Der Tag, an dem die Nacht nicht mehr verging

Die Kunde, dass Bobby in Beate reingepinkelt hat, macht an diesem Tag den Star der Ereignisse aus. Alle sind sich einig, dass sie jetzt sterben wird, denn die Tabus verwandeln sich bekanntermaßen in Gift, Gift verwandelt sich immer in entsetzliche Natur. Ein Schwebezustand zwischen Ekel und Bewunderung macht die Runde, dem die Legendenbildung folgt, die aus dem Körper lallt, schäumend wie ein halbstark gärender Krätzer. Vor dem Alkohol haben sie mehr Respekt, denn den tragen sie in ihrem jungen Blut nach Hause. Er wird der Verräter sein, der promillige Judas; und nicht die verästelten Zungen, mit denen sie sich gegenseitig an Stellen belecken, die schon sehr nahe dem Gift, die das Tabu (schon wenn man es denkt) brechen.

Der Weg nach Raha ist ein Zeitloch, ein Vektor. Ich stelle mich vor den Spiegel und meine zunächst, mich so sehen zu können, wie alle mich sehen. Ich betrachte mich wohlwollend, wie ich da im Nachthemd vor der Spiegelkommode stehe, nicht als einen anderen Körper, aber durchaus bereits als Gespenst. Noch dämmert mir nicht, dass ich die Situation erfinde. Meine Toten haben nie gelebt, wenn es mir nicht gelingt, mich zu erinnern. Ich könnte vor diesem Spiegel altern, wenn es mir einfiele, ausharren über Jahre. Wenn ich jetzt aufhörte, Zeit zu erschaffen, käme niemand mehr herein, schickte mich ins Bett, zur Schule, (im Schulbus stehend Tag für Tag Alan Parsons Lucifer).

Bobby bezieht die Prügel seines Lebens, aber er weiß nicht, was er eigentlich falsch gemacht hat. Diese unerträgliche Nähe zu den Dingen, die unverständlich bleiben, solange sie nicht einverleibt, in das eigene Stoffwechselsystem integriert sind – ich weiß ja allein, wer ich bin, und was ich nicht von mir weiß, das weiß mein Körper, schweigt, spricht, deutet – diese Nähe; wie sie ihren Scout-Schulranzen packt, wie sie spricht, ohne zu reden, ohne sich darüber bewusst zu sein, dass sie etwas sagt, Beredtheit von sich wirft wie eine Hündin, die ihr Viertel durchduftet, uralte Sprache: sogni dei pittori, Krodischkenwerk.

In der schielenden Beate war es warm wie zwischen Heizungsrippen, das konnte auch seine Blase nicht verleugnen. Die Miktion fühlt sich so frei, ein Spiel wie im Traum zu spielen. Du liegst gar nicht im Bett sondern stehst vor einer rosawattigfarbenen Kloschüssel, die nach Waldbeeren duftet, also mach rein!

(- Aber ich liege doch ganz sicher im Bett!

– Nein, tust du nicht!

– Ich glaube schon!

– Nein und nochmals nein!)

»Was ist denn?«

Ihre nervige Stimme mischt sich in das monologische Zwiegespräch mit dem unsichtbaren Verführer: »Weiß nicht.«

Doch, doch, es ist schon wie im Traum. Hier neben dem Bett liegt sie oft auf dem Boden, vertieft in die Programmzeitschrift. ›Ein Mann kam im August‹. Kennt das jemand – und wenn ja : was ist das für ein sonderbares Zeichen auf der Stirn von diesem Rattenfänger?

Sie invertiert ihre Lippen, flinkt sich die Hosen nach unten, Mädchenschlüpfer, Strumpfhose, Bluejeans, präsentierte ihr weißes Fleisch, beinahe durchsichtig ist sie, knöchern, ein richtiges Atlantis-Gör, nahezu blaublütig oder inzestuös, schlüpft nicht aus den Fußfesseln (was doch nur ein Schritt gewesen wäre), hebt nicht ihr ausgeleiertes Shirt über den flachen Bauchnabel – schielt ihn durch ihre Brille an.

»Wir sind allein, Bobby!«

Beklommen tänzelt er von einem Fuß auf den anderen, spielt mit seinen Fingern, will sie sich alle einzeln aus dem Gelenk reißen.

»Jetzt du!«, sagt sie. Da befindet er sich in einer Zwickmühle, kommutiert aber die Energie, die sein Körper für eine Flucht bereit hält, in das Öffnen seiner Gürtelschnalle. Sie leckt über ihr Flotzmaul, steht aber weiterhin still; beobachtet ihn, wie er sich abmüht, mit rotem Kopf aus seiner Hose zu steigen, dabei stolpert, sich dann hinkniet, um sich seiner Beinkleider schließlich auf dem Arsch hüpfend zu entledigen. Sie hockt sich hin, stemmt ihre Handballen gegen die Wangen und wartet geduldig. Er will sich nicht sehen lassen, so ist das. Ihre Wellensittiche am offenen Fenster tschilpen, weil sie die Artgenossen von einer völlig unvorstellbaren Welt reden hören. Suche Finkendame tabulos stop. Was um alles in der Welt sind Tannen, Kriegerdenkmal, Rondell? Hier Spiegel mit Glöckchen, Wassernapf und Körner, Plastikstrand und Hirsekolben. Dann robbt Bobby auf sie zu, sein Hintern zwei Hügel, die anderen wird er sobald nicht wiedersehen vor lauter Hausarrest. Der arabeske Teppich, auf dem ihr kalkweißer Hintern ruht, die Beine so weit geöffnet, wie es die heruntergezogene Hose zulässt, die an ihren Fesseln kulminiert.

»Mach ein bisschen was!«

Bobby kriecht und klettert unter der entlassenen Hose, die mit den Beinen zusammen einen Triangel bildet, hindurch, legt sich auf sie, drückt ihr die Luft aus dem Bauch. Er fragt sie nicht, warum sie sich nicht einfach vernünftig ausziehen kann, weil er selbst nie auf die Idee gekommen wäre, seine eigene Hose völlig von sich zu geben. Solange die Kleider noch irgendwie am Leib baumeln, ist alles nicht so schlimm, nur ein Spaß, ein Versuch, wie es wäre, wenn es zum Äußersten käme. Wenn jemand ins Zimmer schaute, sähe es nicht nach Mutwillen aus, sondern so, als wären die Klamotten ein bisschen verrutscht, ein bisschen nach unten verrutscht.

»Mach es jetzt!«

Sie dampft – oder woher kommt der Qualm? Er wird doch jetzt nicht ohnmächtig werden. Wenn diese Tortur vorbei ist, wird sein Name ein Heldenepos zieren, das wird Adam mit seinem Wein (von dem er nichts weiß) mitsamt Steff und seinen Schimpfwörtern verblassen lassen. Er robbt wie in einem Schützengraben zu ihrem Gesicht hinauf, die Reißverschlüsse verheddern sich schon mal. Mit der rechten Hand versucht er, sein Würstchen in die Mulde zu stopfen, die sich irgendwie nicht öffnen lässt. Ihre Hände kommen ihm zur Hilfe, aber sie behindern sich nur. »Muss der nicht etwas größer sein?«

Zusammen arbeiten sie für den Zweck zukünftiger Prahlerei, aber was sie auch versuchen, sie kleben fest aneinander und beginnen, zu schwitzen. Wo ist denn da der Spaß? Nach Laplace hängt die Wandspannung eines sphärischen Körpers von dessen inneren Druck, der Wanddicke und dem Radius ab, bei Bobby erschlafft der quergestreifte, dann der glattmuskuläre Schließmuskel, die Kontraktion ist unvermeidbar. Sie behauptet, er habe sie angepinkelt, er behauptet, er habe ihr reingepinkelt.

Kirschenkeller, voll mit lebendiger Feuchte, barfuß die Kälte aus der Erde steigen fühlen, wie auf einem Grab lustwandeln, dem die eiskalten Kacheln den Deckel stehlen. Die in die Ecke gepfefferte Kindheit Sebastianas. Wo immer sich ihre Asche jetzt bewegen mag, hier liegen ihre Spielsachen, Krücken für ein echtes Leben. Bilder, Schulhefte, die einst Gegenwart gewesen. Schönschrift für eine wohlgefällige Zukunft. Adam an der Oberfläche runzelt die Stirn. Hier hat sich nichts verändert. Immer wenn es Abend wird, steigt der Mond in einer Menge Rayleigh-Streuung herum, Magie in Rötung. Der Abend steigt hier tatsächlich auf wie eine Kulisse, die zwei Stunden Theater verpatzt, sagen wir: von sechs bis acht. Das Tuch verhängt die Sonne, die auf gleicher Höhe nur einmal um das Dorf herumkreist. Burkhard, Stefan, Claudia, Ilene, Wolf – alle bekommen es jetzt mit der Angst zu tun.

»Das ist doch nicht normal!«

Wer flüstert das und wer hat recht?

»Das ist der Wein! muss der Wein sein.«

Wenn Burkhard nach Hause kommt, findet er seinen Vater mit verätzter Speiseröhre in der Küche liegen, schon mit einer transmuralen, durch alle Schichten verlaufenden Nekrose, begleitet von fressenden Geschwüren, die Schwester am Daumen lutschen. Wie sich herausstellen wird, hat sie Rohrreiniger in eine Bierflasche gefüllt, als Scherz doch nur, weil ›Parpar‹ (und so meint sie es) immer so gierig trinkt und dann rülpst und dann schielt und ich dachte, dass er dann Blasen wirft und alles recht lustig sei.

Der Krankenwagen trudelt fast gleichzeitig mit ihm ein. O tempora o mores! Blasen konnte sie sehen, rosarot schäumend, das Gesicht violett im Hintergrund, eine braunadrige Hand wie eine Wurzel aus dem Moos, modrig fast, den Baum nicht mehr tragend, der abknickt und blubbert wie ein überlaufender Milchreis, mit Kirschkompott verziert. Adam ist froh, dass alle es bemerken. Das Dorf überlappt sich manchmal mit einem Bild. Anders kann er es nicht erklären, aber ihm fällt auf, dass die Umgebung, in der alle leben, tatsächlich wie gemalt erscheint.

»Was für ein Bild denn?«

Steff näselt nicht mehr, hockt auf einem Ballen, der ihn durch die Hose sticht.

»Raha, glaube ich. Da gibt es eine Stadt…«

Aber er spricht nicht weiter. Er weiß nicht, ob er es sagen darf, ob er es sagen muss, ob er überhaupt weiß, wovon er spricht. Allein der Klang : Raha! Burkhard, der in ein paar Tagen auf eine unangenehme Art froh darüber sein wird, dass seine Schwester Rohrreiniger in die Bierflasche gefüllt und somit Konrad, der ein Tyrann als Vater ist, lange Zeit nicht mehr da sein wird, geht, sonst schafft er das Timing nicht mehr.

Eines Tages konnte die Nacht nicht mehr vergehen. Die Wanderschaft begann, sie führte zu den imaginären Obelisken des eigenen Selbst, bizarr wie Zabriskieʼs Borax, der nicht wie ein Omphalos die Mitte der Welt meint, sondern deren Auslöschung. Es begann mit dem gleichzeitigen Schlag aller denkbaren Uhren, vielleicht mit einem eingebildeten Ruf des Schabens auf dem Ziffernblatt, das sich Adam so nahe an das Gesicht hielt, dass er ganz dem Vergessen lauschen konnte, sein Geist ein Kongruent für die rasenden Zeiger wurde. Da gibt es eine Mitternacht mit mandelförmigen Pupillen, die denen des Wisents gleichen, einen Abend, eine Stille zwischen den Sekunden, in die alle Gedanken zu packen sind, die man im Laufe eines Lebens zu träumen imstande ist. Da gibt es die mathematischen Paradoxien, schön wie das Bild eines Pinsels, der den Maler betäubt, Negationen, die schwebenden Kristallen gleichen, Spinnennetze, im Rausch gewoben – und zwischen den römischen Ziffern eine Stadt aus Stalagmiten. Das Gesicht der Uhr ein Kreis mit einem endlichen Durchmesser, der sich vergrößert, bis der Durchmesser unendlich groß wird. Gegensätzlichkeiten, Teil und Gegenteil fallen zusammen. Adam erblickt die coincidentia oppositorum des Tages, an dem die Nacht nicht mehr vergeht, das Blut in Schwarzweiß. Der Mercedes Benz rollt über die Kreuzung, die Freiheit fordert den Tod des Individuums. Es ist 1977. Sebastiana stirbt in einem kleinen Krankenhaus in Selb, ihre Geschwüre wühlen sich durch das vergorene Fleisch, erblicken die abweisenden Wände, die frühen Weckzeiten, sie wissen, dass sie die falsche Richtung eingeschlagen haben. Deutschland ist immer noch das Land der Weltmigräne.

Die Zeit gehört dir, mag sie auch ähnlich aussehen wie eine andere Zeit, die Locken, die Farbe, ihr Nutzen. Es stinkt nach Gift, nach großer Leere, Stille innerhalb einer Vakuumglocke, Wind darüber, Vögel darüber, Sterne am Nachmittag; es geschieht, geschieht unaufhörlich. Die Wirkung eines geflüsterten Satzes ist großartig, schwer und drückend. Die Tafel, bereichert mit Rosenthal-Majestic, gutem Besteck, ordinären Bechern eines Biernachmittags, den Gläsern. In naher Zukunft schleppt die Köchin den Braten an, der zur Bombastkulinarität gehört. Sie trägt dicke Handschuhe, die Reste des Soßenkuchens, um sich nicht zu verbrennen. Das haben Kälte und Hitze gemeinsam (Verbrennung zwischen 2a und 2b, kuriert mit Fremdhaut aus der Vorhaut beschnittener Babys, Fibronektin.) Das ging schnell, der Bräter rutschte einfach von der abschüssigen Herdklappe.

Als auch Carisma den Schlaf anrief, fern von allen bekannten Gesichtern, kam der Donner über das Haus, packte Adam an der Schulter, zerrte ihn aus dem Bett. Er war ihre große Liebe und sie war seine große Liebe und es regnete den ganzen Sommer lang aus dem Himmel, aus den Augen. Und Carlos sagte: »Es ist soweit!« Stemmte die Tür auf, der Steinmetz, ein Hrimthur an den Flickert-Maschinen, tauschte das Scharniereisen eines Tages gegen einen Koffer, darin Vorbaukästen, Putzträgerkästen und Aufsatzkästen, verschiedene Rolladen-Systeme, um Fenster in Zukunft anders zu verdunkeln. Keine Flügel mehr, die quietschenden Scharniere sagten die Zeit an, sagten: »Die Sonne geht schlafen.«

In den Fenstern Silhouetten, die leicht zu stehlen waren, Kerzen (die Sonnen der Nester). Aber jetzt schlägt die Stunde der Technik, für die sich Carlos einsetzt. Bald schon werden die Winschen gekurbelt, die Läden fürs Feuer im Schuppen gelagert.

Alles hat sich verändert. Adam fließt in den Tag hinein, der ihm nicht gehört. Erdhügel und Erdtümpel neben der Schnellstraße, die Burg Thierstein überlebt den Schutt (soweit das Auge reicht). Im Keller Krokodile, von oben anzusehen. »Das sind Reptilien.« Carlos zeigt auf die Mumien, sein dunkles Geheimnis wuchert in den Ecken der Bibliothek, in der vor kurzem noch der Waschzuber stand (mit den sengenden Kernseifen- und Galldämpfen). Adam wurde gebotticht wie der badende Ritter, der im Nordisk Familjebok von 1904, Band 2, Seite 613, als Stich abgebildet ist. Der verlorene Krieg zeichnete auch Dich. Adam hatte nie eine Vorstellung davon, wer Du warst (es stand auf den Grabsteinen, denen du kunstvoll den Meißel in die kalte körperliche Ewigkeit drücktest, den zugigen Engeln). Hier ruht die Burg, die Schnellstraße.

Kannst du die Frage beantworten, warum Sebastiana sterben wollte, Carisma sterben wollte, du sterben willst? »Es ist soweit!«

Die alte Welt hat keine Zukunft. In einigen Jahren werden wir froh sein, nicht mehr zu existieren.

»Es ist soweit, welchen Namen soll ich schreiben?«

Im alten Dreck fallen Tränen auf den alten Lappen. Adam ist der letzte, der sie um ihr Leben weinen sieht, das auch du warst, das Leben, das du an der Front nicht verloren hast.

Sie bange: »Er kommt doch wieder?«

Nur um jetzt zu sagen: »Es ist soweit!«

Ich muss fort, ich bin der letzte Sänger, trage meine Lieder in ein Schulheft ein, in jeder schlaflosen Nacht fünf, für jedes Zimmer eines. In der Nacht, in der Küche, auf dem großen, grünen Fleischbrett, die Suppenkelle im Rücken, die Töpfe im Schrank, das Radio einer langen Nacht auf der Anrichte.

»Es ist soweit, ich muss fort.«

Aber ich steht hier für einen letzten Besuch, bin gekommen, um sie im Krematorium brennen zu sehen, in drei Tagen, wenn der Regen zu Getränken verarbeitet sein wird, der Himmel noch zugezogen. Brennen, wie damals die Burg, von Donner, von Blitzen erweckt. Sterben wollte ich, nach einem Buch, nach einem Liebesakt. Aber ich bin geblieben, diese Welt entspricht mir, sie geht zugrunde.

Ähnliche Beiträge

  • Die unheimlichen Vergnügungen der Architektur

    Unter den Fundamenten reibt sich die Erde auf, verdichtet sich zu fremden Stein, der in Jahren ohne Sommer an die Oberfläche drängt. Die Erdeschütterungen auf ihrem Zenit haben die Gebäude gebrandmarkt, das Erkennen in den Erkern, die auf einen nutzlosen Garten spucken. Wo man wollte sah man Saat, die aufging und sich neu verstecken musste, weil eine neue Straße über die Hügel gezogen wurde. Die Menschen sind dem Unsinn so nahe wie die Gerüche aus den früheren Ställen, in denen jetzt Küchen betrieben werden. Auch wenn die Besucher in der Regel ausbleiben, möchte man vorher noch ins Bad eilen, einen Mantel anziehen – der kurze Blick in den Spiegel zeigt nichts Überraschendes – die Zähne mit den Fingern befeuchten und hinaus eilen, um das Defilieren zu beobachten. Könnte man etwas davon abbekommen, stünde man erst gar nicht hier. Ein bitterer Walzer ertönt und es ist unklar, in welchem Takt er enden wird, das Tanzbein steht still, man ist nur für die Pirouette zuständig, die lässig beginnt, dann aber das schnelle Rotieren der Achse nutzt, um sich in die Erde zu graben. Die große Freude bleibt aus, aber ein Schild, das vorher auf der Rückbank eines Pritschenwagens schlief, wird dort aufgestellt, wo es garantiert niemand sieht. Man kann seine eigene Schrift nicht mehr lesen, aber wer wüsste darüber besser Bescheid als der Fahrer, der immer nur geradeaus fahren will. Führte das nicht unweigerlich in die Stille wäre es nachgerade ein Wunder.

    Wollten wir uns lossagen von der Freiheit, belogen auf Balkonen existieren, ihr Hauptgrund in der Luft, zu manchen Stunden Garten, dann käme das dem Frevel gleich, uns nicht von Antlitz zu Antlitz gegenübertreten zu wollen, ein Bedenken, das in keiner Maschine haust. Die vielen Hinweise, die unsere Hände erschaffen, führen durchaus in luftige Höhen – und das Panorama kann genauso zugeschaltet wie auch andere Farben ausgewählt werden, nur ist dann ein Filter erforderlich, der wie Essig schmeckt. Verlassen wir die Stadt, erkennen wir die wirkliche Rundung unserer aufgetakelten Erde, die mühsam versucht, uns in ihre Kimme zu schütteln, Flöhe, die am Rand des Sumpfes ihren Zirkus gründen und sich dabei die falschen Fragen stellen: Wohin führt?, Wie funktioniert?, Warum habe ich? Es kann der Nebel kaum gelassener an uns vorüber ziehen, sein Innerstes ist sicher. Sicher.

    Die ganze Nacht polterte das Kettengespinst auf den ausgedehnten Treppenstufen, ging auf, flog mit Stufenberührung ab, harrte – ob sich etwas außer ihm bewegte – (Atem wie ein Unimogmotor bei Seilwinde in Betrieb) – und begann von vorne bei einer violetten Stunde. Es wollte eine Ruhe nicht ohne sein Gesäß an einer Tafel, die ausgeschmückt zur winterlichen Zeit mit Kuchen um Kuchen aus der Küche schellte. Da dies nicht infrage kam, besann es sich auf seine Nachttöpfe – in der richtigen Reihenfolge aufgestellt ergaben sie die Skyline einer Blechstadt, in der die Fassaden die einzigen Fluchten waren, die es sich entlangzuflanieren lohnte. So einen schönen Glühbirnenaufgang am Abend, eingewickelte Bonbons in den Backentaschen, Rotz am Ärmel, die Gemeinheiten einer Schlagzeile in den vorgeblichen Schaufenstern einer Besserungsanstalt: Herr Mutter erschlägt Frau Vater; da überkam den Flaneur der eigene Brechreiz von oben, der sich rotmeerisch spreizte, um die Ziehwägen zu locken und mit Brocken dann – die Geschichte ist ein Kreis – in den Schlampampel zu stoßen. Die lautere Absicht zu leugnen hieße, alles zu leugnen. Alles zu leugnen wiederum beträfe auch den eigenen Schlaf zwischen den Scharten ausgewählter Zinnen.
    Aber ja, wir sind in die Köpfe eingedrungen, wir fanden die Klamotten unserer Vorgänger unter den schwarzen Trauben, ihrer Kultur längst beraubt. Dennoch warten sie geduldig auf die Pflücker, die eines Tages fratzenhaft aus dem Gebüsch schreiten, schief, aus Gründen eines Opfers für Chac Mool, das erwartungsvoll in seiner besten Schale zu begaffen ist. Und sie harren dem Ende der Zeit. Und er liegt und harrt dem Neubeginn. Die steinerne Finsternis verheißt ein Leben in Ewigkeit, in den Erinnerungen, in den unbedachten Gedanken, die abschmieren wie ein Seifenkahn. Die gestiefelte Keramikschüssel, aller Dämpfe beraubt, allem Unglück ein Zeuge. Woher stammst du, Jungfernrebe? So wild schüttelst du deine Gifte und stolzierst rankend hinauf zu den erschütterten Vulkanen, zu den Schakalen, die mich stolz bewachen.

    Die so entstandenen Wyrmfelder erzeugen Räume, in die man Dinge stellen kann, die dann verschwinden, denn wo es 1 Ding gibt, muss es auch 1 Ding nicht geben, vorzugsweise dasselbe – Ding – die Taschen sind gepackt, von oben nach unten, unter dem Henkel die Adresse: Flatiron Building. Erstaunlich, wie sich die Wäsche in die Löcher faltet, aus denen Lorbeerstrünke (Kugeln Kegeln Säulen) ragen. Nun muss der Geist aus den Flaschen entlassen werden, auf Holzfasern verzichtet die Chronik an dieser Stelle, das Pochen wird substanzlos, der Takt aber bleibt. Ich selbst konnte nicht sehen, wo sich die Zeit verbarg (die erste Ernte wurde an Menschen verschenkt, die keine eigenen Felder besaßen). Gewitterwolken zogen vorbei und nahmen die Gäste mit, die in Reihe auf der Terrasse standen. Jetzt konnten die Gepäckstücke sich durchsetzen, ihre lange Nacht begann wie verabredet.

    Die Schwärze ist ohne Klang und sie ist allein; allein ist auch das Nichts, das kein Lebewesen denken kann. Möglicherweise ist es der Wille, der die Münder öffnet; der Rachen, der in die nicht vorhandene Schwärze führt, ohne Klang und allein, der sie durchdringt, ohne Klang und allein; der Wille, der neben der Schwärze haust, der neben dem Nichts zwar nicht existiert, aber will; vielleicht ist er es, der die Münder öffnet, die in dieser Stille auftauchen – und ihr Name ist Legion – die dann die Welt ins Dasein singen, zunächst allein, doch nicht ohne Klang, die Schwärze nicht mehr allein, nicht ohne Klang. Und vielleicht ist es der Wille, der die Münder öffnet, vielleicht ist es der Klang, der sich Münder in die Schwärze denkt, die dann singen, wie es war, so ohne Klang und allein, wie es war, so nicht zu sein, und wie der Wille ihre Lippen schuf; und Schwärze, die nun Rachen kennt.

  • Moribund und stattlich

    Unser natürliches Handeln ist es, zu überleben, an 
    Eine Schnittstelle gekoppelt, die Vogelschreie
    Durch die Adern gedrückt, allein durch die Wellenbewegung
    Einer überschwappenden Lauchcremesuppe,
    Ausgelöst von einem Hustenanfall der Person

    Dort am Fenster. Die Brocken verändern sich,
    Wechseln die Garderobe in den Fluten der
    Zwiebelmaische, die neue Situation wie die
    In einem Stummfilm erkannt, Klappe und Text
    Auf einem Schafott (dem kleinen).

    Das Gebilde bewegt sich unruhig umher, ein
    Pilot unter den uneindeutigen Aussagen, die
    Zu treffen sind, sobald sich der Meißel wieder
    Aufwärts bewegt, ein Pendel, das er nicht ist,
    Gekleidet wie ein Stahlhammer, mit dem Wort,

    Das ihn definiert. Das Erschauern läuft den
    Klettverschluß entlang, entlädt sich wie ein
    Ganz und gar geharnischtes Schweineschwänzchen,
    Überwältigt von Lobpreisungen und rotziger Spucke,
    Die einen Namen an der Fensterscheibe hinterläßt.

    Call me Ishmael.
  • Das Phantom von Versailles

    In der langen Geschichte der menschlichen Wahrnehmung gibt es Ereignisse, die sich einer einfachen Erklärung entziehen. Sie existieren in einer Grauzone zwischen dem, was wir für Realität halten und Illusion, zwischen dem, was wir für Wissenschaft halten und Mystik. Eine solche Begebenheit ereignete sich an einem drückenden Augustnachmittag des Jahres 1901, als zwei englische Akademikerinnen namens Eleanor Jourdain und Charlotte Moberly, auf den gepflegten Wegen des Schlosses von Versailles wandelten – und sich, wie sie nicht ganz zu Unrecht glaubten, unversehens in eine andere Zeit versetzt sahen. Ihr Bericht, später in dem Buch An Adventure publiziert, wurde zu einer der bemerkenswertesten und kontroversesten Erlebnisse der paranormalen Literatur.

    Die Begegnung mit dem Vergangenen

    Eleanor Jourdain und Charlotte Moberly
    Mehr lesen „Das Phantom von Versailles“
  • Warum ich ein Phantast geworden

    Vielleicht ist es das Dilemma der Geburt, das die Perspektive ein für alle Mal verändert, nachdem wir vorher nichts als Wärme kennengelernt haben, die sich um unseren Körper schmiegt, den wir noch gar nicht kennen und zu diesem Zeitpunkt auch nicht kennen wollen. Uns genügt das mütterliche Meer, in dem wir endlos träumen, bis eines Tages die Vertreibung eingeleitet wird. Das erklärt uns später die Sage von Eden, aber kein Apfel war daran schuld – Erkenntnis ist doch eher ein hartes Brot.

    Mehr lesen „Warum ich ein Phantast geworden“
  • von der fliederprecht (ein gehippe von nippel)

    sie duckt von unten hebt sies auf
    wo noch und nöcher nochen graben
    es könnte sein dass wie der wutz
    ein ei entlarvt sich schönerwetter dinge tun

    wie uff der blitz und nocheinmal
    auf einmal zweiereigerauff
    gibt elend in die knochen
    da plumpert gerte wie der wisch
    und fortan ist das zeug so nass

    ein willste ewig brüllt herauf
    und lotst und lottert wie der lotse
    down zu graben wo der wolf
    in manniglich manier ganz schau