Kafkas Prag

Aus kaleidosopierenden Bildern entsteht (wenn es kein Gedankenstrom ist, was ist es dann?) ein Murmel=Relief aus feinstem Aloe Vera, nicht in Gestalt eines finsteren Schattens aus der Zukunft, über den Weiden in (zwischen) den Basteien, den Zimmern also des Grabens (Grabes), der mit Zuckerschaum sein Bestes tut zu gefallen (Fallen), den Gefallenen, die sich bucklig durch die Gassen (unter ihren Flechtenmänteln versteckt) bringen, die großen Adern meiden (zum Beispiel die Cechbrücke oder den Wenzelsplatz). Immer wieder schallt ein Ruf körperlos aus offenstehenden Türen. Der Kapaun, gebunden in Seehundhaut. Es ist wichtig, nur in Geschichten zu leben. Ein Haus zerfällt und ein neues entsteht. In den Geschichten verbirgt sich die Welt, Glockentöne rinnen über das Land (die Flucht über die Dächer), unter der Brücke sagt sie: »Sprich nicht!«
Die Zigarette glimmt, obwohl sie im Wasser liegt, das Gesicht nach unten (die Strömung ist nicht schlimmer hier in Kafkas Prag). Es ist jetzt Vierundzwanzig Uhr und Null Minuten. Die Pflicht ist im Herzen der Schönheit ein Dorn.
… also war schon wieder eine neue Tageszeit angebrochen, Anbruch überhaupt (mit erstaunlich viel Bewegungsfreiheit) der stille Tisch voller dampfender Teller, also lehnte ich an der Brüstung meines Balkons nachts und bin so groß wie der einzige Baum
… nur soundsoviel Tage später, in der Luft schweben Paradiesgeister, betören mit einer Sprache des Glücks, an dem der Mensch stirbt, was nicht gemein, alltäglich, abgenutzt ist, daß, wer die Schönheit angeschaut hat mit Augen, dem Tode schon anheimgegeben ist, ich war ja homerischer Heros, die Hetäre Aspasia, der Kyniker Krates, war König und Bettler, Pferd, Dohle, Frosch und mehrmals ein Hahn.

Ähnliche Beiträge

  • Die faltbaren Moleküle

    Die richtige Stimmung wird der Schublade
    entnommen, die auch Streichhölzer enthält.
    Maßgeblich ist die richtige Dosierung an der
    Sache beteiligt, scheitert aber oft am Belieben
    der brunftigen Kundschaft, die sich auf Reisen
    in sicherer Umgebung weiß. Der Trotz einer
    Luftschlange, die man mit Besenstielen
    so lange jagt, bis sämtliche Hugenotten aus
    den besetzten Ställen vertrieben worden sind,
    oder bis der Teig eines zwielichtigen Kuchens
    aufgehört hat, die Heizrippen unsittlich zu berühren.

    Die Konnotation ist einfach zu formulieren, sie
    zappelt im Schrank mit heruntergelassenem Lebenslauf.
    Wehe dem, der seine Hand nicht von ihr lassen kann,
    der glaubt, die Finger seien die perfekte Maschinerie,
    um junge Füchse zu zeugen.

    Eine Sekunde später werfen wir uns in das
    Gestrüpp eines pränatalen Frühlings. Der Picknick-Korb
    fällt von der Klippe, die eines der
    Flaschenzug-Kinder im Sandkasten nachbilden
    wollte, es versprochen hatte, es dreimal
    dem Marketender erzählte, um dann mit den
    satinpolierten Murmeln aus der Waffenfabrik
    durchzubrennen. Ihm folgte der dreibeinige
    andalusische Hund, ein Champignon-Pflücker aus den
    Pariser Randbezirken, und ein Clown, der geschminkt
    war wie Rasputin, als sein Gemächt
    noch nicht die 30cm-Marke erreicht hatte, als sein
    Bart noch von seiner Mutter getrimmt wurde.

    Auf den semantischen Feldern
    liegt Sprachabfall, was sich erst dann
    ändern wird, wenn es Prostata-Massagen
    umsonst gibt.
  • Am Morgen

    Die Reichhaltigkeit des Frühstücks ist im stets ruhig dahinfließenden Garten zu verorten, unter Glucken, hinter Eierbergen, der Hahn wandert auf den täglichen Blumen. Es begab sich, dass er dem zerfetzten Brot folgte; die Stille, in der nichts geschieht außer Stille. Der Frühstückstisch mit integriertem Wecker, eine Uhr, die (in der modernen Welt angekommen) Brote schmiert, durch eingestreute Gerüchte für aufmerksames Zuhören sorgt. Alles dreht sich wie in einem gurgelnden Bach. Alles verweht sich wie Sand. Die Nacht bricht entzwei. Die Zeiger öffnen sogar die Türen, vornehme Kleider über dem Unterarm. Am Morgen steckt da noch ein Rest Absolution in den Augenwinkeln, frisch gebügelte Gesichter nehmen ihre Plätze ein. Folgende Angebote: Froschcocktail, lebendig püriert, Schnecken, Schafsaugen in Tomatensaft, Leipziger Milbenkäse, Marmelade aus verbotenen Früchten, eingekochte Kaulquappen, ein Œuvre Complete ekelerregender, zutiefst menschlicher Küche. Welt drückt sich aus in einer obszönen Blüte, ein Regenwurm ist reinster Magen.

  • Nebelsirene unter Wasser


    Lüge und Manipulation, das sind die Stoffe, aus denen wir die Welt gemacht haben, quasi der Stoff aus dem die Träume nicht sind. Kaum hat Zarias die Augen aufgeschlagen, denkt er wieder an die Veranda. Das kommt in den letzten Tagen wieder häufiger vor. Hat er wirklich daran gedacht, das ganze sei überstanden? Manche Erinnerungen machen einfach für unbestimmte Zeit Urlaub, hängen ihr Tagwerk für unbestimmte Zeit an den Psycho-Nagel und gehen surfen, vielleicht liegen sie in Cancún am Strand, um neue Kraft bei einem Mexican Colada zu sammeln (oder um weiteren Anlauf zu nehmen), aber sie kamen immer wieder zurück. Es gab nichts Verläßlicheres als eine eingesperrte Obsession. Kurz nach der Ankunft seines Bewußtseins im heutigen Tag, hat er das Gefühl, die Träume ziehen weiter, auch wenn er sie nicht mehr mitmachen kann, zu vergleichen mit dem Leben, aus dem man herausstirbt. Die Träume – das Jenseits? Levke hätte das gewußt. Auch an ihn muß er wieder häufiger denken, aber noch nie ist ihm das direkt nach dem Aufwachen passiert, mehr am Abend, an dem sich stets eine philosophische Stimmung breitmacht, der Herbst des Tages. Vielleicht deshalb. Wenn etwas vergeht, schießt Schwarze Galle in den Bauchraum, verbindet sich mit Dung, Schleim und fermentierten Bazillen und schickt das ganze Gemisch ins Oberstübchen, um Melancholia auszulösen, eine Nebelsirene unter Wasser, ein nicht-ortbares Rufen aus einer geisterhaften Ferne. Zarias erhebt sich, aber wach ist er eigentlich nicht. Normalerweise gönnt er sich das Viertelstündchen (nichts ist so trüb in die Nacht gestellt / der Morgen leicht macht’s wieder gut), bevor er in die Möglichkeit vorstößt, die ihm ein neuer Tag anbietet, aber heute kann er nicht mehr richtig liegen. Die Stellungen sind abgenutzt: Bauch, Rücken, Embryo. Komm jetzt, du Faulfleck! Es ist schönstes Wetter! Aber auch wenn es nicht so wäre, das Liegen sollte den nächsten Schritt täglicher Entwicklung tun und zumindest zu einem Sitzen werden.

  • Subsistenz ( I put a spell on you)

    Ich zog meinen Mantel aus, steckte die Hörgeräte in eine der Taschen. Hatte den Tag, jedes Wort nun bewältigt, obwohl ich nichts bewältigen wollte. Nein, ich wollte nichts bewältigen. Auch gingen mich diese Worte nichts an. Ich versuchte wieder etwas fern der Regulierung wahrzunehmen. Meine Ohren haben solchen Dingen immer den Vorzug gegeben. Das Unhörbare wahrgenommen. Das Nichtgesagte. Die stumme Liebkosung, die sich manchmal durch ein labendes Flüstern verrät, zu dem sie wird und so doch zur Welt kommen will. Ich sehnte mich alltäglich nach dem großen Hörverlust, der mich endlich ausgliederte. Ich lief durch den Flur unserer Gespräche. Das dauerte. Dauerte, je mehr ich mich in ihnen verlor. Draußen wuchs Schnelleres. Hier drinnen wuchs ich. Der Teppich dämpfte meine Schritte. Die Muster durchwandelten sich gegenseitig, durchwandelten ihren roten Wirt, formierten sich jedoch gleich wieder, die Energien, die Wärmen, die meine Fußabdrücke hinterließen, zu nutzen, sie zu speichern. Sie wollten nicht den Körper, der in sie schritt. Er gehörte nicht zu ihnen. Hier, wo wir waren, waren wir. Hier wurde der Alltag nicht bewältigt, wurde nichts hart berührt. Wurde nichts unempfänglich gemacht. Hier streiften wir die Dinge mit unserer Anwesenheit. Ich kniete mich ins Rot hinein. Die Wärme gab die Haut wieder frei. Muster leckten sie wach.