Die Gefilde Roms

Numa Pompilius, der sich mit der Nymphe Egeria verbuhlt hatte, studierte nicht wenig die Weisheiten der Assyrer. Er besaß von ihnen nun die Kunst der Erzeugung und Lenkung des Blitzes. Aber bereits sein Nachfolger im alten Rom, Tulius, lenkte den Blitz so schlecht, daß er von ihm erschlagen wurde und somit das Geheimnis verlorenging. Wenn es heute über mich hinweg donnert, dann zögere ich nun nicht mehr, der Karte zu folgen, die sich durch das Blitzgewitter erkennen lassen wird. Dahin habe ich mich gebracht, und all die angehäuften Schriften waren nur mehr Klatsch gegen die echten Grimoiren, Bücher, die so unscheinbar waren, daß man sich nicht einmal ihres Autors versicherte, sie nicht einmal in die Hand nahm; in so einem schlechten Zustand fanden sie sich. Um als Zauberbücher auch wirklich erkannt werden zu können, müßten sie jedoch auch mit ihrer Fertigung prahlen, man muß ihnen gleich ansehen, daß einen der Geist darin völlig erschlägt, man muß dem Buch ansehen, daß man es nicht begreifen wird, die ausschwitzende Aura muß das Gelüst nach Jahrhunderten entfachen, in die hinein wir uns dann breitbeinig zu stellen wagen, um zu rufen : »Kommet, ihr Weltgeschichtler! Streunt an mir vorbei! zwickt mich in mein fettes Hinterteil, ich will denn auch meinen Arsch aus der Träumerei erwachen sehen! – hier wird jetzt in die Geschichte hinein geschissen, geradewegs hinein in Napoleons Schlachten kacken wir! – in die Gefilde Roms hinein!«

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    Roberto Bolaño ist einer jener Autoren, die ihren berechtigten Ruhm erst posthum erlebten (wie in solchen Fällen üblich, nicht mehr persönlich). Tatsächlich handelte es sich um einen Erfolg von dramatischen Ausmaßen. Nur sechs Wochen vor seinem Tod, im Alter von fünfzig Jahren, wurde er von einer Gruppe seiner Kollegen auf einer Konferenz in Sevilla als einflussreichster Schriftsteller seiner Generation gefeiert.

    Es dauerte nicht lang, da wurde „Die wilden Detektive“ auf die Liste der größten spanischsprachigen Romane der letzten 50 Jahre auf Platz 3 gesetzt. Sein letztes Werk „2666“ landete gleich dahinter.

    Vielleicht wäre ihm ein gewisser Erfolg bereits während seines Lebens sicher gewesen, wenn er nicht alles dafür getan hätte, sich Feinde zu machen. Er verachtete das literarische Establishment und attackierte sogar die Nobelpreisträger Gabriel García Márquez und Octavio Paz mit Vehemenz und Gift. Isabel Allende prangerte er als Kitschautorin an. Sie erinnerte sich an Bolaño als „äußerst unangenehm“ und erklärte, dass der Tod ihn „nicht zu einem schöneren Menschen macht“.

    Wer nicht mit den Feinheiten der lateinamerikanischen Literaturpolitik vertraut ist, wird wahrscheinlich viele Hinweise in diesem Roman übersehen oder erst gar nicht verstehen. Es gibt eine Fülle gut getarnter, aber expliziter Aussagen zu mehr als 100 lateinamerikanischen Schriftstellern, und einige (wie Paz) tauchen sogar als Figuren in der Erzählung auf.

    In dieser Geschichte spielt Bolaño (alias Belano) neben seinem Dichterkollegen und Landsmann Ulises Lima eine zentrale Rolle. Wir sehen die beiden Männer zu Beginn ihrer zwanziger Jahre einem Kreis von jugendlichen Dichtern vorstehen. Im Laufe von zwei Monaten Ende 1975 trinken alle zu viel, glauben, Teil einer „Bande“ zu sein, nehmen Drogen, haben Sex (ausnahmslos „die ganze Nacht“ oder „bis zum Morgengrauen“), machen sich über die etablierten Schriftsteller der Stadt lustig, stehlen Bücher und inszenieren am Silvesterabend die Flucht vor einem wütenden Zuhälter. Der Kreis besteht zumeist aus armen oder emotional geschädigten Jugendlichen, die außerhalb des Universitätssystems operieren, und Lima und Bolaño in seinem Zentrum werden als quasi legendäre Figuren verehrt. Dieses Porträt ist also ein hochromantisches. Dieser anfängliche Überschwang jedoch ist nur die Verkleidung der Traurigkeit und wird später zu einer Quelle der Tragödie.

    Dabei singt der Roman mit einem enormen Chor kanonischer Stimmen. Die Auseinandersetzung mit der Literatur ist oft direkt, und eine schwindelerregende Liste von Dichtern wird präsentiert, auf die nun Hass oder Lob niederregnen. Der Name von Ulises beschwört sowohl Joyce als auch Homer herauf, und in der Tat wird in dem Roman viel hin und her spaziert. Belano verbeugt sich vor niemandem, daher gibt es statt einer einzigen Odyssee drei, eine für jeden Abschnitt. Im ersten Abschnitt handelt es sich um Mexiko-Stadt 1975, im zweiten um die Welt insgesamt in den folgenden zwei Jahrzehnten und im dritten um die Sonora-Wüste. Hier knüpft die Erzählung wieder am ersten Teil an, der im Januar 1976 endete. Aber im Gegensatz zu Odysseus und seiner Odyssee gibt es am Ende dieser Reisen keine Versöhnung. Jedes Mal beginnen die Figuren einfach eine neue Runde von Wanderungen in einem anderen Maßstab. Bolaño gibt jedoch trotz der den Roman beherrschenden Unzufriedenheit nie seine formalen Kühnheit auf. Der ausgedehnte Mittelteil wird auf verschiedene Weise von zahlreichen Erzählern vorgetragen, von denen jeder einen merkwürdigen, komplizierenden Splitter über das prismatische Leben von Belano und Lima ausbreitet.

    Die Spiele mit dem Text sind fröhlicher Natur, auch wenn die Figuren es nicht sind. Ein großspuriger, Latein zitierender Anwalt erzählt von Belanos Abstieg in einen phantastisch tiefen Abgrund, an dessen Ende sich der Teufel angeblich aufhält, und Bolaño lässt seinen Erzähler jedem Dichter der Antike einen Gruß zukommen. An anderer Stelle erinnert ein albernes Schwertduell an Borges‘ Geschichte von Träumen und Duellen in „Der Süden“. Manchmal ist der Text tief verschlüsselt. Hunderte von Seiten vergehen zwischen der Beschreibung einer Figur und den eigentlichen Ereignissen des Romans. Und obwohl Julio Cortázar nur einmal direkt erwähnt wird, trägt sein Klassiker Rayuela, der von kluger Jugend, einem tragischen Tod, textlichen Rätseln und der Unmöglichkeit des Lebens handelt, massiv die Züge eines Vorbilds für Bolaños Werk. 

  • Airus

    Wie verrückt geht es zu in den inneren Absichten, zürnende Wolken, weil ich zögere, zu notieren, werde blass, so dass ich deine Figur entdecken (unter den Wolkendecken) kann, da wie du oben liegst, ich unten dich sehe, zornende Luftschneise, Airus, Airus, Aehre der Höh’, Regen zaunt den Wanderer (ich Wanderer) ein und lässt ihn nicht seine Trockenheit ausschwitzen. Geh durchnässt wie ein bitterer Gedanke, nähm’ das neue Blatt von einem Stapel, die Zeit, ich grüßt’ sie dort, ich hielt’ mich auf in der Erinnerung nur kurz, dann wurde sie das Erbleben, der Sack, mit dem man weitergeht und gellt (man ist so laut), aber kaum wäre die Semisphäre leiser, würden wir vielleicht nicht, oder vielleicht gar nicht einmal, zweimal existieren, brotnötig, dass ich jetzt in alle 4 Himmelsrichtungen blicke, in 8 Erdrichtungen, in 16 Höllenkreise, in 7 Keller, macht zusammen 35.
    Wir destillieren uns ein Universal=Panazee, crepusculum matutinum : die Morgendämmerung der alten Bücher, Rhythmus von Systole & Diastole. Und wenn hinter all den Stürmen der Äther lauert? Das riesige Gesicht, der halbgebrochene Zahn?

  • Stephen King Re-Read: Christine

    Als Kind der 50er Jahre haben Autos Stephen King schon immer fasziniert. Da ist Billy Nolans 61er Biscayne in Carrie, Jack Torrance‘ Volkswagen in Shining, die lebendigen Trucks in Rhea M, der Pinto/Hotbox in Cujo, der Killer-Kombi in Raststätte 81, der außerirdische Buick Roadmaster in From a Buick 8 und der Autounfall, der die Handlung von Misery (Sie) in Gang setzt. Autos gehören neben Jeans, Rock’n’Roll und Akne zu Kings amerikanischer Palette, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis King ein Auto zum Hauptthema eines Romans machen würde. Doch als das Buch erschien, war es nicht das, was man erwartet hatte. Es war ungewöhnlich, und sogar die Qualität überraschte. Holprig, schlampig und aufgeblasen – so lautete die Kritik.

    Die Idee zu Christine entstand 1978, als King eines Tages nach Hause ging und an seinen langsam den Geist aufgebenden Pinto dachte, der auch den ersten Funken für Cujo lieferte. Aber 1978 lieferte sein Pinto keine inspirierten Romane, sondern nur Kurzgeschichten. “Wäre es nicht lustig”, erinnert sich King, “wenn die kleinen Zahlen auf dem Kilometerzähler rückwärts laufen würden, und wenn sie rückwärts laufen würden, würde sich das Auto dann verjüngen? Das wäre eine interessante Kurzgeschichte.” Dann kamen die 80er Jahre.

    Christine
    Christine, der Plymouth im Film
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