Wolf aus Erz: 3 Gefällt dir das Wort?

Adam bewegte sich in die Küche, lauschte dem murrenden Kühlschrank und dem tropfenden Wasserhahn, bevor er zum Fenster ging, so als hätte er eine Verabredung. Und die hatte er, nicht wahr? Zunächst suchte er das hohe Gras vor dem Fenster ab. Er versprach sich davon nichts Bestimmtes, folgte lediglich seinem Nichts an Gedanken. Vielleicht würde Lumpi, der an der Kette vor sich hin kümmerte, spüren, dass sich ihm jemand näherte und losblaffen, vielleicht würde Fridolin einen kleinen weißen Fleck neben dem Apfelbaum bilden und Adam damit zu verstehen geben, dass er ihn so schnell nicht losbekam. Wenn er darüber nachdachte, war es genau das, was er suchte. Eine Spur der philosophisch begabten Ratte. Aber er entdeckte statt dessen den Wolf. Zunächst war der Wolf kein Wolf, sondern ein blauschwarzer Baumstumpf, der vor dem Waldrand aus der Erde ragte. Wie ihre Form verändernde Wolken veränderte sich auch der Baumstumpf nach einer Weile und wurde zu seinem sitzenden Wolf, der das Haus beobachtete. Adam kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Der Baumstumpf blieb ein Wolf. Wenn er sich wenigstens bewegen würde, könnte er sich sicher sein. Aber nichts bewegte sich. In diesem Augenblick schlich Claus hinter ihn, seine zerknüllte Stoffwindel in der Hand, die er Lilly nannte. Beide hatten sie Pussy-Bären und konnten sie nicht ausstehen, sie imaginierten lieber in Kissen, Decken, Handtücher oder Windeln.

»Was hast du denn gesehen?« Claus nuckelte an einem Zipfel herum, das dämmte seine flüsternde Stimme noch weiter.

Adam nickte die Fensterscheibe an. »Einen Wolf«, sagte er.

»Mami sagt, es gibt gar keine Wölfe hier!« Claus klang für seine Verhältnisse regelrecht empört.

»Das scheint dem Wolf da draußen aber nicht besonders viel auszumachen.«

Die Fichten und Tannen rochen wie Badewasser, wenn sich darin Brausetabletten auflösen. Daran musste Adam später immer wieder denken. An den Geruch, der durch die Perlen an die Oberfläche des Wassers waberte. Ihm erschien die Welt mit einem Mal wie versteinert, aber der Duft des nahen Waldes so klar wie niemals zuvor.

»Komm her, vielleicht siehst du ihn ja auch.« Adam winkte seinen drei Jahre jüngeren Bruder zu sich, der sich zögernd und mit großen feuchten Augen in Bewegung setzte. Claus krabbelte auf die Anrichte und folgte mit seinen Augen dem Finger Adams, der an der Fensterscheibe klebte.

»Da hinten in der Wiese… siehst du ihn? Schüttele nicht den Kopf, wenn du ihn siehst!«

»Aber ich sehe niemanden!«, beschwerte sich Claus, der sich die Augen rieb. »Er ist nicht jemand, er ist der Wolf!«

»Nein.«

»Du siehst ihn ganz sicher nicht?«

»Nein, ganz sicher sehe ich ihn nicht. Vielleicht ist er ja wieder verschwunden!«

Adam warf Claus einen Blick zu und blieb an seinen geröteten, übermüdeten Augen hängen. »Er verschwindet nicht. Er ist aus Erz.«

Claus fragte ihn, was Erz sei.

»Das habe ich gelesen und ich werde es nie wieder vergessen. Ich benutze es anstelle des Wortes Stein. Das solltest du auch.«

»Erz«, probierte der Jüngere seine Lippen um dieses abstrakte Wort zu stülpen.

»Erz. Gefällt dir das Wort?«

Claus nickte, weil er wusste, dass Adam das hören wollte. Er war schließlich sein älterer Bruder und auch wenn er ihm manchmal Angst machte, passte er doch ganz gut auf ihn auf.

Adam hätte das Foto in seiner Hand fast zerknüllt und legte es auf die ranzige Tischplatte. Die Erinnerungen geißelten ihn. Was aber waren das für Erinnerungen? Er hatte oft das Gefühl, dass nichts davon wirklich geschehen sein konnte. Es war nicht ganz so einfach, zwischen Wachen und Träumen zu unterscheiden. Aber wenn er das nicht wusste, wer dann?

Er hatte den Wolf gesehen, sein junger Bruder nicht. Weil der Wolf nicht auf seiner Frequenz sendete, sagte er sich. Er war aus Erz, aber das stimmte nicht. In Wirklichkeit war dieser Wolf eine Halluzination, wie die Welt, die ganze Welt.

»Wusstest du, dass wir alles verlieren werden?«, murmelte er in seine Hände, auf denen sich Bäume, Steine, Gebäude und Weiher mit Adern abwechselten, die unter seiner Haut wie Regenwürmer arbeiteten. »Ich ahnte es zumindest, und Ahnen ist das bessere Wissen.«

Am nächsten Tag deuteten sie die Formen der Wolken, lagen auf dem Rücken in der Wiese bei den Wasserbassins und Adam sagte, das sei die Sprache der Ewigkeit da oben am Himmel, man müsse sie nur übersetzen. Adam erklärte Claus, dass er nicht einfach zu diesem Ort gehen könne, an dem er letzte Nacht den Wolf gesehen hatte, weil der sich dann als Baumstumpf erweisen würde. »Weil es nur in meinem Kopf ein Wolf ist. Wenn es nämlich nicht so wäre, dann würdest auch du ihn gesehen haben, oder nicht? Aber du hast nur gesehen, was du immer siehst, wenn du aus dem Fenster schaust. Du siehst Halme, Wiese, Bäume, siehst Schotter und Schupfen und Scheunen.«

»Aber du siehst doch eh immer was anderes!« Claus hatte das unbestimmte Gefühl, Adam trösten zu müssen. Dann schwiegen sie und hörten beide das Hintergrundgeräusch der stampfenden Hämmer aus der Vergangenheit.

Die Szene verblasste vor Adams Augen oder dort, wo sie sich zusammengesetzt hatte. Er starrte auf das Bild, das nur aus einer Farbschicht bestand, aber er gelangte durch die Oberfläche bis tief auf den Grund hinab. Ihm kam es vor, als falle er in den Kaninchenbau, den er eindeutig als Wurmloch identifizierte, das aufgrund seiner negativen Energiedichte niemals körperlich überwunden werden konnte. Aber das spielte überhaupt keine Rolle, weil es allein auf das Erlebnis ankam. Die Geister mussten nicht gerufen werden, sie waren allgegenwärtig. Er selbst und alle, die er kannte, waren diese Geister, abgelöst von jeder Körperlichkeit. Alice Liddell war eine Pionierin im Auffinden anderer Welten und Lewis Carroll, der Mathematiker, hatte dieses junge Mädchen verstanden und einen Bericht über ihre Begegnungen im Wunderland hinterlassen. Die Durchlässigkeit der Welten, die Überlagerung von Zeiten, sowie die sich ständig wiederholenden Ereignisse waren Adam von frühester Kindheit an ein Begriff. Seine Wahrnehmung war aus irgendeinem Grund, den er nicht verstand, von keinerlei bekannter Gesetzmäßigkeit beeinflusst. Er wäre nicht so weit gekommen, wenn es sich anders verhielt. Sobald er von diesem Erinnerungsfoto aufblickte, wurde der Raum, in dem er saß, wieder fest. Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass er einer Realität entsprach, dass er in der Wirklichkeit existierte. Die schäbigen Tapeten, die in einer anderen Zeit einmal sehr schick gewesen waren, die noch schäbigeren Möbel, das vor Dreck verschmierte Fenster. Nichts hatte sich verändert. Obwohl Adam wusste, dass er sich eindeutig hier befand, konnte er nicht sagen, wo dieses Hier genau war. Das Bild schien die einzige Quelle zu sein, die ihn mit der Vergangenheit verband, die er kannte. Dennoch schien die Zeit sich unablässig selbst zu kopieren. Sie spielte mit ihren Motiven. Irgendwann einmal musste sie so viele Variationen ausprobiert haben, das wirklich alles in ihr enthalten war, sämtliche Möglichkeiten ausgeschöpft und tatsächlich vergangen.

Ähnliche Beiträge

  • Der Quinkunx / Walter de la Mare

    Walter de la Mares „Der Quinkunx“ ist eine Geistergeschichte, die erstmals im Dezember 1906 in Lady’s Realm veröffentlicht und später für die Sammlung A Beginning and Other Stories (1955) überarbeitet wurde. Die Erzählung folgt einem namenlosen Protagonisten, der von seinem Freund Walter in ein kürzlich geerbtes Haus eingeladen wird, um ihm bei einem Problem zu helfen.

    Diese Erbschaft erfolgte nach dem Tod von Walters Tante, deren Präsenz im Haus auf gespenstische Weise spürbar bleibt. Besonders ihr Porträt verhält sich unheimlich: Es dreht sich nachts auf mysteriöse Weise wieder nach vorne, obwohl Walter es explizit umgedreht oder gar entfernt hatte. Diese verstörenden Vorkommnisse deuten auf einen übernatürlichen Versuch hin, die Entdeckung eines verborgenen Geheimnisses zu verhindern. Walter bittet nun den Erzähler, im Zimmer mit dem Bild Wache zu halten, um das Rätsel zu lösen.

    Mehr lesen „Der Quinkunx / Walter de la Mare“
  • Kafkas Verwandlung

    Kafkas bekannteste Geschichte ist Die Verwandlung. Ich kenne keinen Menschen (und habe auch von noch keinem gehört), der diese Geschichte nicht gelesen hat. Diese Geschichte zu lesen ist wie sprechen lernen: man wird es irgendwann tun, es gibt keinen Weg, der daran vorbei führt. Ein Mann verwandelt sich in einen Käfer. Das wäre gar nicht spektakulär, hätte Kafka nicht das wirklich unheimliche Talent, das Surreale und Übernatürliche mit dem Gewöhnlichen zu verbinden. Hier geht das Unheimliche nicht von diesem Käfer aus, sondern von der Reaktion der Familie. Das Bizarre und Traumartige ist in Kafkas Genius verankert wie bei keinem Autor vor oder nach ihm. Seine präzise und äußerst perfekte Prosa transportiert das Grauen der Existenz als solche, unaufgeregt aber unaufhaltsam. Es gibt keinen Schriftsteller der Neuzeit, über den mehr geschrieben wurde, keinen Schriftsteller, der mehr analysiert, gedeutet und interpretiert wurde. Die Literatur über ihn füllt erstaunliche Hallen – und ein Ende ist nicht in Sicht. Und dennoch bleibt er bis in unsere Tage hinein ein Rätsel, das niemals gelöst werden kann, sein Werk ein absoluter Höhepunkt der Weltliteratur. Obwohl in einer glasklaren Sprache verfasst, gehört Kafka zu den anspruchsvollsten und schwierigsten Autoren aller Zeiten. Und dass er mit Die Verwandlung, In der Strafkolonie oder Ein Hungerkünstler drei der besten Horrorgeschichten schrieb, die es auf diesem Globus gibt, bereichert die spekulative Literatur um einen unbezahlbaren Schatz.

  • Rote Arbeit

    M: Sie sagten, Sie hätten rote Arbeit an ihm verrichtet. Wie meinen Sie das?

    F: An seinem Körper.
    Ich habe ihm die Kehle aufgeschnitten.
    Habe meine Hände in sein noch warmes Blut getaucht.
    Nur ins Blut, nicht in dich. Immer nur ins Blut, niemals in dich,
    habe ich mir immer wieder gesagt, um es auszuhalten.

    Mehr lesen „Rote Arbeit“
  • Die Veranda: 9 Spurenkunde

    Die spurenkundliche Bearbeitung des engeren Tatorts ist bereits in vollem Gange, als Egon Brunswik mit Fiffi vorgefahren kommt und vor der Absperrung hält. Felix Gerritzen ist nicht gerade derjenige, der sich darum reißt, mit Brunswik unterwegs zu sein, das tut, soweit er weiß, niemand. Und ›Fiffi‹ ist dann gleich die erste Attacke, die er zu ertragen hat, als wisse der ehemalige Kunststudent von den Zusammenhängen des hündischen Kosenamens und Felix’ sehr komplizierten Schulaufenthalts in der dritten Klasse, wo ihn seine Kameraden vor Schulbeginn mit dem Klassenbesen, der stets griffbereit in der Ecke neben der Tür nur auf diesen Augenblick zu warten schien, auf allen Vieren durch das Zimmer scheuchten und ihn ganz genauso nannten.

    Mehr lesen „Die Veranda: 9 Spurenkunde“