht, klapperte mit den Zähnen & beruhigte sich schließlich, als sein Kopf zwischen der sanften Hügelkette Platz nahm.

    ‚Mane, Mane witte, giv iusen Kind de Titte‘, wie es in einem Kinderlied heißt. Kam, historisch betrachtet, eine Kugel im Karambol, angerollert, nachdem sich der ewig liebende Protagonist selbst schon kein Wort mehr glauben konnte, in seinem Kellerzimmer zeltete, nicht ahnte, daß es die Welt, in der er scheinbar festsaß, nicht gab.

    Faran, faran, Wanderer, fahre hinaus in ein üppiges Fantasma! In Babylon wurden in der Zwischenzeit immer noch die Toten mit Ocker bestreut in Ost-West-Richtung niedergelegt & mit Kaurischnecken geschmückt, die Vulva für die Wiedergeburt, Neumutter, Erdmutter, Liebesöffnung! Sei in meinem Ring der Erde Gast!

    Und um noch einmal auf den Verlust zu sprechen zu kommen, ist das Entschlüpfen ein säugetierisches Ent-Eiern, dem das Abnabeln folgt, der Verlust der Urhöhle in anderen Fällen zu denken als die Pyrenäenhöhle in Tuc d‘ Audoubert, in der noch die Fersenabdrücke der Tänzer zu sehen sind, rund um eine aus Ton modellierte Gruppe einer Bisonkuh & eines Bullen im Augenblick des Bespringens.

  • An einem weinroten Tag

    Esrabella Gräf hätte erklären können, warum ausgerechnet hier die Zeit einen Tunnel durch das Granit brach, um Ereignisse zuzulassen, die weit weg von einer modernen Welt angesiedelt waren. Man befand sich bereits in den 70ern, der Mond war längst erobert und in des Menschen Hand, Hawlett Packard stellte einen programmierbaren Taschenrechner her, und nicht zuletzt konnte man sich endlich vernünftige Spannbettlaken zulegen, ohne sich vier Knotenknödel unter die Matratze schieben zu müssen. Und trotzdem …

    Mehr lesen „An einem weinroten Tag“
  • Unter dem Gras (Die Gesänge der Vril)

    Antwort des Baches

    Wenn aber ich die Erde abwärts streife
    der Kleider lose, nackt und bloß
    mich lege in den Wiesengrund
    da alles in sich Kosmos ist
    erspähe ich ein Wunder
    gebäre ich mich selbst

    auf die Frage

    Was ist zu tun, der Wurzel Tiefe zu begreifen
    der Wurzel Festigkeit zu hören
    der Wurzel Durst allzeit zu stillen

    Ich trample auf den Nerven deiner Ahnen
    Genien und etruskische Todesdämonen
    Menschen tragen Flügel
    dort die Welt weit ist
    dort die Welt versteckt ist

    Wenn etwas aus der Tiefe fragt:

    Was ist das für ein Mund
    der dort hinunterführt?

    Antwortet etwas darüber:

    Der Zivilisationengrund
    ist Armengrab
    Ein offener Mund

    Der hält den Rachen auf
    Der frißt sich durch den Bauch
    Der Erdenkinder Untergang
    Der Menschenfeind im Überschwang
    Danieder speichelt er und frißt
    Es ist der Mund, der niemals küßt

    Aber höre auch dies:
    (Es sind die Gesänge der Vril)


    Siehst du dich in Farben voller Flieder (aus dem Meer der Blüten)
    voller Duft von all den Blumen (die nicht immer Flieder sind)
    die erhoben hoch (so hoch der Grenzen Unwahrscheinlichkeit)
    dort enden wo du lebst? (Doch nur, falls du verstehst)
    Heißt man dich willkommen (denn ein Gast bist du schon längst)
    wo der Tod nur Wächter ist (und wo die Welt findet ihr Ende)
    wenn du längst vergessen bist?
    Es sind Sonnen die nie strahlen (die nie dort sind, wo du warst)

    Hörst du diese Klänge (wie von Tausenden von Chören)
    die dich rufen, dich begleiten (in der Welt, die fremd dir ist)
    Fühlst du, wie der Wind
    der dich berührt (der dich begleitet)
    der dich zähmt (der dich umnachtet)
    weise kreist, geheimnisvoll?

    Jetzt mußt du dich niederlegen
    erregter Mensch

  • Polka Dots

    Da war diese Erscheinungen im Wald. Das konnte man vielleicht abtun. Man musste nicht alles glauben, solange man nicht selbst davon betroffen war. Aber es sprach sich herum. Ein Jux, sagte man, ein geschmackloser obendrein, aber nicht gar so geschmacklos, wie uns verkaufen zu wollen, dass da jemand auf dem Mond gelandet wäre, sagte man. Da kann man gar nicht hin, das kann man technisch gar nicht bewältigen, sagte man. Wo doch gar nicht einmal feststeht, ob es den Mond überhaupt gibt. Natürlich gibt es den Mond, was ist denn in dich gefahren? Man sieht ihn doch da oben! Ja, aber vielleicht ist das nur eine Täuschung, eine Luftspiegelung. Wie in einem Kabinett auf dem Wiesenfest; du denkst, du weißt, woʼs langgeht, du hast doch Augen im Kopf, und dann knallst du gegen die Scheibe! Du hast Recht, ich knalle auch immer gegen die Scheibe, aber die Russen waren doch auch schon oben! Also, ich glaube an die Russen. Ach ja? Du kannst ja mal rüber gehen, wirst schon sehen, wie sie dich empfangen! Und der Mond ist mal groß, mal klein, ist euch das noch nicht aufgefallen? Groß und dann wieder klein. Man hat doch, ich schwörʼs, diese runden Türme entdeckt, in welchen der Vollmond jeden Monat gegossen wird, um dann mit einem großen Katapult in den Himmel geworfen zu werden. Der Mond erkaltet unter der Erde, wird fest in den Tiefen, wird zu Basalt und Eisen.

    Mehr lesen „Polka Dots“
  • Das Schneeberg-Habitat

    Hoch auf den Schultern des Landes saß der Berg, so dass er noch ein Stück höher reichte und deshalb auch mehr sah. Wenn er sich bewegte, tönte aus seinem Inneren ein heulender Ton, ein Schnaufen lang zurückliegender Zeiten. Es gab kaum Platz an seinen starken Flanken, kaum ein Emporkommen an den Splittern seiner Gegenwart, und seine Krallen waren finstere Bäche, die in Kavernen hinabstiegen und nicht an den Wiesen interessiert waren, die ihnen schöne Augen machten und über Nacht verschwanden. Sie stiegen in ein anderes Tal und brauchten nicht lange für ihre Entscheidung.

    Ein Ornament, schöner als ein Filzhut, blieb zurück und drückte sich tief in die Erde, die die Stirn zu runzeln verstand. Diesen Berg bestieg ich aufgrund einer Vorahnung, ein Zeichen, das ich am Grunde eines Suppentellers sah. Es könnte Regen geben und es könnten sich neue Bäche bilden, es könnte ein neues Feld entstehen, abstrakte Muster, die zu lesen waren, wenn der Gipfel nichts dagegen hatte, wenn die Turbulenzen etwas nachgelassen hatten. Noch war die Zeit nicht vorbei, Zöpfe pilgerten die Wangen entlang, blaue Augen starrten in die Nacht aller Nächte hinaus. Ein Bild keiner Sonne. Ein eingerahmter Pflug. Das Schwert vergessener Fahrten. Noch zürnten die heißen Lippen, aber schon tranken sie die nächste Tasse eines fürchterlichen Wimmerns. In den Hütten blieb es still. Der Schlaf ging um und rührte nicht an den Geheimnissen, den unverschlossenen Türen, die in kleine unbenutzte Kammern ohne Fenster führten. Auch dort hingen die Träume bündelweise von der Decke, jeder von ihnen mit einem Preisschild versehen.

  • Klapperstelze

    Sie entdeckten die Ziege im Gewand einer
    Schlossdame, die selbst nirgends zu sehen war. Du
    kannst springen, wenn du mir deine Kleider gibst,
    du wirst springen, wenn du mir deine Kleider gibst.
    Jemand muss gesprungen sein, denn sonst hätte die
    Ziege keine Kleider angehabt. Könnte man jetzt, in
    dieser angespannten Situation, dazu übergehen, die
    Ziege wieder zu entkleiden, um die Blöße
    der toten Dame unten am Damm zu bedecken?
    „Ich weiß, wo ich dich finden kann!“ sagte
    Brunswick zur Ziege, die ihn zu hypnotisieren versuchte,
    was misslang, denn Egon Brunswick war ein
    Niemand in den Annalen der heutigen Zeit. „Heute
    back‘ ich, morgen brau‘ ich, kleine Klapperstelze.