Das Od

1

Oh höret! – während ich das schreibe – und bereits schon davor – hat mich die Schwärmerei ergriffen, und ich will gleich hinfahren auf den Tod, sollte ich nicht eingelassen werden in das tiefe Reich der Liebe!


Alles hängt von diesem Bildnis ab und seiner Lebendigkeit, die ich schauen will, in welchen Ländereien ich auch immer mir den Kragen des Mantels gegen den kalten Wind des Gewöhnlichen aufrichten muss.
Ich will hineilen, wo ich all mein Glück vermute, wandern über Hügelketten und in Tälern, von denen ich glaube annehmen zu dürfen, dass dort des Fräuleins eigener sehnender Blick die Weihe schon darüber legte, als sie einst aus ihrem Fenster geblickt oder selbst auf den verschlungenen Pfaden einherging, um die Weigelien und Holunderbüsche in ihrem autonomen Spiel zu beneiden.
Vielleicht ist auch sie angetan von einem unbestimmten Gefühl, das sie noch immer für die Irrungen der Fantastereien der Adoleszenz halten wird, solange sie keine Bestätigung für all ihre Träume in einem anderen Zeichen gewahrt. Das alles spricht ihr Bildnis zu mir, das von einer Schatulle beschützt in einem Kiosque zurückgelassen wurde, wo ich es schließlich fand, vergessen oder verloren – wer kann das sagen – oder eigens für den Zufall hinterlegt, der dann meine Schritte dorthin lenkte, geschäftig wie er ist.
Zunächst verwunderte es mich, dass niemand anders danach griff – ich hingegen erblickte das Schmuckstück gleich bei meinem ersten Eintritt, wie es von einem Zeitungsballen herunterrutschte, als dieser, aufgeschnitten, auf dem nächsten liegenblieb, unbeachtet, so als wäre es nichts, noch nicht einmal wert, es an einem anderen Ort zu deponieren für den Fall, die Person, die den Verlust zu Hause bemerken würde, käme zurück und erkundigte sich beim Verkäufer darnach.
So ein Erbstück der Großmutter, die es ihrer schönen Enkelin vermacht haben wird, stellte ich mir vor.
Das hektische Treiben entrang sich meiner Aufmerksamkeit und ich konnte mich des Bedürfnisses nicht erwehren, mich nach diesem glänzenden Od zu bücken, um es auch gleich aufzuschlagen, um zu sehen, was sich wohl darin verbergen mochte. Niemand beachtete mich in meiner Gegenwart, gerade so, als gäbe es ein geheimes Band um mich und das Schmuckstück herum gebunden, das uns einen eigenen Augenblick gewährte, der unsichtbar für jedermann nur ausschließlich uns allein betraf.
So quittierte ich diesen außergewöhnlichen Moment mit steigender Neugier und auch so, als ginge ich hin, um in aller Öffentlichkeit etwas Verbotenes zu tun. Nichts anderes nämlich ist es, wenn man sich eines fremden Eigentums bemächtigt, denn ich hatte nicht vor, jemanden wegen der Erlaubnis zu konsultieren. Andersherum wollte ich aber nicht Besitz ergreifen – die Ahndung wirkte jedoch derart auf mich ein, die Schatulle zu öffnen, das zierliche Türchen in den lieblichen Scharnieren zu bewegen, um den eigentlichen Schatz zu bergen. Das aber wollte ich für mich ganz heimelig in Anspruch nehmen, ohne fremde Augenpaare, die mich zwar nicht wahrzunehmen schienen, die aber ich selbst nicht sehen wollte – und auch nicht die Gesichter und Hände, nicht die banalen Druckwerke um mich herum, und hören wollte ich kein Niesen und kein Schneuzen, kein Atmen einer Fleischfabrik – ich wollte ganz allein für mich von einem Schlage getroffen werden, der mich dann, alle Erwartung noch überflügelnd, auch tatsächlich von oben herab fleißig erwischte.
Wer jemals einen Gegenstand, nicht etwa mit bloßem Auge, sondern mit seiner ganzen Phantasie erschaute und sich treiben ließ, weil das Gefundene sich gar zu gut in das vorhandene Gemüt einfügen wollte, dem dürfte es als kein Geheimnis mehr erscheinen, wenn einer sagt, dass die Welt fortan nicht mehr im Lichte des Unverrückbaren geschaut werden kann, dass sich die orthodoxen Schlagbäume heben und alles erscheint, als blicke man nach jahrelanger Kurzsichtigkeit plötzlich durch optisch präzis auf ihn zugefeilte Gläser.
Nur jetzt leuchten die Farben und der Vogelflug erhebt sich zu Seiten neuer Wege, die Fernweh auslösen.
Aber ist es ein Fernweh nach sich selbst, ein Weh wie ein Ruf, sich hinzugeben und augenblicklich alles liegen und stehen zu lassen, was bisher die Brust beengt.

2

Cornelius Schlehenfeuer, wurde durchaus an jenem Tage erschüttert durch die Allmacht einer vagen Situation, sie sich sozusagen auf der Hintertreppe abspielte. Dort, wo dreckige Schuhe einhertrampeln und der Tag die Menschen nur geschäftig aneinander vorbei führt, wo schnell etwas zu übersehen ist, und selbst dann, wenn es nicht zu übersehen wäre – nicht zur Notiz genommen wird.
Doch man muss ein Träumer sein, will man die Welt wahrnehmen wie sie ist: rätselhaft und voller erstaunlicher Zufälle. Cornelius verliebte sich also schnurstracks in Fotografie einer bezaubernden Prinzessin – denn so musste ihn ihre Erscheinung dünken, und wollten wir es ganz exakt formulieren, ging diesem Moment bereits die Ahndung des verliebt=Werdens voraus, als er den Anhänger erblickte und also gar nicht umhin konnte als ihn einzustecken. Doch daß er sich in diese Fotografie verliebte, bedeutete nun noch nicht, dass er auch das leibliche Wesen, das seine Umrisse dem festgehaltenen Licht spendete, von dem er überhaupt nichts wissen konnte, im Herzen verstehen könnte.
Das alles – und diesen Gedanken einer Unterscheidung hegte Cornelius erst gar nicht – war schließlich dafür verantwortlich, dass er nach ihr, die ihm da – wir wollen sagen, erschienen war – suchen wollte. Auf die Idee, dass dieser Anhänger auch dem eigentlichen Geliebten, dem rechtmäßigen, abhanden gekommen sein könnte, verfiel er gar nicht, und möglicherweise hätte es ihn die Erkenntnis auch gar nicht erreicht, denn er war leidenschaftlich davon überzeugt, dass auch die Demoiselle ihn längst und ohne ihr Wissen in ihrem Herzen trug. Wer könnte ihr verübeln, da sie ja nichts von ihm wusste, und nur eine unbestimmte, dumpfe Sehnsucht in ihrer Brust herumgreifen spürte, daß sie sich bereits mit einem leidlichen Herrn verbunden hatte, da sie wohl oft von Haus aus dahingehend gescholten wurde, ihre Träume doch besser – wenn überhaupt sie diese schon zulassen musste – in die Nacht zu verlegen, wo sie also mit ihrem kindlichen Triebe niemanden erzürnte oder störte. Dass es sich nun einmal für ein junges Fräulein gezieme, sich vernünftig zu geben – gerade in Liebesdingen nicht an den Schund einer literarischen Liebe festzuhalten – und jede Partie nur ob ihrer gesellschaftlichen Güte zu beurteilen. Und Güte – da kam man nicht umhin, es immer wieder neu anzumerken, bedeutete immer auch Stand und gutes Auskommen. Cornelius freilich hatte nichts. Das Dach über seinem Kopf war zwar nicht gerade eine Regenrinne, aber das, was darunter verborgen lag (und worin er hauste), konnte sich kaum in einem bürgerlichen Milieu sehen lassen. Dass er der Schreiber eines Alchimisten war, konnte er auch nicht ins Felde für sich führen. Und dass auch immer und überall die Frau und auch der eigene Leib ernährt werden mussten, das brachte ihn so manches Mal um den Verstand. daß man sich das geliebte Wesen leisten können mußte wie ein Tigerfell, hielt er alsdann für ein ebensolches Verbrechen wie die Jagd nach besagten werdendem Angeberteppich, dem so mancher in der Vergangenheit nur durch den Liebestod entkommen war.
Doch wollte Cornelius wirklich fordern – der Liebe wegen fordern – die Damoiselle solle sich, wie er, in eine Bettpfanne entleeren und sich mit einem Taschentuch säubern, anstatt sich über das murmelnde Wasser eines Bidets zu staffieren? Wollte er wirklich daran denken, dass erst der Hunger und eine einigermaßen feuchtkalte Wohnung die wahre Liebe beweise? Denn hielt man dem nicht stand, liebte man dann überhaupt wirklich? Mag man sich nicht für den Geliebten eine Blasenentzündung oder gar eine Kolik einfangen, den Freundinnen voller Stolz von Mangelernährung und Diarrhoe erzählen, was wäre eine Liebe dann noch wert? Aber – das waren ganz abwegige Gedanken, die der Erzähler hier einstreut, wohl damit er redseliger wirke als er in Wahrheit ist. Cornelius hatte mit diesen Dünkeln nicht die geringste Qual. Ihm tat sich das Elysium auf in Form einer Daguerreotypie. Und wer denkt denn an morgen, wenn er heute verliebt ist? Wer denkt an die Kloaken der Erde, die Rinnsteine voller Unrat, wenn er die goldene Brosche in Händen hält, die alles beinhaltet, wofür er glaubt, bis dahin gelebt zu haben, und sich wünscht – noch weiter und erst recht – zu leben?
Also geschah es, dass man den Cornelius den ganzen Tag durch die Straßen und Gassen stolzieren sah, die aufgeklappte Brosche vor das versinnte Gesicht haltend, und jedes Frauenzimmer, das ihm begegnete, zum Ärger nicht weniger deren männlicher Begleiter, mit dem Bildnis zu vergleichen, das gefaßt wurde von einem Passepartout aus feinstem Blattgold. Nicht selten stolperte er dabei über seine eigenen Füße, während er murmelte : »Wenig Ähnlichkeit – gar keine Ähnlichkeit – und schon überhaupt keine Ähnlichkeit – im Grunde vielleicht, aber doch eher nicht.«
Und so ging es in einem und im anderen Tag fort, so dass er es zu einer gewissen und garantiert unbeabsichtigten Bekanntheit brachte. Die ihn kannten gaben bekannt, dass der Cornelius jetzt den Verstand verloren habe, und man schob es auf die Agglomeration eines Kummers, der mit seinem Dasein als Kuckuckskind, der Enterbung, sowie dem Verlust eines Freunds vor einigen Monden einher ging; über diesen Verlust hatte Cornelius ja auch tatsächlich lange brütend getrauert, aber doch auch wieder nicht so sehr, als dass er darum wahnsinnig hätte werden müssen. Manches Mädel, das er nun bereits zum zweiten oder dritten Mal mit der Daguerreotypie verglich, wandelte ihr Befremden in eine gewisse Teilnahme um. Der Meister Vollpferd, für den Cornelius Urkunden kopierte und Abschriften anfertigte, wusste, dass dieser keineswegs gemütskrank geworden, sondern einer fixen Idee anhängig war, wie sie den Schreiber so manches Mal schon heimgesucht. Und von einer vorübergehenden – wenn auch in diesem Fall starken – Heimsuchung wollte der Alchimist, der es recht gut mit Cornelius meinte, auch diesmal ausgehen, als er sich des Problems annahm und Cornelius darauf aufmerksam machte, dass dergestaltigen Broschen nicht selten ein weiterer Schnappverschluss innesaß, der das Bildnis heraustreten ließ, um dahinter eine Adresse oder eine Nachricht zum Vorschein kommen zu lassen. Cornelius war gerührt über so viel Anteilnahme, und sein Gesicht stellte die Frage, die er nicht auszusprechen wagte, aber der Meister Vollpferd erkannte, dass es nach dieser Eröffnung unmöglich sein würde, Cornelius auch nur für ein weiteres Schriftstück zu konzentrieren, und so gab er ihm für den Rest des Tages frei.
»Aber! lieber Cornelius – was immer sich dahinter auch verbergen sollte – und vielleicht ist es sogar eine Enttäuschung, die dem ersten Zauber folgt : Unglück ereilt den, der die Belange des Lebens zu wichtig nimmt, der nicht über sich selbst zu lachen vermag und der mit seinem ganzen Bewusstsein in den Hades rennt, um dort etwas für sich zu entdecken, was die Welt ihm nicht freiwillig zu geben bereit ist.«
Cornelius verstand das sehr genau. Und dennoch rannte er nach Hause, um einer feierlichen Zeremonie der Entdeckung beizuwohnen. Und das zarte Blechlein lupfte sich, als Cornelius den richtigen Dreh herausgefunden hatte. Ganz merkwürdigerweise beflügelte ihn nun das, was er vorfand, mehr, als dass es ihm zu denken gab, ob denn sein Wahnsinn gerechtfertigt sei, oder ob er sich nicht einfach Luft bahnen wollte, weil er ja sonst außer seinen Grübeleien keinem ordentlichen Geschäft nachging – oder das, was die Philister darunter verstehen mochten. Dass er sich selbst als obskur betrachtete, hielt ihn nicht davon ab, sein Recht einzufordern. Und Recht ist, was im Herzen schlummert, was nur in irgendeiner Weise von der Hauptstraße des Lebens abzweigt und gewöhnlich als unmöglich gilt. Cornelius war, soweit er sich zurück erinnern konnte, des Unmöglichen liebstes Kind. Leider vermochte es sein Genius nicht, sich etwas besser bei ihm einzustellen, weshalb ihm nicht nur sein Charisma, sondern auch seine Verse, die er nächtens unter dem Mond heulte, vornehmlich im Garten einer angesehenen Witwe, bis ihr Bruder, an dem sie seit dem Tod ihres Mannes in einer merkwürdigen Verbindung hing, dem klanglichen Schauspiel mit einem Eimer Wasser ein jähes Ende bereitete, nichts einbrachten.
»Dich zu lieben kann ich nicht verlernen. Anna«, stand dort. Und mit einem Mal schwanden dem Cornelius die Sinne; die Welt hatte all ihre Standhaftigkeit verloren und das geschriebene Wort fachte seine Stimmung an. Gleich wollte er eine Huld darauf sprechen, dass er nun endlich ihren Namen erfahren hatte.
Die Zeit, der ich so wenig vertraue, verwirrt mich mehr als der Raum, den ich gern mit Peter Schlemihls Zauberstiefeln durcheilen würde, um das Liebste, das ich mir denken kann, auf nachtgestiefelte Art und Weise zu entführen. Da vor dem Fenster lebt die Welt nur vor sich hin und hat es eilig in ihr Grab, doch weiß sie’s nicht. Die Welt, die auch die meine ist. Die Welt, die mich mit ihrem Plärrlicht ärgert, als wär’ ich wirklich aus dem Märchenland ins Stadtgebiet gestolpert, als ich mich zu sehr an manche Träume lehnte. Wie will ich mich selbst begreifen als ein Kind meiner Zeit, wie will ich – anders aber – nicht die aufgehaltene Tür erspähen, hinter der das rote Licht mich lockt. So plötzlich stürzt der Zauber auf mich ein, den ich, indem ich auf mein Spiegelbild einrede, mir zu bestätigen suche.
Ich verliere meine Sinne regelmäßig, ich müsste mir angewöhnen, mich überall, wo ich hinkomme, für mich zu entschuldigen bei den Rechtschaffenden. Dass es mich gibt, ist ein lästerlicher Moment, den eine unbedachte Gottheit nicht mehr ungeschehen machen kann.
Ich bin frei, doch frei sind nur die toten. Splitternde Skulpturen, in Torheit gebrannt, so grau ein jüngster Tag. Wo immer ich auch hinkam, ich blickte durch die falschen Fenster in die falschen Zimmer. Unter den sengenden Lichtern spielten Schatten. Wer sie für wahrhaftig hielt, das war ich. Längst wusste mein Verstand, dass es für mich nichts zu finden, nichts zu deuten gab, doch mir blieb nichts anderes als durch meine mannigfachen Illusionen zu taumeln und mit den Schatten zu interagieren.
Und wer das für wahr hielt, das war ich. Warum aber kann mich der Zauber einer neuen Gegenwart nur so aus mir herausführen, dass ich die Schatten nicht als Schatten erkenne?
Der unbewusste Strom in mir weiß längst, dass der Fehler unausweichlich ist, sobald ich auf einen der Schatten zugehe und so tue, als glaubte ich an Gestalt und Wirken.
Träume haben eine sehr merkwürdige Konsistenz. Sie schwingen schneller und sie sind nicht greifbar, wie man es eben kennt. Aber ihre Intensität lässt nicht die Wahl, sie bereits zu Beginn als Trug oder als Schimäre zu erkennen.
Jetzt kenn’ ich dich beim Namen und deshalb bist du mir ein großes Stück näher gerutscht, noch bevor ich den ersten Schritt getan. Und ich suche von nun an keine unbekannte mehr. Mein ganzes Leben selbst hat einen Namen: Anna.
Aber was viel wichtiger war – und was Cornelius darauf angesprochen, natürlich empört zurückgewiesen haben würde – war das kleine aber hinreichende Faktum, dass sich neben dem Namen der so überirdisch Geliebten auch noch ein Hinweis über den Hersteller der Brosche finden ließ: Adalbert Gans. Dies schließlich sollte die Handlung wieder tüchtig in Fahrt bringen, und es ersparte Cornelius überdies den nochmaligen Auftritt als Broschenbildvergleicher, um nicht still sitzen zu müssen, um das Gefühl haben zu können, zu allem bereit zu sein und also auch zum belachten Amt des Narren. Denn wer aus Liebe nicht zum Narren werden kann, der ist keiner, dem doch noch hin und wieder etwas Merkwürdiges geschehen könnte. Oder etwas gar Unmögliches.

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    1849 wirkt Poe dann beinahe wieder hergestellt. Er sieht gesund aus, steckt voller Pläne für die Zukunft, beabsichtigt sich sogar neu zu verheiraten — und stirbt in Baltimore unter mysteriösen Umständen, unter deren Sternen sich sein ganzes düster-tragisches Leben entfaltet hatte.

    Poe war, als ich ihm begegnete, etwas älter als ich. Er befand sich wohl, wenn auch die Schatten einer schweren Melancholie die tiefen Augen wie Vorhänge einrahmten. Es faszinierte mich nicht wenig, zu beobachten, wie er nahezu täglich sein Aussehen änderte, ohne jedoch seine charismatische Persönlichkeit einzubüßen. Für uns beide war die Zeit ein Instrument der Willkür, weswegen wir uns nicht an sie zu halten brauchten. Von ihm lernte ich zwei bedeutende Dinge, die er mir, jetzt, wo er auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen hatte, anvertraute. Das eine war das richtige Trinken des Absinth. Er bemängelte, dass es sich in der heutigen Zeit allenthalben nur noch um ein Naschen handeln konnte. Er aber, der Künstler des Rausches, gab sich nicht mit den einfachen Genüssen ab. Er scheute sich zu keiner Zeit, in das Innerste eines jeden Tempels vorzudringen, auch wenn das bedeutete, die Kontrolle zu verlieren.

    Das andere war das Konzept, sich durch die Geisteskraft immer tiefer in sich selbst hineinzubewegen. Er sprach in diesem Zusammenhang nicht selten von einem Labyrinth mit dem Minotaurus in der Mitte. Das gab er mir als Grund an, warum er niemals einen Roman geschrieben habe, auch wenn er, wie er zugab, oft daran denken musste.

    „Die meisten Romane“, sagte er, „sind wie der Faden der Ariadne. Zum einen scheinen sich die Dichter auf sicherem Boden bewegen zu wollen, um den Weg in jedem Fall wieder zurückzufinden. Zum anderen hängt selbst alles an diesem Faden und jeder könnte ihm folgen, wie viel Verwicklungen und Abzweigungen es auch immer geben mag.“

    Er selbst wolle jedoch jeden einzelnen Schritt so ausleuchten, dass man sich auf diesen Faden nicht erst konzentrieren müsse, sondern vielmehr den Ort und dessen Atmosphäre im Auge behalten könne. Neben dem Gedicht gäbe es nur eine einzige Vollendung innerhalb der Poesie. Und das wäre die kurze Erzählung. Diese allerdings nahm er in die Pflicht, das Arabeske und das Groteske so herauszustellen, dass sie dem Spiel einer flackernden Kerze ähnelte, deren Licht über die Wände des Labyrinths irrlichtert.

    „Es geht nichts über die Strategie einer analytischen Logik“, sagte er. „Nur so geschrieben kommt die Erzählung einer Komposition gleich.“

    „Die Erzählungen der Ratiocination nehmen – obwohl Sie doch jeder mit Ihrem Namen in Verbindung bringt, dann wohl doch den geringsten Teil Ihres Oeuvres ein. Im Gegenteil strapazieren Sie die Logik dort gehörig!“, sagte ich, schon etwas trunken ob der späten Stunde.

    „Was zerschmettert uns mehr als das Hinscheiden einer geliebten Frau? Was wäre poetischer als der Tod eines blassen Schwans, so dass unser Geist die wildesten – wohlgemerkt tief purpurnen – Blüten treibt?

    Wenn die Komposition mit einer ästhetischen Mauer verbunden ist, die, wie im Zusammenspiel von Grundton, Terz und Quinte, nur auf ein Ziel zulaufen kann: den aus Schmerz und tiefer Verzweiflung geborenen Wahnsinn, dann ist sie nichts anderes als der Kontrapunkt. Denn der Wahnsinn und die Dekadenz, aus denen die Empfindungen entspringen, die wir jenseits von allem vermuten, sind ja gerade der Gipfel einer analytischen Logik, die sich darin zugleich selbst karikiert. Denn dass die Liebe über den Tod hinaus akut bleibt, ist keine Zutat reiner schwärmerischer Phantasie, sondern das Ungeheuerliche unserer wirklichen Einsamkeit“.

    Mr. Poe war oft sehr schwer betrunken, was man ihm nicht eindeutig ansah. In diesen Momenten trieben seine Dämonen ihm Blüten auf die Wangen und seine Augen zeugten von erhöhter Nervosität. Die Qual der Besessenheit indes wusste er nur zu mildern, indem er die Feder zur Hand nahm, was er aber nur vermochte, sobald die Wirkung des Alkohols im Abklingen begriffen war. Es galt ihm, den richtigen Moment zu erkennen, denn sobald der Zenit des Rausches überschritten war, kam sehr schnell der Kater über ihn, den er nur mit Opium zu lindern vermochte.

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    – Apparat von M.W. Saint-Martin zum künstlichen Altmachen alkoholischer Getränke

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