Mephistopheles‘ Bankett

In vielerlei Hinsicht kommt dein Gesicht
Aus dem Spiegel gekrochen und will sich von dir
Betrachten lassen. Das geht nicht ohne Reaktion
Des Spiegels vor sich, denn was will er dir

Stattdessen zeigen, wenn du vor ihm stehst?
Er wird dich fragen, wo du bist, aber
Deine Antwort ist nicht gut überlegt,
Sie leugnet die Existenz des Spiegels und

Verweist das Zwiegespräch in das Reich der
Phantasie. Dein Gesicht wartet darauf,
Wartet auf das Ende des Streits zwischen dir
Und dem Glas an der Wand. Wirst du

Sanft, kommt es zu dir, spricht dich an,
Will dich verstehen lernen und fragt dich,
Wo du bist. Es könnte doch sein, dass dich
Jemand beobachtet. Um Vorkehrungen zu treffen,

Verdunkelst du den Raum. Kaum ist das
Geschehen, fällt dir ein, warum das alles
Nichts mit dem Brief zu tun hat, der vor
Deiner Haustür zirkuliert. Aber dein Gesicht

Sieht blass aus in der Dunkelheit, dort auf
Dem kalten, gefliesten Boden, wie
Aufgemalt von einer Laune der Natur,
Der Einbildungskraft zwischen den vibrierenden Fugen.

Ähnliche Beiträge

  • Einer, der in den Katakomben schläft

    Ich hatte mich am Denken gehindert
    und stopfte alles in mich hinein, das mich
    an ein Zwiegespräch erinnern könnte.
    Es war wie ein Frieden, auf einmal war Frieden.
    Mir sollten die Tage nicht lang genug werden,
    denn die Dämmerung zog früh schon heran.
    Ich genieße die Beschreibung, aber ich selbst fülle nur
    die Korridore aus, nie die Zimmer. Ich bin
    noch keinem Leuchten begegnet, das mir nicht auswich.
    Es liegt das Fremde nie weit entfernt,
    es setzt sich in der Nähe an den nächsten Tisch.
    Und an den nächsten. Es kann alle Fassaden erklimmen
    und in allen Gläsern zuhause sein, so lange man
    nur nicht weit entfernt erspäht werden kann.

    Ich könnte mich hinabwinden in die Katakomben von Paris,
    die dem Schlund der Hölle entsprechen. Ich werde nicht
    ankommen in meinem verlorenen Paradies, aber wenn ich
    dort eine kleine Bastion in Form eines Appartements
    hätte, mit Licht und einer gemütlichen Uhr,
    die nicht nur den Staub vertreibt – die finsteren
    Momente wären nur noch Willkür. Ich dürfte nur
    nie versuchen, wieder an die Oberfläche zu kommen,
    denn der Weg wäre mörderisch und führte
    direkt in den Wahnsinn.

  • All die toten Dichter (1)

    Wenn das Scheiterfeuer ausfährt, Arme in die Luft walzt und sündengeschwärzt die Grasnaben höllenheiß anlangt, trocknen die schweißverzerrten Gesichter, fallen in sich zusammen, blähen sich neu auf. Mit den Lippen springend führt die Hand den läppischen Wein zum Maule der offenen Kehlen. Aber auch Mineralwasser stehen bereit : Pyrmont, Eger, Karlsbad, Sauerbrunn, Seltz, Fachingen. Aus dem rembrandtschen Feuer hallen Rufe : Man will ins Diesseits brechen, die Aufgabe ist durchaus groß; so sind zwar die Gestalten der langen Nacht nur Boten, die Nachricht aber ist dringlich.

    Da also verlassen sie ihre Schatten wie Pflaumen, die von Bäumen purzeln. Es sind all die toten Dichter und sie fordern ein Buch. Nur Goethe, der Verächter noch im Jenseits, fehlt. Dafür steht der kopflose Schiller Spalier gleich neben Richter, der mich, seinen Landsmann, neugierig anschielt.

    Für diesen seltsamen Besuch habe ich mir einen Vorrat angelegt: Bärendreck, Hefekringel, Puffmais, Rahmstrudel, Zuckermus, Süßholz, Knusperflocken, gedeckte Apfeltorte, Molossol, „verlorene Gier“, Knuddelflecke, Buttensuppe, Pumpernickel. Für ein Bade sind’s zu viele der entrückten Musensöhne. Wer hätte nicht schon gern mit den Geistern der Vergangenheit Zeit in einem Nymphenkübel verbracht? Doch ich befinde mich in der Umgebung nur schlumpiger Moderne, wo Haarhecken und von der Schere abgenagte Nägel dem Abguss regelmäßig einen Pfropf aufsetzen.

  • Turfschwindel

    Wie steht es denn mit diesem unausmerzbaren Projekt,
    der Vielfalt adäquat zu begegnen,
    wenn nicht bereits scheiterwütig, was es
    von Anfang an gewesen sein muss, rechnet man die
    Zeit zu einem Gebäude hoch, im Aufzug durch die Wolkendecke.
    Aber natürlich wickelt ein derartiger Prozess
    nicht mehr Meter von der Spule, als vorgesehen. Das
    führt zu nervösen Überraschungen, einem Blauen Fleck,
    der nicht seine übliche Konturen einnimmt. Die

    jenigen, die eine Pareidolie beobachten wollen, sind
    dazu aufgerufen, in einigermaßen passender Garderobe,
    pünktlich hinter dem Absperrband zu erscheinen. Kisten
    weise wurden kalte Lappen von einem Flugzeugträger in den
    Bezirk geschleppt. Die
    Hitze nahm zu, in kleinen Schlucken, größeren Schritten,
    die mit dem Maßband korrigiert wurden. Ein

    gezeichnet in Edgar-Wallace-Krimis. Gab die Tochter den Befehl? Wir
    könnten sie durch ein Megaphon befragen. Auf
    dem Promenadendeck wurde die Post gelagert, die Grenze
    kann sich geändert haben. Sie nahm die schmierige
    Karte aus der Tasche und hielt sie uns hin, strahlend,
    heiter, ungerührt durch das Schimpfliche der Situation.

    Die Trance des Rechenschiebers : eine
    veraltete Methode, die Perlen zum Singen zu bringen. In
    die Zukunft schaut es sich besser, vor allem klarer, wenn der
    Kaffeesatz nachgeröstet wird, und damit in ein Fixierbad überführt.
    Sofort nimmt das Bild Formen an, die es, den Natur
    Wissenschaften nach, nicht geben konnte. Das ist Macht -
    Sie verstehen schon : Macht, die von dem Einen handelt
    und das Andere erreicht. Sie sagte :

    "Sie wollten mich körperlich verändern",

    nicht nur als Metapher. Das Ergebnis einer
    zu langen Fahrt in nasskaltem Licht. Eingeschneit kämen
    die Träume an den düsteren Part unserer Seelen heran,
    greifbar durch eine zusätzliche Legierung, die
    das spezifische Gewicht verändert.

    Die Welle kam über diese ganzen, eindrücklichen
    Worte geschwemmt, ein Suppenfleck
    bestätigte sich im Nachhinein. Das sind Klimbimpereien!
    Die Erkenntnis hält sich zu lange im Brutkasten auf. Wir
    wollen das noch einmal wiederholen, um es zu verinnerlichen :

    Man kann mit 25 Pfennig ein Telegramm
    von zehn Worten hundert Lichtjahre
    weit ins All senden.

    Man findet die Idee des Ankleideraums als
    einer Falle, als eines Vorzimmers von Geheimnis
    und Gefahr, auf dem niedrigsten Niveau der
    Massenkultur. Das wird ihr durch elementare
    Ereignisse mikroskopischer Art eröffnet,

    mechanisch getreu verdoppelt und übersetzt.
  • Mistsudel

    Neben den Bachrunsen biegen sich bucklig die Zweige der Lärchen mit ihrem Säbelwuchs. Sie bedecken mit ihrer Dachung das Blattgefieder, vernähen anhand ihrer grünen Nadeln den blauen Himmel mit dem Ende ihres dreckigen Saums. Und der Ort erscheint mir wie mit Schritten abgemessen, zurückgelassen für ein anderes Ziel vor Ewigkeiten. Für das Ziel, zu bleiben. Endet der Horizont, weicht man aus in ein nächtliches Dasein, beendet den Mistsudel der Realität mit der einfachen Gabe, sich ausknipsen zu können.

  • Das war gestern, Helen

    Geschrieben von A. Anders

    Das war gestern, Helen, als sie die Kirche betraten. Kachektisch, bis zur Kanzel reichend waren sie, die sich inmitten der Messe von der Kuppel aus hernieder ließen, ohne dass sie Flügel gehabt hätten. Stattdessen wuchsen ihnen schmale blutsteinerne, sich zu den Enden hin tubisch aufweitende Röhren aus den Rücken, die in alle Himmelsrichtungen ausgerichtet waren. Ihre Augen, nichts als tiefschwarze Brunnen, in denen man, sah man genauer hin und kniff die eigenen zusammen, Sterne zittern sah. Ihre Köpfe waren von enormer Größe und erinnerten an die von Feten. Sie glichen einer dem anderen. Nur in ihren Häuten unterschieden sie sich, die zunächst von blässlich flimmernden Filamenten überzogen waren, als schwömmen sie in einer Art liquidem Äther, der sie umgab. Jedoch hoben die Filamente sich, sobald man sie, die nun unter uns waren, näher ansah. Es kamen weiche, opak schimmernde Hautflächen zum Vorschein. Sie waren tief und wie offene Fenster zum Himmel, in denen ein jeder wohl sah, was er sah. Denn jeder, obgleich es Mann, Frau oder Kind war, beschrieb etwas anderes, als man sich, als sie wieder fort waren, aufgeregt unterhielt. Kein einziges Wort hatten sie gesprochen, nur zu uns herabgesehen. Dann verließen sie die Kirche, duckten sich einer nach dem anderen unter dem großen Torbogen hindurch und traten hinaus. Fast erwarteten wir, dass sie in der Morgenhelle, die hier und da bereits zwischen den Wolken durchbrach, zu Staub zerfallen müssten. Doch das taten sie nicht. Sie stellten sich gleichmäßig verteilt auf dem Kirchenvorplatz wie ein Heer nach Osten hin auf. Sie verharrten. Manche von uns liefen, all ihren Mut zusammennehmend, unter sie, und erschraken sehr, als sie dort, wo eigentlich hätten Münder sitzen müssen, zuvor jedoch nichts war, weit klaffende Wunden erblickten, mit denen sie die Wolken am Himmel aufzehrten, bis nichts mehr war außer Licht, Helen. Das war gestern.