Mistrabella

Tief hängen die Decken des Hauses, festgestampft wie der Gartenboden, der sich rund um das Haus findet, und auch wie der Gartenboden zeugen Fußspuren von verdreht angelegten Wegen. Teekessel baumeln an Ketten, in ausgehöhlten Hühnerköpfen leuchten Kerzen durch Augen und aufgesperrte Schnäbel, die Wände krummer Lehm. Katzen schleichen um Porzellanaccessoires herum, die auf Regalen und bemalten Schränken einstauben. Esrabella wartet auf Bartholomäus, der seine Träume nicht versteht, der ihnen aber dennoch folgen wird.

»Ich war mal Schaffner«, sagt er gerade. Sie weiß es, weil ihr Mund sich mitbewegt.

Die Hühnerköpfe im Chor: »Ich war mal Schaffner! Ich kann Ihnen Karten besorgen!«

Die Jahre vergehen wie Stunden, die Stunden vergehen wie Minuten, die Minuten vergehen wie Jahrhunderte. Fridolin trabt durch den neblichten Garten, erfreut sich am Denken, erschnuppert sich Kompost und Schlachtabfälle. Die Hühnerköpfe im Chor : »Heute ham’se den Buback abgeknallt!«

Fridolin indes: »Oh! Aha! Ich entdeckte den Tunnel der Weisheit sozusagen im Rattentempo. Ich also verfing mich mit meiner Nase in einem Kadaver und wurde sehend, das heißt : sprechend; aber du musst sehen, was nicht gesprochen sein wird, was im Hintergrundrauschen steckt. Du musst es nicht riechen, sagte ich mir, also zieh
’ deine Nase aus dem Gedärm heraus und denke darüber nach, warum du eine Ratte bist, ob das jetzt ein Zufall ist.«

Der Hahn kräht in der Annahme des frühen Morgens, die Hühner hören den Hühnerkopfchor : »Er kommt, Frau Gräfin! Der zerfetzte, zerschlissene Flüchtling naht sich!«

Fridolin indes: »Hier ist es wahrlich wunderlich. Alles ist illuminiert als gäbe es ein Fest.«

O when the chicks
go marching in…
tanned and delicious

»Du wirst jetzt dieses Kostüm anziehen, mein lieber Bartholomäus.«

Ist es ein Vogel-, ist es ein Ratten-, ist es ein Wolfskostüm?

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  • Die Vampirin vom Amazonas

    Habt ihr schon einmal von Marie Camille Monfort gehört?

    Vor kurzem, im Juni 2023, tauchten in den sozialen Netzwerken Bilder einer angeblichen lyrischen Sängerin auf, die Ende des 19. Jahrhunderts lebte, aus Frankreich eingewandert war und sich in der Stadt Belém do Pará in Brasilien niedergelassen hatte.

    Die Geschichte für diejenigen, die sie nicht gelesen haben, lautet wie folgt:

    CAMILLE MONFORT, DIE VAMPIRIN DES AMAZONAS

    Bolonha
    Villa Bologna

    Im Jahr 1896 florierte Belém durch den Verkauf von Kautschuk aus dem Amazonasgebiet in die ganze Welt und bereicherte über Nacht die Grundbesitzer, die ihre reichen Paläste mit Materialien aus Europa bauten.

    Das Theatro da Paz war das Zentrum des kulturellen Lebens in Amazonien, mit Konzerten europäischer Künstler. Eine von ihnen erregte die besondere Aufmerksamkeit des Publikums: die schöne französische Sängerin Camille Monfort (1869 – 1896), die bei den reichen Herren der Region ungezügelte Begierde und bei ihren Frauen grausame Eifersucht wegen ihrer großen Schönheit auslöste.

    Camille Monfort sorgte auch für Empörung wegen ihres von den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit losgelösten Verhaltens – man sah sie halbnackt durch die Straßen von Belém tanzen, während sie sich im nachmittäglichen Regen abkühlte; man sah sie auch bei einsamen Abendspaziergängen in ihren langen, wallenden schwarzen Kleidern an den Ufern des Guajará-Flusses.

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  • Zustandskolorierung

    Ich komme aus einer dunklen Ecke, eigentlich aus dem Nichts,
    mindestens aber von weit außerhalb einer brummenden Kirmes,
    die mit Zuckervögeln lockt. Das ist kein Tier das auffällt,
    aber als Süßigkeit allerliebst bunt und natürlich weniger wert
    als eine Mehlspeise. Diese Ecke ist ein Kipppunkt, die alte
    Brücke hätte sich ins Fäustchen gelacht, aber abgerissen bleibt
    abgerissen, auch wenn ihr Geist noch über dem Bach
    herumspuken soll. So wurde sie etwa gesehen, wie sie
    andere Geister über das sprudelnde Nass gehen ließ, denn
    wie sonst sollte ein Omen im Mond zu denken sein?

    Ich fror, aber ich bekam davon nichts mit, versteckte
    mich noch in den Zellen – eine Einheit mit der grundsoliden
    Schwärze, die eigentlich keine Farbe repräsentiert, die man
    sich denken kann. Eine Zustandskolorierung, die sich bei
    Abwesenheit besonders hervortut. Aber als die Störche begannen,
    die Schorne abzuklappern, waren die verkannten Kleinode von
    oben zu betrachten. Der Zenit stand aus und auch die Mägen
    rumorten in ihrem eigenen Saft. Ein wirklich großes Lächeln
    erschien auf Stangen wie ein Rotstift im Zölibat.

  • Ninegal (Repositorium)

    [Eigentlich: Drunten im Hermelin war‘s. Wir kneipten fröhlich, naschten von den rossigen Lippen, tätschelten das feiste Arschfleisch, tranken immer noch was mehr. War‘s noch, daß die Mägdlein lachten und sich auf die Hose setzten für ein Weil der Energie. Da wollt‘ kein Licht Gesichter reißen aus den Schatten in der Luft, kerzenflammend teinted jedwed fremd Entzücken über=All, Musik schwoll aus dem Gläserrücken, Bierverschütten, Händekramen. Gesang marscht aus dem Zähneblecken, Augengecken: nassem Wort; auch ein Kuß auf nackten Arsch. Und später, wenn man’s treiben wollt‘, fiel man betrunken heimwärts.]

    [Dann: Da wollt‘ kein Licht Gesichter reißen aus den Schatten in der Luft, kerzenflammend teinted jedwed fremd Entzücken über=all, Musik schwoll aus dem Gläserrücken, Bier verschütten, Händekramen. Gesang marschiert aus Zähneblecken, Augengecken: nasses Wort; auch ein Kuß auf nackten Arsch. Und später, wenn man’s treiben will, fällt man betrunken heimwärts.]

    Mehr lesen „Ninegal (Repositorium)“