Letzte Rede

Es mag vorkommen, dass, was
Wir nüchtern und bloß betrachtet
Einen Schritt nur nach links tut,
Um unseren eigenen Standpunkt
Zu verändern. Das scheint sogar
Die Hauptsache aller Bewegung zu

Sein, die mit dem Auge nicht
Zu erkennen ist. Nehmen wir den
Mikrokosmos an, dort eine Wand,
Daran eine Uhr, die durchaus
Ein Erbstück sein kann – und
Wir werden sehen, wie unter

Schiedlich selbst die Rezepte
Ausgelegt werden, die eine wohlschmeckende
Anleitung auf die Zunge vibrieren.
Gefesselt sind die Zutaten nicht
Immer ernst zu nehmen, auch wenn
Sie beteuern, der Wahrheit

Zu entsprechen. Hast du mir
Das sagen wollen, als du das
Mikrophon verschlucktest? Eine Ab
Zweigung ist nicht das Ende eines kühlen
Tages. Wir legen uns nieder in

Das Gras nieder
Mit den Fußspuren
Konnten wir nichts mehr anfangen. Zu
Viel Verschwommenheit in ihrem Gang.

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  • Gen Eden

    Geschrieben von A. Anders

    Ich ziehe an zwei Bändern, die rot aus meinem Sternum herabhängen,
    ich ziehe an einer von Hand in meinen Brustkorb gelegten Schleife.

    Ich tue das, weil es mir in den Sinn kommt,
    als ich im Spiegel sehe, dass sich kleine Buchstaben auf meinen Lippen profilieren.

    Mehr lesen „Gen Eden“
  • Simon Tinkerbell

    Sie sah mich an. Anderen war sie versprochen. Anderen. Und weil in mir alle sind, kann sie mit mir allein nicht ihr großes Haus bewohnen.

    Ich erinnere mich an eine Geschichte. Wieder ist es eine Liebesgeschichte – vielleicht ist es sogar eine moralische Geschichte, aber das war mir zum Zeitpunkt der Lektüre noch nicht klar:

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    Nach dieser Woche will ein kurzes „Ernüchtern“ die Planungsgespräche aufnehmen lassen.

    Es ist immer wieder erstaunlich (obwohl man es für selbstverständlich halten wird), daß Liebende glauben, eine Zukunft zu haben und diese planen zu können. Aber weiter: Sie sagt ihm, daß sie ihm sofort ihr Leben für immer schenken wolle, doch sie habe eine Bedingung. Sie dürften sich von heute an ein Jahr lang weder sehen, noch sich schreiben, noch anderweitig Kontakt miteinander aufnehmen. Danach wolle sie ihm also ihr Jawort geben.

    Ich gehe jetzt nicht näher auf die Gefühlsregungen ein; sagen wir, dieser Liebestest wurde so vereinbart und schließlich angenommen.

    Das Jahr vergeht (auch hier erspare ich mir Einzelheiten und die Beschreibung nervöser Zustände – die Geschichte wechselt von ihr zu ihm) und der Tag des Wiedersehens naht. Aber siehe da: Die Dame will den Herrn nicht mehr, nämlich gerade, weil er es ausgehalten hat und sich an die Vereinbarung hielt, obwohl es ihn beinahe verzehrte. Sie sagte: wenn nämlich die Glut in ihm tatsächlich schwächer war als seine Kontrolle, wäre die Leidenschaft nicht in der Form ausgebrochen, die sie sich für ein Leben mit ihm gewünscht hätte.

    Simon Tinkerbell – Liebestest; aus: Katastrophen der Leidenschaft

  • Eine alte Dame geht aus

    Manchmal stellte sie das Radio an. Es kam ihr dann so vor, als wäre jemand bei ihr im Raum und spräche sie an. Antworten müsste sie ja nicht, aber sie tat es trotzdem. Oft sagte sie: »Ihnen auch!« Oder: »Das haben Sie wieder einmal fein ausgedrückt!« Sie ging in der ganzen Wohnung umher und betrachtete die Wände, die Figuren auf manchen Regalen, die Teller in der Vitrine. Manchmal gab es im Radio ein Lied, das sie kannte. Das akustische Fenster, das sie davon überzeugte, dass es eine Welt außerhalb ihrer Küche gab. Lange war sie nicht mehr raus gekommen, woher sollte sie also wissen, ob die Straße vor ihrer Haustür überhaupt noch existierte? Vielleicht war da schon längst eine Autobahn entstanden. Sie hätte televisionieren können, damit kannte sie sich allerdings nicht besonders gut aus; sie wusste nicht, wie man zuschaut, und deshalb gab es für sie nie ein Bild, dem sie hätte folgen können.

    Das Radio war die Lebendigkeit in Person, darin war die ganze Welt vertreten, sogar das ›Weiße Rauschen‹, das sie sich manchmal ebenfalls einstellte. Und heute – heute wollte sie wieder einmal ausgehen. Dafür hatte sie ihr einziges bestes Kleid im Bügelofen bügeln lassen. Manchmal aber wollte sie Stille. Es kam ihr dann so vor, als sei sie die letzte Überlebende eines großen Irrtums. Dann sagte sie in die Stille hinein: »Ich habe es schließlich gewusst!« Oder: »Es ist schon merkwürdig!« In der Stille hörte sie den Boden an manchen Stellen knarzen. Ab und zu, wenn ihr danach war, küsste sie eine der Wände, anstatt sie nur anzusehen, die Figuren in manchen Regalen. Jetzt aber nahm sie ihr Kleid, zog es an – und auch ihre einzigen besten Schuhe vergaß sie nicht, bevor sie sich ins Bett legte. Im Radio lief ein altes Lied.

  • Täusche das Auge

    Sagst du denn, ein jeder, der stirbt, der will es auch oder der soll oder der muß, was ist denn der Tod, gegen den wir kämpfen in Ermangelung des Herzens Schau, und ist denn der Tod das Ablegen des Körpers, plötzlich oder vorbereitet oder warum weinst du? oder wissen wir nicht, daß wir das Wasser sind und meine Hand bald deine Hand sein wird und mein Gesicht auch dein Gesicht, nirgendwo die Kraft, als hier, haben uns zwischen das Vergehen gemischt (vorher beobachtet) da können wir hindurch gehen, wir müssen schnell sein (die mahlenden Wände wie Backenzähne) wir müssen schnell sein in der Zeit (ich mache dir zum letzten mal den Wein auf) oder warum weinst du? dort ist doch nichts, ich bin mäandert, ich schrieb, Vorläufer des Schriftstellers sah ich am Pulte zerhockt, wurzelschlagend Briefe verfassen. Secretaire á la mode in verschiedenen Gattungen der Malerei Still=Leben, Trompe-l’œil, Vanitas-Bildchen wurden allein die Gegenstände der Schriftkultur ohne die Gegenwart eines Menschen, gegeben, oft ganze Ensemble von Schreibgeräten- und formen, neben dem Manuskript (Ozean) Feder Federmesser Brieföffner Tintenfaß Wachsstange Notizbuch Brieftasche versiegelter Umschlag und versiegeltes Memorandum, neben den Druckschriften ein Kupferstich und ein Almanach oder warum schreibst du? unsere Erde wäre nichts als ein düsterer Kerker, wenn wir nichts von der Macht des Geistes wüßten, Geschichte sowieso ist ein Gewebe aus Unsinn für den höheren Denker, Amru, der muselmanische Eroberer von Alexandria
    (mit der umfangreichsten Bibliothek des Altertums) benutzte die Schriftrollen als Brennstoffvorrat für die Heizung der viertausend öffentlichen Bäder der Stadt oder warum schreibst du?
    (in Ermangelung des Herzens Schau) für Ägypter, Mesopotamier und Homer war das Herz der Sitz der Intelligenz, Demokrit aber sah im Hirn den Wächter der Gedanken, die Leber als Sitz der Begierden die Lust am Orientierungsverlust, am Gebrochenen, Reflektierten, Raffinierten und Auflösenden. Plato gliederte die Seele in drei Teile, Aristoteles fror das Denken ein : ‚Das Gehirn besteht aus Wasser und Erde‘ (aus Wasser und Erde ?) – ‚Es ist ein Kühlaggregat, um die Temperatur des Blutes zu senken und den Schlaf einzuleiten‘ (den Schlaf einzuleiten ?) umgibt man sich (folgerichtig) mit den klügsten Köpfen, geschieht es, daß man sich mit ihnen im Traumdialoge mißt, da tafeln wir des öfteren (Abstinenz ist unsere Sache nicht) bis uns recht schlecht von der Völlerei geworden ist, Minne zu erwerben, das ist ja des Dichters Sinn, wir nennens heute Liebe, meinen aber Magen. Im 17. Jahrhundert führt Descartes die einzelnen Komponenten wieder zusammen und brachte sie in der Zirbeldrüse unter, er war der erste, der den Körper als eine Maschine sah (die mahlenden Wände wie Backenzähne) verglich ihn mit einer Orgel, in deren Pfeifen die animalischen Instinkte zirkulieren
    (‚Three More Quarks for Mister Mark‘ / Joyce)
    übern Tischrand dieser Erde wölbt der Sonnerich sich halb, in all Getöpfe faßt die lichte Hand, in Weidenkörben goldets auf – auf Heldenfeldern trocknet s Laub und zischelt beim Verwehen : ‚Oh Serpentina, hier entlang, oh Serpentina, dort!‘
    Ich sah sie nicht am Fenster stehn noch über die Schulter schnurrn, ihr Schritt tickt immer weiter fort, es atmet kaum ihr Schuh, heraus blitzt neonfarben neuester Tand und Modeschlick, wer’s nicht hat (Acht und Bann) verwest sind ihre Schritte halb schon auf dem Asphaltschwarz, mich geht die Gier fürs Neue an, wohin wird sie mich wehn.

    Standort : Amsterdam 1987 in den Grachten mit einem Koffer voll früher Gedichte.

  • Wolf aus Erz: 1 Todesfels

    Sie hörten vom Tod nur flüstern. In ihre Spanbrettbude, die sich den ausladenden Flur erobert hatte, drangen die Geräusche eines Zeitpunkts nur sporadisch ein, mischten sich mit Träumen, die noch vormundan das verwirrende Spiel mit ihrer gegenwärtigen Existenz trieben.

    Jedes Wochenende knallte mindestens ein Auto, für alle Insassen stets tödlich, gegen den Stein, auf dem ›Granitwerk Vates‹ stand. Darunter befand sich, ebenfalls gemeißelt, ein Pfeil, der die Richtung vorgab, in der der Steinmetzbetrieb an der Eger zu finden war.

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  • Welpenbutter

    Wir schmierten Welpenbutter auf ein schornsteindunkles Brot
    Nichts kann uns die Nacht erklären, die im Eise schwelgt
    Und sich im Fieder wiegt wie leise auch die Motten
    Von Firsten bluten Hirschdämonen ihre Kabel-Adern leer
    Walmblechuhren schnabeln turteltaub auf diesem Dach
    An einem garngesprenkelt kühnen Silberknauf, das Tor, das Tor
    Ahndungsgepeitscht, Du Miozän, goschen mundlos sich die Jäger wach
    Tragen Aschefleisch durch Schimmelstein
    Aus Pferdenüstern steingeworden Atem pumpt hinauf