Türme sind Türme, auch wenn dir die elenden Verliese etwas anderes erzählen. Schau sie dir doch an, wie sie da unten die Erde nass halten, Brunnen bestehlen, Wasser fangen und ihm Arges tun, dann weißt du, wovon ich rede. Rede
ich zu viel? Stein beleidigt das Sonnenlicht. Rede ich zu viel? Hier oben könnte das passieren, die Luft meldet sich von ihrer Reise zurück, behilft sich, durch Vogelschwingen sichtbar zu sein. Die Wipfel im Gezeter um den ersten Tanz. Als gäbe es keinen Schlund, der Höhlen imitiert.
Das zahnlose Maul, weil es nicht mehr beißt, zersetzt die Beute zusammen mit dem Kakerlak. Das Wimmern ist echt, es steht in den Ecken. Die Gefallenen haben sich ein Schloss erbaut, eine Welt an einem Nullpunkt, aber Türme sind Türme, auch wenn dir die Verliese etwas anderes erzählen.
Willi hat zu viel Zeit zum Nachdenken, zu wenig Zeit, etwas zu verändern. Vielleicht hat sich die Tür, die offenstand, wie es uns das Unterbewusste lehrt, mit lautem Krachen geschlossen, vielleicht ist dies das Geräusch, das er hört, bevor er in Aufruhr gerät und stets zur selben Stunde erwacht : »Hier spricht die Zeit! Bleiben Sie stehen und hören Sie gut zu, denn ich werde mich nicht wiederholen!« Und auch die Bewegung, die er jetzt ausführt (es ist nur ein Streifen mit den Fingern an der Schläfe entlang), wird er nicht noch einmal machen. Frischluft wirbelt einsam in der bodennahen Grenzschicht herum, windkateraktreitende Pollen, Nacktsamer, Bedecktsamer. Nichts könnte tauglicher sein für ein tägliches Brunchen mit der Feder als jenes Fragment 91 des dunklen Heraklit. Alles plätschert oder fließt also, und man wird nicht zweimal in das gleiche Flussbett pinkeln. Aber die Zeit fließt nicht wie ein Fluss, sondern tickt wie eine Uhr, wobei jedes Ticken einer Planck-Zeit von 10-43 Sekunden entspricht, genauer gesagt, die Zeit im Universum fließt mit dem Ticken unzähliger Uhren. Bei einem Tick ist die Materie da, beim nächsten Tick ist sie verschwunden – eigentlich wird das Ticken durch das Verschwinden definiert. Aber zwischen den Ticks existiert die Zeit nicht; es gibt so wenig ein Dazwischen wie es Wasser zwischen zwei benachbarten Wassermolekülen gibt. Doch das Beunruhigende an der Zeitfluss-Metapher ist nicht der Fluss, der sich von der Kaverne hervor aus dem Quell greint, sondern dass wir selbst es sind, die nie wieder dieselben sein können. Ein Gedanke, der uns ontologisch gebeutelten Wesen sagt, dass es Sein an sich nicht gibt, dass Werden und Bewegung bereits alles ist. Wir können sagen, dass es unsere Fiktionen von uns selbst sind, die sich im Werden befinden, dass wir die Weltgeschichte entziffern, indem wir sie erfinden.
Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.
Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.
Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«
Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behroka, sagen wir, Behroka Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.
Wir hatten dich herausgeholt aus dem Nichts, dem steinernen Garten, die Dunkelheit zwischen zwei Schatten, trügerische Schönheit, die man erblicken will, dorthin sich retten mit letzter beeindruckender Kraft, liegenbleiben, außen herum versinkt die Welt im Chaos, aber dieses Idyll ist das Brandmal auf schwarzem, wissendem Papier, in Hügelketten wellend – eine Sekunde des persönlichen Empfindens, hier spricht die Erde, nichts ist erschaffen, alles entwachsen aus dem Spiel der Gewalten; das Leben kein Spiel – was dann?
Man will seinen Körper schützen, man lässt nicht ab davon, ihn zu erhalten, aber man geht stumm ins Verderben, weil man aus irgendeinem Grunde annimmt, der Stärkere zu sein, jeder Makel muss erst bewiesen werden, in seinem eigenen Körper vermutet man nur sich selbst, die Gedanken hält man für unhörbar, für ein solides Geheimnis, wer immer weiter läuft, bekämpft die eiserne Hand in der Brust, sie wird sich nicht um das rasende Herz schließen können, die Tat rettet vor der Resignation.
Wie schön der Ort war, an dem du einst gesessen bist; Fliegen gab es kaum – überhaupt hatten sich die Insekten zurückgezogen, obwohl doch alles in fetter Blüte vegetierte. Die Bank stand noch, sonst wüsste ich es nicht. Man hat wohl vergessen, sie abzumontieren, denn den Weg zu ihr hat sich die Natur – sie benötigt dazu ja niemals lange – zurückgeholt (wie man diese Tatkraft bezeichnet), macht aber, ich möchte es nicht Wunder nennen und lasse die Sache als denkwürdig stehen, vor den Rippen, den Querstreben, vor den beiden Zementsockeln bereits halt, sendet dorthin nur kümmerliche Brennesseln, die sich erst noch zu beweisen haben, und denen man es innerhalb der Familie der Rosiden nicht übelnahm, dass sie hier versagten oder noch nicht wussten, wie denn vorzugehen sei, um das menschgemachte Bauwerklein in Besitz zu nehmen, als hätten sie Furcht davor, denn der Sichler besäße dann einen Grund, sie hinzumähen, gäbe es dort noch Wanderer, die nicht hierher kämen, weil sie sich verirrt hatten, sondern weil sie ganz gezielt – sei es ihrer täglichen Runde geschuldet oder ein sonnachmittäglicher Spaziergang – diese Bank für einen Ruheposten nähmen.
Der Mückenschwarm im Spätherbst singt sein Lied, eine Liebelei, ein Necken in den Lüften, in den Gräsern ein Berühren der Beine. Vom Horizont walzt immer noch Licht. Das Männchen hält das berührende Bein des Weibchens fest und beleckt den Kopf des Weibchens, rutscht nach hinten und beginnt mit der Kopulation, Summton und Duftstoff. Der Badeweiher quakt über seinen Fröschen. Zwei tote Schwimmer liegen nicht mehr im Gras. Vom Horizont walzt immer noch Licht. Wiesenschaumkraut zerdrückt, die Fischer schweigen in den Brodem des Räucherofens hinein, in dem ein weiterer Aal golden zwischen Backsteinen glänzt, aufgebaut im breiten Schilfgürtel, der den Weiher vom angrenzenden nassen Erlen- und Birkenbruchwald, sowie einem Gebüsch aus Weiden und Faulbäumen trennt.