Vom Horizont walzt immer noch Licht

Der Mückenschwarm im Spätherbst singt sein Lied, eine Liebelei, ein Necken in den Lüften, in den Gräsern ein Berühren der Beine. Vom Horizont walzt immer noch Licht. Das Männchen hält das berührende Bein des Weibchens fest und beleckt den Kopf des Weibchens, rutscht nach hinten und beginnt mit der Kopulation, Summton und Duftstoff. Der Badeweiher quakt über seinen Fröschen. Zwei tote Schwimmer liegen nicht mehr im Gras. Vom Horizont walzt immer noch Licht. Wiesenschaumkraut zerdrückt, die Fischer schweigen in den Brodem des Räucherofens hinein, in dem ein weiterer Aal golden zwischen Backsteinen glänzt, aufgebaut im breiten Schilfgürtel, der den Weiher vom angrenzenden nassen Erlen- und Birkenbruchwald, sowie einem Gebüsch aus Weiden und Faulbäumen trennt.

Das grüne Kleid bis zur Wipfe geschlossen, regnen von Tannen fallend Schatten durch das Licht. Die Mädchen saugen das heiße Harz aus der geplatzten Rinde, riechen nach Holz und ihrem eigenen Saft, kauen das zähe Weiß mit ihren elfenbeinfarbenen Zähnen, Farne im Sommerlicht das Haar, Glockenblumen die Kleider um die von Culex-Mücken zerstochenen Fesseln. Auf Zehenspitzen zwei, denen noch nicht der Flaum verklebt, aber barfuß auch die anderen, die sich lieber Honig wünschen, älter sind. Wie ihren Gesprächen lauschen?

Nicht weit entfernt brechen sich die Geräusche knackender Äste an den Steinen aus Zinngranit, von denen niemand weiß im Grün, woher sie einstmals kamen. Niemand weckt die Riesen auf, gebettet in ihre Wollsack-Verwitterung. Die Mündlein der Mädchen bemerken den Wohlgeschmack des Baumpechs. Dergleichen Dinge müssen denjenigen Teil der Zunge berühren, in welchen der Wohlgeschmack seinen Sitz hat. Da bringt auch der Wind von Blütenteppichen herüber Zuckersporen geweht, versetzt den Speichelbrei mit umländischer Würze. Wie Adam ihnen nachschaut, bemerkt er einen eigentümlichen Schatten, den ihre Warzen werfen. Wegweiser, wenn man so will. Am Horizont die Zahnreihe des Waldes. Er steht in der Peripherie des Samstagnachmittags und beobachtet das dunkle Leisewerden der Umgebung. Gellende Phoneme werden vom Wind genommen und unter die Erde gedrückt. Vom Fangzahn gestochen das Schaf, findet er Rohwolle um die Knochen liegen, findet das Lagerfeuer der Wanderer, die Erde aufgehuft neben den strikten Wegen der Traktoren. Es ist kälter dort. Steine, Bäume, Flüsse wundersam verschwiegen. Die Rabenmücken schwärmen, zerhauen von Händen, das Maulwerk im Aal droht jedem mit dem Tod. Die Mädchen von dumpfen Genüssen beahnt. Vom Horizont walzt Dunkelheit. Wo wollen wir hin? Ins Späte nur.

Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Bedeutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes.

Die Regale sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei, der Fluss ist hier kaum hörbar; das Sonnenlicht verstirbt parterre an der Mauer, dringt höchstens in den Verputz, legt sich zu Ameisen, Weberknechten und Urmündern, die ohne Zwischenkörper gleich in den Proktos übergehen.

One Night Fits All in dieser ›Camera Silens‹: isolierter Kellerraum, vom Leben nur Spuren, angeramscht, aufgetürmt – wir trinken latenzperiodisch weißen Wein im Nachgras, entwendet aus dem Einmachkeller jener Familie, die uns Dach über den röhrichten Bettgestellen, dem Heizkessel, dem langen Flur (wo meine Murmeln, gestoßen von einem Spazierstock, an die Türstöcke knallen) gewährt. Meine unterbewusste Heimat dort. Die aufgestaute Hitze lungert wie eine Belagerungsmaschine um das Haus herum, die Sappeure jedoch scheitern, es bleibt kühl.

Worte verzehrten sich harmlos im Spiel, Zungen kauen von Koprolallern gehörte Schallwellen, spucken die Hülsen ohne Bedeutung über die Rinnsteine, Grenzlinien zur Unterwelt.

Steff wringt das Wort »Nutte« durch die trompetenäffende Hand, die er wie eine Röhre um seine Lippen – obszöner Ameisenbär – krümmt; er benutzt das Wort, ohne den Genus zu meinen, wegen der Gemination in der Mitte, um etwas Speichel ins Rotieren zu bringen. Die Anderen lauschen nur, als spiele er ein Instrument (Mull of Kintyre). Ohne es zu wissen, dehnt er das Wort zurück zu seiner Herkunft: »Nuuute.« Er kennt wahrlich die meisten Maledicta. Nicht alle wissen, was ein Wort im Äther bewirkt, berauschen sich am Klang mehr als am Wein, des selten oder noch nie Gehörten. Unbeobachtet spielen wir uns ballsicher die eigene Neugier zu. Das Verborgene regt uns an, wir unterscheiden nicht zwischen Nacht- und Tagtraum, wir kennen nur DAS TRÄUMEN.

Hier gerät alles in Vergessenheit. Befänden wir uns im Wald, würden wir Märchen nachspielen. Im Boden versteinern Muscheln, Quarzkristalle, Ammoniten, das Zirpen der Heuschrecken, wartend. In Sepiatinte geschrieben: die Mär von den Wundern1 der Welt, die gezwungen sind, auf Erden zu verweilen, den Heidelbergensis anzufeuern, Mensch zu werden, die Gestirne zu beobachten, Trank, Speise, Haus, Hof. Das gesamte Gebiet ein einziger Steinbruch, ein wörtliches Geröll, eine Ansammlung von Taten, unzuverlässigen Gespinsten; sie täuschen den Betrachter und er wird sich an der Kausalitätskette erhängen (ein merkwürdiger Tod).

1Ein Wunder ist das, was sich nicht an die von uns gemachten Regeln hält, die wir u.a. irrtümlich Naturgesetze nennen. Dass sich das Wunderbare jedoch nicht verstandesmäßig erfassen lässt, gehört zu seiner Natur, denn eben diese Natur kann zwar in ihre Bestandteile zerlegt, aber nicht begriffen werden. Überhaupt ist das Wunderbare eine Wunscherfüllung, die tatsächlich wider jeglicher Vernunft zu beobachten ist, also mit derselben Empirie wahrgenommen werden kann, die diese dem Grunde nach ablehnen muss. Gleichzeitig aber ist das Wunderbare, das wir leicht als das Phantastische erkennen, das eigentlich Schöne. Wenn nämlich nicht in seinem Erscheinen, dann in seinem Geschehen. Das Wunderbare ist mit dem Lustprinzip gleichzusetzen, währenddessen die Vernunft die Aufgabe des Zensors übernimmt. Zensur jedoch führt uns wieder zum Problem des Verdrängens hin. Verdrängt wird das Wunderbare deshalb, weil es nicht in das willkürliche Konzept unserer erfundenen Regeln passt, dass wir, wo immer wir uns auch hinwenden, ausnahmslos auf das Unerklärliche stoßen, tut unserer bizarren Gesetzmäßigkeit keinen Abbruch, dass wir überall, wo wir auch hinblicken – ununterbrochen – dem Wunderbaren ausgeliefert sind, verdrängen wir, jedoch nicht im mindesten erfolgreich. Begriffen wir die Natur nämlich besser als es der Fall ist, würden wir leicht erkennen, dass das Wunderbare durchaus im sinnlichen und nicht im übersinnlichen Raum zu finden ist. Warum es das Übersinnliche nicht geben kann, hat seinen Grund darin, weil wir bereits aus all dem selbst bestehen, was es im ganzen Kosmos zu finden gibt, weil nichts von uns überhaupt getrennt existiert. Doch was immer auch geschieht und nicht geschieht ist unsere Vorstellung von dem, was geschieht oder nicht geschieht, ist der Unterschied zwischen Idealität und Realität. Nun wissen wir heute freilich zu sagen, dass die Realität und die Idealität gar nicht in einem Dualismus (wie etwa bei Descartes) aufgehen, weil wir nun einmal nicht vermöge sind, von einer Objektivität so zu sprechen, dass sie auch gleich als Realität zu erfassen ist, von einem Ideal und Subjekt aber zu behaupten wagen, dass sich ›Welt‹ in unserem individuellen Bewusstsein generiert und nirgends sonst. Gleichzeitig würde das aber auch bedeuten, dass die Welt, wie sie uns erscheint, zu unserem persönlichen Ideal, zur Realität wird, in dem wir genau diese Welt hervorbringen und eben keine andere. Die romantische Faszination für Somnambulismus, Hypnose, bzw, organischen Magnetismus beruht auf der Vorstellung, dass sich im Zustand des ausgeschalteten Bewusstseins das Geheimnis einer tieferen Verbindung des Individuums mit der Natur und dem kollektiven Unbewussten in einer immateriellen psychischen Dynamik enthüllen lassen.

Die Waldinsel, die aus diesem braunschwarzen Acker ragt, ist Teil des Mythos. Durchs Pflügen gewonnene Schollen der Wenderde bilden Wellenkämme und erstarren: eine begehbare Meerenge – in der man also nicht ersäuft, sondern der Länge nach hinschlägt, wenn man sein Scharniergelenk am Fuß nicht zu manövrieren weiß. Dorthin zieht es uns an den Nachmittagen; erzählend liegen wir in einem Krater, der ein Impaktkrater oder ein Bombentrichter ist (wir wüssten es gern ). Geistergeschichten, die wir des Nachts zufällig aufschnappten, nämlich an anderen Orten; wir wüssten es gern, werden es aber nie herausfinden. Silhouetten, zurückgelassen von den Toten, drängen über den Kraterrand, huschen unter das immer dort liegende Laub. Träume von einem Schlaraffenland, von einem Jenseits, von einem Garten der Hesperiden, dem Olymp und Asgard. All diese Geschichten haben ihren Ursprung in dieser einen Stadt, die sich Raha nennt, in diesem Bombentrichter oder Impaktkrater (wir wüssten es gern).

Die Assoziation ›Fleischwolf‹ dämmert heran; nicht mehr als Wort, sondern als Hackfleischgespenst mit Augen ohne Lid, mit zähtropfenden Bewegungen, zum Greifen nah. Da oben steht es: neckerwürfelig; muss vom Feld gekommen sein, muss uns nachgegangen sein. Es gibt unterschiedliche Unterbrechungen bei dem, was wir beobachten können, also: Raster. Was nicht wahrgenommen werden kann, wird dahinkogniert. Schon ist die Konzentration fort, Wolf zerrt eine vergammelte, nasse Matratze, aus der Rosshaar und verrosteter Federdraht quellen, in unser Gesichtsfeld. Wanderer, hast du deine Bettstatt hier errichtet?

Wer waren wir, die wir uns ankrösten wie Fremde, die Weite unserer tauben Gesichter, für die sich der Wind unablässig interessierte: die Nasen, die Augen; wir Fremde, die wir uns nur beim Namen kannten, zufällig hingeworfen in das Tal der Ruhe. Wir blättern in diesem Zufall, der sich niemals und damit bis in alle Ewigkeit wiederholen wird. Die Namen, ausgesprochen mit einer Stimme, die, könnte man sie trinken, wie Portwein schmecken würde. Alpträume, die Erscheinung, eine augenblickliche Schwäche; an den Wänden hingen Tauschkarten, noch gab es eine Eule unter dem Dach, die ihren Kopf rotieren ließ.

Die Stimme: Öl einer entfernten Kehle auf Stelzen. Da keine Antwort erfolgte, rotierte die Eule schneller, hinter ihr das Gelächter einer Nacht, die nicht vollständig aus Schwärze bestand, Lichtfäden wimmelten in der Waschmaschine der späten Stunde.

Als die Türen schlugen, gefror die Oberfläche des Gartentümpels, man sah Blumen ihre Schlafsäcke beziehen. Ich stand vor dem Weinregal im Keller. Vor mir brausten und Gärten eingelegte Früchte. Die erste Flasche zog ich beinahe andächtig heraus, der Rest klirrte etwas später in meinen Armen Alarm, was nicht ohne Folgen blieb; trippelt entschlossen, aber dummerweise mitsamt der gestohlenen Batterie die Treppe zur Wohnung hinauf, wo man mich den Flur durchklirren hören konnte, die Zunge zwischen den Zähnen, dann noch mal eine Treppe, schwarzweiß gesprenkelt, hoch zur Haustür, anstelle dass ich direkt durch die Kellertür zum Garten hinaus entkommen. Carisma, durch das Flaschengerassel aufmerksam geworden, stürzte hinter mir her: ich hatte das Nichts noch nicht im Griff. Vielleicht ist Carisma die einzige lebende Person in meinem Leben, aber ich blieb dennoch nicht stehen. Ich konnte mir nie sicher sein, alles nur zu erfinden.

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