Der bukolische Rest

1890 am 20. Januar mittags 2 ¼ Uhr erfolgten plötzlich 2 starke Blitz- und Donnerschläge mit darauffolgendem Schneegestöber. 1891 gab es sehr viel Mutterkorn, dass ein Pfd. Um 1,05 Mk. verkauft wurde. 1892 am 1. Mai war ein furchtbarer Schneesturm, der die Waldvögel in die Stadt hereintrieb. Der Schnee lag ein und mehr Fuß tief. Es wurden am 1. und 2. Mai Schlittenpartien unternommen. Dann kam Regen und am 6. Mai wieder Schnee. Der Heuertrag war sehr gut. Die Hitze des Sommers war schier unerträglich: 36 ½ R. (Réaumur) in der Sonne. Das Getreide wurde vormittags geschnitten und nachmittags eingefahren. Es war dies Jahr ohne Unkraut. Kartoffel gab es viele und gute.

Ich habe mich mit dem Land verbunden, bin das Land geworden, weil ich der einzige bin, der das Gestein befragt hat. Jetzt bist du überall, mon amie d’enfanc, und meine Liebe ist eine Liebe aller Zeitalter. Und alles geht seinen Gang auf des Mutters Brust. Ich werde kommen, wenn du mich rufst, aber es wird mir schwerfallen, deine Wunder noch einmal auferstehen zu lassen. Oh, ich werde sie niederschreiben, sei dir gewiß, aber sie werden fremd sein, denn niemand kann dich hören, wie du unter ihren Schuhen tobst, wie du dich windest, vor allem weil du weißt, was aus mir geworden ist. Der ewige Wanderer. Ahasver. Allerdings bin ich kein Schuhmacher, und wenn ich es wäre, würde ich mich anregen lassen von den schlanken Sohlen der Dirnen, denen ich ihre zarte Haut bewahren wollen würde. Und Maß nehmen. Tag und Nacht Maß nehmen. Denn nur in den Schuhen meiner Zunft seid ihr willkommen, wohl in einem Stall, denn etwas anderes habe ich nie bewohnt. Aber wie gesagt, ich bin kein Schuhmacher. Nur jemand, der Koffer wechselt und ausschreitet. Ich bin das Land, der bukolische Rest, im wolkigen Moos faßt sie mich an.

Ähnliche Beiträge

  • Morena

    Morena erschien mir von unserer ersten Begegnung an als eine überirdische Schönheit, und es darf nicht verwundern, dass sie, die auf einen uralten Stammbaum zurückblicken konnte, im besten Alter für eine Frau, noch nicht geehelicht wurde. Merkwürdig waren die Geschichten, die man sich über ihre Schönheit erzählte, und erste ernstgemeinte Avancen kamen wohl aus Furcht nicht zustande, denn man wusste in den sie umgebenden Kreisen sehr wohl, dass man sich immer auch den Ahnen zu stellen hatte, die das Geschlecht einst groß gemacht. Wehe dem, der sich nicht als würdig erweisen sollte, der zögert, wenn es gilt, nach vorne zu stoßen, oder der, andersherum, voller Übermut eine ganze Bresche allein zu füllen versucht. Ich war weder von der einen noch von der anderen Sorte und wurde wohl von ihr angehört, weil ich weder stürmte und drängte, noch die übliche Furcht vor ihrer Aura zeigte. In ihrer Nähe wurde ich stets von einer Kraft erfasst, die mir ermöglichte, philosophische Höhen zu erklimmen und etwa über Jakob Böhme, der bei diesen Gesellschaften zu dieser Zeit gern diskutiert wurde, zu parlieren, als wäre ich je ein Studiosus gewesen und hätte die Aurora nicht nur gelesen, sondern verstanden. Morena bedachte mich dann mit Blicken, die mich aufforderten, nur weiter so kühn von der alchimistisch-poetischen Machart zu sprechen und gerade den Gedanken vom Widerspruch als ein notwendiges Moment weiter zu verfolgen. So sprach ich oft vor ihr und ahnte nicht, dass ich gerade das, wovor sich die meisten fürchteten, heraufbeschwor.

    Auf dem aus der Wand gewölbten Spiegel stand die Rechtfertigung gegenüber meines Verdachts, den ich vielleicht erst etwas später hätte äußern sollen.

    »Ich habe nie …« Dabei war dieser Gedanke nie ausgesprochen worden, meine hängende Mundpartie hätte sich gar nicht um die vorgesehenen Worte wölben können. Also schwieg ich.

    Ich hatte sie im Raubvogelgehege stehen lassen, konnte mich nicht dazu entschließen, auf sie zuzugehen, beobachtete sie dabei, wie sie einen verbrannten Engel küsste. Aber das war es nicht, was mich veranlasste, ihr zuzusehen und mich dabei hinter einem gefiederten Baum zu verstecken. Meine Augen wären ihr dabei vielleicht nicht willkommen, und wenn nicht meine Augen, dann vielleicht ihr Blick.

    Es waren ihre bandagierten Arme, die mich neugierig machten (den Engel erkannte ich, um die Wahrheit zu sagen, auch erst viel später), und nicht zuletzt ihr Atemgerät, das ihr aus dem Gesicht ragte wie eine Radarfalle. Da kannte ich sie noch nicht.

    Später traf ich sie noch einmal, sie fiel mir durch ihr verräterisches Kleid auf. Ihre Maske hatte sie nicht mehr bei sich und auch ihre Arme waren ohne Wunden, die eine Verhüllung erforderlich gemacht hätten. Nur ihr Kleid und die Brandflecken darauf. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit in Öl zerlassenen, kleinen Fischen – Sprotten, um es genau zu sagen. Der Ausgang war nicht weit, aber man wurde stets durch ein Schnellrestaurant geschleust, bevor man nach draußen kam. Die Tür öffnete sich erst, wenn man etwas verzehrt hatte (oder wenn man etwas zu Verzehrendes gekauft hatte; ob man es dann liegen ließ oder in den Papierkorb warf – es war pures Kalkül, dass es nur einen Papierkorb gab, so wurde an das moralische Empfinden appelliert – blieb der eigenen Strategie überlassen).

    Ich sprach sie natürlich nicht an, aber ich schlenderte hinüber zu ihrem Tisch und grapschte nach jener Brust, die auf meiner Seite lag. Hätte sie die Maske noch getragen, hätte ich es nicht gewagt.

    Ihr Teller zerbarst auf dem kargen Boden und die Fische schlitterten über die Fließen, als hätten sie es eilig, wieder zurück ins Meer zu finden. Aber sie fanden es nicht, verteilten nur das Öl und blieben liegen, wo sie waren.

    Ich kann nicht genau sagen, was dann geschah. Erst jetzt erinnere ich mich an die krümeligen Reste ihrer Wimpern, die sie im Waschbecken hinterließ, an eine gesalzene Seezunge im Kühlschrank. Ich schaue mir ihre Handschrift auf dem Spiegel noch einmal an: »Ich habe nie …«
    Was wollte ich sie fragen?

  • Terra finestre

    Was bringst du mir heute, Erzähler,von der Welt bei, die du entwirfst und die ich nirgendwo finden kann? Die Augen sind schon seit dem frühen Morgen geöffnet, eine Falltür in den Tag hinein, der eindringt, sobald die Standuhr kurz innehält. Oft denke ich mir, ich kann, indem ich den Atem anhalte, damit auch die Sekunden verzögern,aber ich spüre, wie das Herz weiterwill. Die Bühne der Mime braucht Licht, nur ein Traum holographiert in das Finster (terra finestre).

    Die Depeschen stecken pünktlich im Briefkasten, um 9 klingelt es an der Tür, aber aufgrund einer Erektion kann ich nicht öffnen, und ankleiden möchte ich mich nicht. Wir leben hier auf einem absonderlich lauten Schach-Feld.

  • Der Taubenfütterer: 1 Der Taubenfütterer und die Fuchsmaschine

    Der frisch aus dem Destillationsprozeß hervorgehende Alkohol enthält in beträchtlicher Menge Aldehyde wie Furfurol. Läßt man nun den Cognac in Fässern lange Zeit stehen, so scheiden allmählich die schädlichen Beimischungen durch Oxydation am Sauerstoff der Luft aus, und das Getränk wird schmackhaft. Man ist seit langer Zeit bestrebt gewesen, den natürlichen Vorgang durch einen künstlichen, schnell wirkenden zu ersetzen. Sauerstoff oder Ozon, in reiner Form angewandt und mit dem Alkohol in innige Mischung gebracht, musste den gewünschten Erfolg haben. Man kann mit diesem Apparat je nach seiner Größe in einer Minute 3 – 50l vorzüglichen, sofort genießbaren Alkohol jeder Gestalt herstellen. Ein Gehalt von Aldehyden von 10% wird in dem Apparat auf die nicht mehr wahrnehmbare, unschädliche Menge von ½ % reduziert.

    – Apparat von M.W. Saint-Martin zum künstlichen Altmachen alkoholischer Getränke

    Jonathans Striatum schlägt den Takt, misst nicht das Fließen der Ereignisse, sondern ein Feld, das Zeicheneinheiten manipuliert und in variablen elf Dimensionen auch das Flow-Phänomen zulässt. Das Facettenauge schlägt das Linsenauge, von den Fliegen haben wir’s gelernt. Die Geschwindigkeit des Fangschreckenkrebses, der Schützenfisch, die Flinkzunge des Colorado-Krebses : ein Wunder rast in das nächste. Nur Blödköppe reden vom Zufall. Fred Ott niest für Edisons Kamera, der Geistertanz der Sioux, Ebbe, Flut, Nippflut, Springflut – alles da, und zwar nicht nur in den Lexika, sondern in seiner Küche. Jonathan sieht das als Holographie herumstehen, während die Milch den Kaffee in eine Wetterwolke verwandelt.

    Mehr lesen „Der Taubenfütterer: 1 Der Taubenfütterer und die Fuchsmaschine“
  • Kaffee bei Birnstiels

    Kaffee gibt es in den unterschiedlichsten Höhenlagen, deshalb natürlich auch in Kempten. Wer es gerne hat, dass sein Kaffee nach alten Zeitungsrollen und Druckerschwärze schmeckt, der beehre den Herrn Birnstiel, seines Zeichens freilich kein Kaffee-Ausschenker wienerischer Couleur, sondern hoheitlicher Marketender für Druckartikel aller Art – und einer der letzten einer aussterbenden Zunft.

    Presse Birnstiel

    Heute empfing er den Meister ganz im Blüschen, mit Schlips und ordentlicher Bommelei, festlich und fesch, gekämmt und adrett. Ein stattlicher Zeitungswaren-Vorzeiger (der sich auch mit Tabak, Haschischpfeifen und – nur so zum Spaß – einem Kaffeeautomaten brüsten kann. Man kann sich hier im Laden schlicht über alles unterhalten: Knötchen in der Brust, wo bekommt man ein bezahlbares Hirschgeweih, war die Fußpflegerin heute wieder schick?; bei Presse Birnstiel tobt der Figaro-Gedanke wie sonst nirgends mehr. Hätte Kempten eine Mutter, dann hieße sie Herr Birnstiel. Weiland kaufe ich meine wie auch immer gearteten Heftchen dort, die dann, Opfer jeder Sammlung, irgendwo im Keller lagern. Aber nicht diesmal. Diesmal bin ich auf der richtigen Spur, die da lautet: Hochphilosophie. Im Zeitungsschlabberladen? Oh ja, denn ich habe es auf die Buchrücken der LTBs abgesehen, Kater Karlo als intergalaktischer Schurke. Ist das nicht very well by the way? Tröstet euch: auch wenn der Kaffee für umme war, er schmeckte nicht besser als ein angebohrtes Leitungsloch und ich habe ihn dennoch getrunken. Wird das Auswirkungen auf meine Gesundheit haben? Ich glaube nicht, denn selbst die schlimmste Kloake verwandelt sich in Kempten in ein übersinnliches Tröpfchen aus dem Acheron.

  • Wie in einem Spiegel

    Wie oft hatte ihn der Alte dafür bestraft, wenn er ihn dabei erwischte, wie er sich versichern wollte, ob sein Hemdkragen gerichtet sei, und dabei zwei, drei Sekunden länger als dafür vorgesehen seine eventuelle Wirkung auf die Außenwelt erwog. Die Luft faltet sich und man erkennt sich, wie in einem Spiegel, im Grunde nicht. So viele Gesichter, so viele eigene Wesen, vergorener Pelz, liegen in den Büschen brach. Vom Boot aus sind wir der tiefere Rinnsal, wir kehren zurück, mir tropft das Bein Schritte hin, zum Ufer, zum Beispiel, oder in der Badewanne über der Kante, oder wenn es regnet, ich nicht abfließen kann. Bleibe stehen und betrachte den Rinnstein, sein abwaschbares Selbst.

    Mehr lesen „Wie in einem Spiegel“
  • Die Veranda: 1 Nichts ist so trüb in die Nacht gestellt

    überarbeitet

    Willi Kreutzmann erhebt sich nun doch endlich. Er kann nicht mehr richtig liegen, die ihm möglichen Stellungen sind verbraucht. In Bauchlage gelingt es ihm nicht, das zum Überleben nötige Sauerstoffvolumen durch das Federkissen zu saugen, auf dem Rücken liegend besitzt er die Angewohnheit, die Finger wie bei einer Leiche über dem Solarplexus zu verschränken und fühlt sich deshalb merkwürdig, sanftmütig gar, wirklich wie dahingeschieden. Die linke Seite, eigentlich seine Lieblingsseite, lässt ihn unkoordiniert auf das Kissen sabbern, liegt er auf der rechten, schläft immer sein verdammter Arm ein und der Hals tut ihm weh.

    Mehr lesen „Die Veranda: 1 Nichts ist so trüb in die Nacht gestellt“