Über die Pfütze holpern

Stets auf der Suche nach den unsichtbaren Zusammenhängen, führt die Reise zu den Strömen des Unbeabsichtigten. Da kann man sich schwimmen legen, da kann man an den Ufern watscheln oder sich den Gespenstermantel anziehen und hoffen, dass dies das Symbol der Weiterreise ist. Heute – nach langem Furor – stimmt einfach alles, was nicht stimmte, wieder. Und vieles, was stimmte, nicht mehr.

Sodann, lasst uns Götter schlachten. Ich bin bereit, über vieles zu reden, aber nicht über meinen Tascheninhalt.

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  • Wer vollkommen ist hat keinen Namen

    Sprecht mit mir, macht mir mein Geheimnis bitter! Nachtgespenster, lasst die Mitte mich an diesem Abend sein, die Mitte mich im Bette. Es sind Girlanden dort an jenen Schnüren festgemacht, die auf zum Galgen führen.

    Die Frage, ob denn hier in der Rhode, im baumbestrumpften Reuth die Menschlein herausgeschwemmt, oder ob sie doch von hier in die Stadt gespült werden, auf den verborgenen Lippen. Die Startposition ist LOS, die Spielregeln ungültig, das Atemloch ganz rotplärrig schon. Im Wald und auf der Heide, Transport mit einem NSU Fiat 1100 in das Vakuum, in dem du der Beweis einer absoluten Leere bist, klitzeklein in der Wiege gehätschelt, starre Augen auf die Puppe, die eine Rasselschnur durch den Leib gespannt trägt. Es ist noch ein weiter Weg. Du könntest damit beginnen, zu kriechen, heute durchs Heute, morgen durchs Morgen, dich nicht von der Stelle rühren. Die Welt zieht an dir vorbei, strömt spielend durch dich, den nichtisolierten Leiter, hindurch. Strahlende Erlebnisse, mümmelnde Gesichter vor deinen runden Backen. Merke sie dir gut, es sind alles zukünftige Leichen. Du wirst sie nur auf Fotografien wiedersehen : Aufgestellt wie Zinnsoldaten, die jungen Fähnriche von Langemarck zu Beginn des ersten Weltkriegs, das Deutschlandlied auf den Lippen. In offener Formation, ohne Deckung marschieren sie in die feindlichen Gewehrsalven hinein und werden allesamt wie die Fliegen niedergemacht. Das Blut spritzt fröhlich über sich kräuselndes Gedärm, aus dem sich die marmorierte Scheiße herauswälzt, den jähen Pulvergeruch annimmt, um sich zu tarnen. Wer vollkommen ist, hat keinen Namen.

  • Kenorland

    Träne um Träne, eingeteilt in große und dicke und zarte Wasserperlen. Man nannte sie Namen wie Elfuhrdreißigtränen oder auch Vierzehnuhrtränen, Abendtränen, Nachttränen. Schmachtende Wasserfälle waren das, die infantile Verwandlung eines einfachen Kissens in ein zu huldigendes Herz. Hingebeugt in den Herd der Unruhe: gutes Kind, hast nie vergessen, wie man den Wahnsinn kultiviert. Ich aber gleite weiter, ich bin bereits nicht mehr einzuholen. Niemand, der ein Wort an mich richtet, da draußen ist keine Welt, wir alle sind Gespenster.
    Es überlebt kein Wetterfrosch, wenn Asche niederfällt; die Nüstern der Stuten wittern das Feuer, das nicht mehr existiert. Filigran der Beischlaf heute Nacht, das geöffnete Fenster. Ich blicke hinaus, der Unsterblichkeit ins Gesicht. Ist aber der Mythos voller ewig gültiger Wahrheit, bleiben unsere Aussagen Hypothesen, die sich ständig erneut vor der Empirie zu bewähren haben, doch der Mythos (im Gegensatz zu den sich ständig verändernden Aussagen der Wissenschaft) hat nichts von seiner Kraft eingebüßt, seine Motive sind konservierend und nicht expansiv. Unter den Gehörnten will ich speicheln wie ein Gott. Da draußen ist keine Welt, wir sehen die Gespenster der Gaslaternen, der Strommasten, der Kraftwerke, der Windmühlen. Wir sehen einen Stall, in dem abgetragene Schuhe stehen. Auf die Tische, ihr barocken Engel! In unserem Herzen lebt ein Wurm; wir kaufen ihm die Trauben ab. Vor unseren Türen tobt ein Sturm, es gehen Schatten auf und ab und über das gespreizte Feld von Annas Flügel fegt ein wolkenreicher Himmel. Die Asche ist kühl, das Porzellan hat Flecke. Komm, setz’ dich! Komm, setz’ dich ins kalte Neon, ins geflutete Tal!
    Wir ließen Berge schwimmen.
    Die Schattenrose blüht.
    »Sie sind doch noch ganz Ohr?«
    Ich bestehe aus nichts anderem.
    Die festliche Umrandung nur gehauchter Worte, das Brausen des Ozeans, Mirovia um Kenorland, gischtende Syntax, Bilder im semantischen Kreislauf, Autopoiesis. Siehe : ich schmettere felswärts, reinige mich der Lieder, sehe mir Bilder von ihr an, den Stuhl, auf dem sie saß.
    Dinge verwandeln sich stetig vollständig mit ihrer ganzen Form aus dem Haus ging ich, um eine Salatgurke zu kaufen, unterwegs dachte ich daran, noch Orangensaft dazuzupacken aus dem Orangensaft wurde ein Fass Wein, aus der Salatgurke Toast und Ananas und Schinken und Käse und man kann es auch nicht ändern, die Gegenstände zerfließen förmlich.

  • Ich bin die Nacht: 10 Getsemani

    Die Münze, die Roland in der Hosentasche vermutete, war nicht da. Er nestelte in den vier Taschen der Jeans herum, begann wieder von vorne, riss sie in die Höhe und schüttelte sie. Eine andere Möglichkeit, danach zu suchen, gab es nicht. Da waren nur noch das blaue T-Shirt und die Lederstiefel, die nach Jauche rochen. Er drehte sie vorsichtshalber dennoch um. Nichts kam zum Vorschein außer ein paar Tannennadeln.

    Und jetzt setzte die Panik ein. Sie breitete sich in seinen Adern aus und versorgte die Muskulatur mit Gift. Roland glaubte für einen Moment, ersticken zu müssen. Der Gestank fauchte wie eine mit Sauerstoff gefütterte Feuersbrunst über ihn hinweg, der Fliegenschwarm kam direkt aus seinem Kopf, seine Ohren bildeten die Tore des Abyssus, des Hades, der Unterwelt. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, rollte über seine trockenen Lippen und wurde augenblicklich von den schwarzen Boten der Verwesung befallen. Ein zweites, tieferes Stöhnen versteckte sich in seinen Nebenhöhlen, blieb dort hängen wie ein Kaninchen in einem zu engen Bau. Ein Fuchs überquerte aufgeregt die Lichtung. Aber auch er schlug einen respektvollen Bogen um das entsetzlich tote Fleisch. Roland hörte Stimmen, aber er konnte sich erst wieder bewegen, als er den durchdringenden Schrei einer Frau vernahm.

    Lucki hockte im Gebüsch und lutsche an seinem Daumen. Das hatte er sich eigentlich schon abgewöhnt, jetzt fing er wieder damit an. Marliese war weitergegangen wie eine Traumwandlerin, jammerte abwechselnd und schrie in einem Ton, der sich dazu eignete, die Vögel vom Himmel zu holen. Roland erwartete jeden Augenblick das Prasseln gefiederter Körper. Marliese blieb in gebührendem Abstand vor der Leiche ihres Sohnes stehen, biss sich in die Faust und wankte. Roland fragte sich, ob sie auf ihn losgehen würde, aber sie bemerkte ihn nicht einmal. Stattdessen bohrten sich ihre Blicke in den geöffneten Leib und verharrten dort anstelle der Organe. In ihren Träumen würde sie, solange sie lebte, dieses schimmernde schwarze Loch sehen, manchmal würde sie darin schlafen und Blut weinen.

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    Das Firmament ist so nah und deutlich, dass man
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    eigenständigen Glühen, das alles im Umkreis von kaum
    zu berechnender Größe in ein Handtuch aus Licht beugt. Die
    Schatten spenden Formen, wenn dieses Licht weicht, aber die
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    sind, sie sind schwer zu tasten aber noch weniger zu sehen.
    Mit verstopften Ohren hätten wir ein besseres Gefühl für ihr
    Vorhaben. Wir könnten ihre Höhe berechnen und eine Parkbank
    installieren, um immerfort daran zu erinnern.

  • Räuberisches Haupt

    Das Wetter ist unentwegt schön, man glaubt gar nicht, dass irgendwelche Geister gerade heute ihre Geisterhunde spazieren führen wollten, sollte das walk-the-dog-Syndrom auch später noch gelten. Aber diese Schönheit des Tages, diese besondere Bläue des Himmels, lässt die dunklen Falten dennoch gewähren, wahrscheinlich mit einer Anwesenheitsliste, damit man die Schuldfrage schnell abhandeln konnte, wenn es denn erwünscht war und niemand das räuberische Haupt verantworten wollte.

    Es ist der Kommunikation so viel anheim gegeben, da reichen komplexe Sprachsysteme nicht aus, da müssen auch die Gesichtsmuskeln mitspielen, die Hände, die ganze Haltung – und dann merken sie, dass sie gar nicht sprechen, jauchzen und jodeln müssen, sondern sich auf Zehenspitzen drehen und hüpfen können – bis sie niemand mehr versteht, gerade so, als würden sie doch reden.

    Lass mich tanzen, ich will reden.
    Lass mich sitzen, ich will reden.
    Lass mich aufstehn, ich will reden.

    Die Geister kamen wirklich nicht heraus, ihre Geisterhunde blieben auf ihren Geisterteppichen liegen und wünschten sich eine Geistergasse herbei, aber solcherlei Vergnügungen waren weit. Die Sonne lässt Geister verdampfen und – von brodelnden Kochtöpfen angezogen – könnte die diffuse Gesellschaft in die Nahrungskette eingreifen, Spukkartoffeln zum Beispiel könnten mit einem mal gar sein und im nächsten Moment wieder roh.