Vom Brot

Da tanzen sie im Rhythmus ihrer Negermusik durch die Küche, als ob sie das Brot höchstselbst erfunden hätten. Dass sie den Sauerteig nicht gleich mit ins Bett nehmen, um sich regelmäßig der nassen Pfütze in ihrer Mitte gewahr zu werden, sollte einer nachts aufwachen und Furcht vor geträumtem Psychoballast bekommen, verwundert mich dann doch bei derartigem Enthusiasmus. Nur weil ihnen mal etwas geglückt zu sein scheint.

Bin ich etwa beleidigt, weil man selbst rausgefunden hat, wie’s geht? Nicht doch! Ich buk schon Schrippen, da war die Erde noch finster und leer, und selbstgemachtes Brot bekamen da schon meine billigen Puppen zu fressen, weil ich die harten Geschosse selber nicht herunterbekam. Oh, sie haben’s aufgegessen, denn auch wenn sie – wie gesagt – aussahen wie billige Flittchen mit ihren Gardinenresten am hölzernen Leib, sah ich doch den Respekt in ihrem ganzen Gebaren.

Freilich haben mich die Dinger am Ende doch tief enttäuscht und ich bekam den Hintersten mächtig voll, als mein Vater die ganzen Krümel und Brocken unterm Schrank vorkehrte. Von einer solchen Erziehung kann man heute nur träumen.

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    Wollten wir uns lossagen von der Freiheit, belogen auf Balkonen existieren, ihr Hauptgrund in der Luft, zu manchen Stunden Garten, dann käme das dem Frevel gleich, uns nicht von Antlitz zu Antlitz gegenübertreten zu wollen, ein Bedenken, das in keiner Maschine haust. Die vielen Hinweise, die unsere Hände erschaffen, führen durchaus in luftige Höhen – und das Panorama kann genauso zugeschaltet wie auch andere Farben ausgewählt werden, nur ist dann ein Filter erforderlich, der wie Essig schmeckt. Verlassen wir die Stadt, erkennen wir die wirkliche Rundung unserer aufgetakelten Erde, die mühsam versucht, uns in ihre Kimme zu schütteln, Flöhe, die am Rand des Sumpfes ihren Zirkus gründen und sich dabei die falschen Fragen stellen: Wohin führt?, Wie funktioniert?, Warum habe ich? Es kann der Nebel kaum gelassener an uns vorüber ziehen, sein Innerstes ist sicher. Sicher.

    Die ganze Nacht polterte das Kettengespinst auf den ausgedehnten Treppenstufen, ging auf, flog mit Stufenberührung ab, harrte – ob sich etwas außer ihm bewegte – (Atem wie ein Unimogmotor bei Seilwinde in Betrieb) – und begann von vorne bei einer violetten Stunde. Es wollte eine Ruhe nicht ohne sein Gesäß an einer Tafel, die ausgeschmückt zur winterlichen Zeit mit Kuchen um Kuchen aus der Küche schellte. Da dies nicht infrage kam, besann es sich auf seine Nachttöpfe – in der richtigen Reihenfolge aufgestellt ergaben sie die Skyline einer Blechstadt, in der die Fassaden die einzigen Fluchten waren, die es sich entlangzuflanieren lohnte. So einen schönen Glühbirnenaufgang am Abend, eingewickelte Bonbons in den Backentaschen, Rotz am Ärmel, die Gemeinheiten einer Schlagzeile in den vorgeblichen Schaufenstern einer Besserungsanstalt: Herr Mutter erschlägt Frau Vater; da überkam den Flaneur der eigene Brechreiz von oben, der sich rotmeerisch spreizte, um die Ziehwägen zu locken und mit Brocken dann – die Geschichte ist ein Kreis – in den Schlampampel zu stoßen. Die lautere Absicht zu leugnen hieße, alles zu leugnen. Alles zu leugnen wiederum beträfe auch den eigenen Schlaf zwischen den Scharten ausgewählter Zinnen.
    Aber ja, wir sind in die Köpfe eingedrungen, wir fanden die Klamotten unserer Vorgänger unter den schwarzen Trauben, ihrer Kultur längst beraubt. Dennoch warten sie geduldig auf die Pflücker, die eines Tages fratzenhaft aus dem Gebüsch schreiten, schief, aus Gründen eines Opfers für Chac Mool, das erwartungsvoll in seiner besten Schale zu begaffen ist. Und sie harren dem Ende der Zeit. Und er liegt und harrt dem Neubeginn. Die steinerne Finsternis verheißt ein Leben in Ewigkeit, in den Erinnerungen, in den unbedachten Gedanken, die abschmieren wie ein Seifenkahn. Die gestiefelte Keramikschüssel, aller Dämpfe beraubt, allem Unglück ein Zeuge. Woher stammst du, Jungfernrebe? So wild schüttelst du deine Gifte und stolzierst rankend hinauf zu den erschütterten Vulkanen, zu den Schakalen, die mich stolz bewachen.

    Die so entstandenen Wyrmfelder erzeugen Räume, in die man Dinge stellen kann, die dann verschwinden, denn wo es 1 Ding gibt, muss es auch 1 Ding nicht geben, vorzugsweise dasselbe – Ding – die Taschen sind gepackt, von oben nach unten, unter dem Henkel die Adresse: Flatiron Building. Erstaunlich, wie sich die Wäsche in die Löcher faltet, aus denen Lorbeerstrünke (Kugeln Kegeln Säulen) ragen. Nun muss der Geist aus den Flaschen entlassen werden, auf Holzfasern verzichtet die Chronik an dieser Stelle, das Pochen wird substanzlos, der Takt aber bleibt. Ich selbst konnte nicht sehen, wo sich die Zeit verbarg (die erste Ernte wurde an Menschen verschenkt, die keine eigenen Felder besaßen). Gewitterwolken zogen vorbei und nahmen die Gäste mit, die in Reihe auf der Terrasse standen. Jetzt konnten die Gepäckstücke sich durchsetzen, ihre lange Nacht begann wie verabredet.

    Die Schwärze ist ohne Klang und sie ist allein; allein ist auch das Nichts, das kein Lebewesen denken kann. Möglicherweise ist es der Wille, der die Münder öffnet; der Rachen, der in die nicht vorhandene Schwärze führt, ohne Klang und allein, der sie durchdringt, ohne Klang und allein; der Wille, der neben der Schwärze haust, der neben dem Nichts zwar nicht existiert, aber will; vielleicht ist er es, der die Münder öffnet, die in dieser Stille auftauchen – und ihr Name ist Legion – die dann die Welt ins Dasein singen, zunächst allein, doch nicht ohne Klang, die Schwärze nicht mehr allein, nicht ohne Klang. Und vielleicht ist es der Wille, der die Münder öffnet, vielleicht ist es der Klang, der sich Münder in die Schwärze denkt, die dann singen, wie es war, so ohne Klang und allein, wie es war, so nicht zu sein, und wie der Wille ihre Lippen schuf; und Schwärze, die nun Rachen kennt.

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    Das Gras berührt,
    die Wange den Boden.
    Das Klaffen der oberen Lippe.
    Die Beckenschaufel wieder und wieder
    
               in Erde bewegt.
    Die starkschnellen Schläge.
    
    Links, unter meiner Brust.
    Unter den Rippenbögen, die flache Atmung.
    Die Weite von vorn,
    von hinten Wärme.
    Die Haut deiner Hand.
    Das Blut schmeckt eisern.
    
    »Maybe the next one. Maybe the next one.«
    (angelehnt an die Romanverfilmung "Crash" von David Cronenberg)
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    Die Nacht fiakert zurück und hinterlässt einen Sägenschärfer aus Hebanz in der Nähe des Sägewerks an der Hohen Mühle, das auf seinem Gelände auch eine Fischzucht ermöglicht, deren Ergebnisse dann in Buchen-, Weiden-, Erlen-, Birken-, Pappel-, und Eschenspäne in den Schlot gehängt werden, um heißzuräuchern. Fleischrauch erhebt sich und bildet Fischskelette in der Luft, vergänglich wie ein Ameisenleben. Der Fischfang hat hier eine seltsame Tradition, ungewöhnlich für ein Land, das sich so weit entfernt vom Meer befindet (obwohl sich im Präkambrium eine stolze Schwemme hier einsam fühlte).

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    Paris zu verlassen war für Willi ein Akt der Gewalt. In einen Rausch war er geraten, vielleicht nur ein Tapetentraum, Frühlingserwachen trotz Horizontlosigkeit. Energie kaskadierend, ternerer Schlafrhythmus, Jazz der Wahrnehmung. Das geschriebene Wort verweht im Sand. Nur in Sand geschrieben beobachtet man die Worte aufmerksam, nimmt die Muschel auf, hält sie an sein Ohr, so dass man die ganze Welt darin vernimmt, dass man sie aber nicht zu entschlüsseln weiß. Die Muschel aufzuheben ist wie eine Landnahme; wie der Freibeuter : nimmt Land, nimmt Frau, hört Muschel. Das Weibe dann ist Freibeuterin des Herzens, das Herz dann hohe See, Sturm auf diesem See – Bora, Mistral, Kalmen. Willis Gedanken schwirren von Galaxie zu Galaxie.

    »Haben wir ihn wirklich gesehen?« Der Name perlte zwischen Madeleines Zähnen, aber sie ließ ihn nicht aus dem Mund fallen.

    »Ich möchte die Straße bewachen als Stein, langsam schwingend, als unerschöpfliches Archiv der Erdgeschichte, stehend liegen, befahren werden.«

    Die Straße, die Straße in den Raumdimensionen.

    Willi und Madeleine arbeiteten sich innerhalb einer motorisierten Kutsche durch sphärischen Widerstand. Sie könnten beide schwimmen, sollte sich die Straße in Wasser verwandeln, sie könnten nicht im Feuer ausharren, würden dort verbrennen. Madeleine, Madeleine dient mit ihrem Anzündhütchen als Sprengkapsel, gefüllt mit Knallquecksilber bis zum Rand, in einer Stoßwelle kommt es zur Detonation. Es ginge auch durch Reibung, Funkenschlag, Dekompression, Feuerbohren.

    »Lass uns feuerbohren!«

    »Es wäre Brandstiftung. Hast du ihn gesehen?«

    »Er hat mich gemalt, natürlich habe ich ihn gesehen. Er fuhr mich mit den Augen ab, natürlich nur ein Spuk, der Befehl ging an seine Hand, den Spuk zu malen. Dort hielt er einen Stift begraben, auch wenn begraben nicht das richtige Wort ist. Ich konnte das Weiß seiner Knöchel sehen.«

    »Du meinst, er hatte den Stift fest in der Hand.«

    »Nein, er hatte ihn vergraben, auch wenn begraben nicht das richtige Wort ist.«

    Madeleine schwenkte ihren Kopf hin und her, um abzuwägen, ob es sinnvoll sei, das Automobil bei voller Fahrt zum Stehen zu bringen. Willi erinnerte sich an den Montmartre, an eine Straße aus der Gesichter spähten, Madeleine erinnerte sich an eine Hand an ihrer linken Brust, bis sie aufjappste.

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