Zeitskala

Zerrissenheit ist ein etwas schäbiges Wort für gelebten Polyismus, aber gar nicht so sehr willentlich. Poesie ist eine Art völligen Denkens, gesättigt sozusagen an unendlich vielen Substanzen. Das Zukünftige, das ich zuerst schreibe, das Gegenwärtige, das ich danach schreibe und das Vergangene, das ich zum Schluss schreibe, kehrt die Zeitskala gar nicht so sehr um.

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    Die Unbekümmertheit, mit der die Jugend ihr Formenspiel beginnt, kommt dem Gefühl für das Unendliche nahe, die Variationen lassen sich beliebig anordnen und ergeben einen Zufall nach dem anderen, aus dem sich das wahre Erleben speist. Jede Auflösung ist ein Zugewinn, eine weitere Sensation. Wenn ich über die Jahrzehnte nachdenke, die hinter mir liegen, kann ich mir nur zu all den provozierten Zufällen beglückwünschen. Trotzdem denke ich an die nicht angenommenen Varietäten, die den Ist/Soll-Faktor derart störten, dass mir nichts anderes übrigblieb, als über die Wahrscheinlichkeiten eines Ergebnisses zu spekulieren. Das Ergebnis ist meist ein Tiefenverständnis, das sich im Absurden äußert.

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  • Die Zeugen / Jaime Begazo

    Auch wenn oft behauptet wird, Jorge Luis Borges sei ein Meister der Irreführung gewesen, verhält es sich vielmehr so, dass er seine Leser doch eher davon überzeugte, dass es keinen Unterschied zwischen „Realität“ und Fiktion gibt. Dazu musste er nicht auf das Werkzeug einschlägiger Philosophen zurückgreifen; er begriff die bedeutende Rolle, die Sprache bei der Schaffung von Realität spielt und entwickelte das, was später die postanalytische Sprachwissenschaft dankbar aufnehmen sollte, durch sein literarischen Spiel.

    Jorge Luis Borges wird völlig zurecht als der Inbegriff der Literatur gesehen. Damit löste er einst Kafka ab, wenn auch in gänzlich anderer Weise. Es ist für jeden an der Literatur interessierten wichtig, ihn so früh wie möglich zu studieren, aber nicht zu früh, weil eine gewisse Lebens- und Leseerfahrung vonnöten ist, dem großen Mann durch seine hermetischen Labyrinthe folgen zu können.

    Spricht man über Borges, dann spricht man zu Eingeweihten, zu jenen, die einem geistigen Adel angehören, oder einer Gruppe von Intellektuellen, die den Templern ähnelt, man spricht über ein Geheimnis, in dessen Mitte unweigerlich Borges thront. Ähnlich verhält es sich damit, das Buch „Die Zeugen“ von Jaime Begazo zu lesen, der im Grunde – auch wenn er seine eigene findige kleine Erzählung präsentiert – damit nichts anderes tut, als eine letzte Geschichte Borges‘ zu Papier zu bringen, oder zumindest ein Geflecht vorzulegen, das auf das Literaturverständnis des großen Mannes rekurriert, inklusive des äußerst präzisen Stils.

    In Borges‘ Erzählung Emma Zunz taucht einmal kurz der Name Milton Sills auf, ein Schauspieler der Stummfilmzeit, der – außer der Erwähnung einer Daguerreotypie mit seinem Konterfei – keine andere Rolle spielt, als Inventar der Geschichte zu sein. Jaime Begazo stellt sich allerdings in diesem kleinen Kabinettstückchen ganz berechtigt die Frage, was es mit dieser Erwähnung auf sich hat, ausgehend von dem Wissen, dass bei Borges kein einziges Wort jemals bedeutungslos ist. Der Erzähler berichtet uns von seinem Besuch in Genf, wo er Borges 1986, kurz vor seinem Tod, die Frage nach Stills stellen kann. Und der große alte Mann erzählt die „wahre“ Geschichte, die sich hinter Emma Zunz verbirgt. Das heißt, er betont die „Realität“ dieser Geschichte. Wäre das, was Borges dem Erzähler berichtet, wahr, könnte das alles, was man über Borges weiß, ins Wanken bringen.

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    Ob das alles Öffentlichkeit braucht, weiß ich nicht, ich kann ganz gut für mich sein. Aber tatsächlich beschäftige ich mich mit dem Nachher meiner Arbeit, was konkret bedeutet, dass ich jetzt, wo ich dem Ende von GrammaTau zuneige (und auch die Sandsteinburg ausgeschrieben habe), konsequenterweise verstummen müsste oder eine neue Tür finden, die für mich gangbar ist. Natürlich weigere ich mich bis an mein Lebensende, verständlich zu sein, weil ich Verständlichkeit für Opportunismus halte, zumindest, was die Kunst betrifft (der Rest war mir jederzeit und alle Zeit vollkommen egal). Die Welt ist dann ein Kunstwerk, wenn sie unterschiedlich interpretiert werden kann. Da niemand die Welt versteht, ist das der Fall. In meiner Zurückgezogenheit gelingt es mir, subversiv zu sein, die Referenz meiner Arbeit bin nunmehr nur ich selbst. Es drängen sich Urlaute auf, Fragmente, die mit Lauten zu einem Rhythmus verbunden werden, der länger in der Luft schweben kann als ein Takt, als Nachbild, als Nach-Sonne. In meinen Gedichten kann es nicht mehr um die fremdartige Anwendung und Zusammensetzung von Sprache allein gehen; der Schwerpunkt könnte die Prosodie bilden, die ich bisher immer nur bis zu einem gewissen Grad berücksichtigt habe (wenn auch schon stark genug, um sie als Relevant zu bezeichnen). Da habe ich noch Forschungsgrund.