Ein ellenlanger Korridor

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, die sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schlossanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüsste … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den Niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer dass ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloss aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

Adams Notizbuch:

Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach: »Ich lege mich jetzt hin, ich habe nichts an!« Man wird den Sukkubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloss. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäurin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre zukünftige Schwiegermutter gegen sie hatte. Carlos hatte ihr erzählt: »Eine Bäurin, hat sie etwas pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte: »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäurin. Ihr Name ist Carisma.«

Die rote Sonne franst über den Häusern aus, die sich an der Egerstraße links und rechts durch den Wald bewegen wie Wanderdünen. Ihr Schlips ist auch ihr Kragen. Elastizität des Innenraums, Chor, Querschiff und Langhaus, der Treppeneffekt der Rippen entspricht der komplizierten Struktur im Innern des Körpers, das Prinzip der Überraschung, reife Früchte aus der Delfter Schale, die Wiedergabe des Fleisches in Abhängigkeit der Pose. Die größte Untugend ist allenfalls ein Mangel an stilistischer Konvention, nie ein Mangel an Können. Selbst durch das Plärren des Radios war das Gurgeln des Flüssigkeit zu vernehmen. Solange wir kein Gelegenheit haben, uns ein Bild zu machen, kommen wir nicht weiter.

Unter anderen Umständen hätte das amüsant sein können, altes Porzellan, Nippsachen, Elfenbeinschnitzerei und ein paar Götzenfigürchen einzupacken. Dieser Sechste Sinn, von dem Carisma behauptete, er gehöre zur Familie, von dem wir gleichwohl so wenig wissen, jener Sinn, den die Phrenologen in einem Organ für Idealität zu lokalisieren versucht haben, um ihn mit Nützlichkeits-Erwägungen zu vermengen, Haarspalterei und kurzsichtige Logik zu betreiben, dieser Sinn erwachte nun in Adam. Als er die toten Fliegen durch den Orion schnellen sah, wusste er: Die Sonne ist jetzt ein Drama der Vertreibung.

Adams Notizbuch:

Fast vergessen stürzen die Wände des Küchenflügels in die wartende Erde hinein, Scham bleibt in den Kellern verbuddelt, ein Gespenst mit Glockenrock humpelt schuhlos zu den Kartoffeln aus Gold, wahrgenommen nur von einem Wimpernschlag, die ehemalige Lebendigkeit ist nur ein kitzeliger Gruß, versendet von einer kaum zu spiegelnden Veränderung in den doppelten Kreuzstockfenstern. Ich hörte eine Stimme: »Hör mir zu; wo immer du bist, werde ich zu dir sprechen, wo immer ich durch den Hageldunst stürze, werde ich von dir reden, dir Bilder bereiten, Trabanten aus dem knöchernen Sand graben. In Flammen stürzen. Lausche der Stimme des Sängers, nichts anderes sei dein Ziel, als mir zu folgen. Lasset, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!«

Es gilt, die letzten Lebendigkeiten wegzuräumen, Besitztümer, die eine Existenz jahrzehntelang säumten, eine Ehe, eine Elternschaft ist daraus abzulesen, zusammengefasst unter der Begrifflichkeit ›verwaister Besitz‹, dem es nicht anstand nachzusterben oder sich auch nur in Luft aufzulösen (eine reimlose Zeile innerhalb einer gereimten Strophe).

Die abgestandene Luft riecht nach Milchhörnchen und Pulverkaffee, nach Linoleum und Fensterkitt. Wir gehen einen viele Ellen langen Korridor entlang, gesäumt von toten Insekten. Vorne fällt Licht ein, genau dort, wo die Pfeilspitze der entozentrischen Perspektive am schärfsten ist. Das Geläuf riecht nach totem Chitin, quietscht bei jedem Schritt, als träte man auf den Bauch eines Schweins. Die Dunkelheit ist eine Ferne der Erinnerung, im Traum aber leuchtet jedes Tableau unerschütterlich, solange es betrachtet wird. Ich bin Herr über seine Bewegungen und Taten, ein Impuls schlägt die Unveränderlichkeit in den neblichten Wind. Der Wille des So-Seins. Gerahmte Nacht, in die ich fassen kann, wenn ich die Sinne ausstrecke. Das Gedankenspiel (mein Modellierholz) reinigt die Figuren, die darin schwimmen wie missgestaltete Embryonen.

Doch weit vorn ein Fenster, mindestens eine Öffnung. Licht fällt ein. Der spritzende Fächer belichtet den Spiegel, eine Incluminacio, eingebildet und solitär; ein Brunnen, Bewegung in den Kammern. An Türen lauschen, Ächzen dort, Jammern, Klagen, Trampeln, Möbelrücken. Ich haste vorbei, Kammer um Kammer … ein ellenlanger, so viele Ellen langer Leib ist dieses stillgelegte Schloss.

Die Botanisiertrommel mit dem Perlenstickereiband stecken sie in eine Kiste neben dem Porzellan mit den Elastolin-Figuren; dahin packen wir auch das Cellba-Celluloidmädchen aus den 30er Jahren mit den weißblonden, perlmuttfarbenen Haaren. Als nächstes kommen die Figuren an die Reihe: ein Meißen-Eisbär, ein liegender Elch von Hutschenreuther, einige Metzler & Orloff-Rehe, sechs Herend-Teller mit Hagebuttenmuster – und nicht zuletzt das Biedermeier-Restdejeuner in Empireform, Blauzepter, um 1820 herum, das Deckelkännchen mit Tierkopftülle, das Milchkännchen mit Campanerhenkel. Alles Familienstücke der Ahnenreihe Specht. Adams Schatten hat endlich die richtigen Worte gefunden.

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