Über die Pfütze holpern

Stets auf der Suche nach den unsichtbaren Zusammenhängen, führt die Reise zu den Strömen des Unbeabsichtigten. Da kann man sich schwimmen legen, da kann man an den Ufern watscheln oder sich den Gespenstermantel anziehen und hoffen, dass dies das Symbol der Weiterreise ist. Heute – nach langem Furor – stimmt einfach alles, was nicht stimmte, wieder. Und vieles, was stimmte, nicht mehr.

Sodann, lasst uns Götter schlachten. Ich bin bereit, über vieles zu reden, aber nicht über meinen Tascheninhalt.

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  • Voluntas

    Großer Wille, Du hast Dich verfangen in vieler Worte Schalen.
    Und hast Dich, wie ein stürzendes Kind, selbst aufgefangen.
    Trotz und Trutz zeugen noch von Deiner Abkunft
    es stehen dort die Truhen offen, und in den Räumen der Miniatur
    passt kaum der Rest Deines Scheins,
    zurückgelassen vor Jahrhunderten,
    um Stille zu zeugen und um alle hohen Lichter zu verschwenden.

    Es sollten Tage werden, doch es wurden Ställe;
    es sollten Tropfen werden, doch es wurde nur
    der Keim einer neuen Generation,
    eingefasst in die wilden Knochenröhren
    der Unausweichlichkeit, der samtenen Stoffe,
    die von Deinen Schultern fallen.

    Das Orakel spricht mit Nebel in den Lungen:
    Die Hochzeit des Gewesenen
    in Reim und Seim – ein Laut nur
    verändert Dich auf deinen Wegen,
    Verkünder einer neuen Liebe, die tief
    in dunkle Höhlen führt; verkommen
    sind längst die letzten Ruhestätten, dort
    siehst Du Dich nicht mehr, du siehst
    nur aufgetürmt den Schutt,
    den die Erde nicht verspeiste.

    Ich stürze von den Klippen und begegne Dir,
    doch nichts wird mich daran erinnern,
    wie es wirklich war.

  • Kleewald Robinson

    In der Staraba, einer Bar am Rande der Stadt, die bekannt war für ihre zwielichtigen Dienstleistungen – sogar eine Wochenzeitung gab man heraus, die gespickt war mit Kleinanzeigen, die ein Normalsterblicher nie hätte entziffern können – saßen Mention Handsome, der seine Frau umbringen lassen wollte und Carl Canal, der Chefredakteur besagter Wochenzeitung 23 Minuten vor der Sperrstunde am Tisch mit der Nummer 7. Die Zeitangabe ist nicht so wichtig, man sehe es mir als eine Marotte nach, die Tischnummer allerdings, die dürfen Sie sich merken, wenn Sie wollen.

    “Wenn du die Sache perfekt erledigt wissen willst, gibt es nur einen, den ich empfehlen kann: Kleewald Robinson“, sagte Carl.

    “Du weißt, dass ich so gut wie keine Erfahrung im Umgang mit … dieser Sache habe. Ich werde dir vertrauen müssen, auch wenn es mir nicht schmeckt.“

    Mention Handsome, der gerne etwas getrunken hätte, aber kein Geld bei sich trug, was er für die Zukunft zu ändern gedachte, befummelte die Tischplatte. Seine Finger hinterließen einen schmierigen Film auf dem Polymer.

    “Kleewald Robinson ist der, den du brauchst. Schlag ein oder lass es.“
    “Erzähl mir was über ihn.“
    “Hm. Das wird schwierig sein am Telefon.“
    “Telefon? Was für ein Telefon?“

    “Sagen wir so: ich fühle mich in deiner Gegenwart immer wie am Telefon. Und da rede ich nun mal nicht gern. Aber ich kann dich hinbringen. Vielleicht erzähle ich dir unterwegs, was ich weiß. Ich hol‘ dich in einer Viertelstunde ab. Ich leg‘ jetzt auf.“
    “Sag mal, Carl … übertreibst du das mit dem Telefon-Gefühl nicht etwas?“

    Mehr lesen „Kleewald Robinson“
  • Aiga und Hybris

    Wie ich dann doch einmal komplett verzweifelte, war eine Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte. Vor langer Zeit. Näher gebracht hatte ich sie dir. So nahe, dass du eigentlich durch sie hindurchschauen konntest. Denn noch näher wäre nicht möglich gewesen. Unmöglich gar. Aber das Wunderbare am Unmöglichen ist ja, dass wir es wieder und wieder versuchen. Manchmal auch mit einer gewissen Hybris, egal ob beide Beine mitmachen oder nicht. Ob du einfach einen Fuß vor den anderen setzen kannst oder nicht. Bis es wieder in Ordnung ist und du über Schrittabfolgen nicht mehr nachdenken musst. So, wie zuvor.

    H y b r i s. Allein das Wort legte sich manchmal wie ein Kranz um ihren Kopf. Als wär’s ihr Haar. Dann ist es, als wolle sie nackt, nur mit einem Rock bekleidet, diese Nordwand erklimmen. Und sie tat es. Während Aiga, die felsige Trollin, herzlich darüber lachte. Ihr Handy trug sie dabei in ihrer Rocktasche, um ihre Mutter sprechen zu können, sollte es möglich sein. Ihr zu sagen, dass sie, immer wenn sie mit ihr telefonierte, wenn diese in den Bergen weilte, jedes Mal empfand, sie höre einem Mädchen zu, das noch ganz leicht seine Träume träumt.

    Oftmals, nach einem solchen Gespräch, stellte sie sich vor, dass sie irgendwann einmal ein Säugling war, den diese junge Frau gestillt hatte. Und so muss es ja auch gewesen sein. Nur kam ihr dieser Gedanke dermaßen seltsam vor. Sie. Ein Säugling? Denn tatsächlich war ihr jene hellklingende Stimme, die sie soeben auf der anderen Seite der Leitung gehört hatte, fern, irgendwo inmitten der Berge, derart real, dass es sie selbst – in diesem Moment – doch gar nicht geben dürfte. Eine Tatsache über die sie lächeln musste.

  • Flamboyant: 9 Mädchen aus Ebenholz

    Die Berge bewegten sich, Nachtgeräusche drangen aus tiefen Falten, hingen im Gebüsch, in jedem Gesträuch. Kälte und Schmutz krochen durch die Röhren der Hemdsärmel und Hosenbeine. Flöhe, die einzigen Tiere weit und breit, degustierten Haut und Haar. Lichter sangen im Gebirge, manchmal ganz unverständliche Rufe aus der Ferne, dort, wo die Sauer uns begleitete. So viele einsame Seelen schweiften nach Hause, nach dem holzsatten Ofen, der dort ansässigen Katze, dem lieben, wirkenden Herzen, der Schwester, dem Bruder. Tagsüber leuchtete uns die Maisonne – gerade für dieses Wetter hatte man den Feldzug gegen Frankreich neunundzwanzig Mal verschoben – aber die Nächte in diesem hohen Wald fanden wir frisch. Davon abgesehen plagte uns die Müdigkeit mehr als die Gegenwehr der Gallier. Drei Tage schaufelten wir Pervetin in uns hinein, halluzinierten den Schlaf als eine Göttin im wallenden Kleid, die uns aus den Lüften winkte, mörderselig am dritten Tag. Aber fremder Boden ist jener, der dich verschlingt, der eine Grube auftut, dich einlädt, in seinen Sumpf zu steigen. Du steigst dann auch hinein und wartest, hältst Wache, weißt vor dir Dörfer, in denen man deine Sprache nicht versteht; dort sind sie jetzt aufgebracht, weil du vor ihren Türen liegst.

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  • Straßenbau im Neunzehnten Jahrhundert

    Haggenmüllerstraße
    Haggenmüllerstraße, Kempen (Foto: A. Anders)

    Die Bagger werden zwar nicht mehr mit Dampf betrieben, weil die Kessel, in denen er produziert werden kann, mittlerweile kaum noch auf einem Flohmarkt zu finden sind und die Beschaffungskosten astrale Höhen zeitigen, aber das trübt das Gesamtbild nur marginal. Die Zeitreisenden freut es sicherlich zu erfahren, dass Kempten in diesem Jahr damit begonnen hat, sämtliche Straßen und Bürgersteige abzureißen, damit die Bevölkerung sich wieder am Matsch und am naturbelassenen Schlagloch erfreuen kann. Kinder werden ihre Papierschiffe wieder mitten auf der Straße kentern lassen können und auch Pferdescheiße wird bald wieder die glückliche Luft um uns herum erfüllen. Gegenwärtig ist das Pilotprojekt in der Haggenmüllerstraße zu bewundern, und ich kenne niemanden, der nicht vor Aufregung zittert, weil es endlich wieder in ein Jahrhundert voller Sonnenschein und Muse geht. Brechen wir gemeinsam auf.