Gefieder hast du mir mitgebracht, aber es wird mir nicht endlos passen. Es wird mir nicht dich fliegen lassen genehmigen. Es wird mir nicht den Wipfel nebenan gestatten zu erreichen. Es wird mir nicht ermöglichen, was ich in deinen Teeraugen sah. Die Zeit ist um, der Raum vernichtet.
Es ist Montag, der neunundzwanzigste August. Der Tag, an dem der Turm sich, der sich uns beiden weissagte, durch unser Aufeinandertreffen in Mannheim, den Lüften zu durch Erde brach. Monate, seit Mitte 2015, hatten wir unzählige Worte, so viele lange Briefe aus dem Wasser der Mondin geschöpft. Uns ausgiebig ausgegossen. Oil mit einem Krug. Waterlily mit einem Krug. Aus einer Pfütze entstand ein Rinnsal : aus einem Rinnsal ein Bach : aus einem Bach ein Fluss : aus einem Fluss ein reißender Strom, der unaufhaltsam das Land unter unseren Füßen abtrug, Meer zu werden. Wir strömten uns zu, tasteten bald in allen Elementen nach uns. Wir siezten, duzten, kollidierten und fusionierten … kollidierten wieder, ließen ab, stoben auseinander, hoben wieder an …, wir gaben uns Namen. Nannten unsere Kinder bei den ihren. Sie spielten uns durch (wie wir sie durchspielten), entdeckten und blößten uns. Bangten bis zu diesem Tag:
Noch früher Morgen, wir telefonieren miteinander, soeben erst aus den Federn gestiegen, fühle ich mich pelzig von dem Zwölfstundendienst, der nun hinter mir liegt. Du hast dich bereits vom Nacken bis zu den Fußknöcheln in dein Weinlaub geworfen (da Kempten, wie du mir erzählst, offenbar eine Stadt ist, die ohne gelbe Hemden auszukommen gedenkt). Ich begleite dich zur Tür hinaus, gen Bahnhof zu gehen, die Tschu Tschu zu nehmen, in der ein Junge sitzen wird, der dich die ganze Fahrt zu mir hin unterhält. Ich springe unter die Dusche, weiß noch nicht, was ich anziehen werde, entscheide mich für mein braunes Wollklaid, packe meinen Rucksack, packe meine Tasche, und noch eine, habe viel zu viel dabei. Schwer beladen in beeschfarbenen Samtpömps, vergesse ich den olfaktorischen Handkuss nicht, tauche meine Finger der rechten Hand noch ins Becken meiner Nymphe und versuche von nun ab als linkshändige Packeselin durchzukommen. Ich stöckele los, mit offener Mähne. Denke an mein Sternbild, dass ich an einem meiner letzten Arbeitstage, vor dem Kuckucksnest gefunden hatte als ich, mit einer Kollegin sprechend, zu Boden blickte, und weiß noch nicht, dass der ausgemachte Handkuss der Umarmung eines Wesens weichen wird, auf das ich keinen Einfluss habe.
Die Schnecke erfährt ihr Tempo hinter vorgehaltener Hand. Heimlich bekommt sie dafür ein Haus, das wie ein Trichter Zum Kleinsten und zum Größten hin führt, aber langsam. Langsamer als die Farben aus Gesichtern rutschen, Die auf der gleichen Strecke unterwegs sind, In einem Raum, der abstrakt scheint, mehrteilig, Wie es die optische Täuschung oft vormacht, Wenn die Perspektive, von der nun alle reden, Nicht mehr vorhanden ist, wenn sie dem Ultraschall Des Gehörten, dem Infrarot der Nacht, durch ihre Wärmepausen weicht.
Dann bleiben gesprochene Worte auf der Strecke liegen, Keiner kümmert sich um das Gepäck des anderen. Im Forst sitzen die Tafeln mit den Umsteigemöglichkeiten fest, Behaupten sich nicht gegen Bäume oder Gräser, haben Es aufgegeben, die richtige Stelle mit einem X zu Markieren. Sie werden kaum aufgedeckt, gefunden werden. Deine Hand leuchtet einen Ballon an, aber auch diese Geste bringt keine Zeit zurück, die auf der Reise verloren Ging. Trotzdem folgen die Vögel dem Licht zurück in Ihre Nester, die jetzt, da sie älter sind, bereits Vertrocknet und mit eingeworfenen Fenstern einen Tanzsaal Abstrakter Gerüche bilden.
Nehmen wir auch nur ein einziges Muster fort, hebt sich Die Distanz bereits wieder auf, alles ist dann nur Ein einziger Ort, der Trichter der Schnecke zum Kleinsten, zum Größten hin. Dieses mathematische Rätsel Schreckt die Reisenden, die wissen, dass sie sich Nicht mehr bewegen dürfen. Es steht in ihrem Gepäck Geschrieben, aber auch auf unzähligen Urlaubskarten, Die an der Wand neben Faltern ihren Platz behaupten.
Ronnie Teint war davon überzeugt, dass manche Vögel in Wirklichkeit Bögel seien. Um das zu beweisen, fing er einen ein, schnitt ihn auf und wurde bestätigt: ein Bogel glich einem Vogel bis auf das letzte Organ. Der einzige Unterschied war der Name.
Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Be deutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.
Der Mond leuchtet den Wichteln, Trollen, Barstukken, leuchtet je nen, die selbst nicht glühen und in ihrer hölzernen Hand keine La terne mitspazieren lassen. Stock und Stein, Wurzeln, Farne: leuch tet der Prozession hinunter ins Dorf! Wölfe küssen feucht.
»Was ist mit den Räubern?« Sie lercht, lächelt nicht in ihren Gum mistiefeln, die ihr bis knapp unter die Knie reichen; sie bie gen sich noch kaum, starren um ihr schmales Gesöck herum, stempeln die halbtrockene (halbnasse) Erde, ritzen Dagewesenes hinein.
Und dann gibt die Erde nach; sie stampft noch etwas tiefer, blickt mit gemarterten Augen auf zu den Gesichtswipfeln, die vor einem aschfahlen Himmel wippen, Bärte daran gekauert.
In der Nacht wollte sie die Erinnerungen zähmen. Am Tage, sagte sie, gelänge ihr das nicht, weil sie ständig in die Einsamkeit hin einsehen müsse, die sie zwischen zwei Menschen entdecke. Sie sagte, sie suche gern Dinge oder Orte, mit denen sie einen Pakt zur Animation ihres persönlichen Dramas geschlossen habe, wieder auf.
die Bewegung des Schwertes durchs Kissen, gegen jeden Widerstand gedrückt
Blumenstämme, die Rippen einer Heizung, die rechte Hand, seltener die linke, die Vorstellung macht die eigene Hand zur Hand einer Ballerina,
die einem gereicht wird, nicht die eigene, die fremde, die alles umschließt, ohne sich dabei selbst zu umschlingen
die bizarre Form einer aufgelösten Form, die um die hochnotpeinliche Befragung bittet
Teufelsbuhler, verhältst dich wie in schütteren Stunden, in den Besenstiel verliebt
da gab es eine unter ihnen, die Kehlen aufriss, während farbloser Schleim aus den Röhren schoss, sich dann unter dem röchelnden Fleisch rötete & schäumte
& Leben & Lust, jetzt ist es eins, verstanden
da gab es eine unter ihnen, die für eine Tüte Gummibären die Rechte oder die Linke lieh
oder war es ein Traum, dass derartiges auf dem Dorf genauso groß sein konnte wie in der verderbten Stadt?
Sie sah mich an. Anderen war sie versprochen. Anderen. Und weil in mir alle sind, kann sie mit mir allein nicht ihr großes Haus bewohnen.
Ich erinnere mich an eine Geschichte. Wieder ist es eine Liebesgeschichte – vielleicht ist es sogar eine moralische Geschichte, aber das war mir zum Zeitpunkt der Lektüre noch nicht klar:
Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander. Das ist an sich keine Sensation. Sie verbringen eine Woche wie im Fieber miteinander. Es ist ein sicheres Zeichen des Wahnsinns, daß für sie keine Außenwelt mehr existiert. Sie sind ein Wesen geworden, das einzige Wesen in der Auflösung aller Begrenztheit.
Nach dieser Woche will ein kurzes „Ernüchtern“ die Planungsgespräche aufnehmen lassen.
Es ist immer wieder erstaunlich (obwohl man es für selbstverständlich halten wird), daß Liebende glauben, eine Zukunft zu haben und diese planen zu können. Aber weiter: Sie sagt ihm, daß sie ihm sofort ihr Leben für immer schenken wolle, doch sie habe eine Bedingung. Sie dürften sich von heute an ein Jahr lang weder sehen, noch sich schreiben, noch anderweitig Kontakt miteinander aufnehmen. Danach wolle sie ihm also ihr Jawort geben.
Ich gehe jetzt nicht näher auf die Gefühlsregungen ein; sagen wir, dieser Liebestest wurde so vereinbart und schließlich angenommen.
Das Jahr vergeht (auch hier erspare ich mir Einzelheiten und die Beschreibung nervöser Zustände – die Geschichte wechselt von ihr zu ihm) und der Tag des Wiedersehens naht. Aber siehe da: Die Dame will den Herrn nicht mehr, nämlich gerade, weil er es ausgehalten hat und sich an die Vereinbarung hielt, obwohl es ihn beinahe verzehrte. Sie sagte: wenn nämlich die Glut in ihm tatsächlich schwächer war als seine Kontrolle, wäre die Leidenschaft nicht in der Form ausgebrochen, die sie sich für ein Leben mit ihm gewünscht hätte.
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Simon Tinkerbell – Liebestest; aus: Katastrophen der Leidenschaft