Hagazussa

Geschrieben von A. Anders

Wir hatten nie wirklich zueinander gefunden. Ich konnte weder mit ihr, noch ohne sie leben. Ihrer jedoch mir mittlerweile schmerzhaften Abwesenheit wegen, hatte ich versucht, sie mir lebendig zu erhalten: Ich schnitt aus den Bildern ihrer Ahnen, die ich längst auf den Dachboden gebracht hatte, um sie dort zu lagern, Teile ihrer rosigen Gesichter, die, sobald ich sie befeuchtet hatte, sich wie feine Hauttücher Schicht für Schicht auf den von mir zu diesem Zwecke geschnitzten und geschliffenen Puppenkopf aus Holz modellieren ließen. Für ihre Wimpern verwendete ich die Beine der unzähligen toten Fliegen, die sich im Laufe der Jahre auf meinem Fensterbrettern gesammelt hatten und die ich in leeren Streichholzschachteln verwahrte. Ihre Augen aber ließ ich geschlossen. Denn keines der Inkarnate der Iriden ihrer Ahnen schien die Farbe ihrer Iriden zu haben. Wie nahe oder fern ich ihrem Antlitz dabei kam, konnte ich nicht sagen, zu starr und unbewegt bot es sich mir dar. Weshalb ich die Inkarnate immer mal wieder vorsichtig löste und sie auf dem Gesicht der Puppe neu anzuordnen versuchte. Ihr Körper sollte noch folgen.

Ich verließ nur noch selten das Haus. Wollte mich schützen, vor dem, was man über sie erzählte. Man berichtete sich, sie hätte schon als junges Mädchen, als sie noch in einem der Ställe gearbeitet hatte, die Pferde verrückt gemacht. Weshalb man es ihr zuschrieb, als am 13. August sämtliche Pferde, die die Bauern des Dorfes auf ihren Gehöften beherbergten, wild, mit einem weißen Schleier, der in ihre Mähnen gebunden war, die Hauptstraße hinunter schossen, um in alle Himmelsrichtungen zu fliehen. Es hatte mehrere Tage gedauert, sie wieder einzufangen. Sie, deretwegen man nun Grund hatte, sich die Mäuler zu wässern, um zu fabulieren, lebte, allein mit ihren Hühnern, in einer kleinen modrigen Holzhütte am Rande des Birkenhains. Ihr Alter vermochte niemand zu schätzen. Viele Jahre schon hatte sie niemand mehr gesehen. Eine der häufigsten Verwünschungen, die in den Stuben des Dorfes ausgesprochen wurde, war diese: Den Eiern ihrer Hühner solle der Dotter fehlen, statt der Schalen sollen sie schlangenartige, verdrehte Häute haben. Kinder unterdessen flüsterten anderen Kindern zu, sie hätten sie, als sie am Randes des Birkenhains spielten und in der Erde nach Stinkmorcheln suchten, von einem Schleier verhängt, an einem ihrer Fenster stehen sehen. Man hatte ihnen erklärt, dass die Leichenfinger, die aus der Erde über manchen Gräbern des hiesigen Friedhofs wuchsen, eben diese Stinkmorcheln waren, die die Kinder zum Platzen bringen wollten, um die schwarzgrünen Sporenwolken aufsteigen zu lassen. Nur dass die Alten sie als Hexeneier bezeichneten. Doch noch bevor sie sich zu weißen schlaffen Leichenfingern wandelten, deren Kuppen recht bald zur Erde hin zeigten, ragten die Fruchtkörper, aus dem Ei hervorkommend, wie Phalli mit schwarzgrünen Hüten, die von Myriaden von Fliegen umschwärmt wurden. „Unzüchtiges Teufelszeug“, hatte man gerufen, als man sie das erste Mal auf den Gräbern erblickte. „Das ist ihr Werk! Wo Fliegen sind, da ist der Teufel nicht weit!“

Ich hatte es damals gehört. Weshalb ich mich endgültig entschieden hatte, in das verlassene Haus meines verstorbenen Mannes, den ich am 13. August 1947 geheiratet hatte, am Eingang des Dorfes zu ziehen und meine kleine Hütte am Rande des Birkenhains zu verlassen. Ihren fertig modellierten Körper jedoch hatte ich in mein zurückgelassenes Heim gebracht. Meinen Schleier behielt sie bei sich.

Ähnliche Beiträge

  • Wayward

    Der Instinktlose blieb stehen in einem Feld aus Flecken.
    Die räuberische Kraft war geboren. So barst eine große
    Population aus den Maulwurfhügeln, in Eisen
    geklemmt wie Ritter nicht. Wahrhaftig seemännisch,
    wahrhaft sauertief. Ein Ringen begann.
    Es glaubt kein Fiebertross an einen Eunuchen. Ich
    befand mich außerhalb der Rufweite meiner
    behelmten Launen. Wayward.

    In einer Welt von außerordentlicher Länge
    käme ein Zerfall ganz recht. Bündig wie Gartenblumen
    schiene mir die Schneise geschlagen, um hinzugehen,
    zu verweilen und darüber hinaus nichts zu tun.

  • Vergangene Weihnacht

    Ich würde gerne hineingleiten
    in eine Spukhütte an unbenennbarer Stelle
    fern jeglicher Beschreibung
    nicht dem Wetter ausgesetzt
    nicht der Zeit ausgesetzt
    und dort die Gestalt der vergangenen Weihnacht
    am Kamin stehen sehen
    diese Hand wäre es mir wert
    geschüttelt zu werden

  • Abyss

    Geschrieben von A. Anders

    Der klamme hölzerne Raum, in dem sie saßen, hob und senkte sich an seinen beiden Enden abwechselnd auf und ab. Dunkelgrüne leere Flaschen rollten über dem Boden hin und her. In den blauen Bärten der grobschlächtigen Männer hatten sich kleine Fische verfangen, die gleichmäßig zappelten als würden sie durch ihr gewohntes Habitat schwimmen. Das flackernde Licht der Kerzen auf dem Tisch ließ sie für Bruchteile von Sekunden verschwinden, als seien sie im Dickicht der Bärte in Deckung gegangen. Filigrane Neptungräser, die sich nachgiebig der vorherrschenden Strömung hingaben. Sprachen die Männer, kam nichts als Wasser aus ihren dunklen Mündern. Rülpsten oder gähnten sie, fuhren imposante Flaggschiffe aus ihren nassen Schlünden von Zeit zu Zeit, die sich, sobald sie sich entschieden hatten, in eine Richtung abzubiegen, verflüchtigten. Die Schlacke, die sie dabei jedes Mal mitspülten, jedoch blieb, nahm zu, nahm nach und nach, von den Wellenbewegungen modelliert, die Gestalt eines dunklen Geschöpfes an, das sich vor den Bärtigen aufbaute. Muränen schwammen aus ihrem wässernden, sich wandelnden Leib, der mal jung, mal alt erschien, jedoch immer ungefähr und fließend blieb. Neben Seesternen, die am Boden aus ihr hervorkrochen, lösten sich Muscheln aus ihr, als hätte man den Boden des Meeres aufgewirbelt. Einer der Bärtigen holte aus seinen Ohrmuscheln zwei unförmige fahle Perlen. Die anderen taten es ihm nach. Blitze zuckten durch die Augen der Muränen und die Augen der Männer. Schnell rollten die leeren Flaschen in die Tiefe zur Seite des Bugs. Das Licht der Kerzen auf dem Tisch erlosch.

  • Gliederlose Schweißperlen

    Ich strecke die Hände aus, auch im Geiste, die Hände aus nach dir. Du windest dich, ich halte es für einen Tanz. Manchmal tanzt du, windest dich nicht, ergibst dich dir selbst, und ich mache mich über dich her, beuge mich nach vorne, zu dir hin, in dich hinein, durch dich hindurch. Ein Ort, an dem deine Kräuter wachsen. Ich bin verloren. Wie ich mich in deinen Gewittern winde, Blitzfinder im Regen. Ich gehe den Weg unaufhörlich, finde mich auf mich selbst wartend vor, nur um mir zu sagen, geh weiter, wer immer du auch bist. »Wer bist du?«, rufe ich und sitze bereits in dir, halte Kräuter in der Hand. Du wirst mich finden, die Orakel werden meinen Namen nennen, die Wurzeln werden nach dir greifen, die Vögel werden deine Ohrentrommel bersten lassen durch Lieder, Lieder, Lieder, die meinen Namen singen, die meinen Namen kreischen, die meinen Namen kennen. Stets du die Biene, der geöffnete Kelch, der von der Sonne trinkt. Stets ich das Aufflattern der Pollen, stets wir der Honig des Leibes, golden flüsternd die Unendlichkeit zweier Körper bedeckend, gliederlose Schweißperlen rinnenden Harzes, das überbordende Weltenall, das sich selbst erblickt. Auf Stufensteinen hinauf zum Mond, in den Tann, in rätselhafte Momente, in Staub, ewigen Staub, des Leibes Durst, der Kehle Durst, der Kehlen Durst. Die goldenen Eier des Widders. In den hinteren Auen, am Tanzplatz dort, an dir, nah an dir dran, dir dran. Ich komme aus allen Trögen, Flaschen, Fässern. O sprich mir in den Mund die Lieder, höre mir das Herz heraus!

  • Nachgast-Omen

    Mimi spielte den Ball, aber der Regen überfuhr ihn.
    Es war nicht sonderlich hell, als es zu donnern begann,
    danach aber klärten sich die alten Gespräche, die
    sich in Baumkronen versteckten. Die Sicht war von
    weißem Schmelz getrübt, aber es zählten ohnehin nur
    die ersten Schritte. Später würde man darauf
    zurückkommen, denn wir wussten von nichts. Die
    mit den Sommersprossen hätte uns wohl am ehesten
    an die hohen Ohren eines Esels verraten, aber bis
    dieser ankam, waren die Steine bereits alle umgelegt.

    Unterhalb der Erde konnte es kein Licht geben, ein
    Grund mehr, genau da auf die Suche zu gehen.
    Nichts ist fest, alles löst sich auf in zitternden Händen,
    hingestellt wo die Wacht endet, wo sich die Kreuzung
    nicht entscheidet oder wo der Horizont steil abfällt.
    Die Wege waren Schorf an den Schuhen, der
    schlanke Ton gebrochenen Eisens berührt die Wunde,
    die im Schlaf gerissen wurde. Doch langsam kamen wir der
    Sache näher. Ein unbewusster Tanz kann ein ganzes
    Dorf zur Weißglut treiben. Es entsteht eine Geisterstadt.

    Es ist Zauberwerk, dem du hier begegnest, alle
    Schneisen führen in eine Art Rom, von Kloaken bekränzt,
    mit ungeheurem Stuck aufwärts gefahren. Es ist nicht
    zu viel Abstand zwischen den Gezeiten, ein Pantomime
    zog langsam einen Kübel über den Trampelpfad, und
    schon war der Moment vorbei. Einfache Laute wurden kristallin
    und barsten hinter dem Kofferraum, der handgemachte
    Pfirsiche aus Stoff enthielt. Was derzeit aus dem Wald
    drang, war durchaus merkwürdig und würde wohl nie

    wieder von Dannen ziehen, nicht in einer Regennacht,
    geschweige denn mit diesem grobkörnigen Schutt beladen.
    Alle schliefen im Ringelreihen, also stellten wir uns
    dazu, die Arme ausgestreckt wie um Rinderhälften zu
    empfangen. Jemand hatte in all dieser Aufregung seinen
    Schlüssel unter denkbar ungünstigen Umständen verloren,
    durch eine Art Auflösung, die dem Verschwinden zwar gleicht,
    aber doch mehr und mehr zum Nachtvogel wird. Einiges
    hatten wir mithilfe von Ketten auszuräumen, und wenn
    es nicht zu spät wird, können wir den Tauziehenden endlich
    erklären, woher wir wirklich kommen, bevor es ein anderer tut.

    Alles besitzt ein rhetorisches Gewicht, außer der Bedeutung selbst.
    So entflieht sie uns auf einem Pferderücken; und ob wir sie auch
    reiten sehen – weder unser Auge, noch unser Huf
    wird da sein, wenn sie anlangt. Noch
    einmal ist’s mir als sähe ich die Kreuzung unter Flutlicht
    und rings herum um alles läge Glas, zerschmettert von den
    Händen, die Gedanken bilden können und daran scheitern,
    ein kleines Gefäß sich selbst zu überlassen. Zur Vermählung
    im Mai hat diese Tradition für immer ihre Bedeutung erworben, ob man
    höre, staune oder nicht. Die Scheiben radieren die Mitte der Luft.