Labium Oris
tanzen wir auf der lippe des anderen hören stimmen und sie sagen komm näher ins warme moos des gaumens
Die Erinnerung ist der Kern der Muschel, der zur Perle wird, durch Verletzung des tiefen Mantelgewebes verursacht, als gäbe es ein Seelen-Aragonit, aus dem die spitzpyramiden Kristalle ihre Form dem häufigsten Traum angleichen, an den man sich gerade aufgrund seiner Häufigkeit nicht erinnern wird. So verwoben ist nämlich dieser Traum mit dem ehemals gespeicherten Eindrücken, dass bald nicht mehr klar erscheint, wer da ins Becken griff, um das darin sichtbare Bild zu fassen. Oder ob nicht umgekehrt aus dem Teich eine Hand sich streckte, sein Ebenbild zu berühren, das dann unter der Berührung Wellen warf, und ob es sich nicht auch bei dem Wasserwesen nur um den Traum des Wasserwesens handelte, an den es sich, weil häufig geträumt, nicht erinnert.
Die Erinnerung ist also nur (mag sein) die Komposition verschiedener Inhalte, die man auch zu denken fähig ist. Denn so wie die Klänge der Musik aus dem Nirgendwo zu kommen scheinen – was wiederum nicht sein kann, da das Nichts kein Musik-Molekül besitzt – sind es die schönen Schattierungen jener Episoden, die man sich wünscht, die sich zu einem Reigen auf die Gedankenäste setzen, um von dort gepflückt und neu angeordnet zu werden. Und ich frage mich, wie man sich an Dinge erinnern kann, die nie geschehen sind, und ob man das Innere der Erinnerung je wirklich wahrgenommen hat, als man die Empfindung speicherte, oder ob das Geschehen sich nicht durch meine Erinnerung überhaupt ereignete. Und ich beantworte mir die Frage mit: Ja, so ähnlich, aber anders.
Subkultur. Nur wenn man sich unsichtbar
Oder Unscheinbar macht, fährt man mit.
Zunächst sitzt ein Kleid auf einer Bank,
Angezogen von Füßen, die von Schuhen nicht
Eingekesselt
(es ist etwas Seltsames an
Füßen, sie erweitern das
Geschlecht).
Die Landschaft ist ein Streifen mit der
Zunge, aber mit den Füßen auf der Erde,
Auf der Bank und dem Kleid,
Erkannten dich die Glockenblumen wieder.
In diesem Frühjahr stach das süße Gift der Adoleszenz zum ersten Mal in Adams Lenden. Sicher lag es an dieser besonderen Jahreszeit mit ihren neugeborenen Düften und ihrer überbordenden Schönheit. Das funkelnde Perlenspiel der Sonne mit dem fortspringenden Wasser, Erwachen der gewaltigen Natur. Und er stand ja bereits auf der Warteliste, schielte die Mädchen seiner Klasse an, als brüteten sie ein Geheimnis aus – was sie auch taten – und lud mit der Abfolge ihrer Bewegungen, dem glockenhellen Lachen oder auch nur mit einer momentanen und unbedarften Geste seine Träume auf, die ihn bei nicht mehr vollem Bewusstsein, jedoch noch nicht im Schlaf, überfielen, die dennoch irgendwo aus ihm selbst zu kommen schienen, aus seinem Bauch möglicherweise (er spürte da einen dunklen Nebel auf, noch nicht in Sichtweite; aber er wagte es dennoch nicht, dorthin zu gehen, um sich zu vergewissern, was denn dahinter verborgen lag, ob der Nebel vielleicht nur ein Schleier sei, ein Tuch.). Verantwortlich aber war sein Kopf, der diese Bilder langanhaltend zu speichern vermochte und in ständigen Permutationen wiedergab.
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