Der Weg nach Raha: 6 Adam und der Schatten (1)

Aufgesprungener Boden, Gesichter einer alten Erde, worüber sich Gleise erstrecken, die schon lange nicht mehr befahren werden von tonnenschweren Lebewesen, die man einst Dampflok oder Waggon nannte. Letztere die besitzlosen Sklaven, Gewichte schleppend, ohne Ziel, ohne eigene Interessen.

Der Platz, antikfarben, ist in einer Art Ewigkeit zu verorten, die Vergänglichkeit gehört hier zum Ambiente, Unendliches zu verschweigen. Hier Wolken einbinden zu wollen, die über den Himmel ziehen, wäre Klischee. Statt dessen male ich den Himmel ebenfalls antik, so dass er sich nicht abheben kann, keinen Kontrast bildet, alles wirkt wie zusammengemischt in einer monochromen Badewanne, befüllt mit dem Putzwasser dreckiger Türen, die nirgendwo hinführen, die nur Begrenzung symbolisieren.

Ich nenne diesen Platz einen Bahnhof, wissend, dass es kein Bahnhof sein kann, nicht im Sinne eines Umschlagplatzes, nicht der Begegnung Mensch und Maschine gewidmet, gar nicht einmal von Menschen erdacht.

Große, hölzerne Scheunen beherbergen von Krausem Ampfer überwuchert zwei beerdigte Riesenwale aus Stahl. Schienenstränge sind vor lauter Giersch längst nicht mehr sichtbar, aber die Stahlkessel rangieren darauf, längst ausgeweidet. Disteln und Wildkraut überlagern ihren abgewetzten Nutzen.

Die eisernen Achsen schreddern über gewaltige Stränge: das war früher – dieses Wort, dieses furchtbare Wort, das Vergangenheit meint. Rost blättert ab, verbleibt Erinnerung auch hier.

Sehen Sie sich die Stadt an, hatte Madame Blandot gefordert. Das ist nun Wochen her. Seither habe ich nichts anderes zu sehen bekommen als eine Geisterstadt. Dem abgestandenen Geruch des Flusses ins Nebelherz hinein folgend, aus dem Nebelherz heraus tretend: keine Seele, nur Dinge, die, wenn sie weit genug entfernt sind, keinen Namen tragen. DIE DINGE. Wie hingehauen stehen zerfallene Lagerhallen, verlassene Wohnhäuser mit eingeschlagenen Scheiben ringsherum. Unebene Straßen schlenderte ich hellwach entlang, um in keines der Schlaglöcher, alle mit pfuhligem Wasser gefüllt, zu treten.

Ich hatte immer schon eine Schwäche für große Lagerhallen, die schon seit langer Zeit leer standen, wie mich überhaupt alle verlassenen Gebäude interessierten. Oft fiel mir auf, dass wir gut daran täten, die Zeit nicht in Sekunden, Minuten und Stunden (tropisches, siderisches, anomalistisches Jahr) einzuteilen, sondern in Staub, Staubschichten, Staubkonsistenz. Zeit war nunmehr nur Staub. Hier, im Innern eingeschlossener Vergangenheit, konnte man die Zeit wiegen, eine Handvoll Zeit zur Nase führen, dadurch ihr Aroma spezifizieren. Sie lag hier überall herum, ich durchpflügte sie mit den Füßen. Vor der Lagerhalle mit den beiden Lokomotiven lag ein ausgerupftes Feld vor einem Waldrand. Im Wald selbst war es seltsam still, nichts raschelte oder windete, nichts schlich durchs Unterholz oder benagte Rinde. Stille ist die Angst vor der Dunkelheit in den Antipoden der Seele, wenn jedes Geräusch den Kopf beruhigt, wenn es beteuert, dass man auch sehen könnte, was dieses Geräusch verursacht, dass es kein Geräusch von alleine ist. Man hörte das Unheil nicht kommen, wenn man auch nur eine Nuance lauter war als die Stille, die sich zu bewegen schien. Sie drang in das Denken, stachelte das Blut dazu an, in den Schläfen zu pochen. Die Urangst schuf sich Platz in der Brust, nistete sich ein, vermehrte sich. Stille ist nicht auszuhalten, insistiert vollkommene Orientierungslosigkeit.

Die Bäume standen tagein tagaus an ein und derselben Stelle, die Nacht wogte mit ihren Hirngespinsten in den Ästen, aber die Bäume wußten, dass ich da bin.

Furcht ist ein Kardinalsgefühl, sie zu überwinden ist die erste Tugend, draufgängerisch zu werden ist die erste Falle. Die Dunkelheit hat den entscheidenden Vorteil einer Leinwand; sie projiziert das Abbild der eigenen Seele in die Luft, eine Richtung oder eine bloße Dimension gibt es nicht mehr. Die Sinne sind ausgeschaltet, der Projektor des eigenen Selbst läuft auf höchsten Touren. Die Welt verändert sich, zieht ungesehen vorbei. Kein wildes Tier, kein Räuber lauerte in diesem Wald, aber was war mit den verlorenen Energien, die man ebenfalls in den alten Häusern spüren konnte? Bedienten sie sich nicht den eigenen Ängsten, führten sie dann auf wie ein Schauspiel? Impressionen und enigmatische Emanationen überdauerten die Jahrhunderte, weil sie unseren Zwang der Zeit gegenüber nicht kannten. Aber sie besaßen ein Gespür für starke Einbildungskraft; meist spielten sie mit den Geistern der Erde, dachten nicht über uns Menschen nach. Wenn sie uns begegneten, nahmen sie uns nicht ernst.

Manchmal wünschte man sich, ein Auto käme gefahren, um das Gemüt etwas zu beruhigen, Stille zu durchbrechen, Dunkelheit beiseite zu schieben. Während die Lichtkegel durch das Dunkel brachen, hatte man Schonzeit und wurde nicht von Spukgestalten überfallen. Doch dann stand man wieder auf einem Weg, den man nicht erkennen konnte. Geschichten drängen an die Oberfläche, von rätselhaftem Verschwinden, Phantome, Erscheinungen. Der Verstand kann uns nicht beruhigen, denn gemessen an den Rätseln der Welt hat er überhaupt keine Bedeutung. Die Wissenschaft ist nur ein kleines lächerliches Murmelspiel, ein Zeitvertreib unserer Neugierde.

Immer noch Emmas Bild vor Augen, Teil einer Erinnerung, die niemals ganz wahr wurde. Sie hätte jede andere sein können, doch die Worte, die sie sagte, hinderten die anderen daran, Emma zu sein.

Es bewegte sich etwas in der Dunkelheit. Ich konnte nicht erkennen, was es war, da es die Form eines Schattens angenommen hatte, um sich zu tarnen. dass es mir nachschlich, wusste ich gewiss; immer wenn ich mich umsah, blieb es stehen, gut getarnt zwischen den Sträuchern am Wegesrand. Ich beschloss, was immer es war, anzusprechen, um zu demonstrieren, dass ich es entdeckt hatte.

»Es wäre nützlich für mich, zu wissen, was Sie von mir wollen!«, rief ich. Keine Reaktion erfolgte; aber aus der merkwürdigen Schwärze kam zumindest eine Antwort : »Tut mir leid, ich kenne Sie nicht.«

»Kommen Sie doch heraus, dann können wir miteinander reden!«

Nichts. Also sprach ich weiter : »Sie haben mich ebenfalls noch niemals gesehen?«

»Nein… ich wüsste nicht…nein.«

»Das ist sehr schade, ich weiß nämlich nicht, ob ich schon einmal irgendwo gewesen bin.«

»Aber, dieses Problem habe auch ich; ich irre umher und ich erinnere mich an eine Welt, die es einst gab, in der es vor Menschen nur so wimmelte. Jeder ging dort einer unsinnigen Tätigkeit nach. Man nannte es die ›Realität‹. Haben Sie von so einer Welt schon einmal gehört?«

»Es könnte sein, ich erinnere mich an eine Liebesnacht, lachen Sie nicht! Es schien mir ernst! Ich erwachte und sie war verschwunden.«

»Sie verschwinden immer; eine neue Liebe, ein anderes und besser versprochenes Glück.«

»Ja, möglich, aber was soll ich tun, ich kann ohne sie nicht leben!«

»Das können Sie, Sie tun es gerade! Was hat sie mit Ihnen gemacht, wenn Sie eine ganze Welt dafür auslöschen?«

»Sie ging und kehrte nicht zurück.«

»Das tun alle.«

»Sie roch noch nach mir.«

Zögernd.

»Ich glaube, ich habe sie gesehen.«

»Ja?«

»Ja, sie roch noch nach Ihnen.«

»Woher wissen Sie, dass sie es war?«

»Sie war die einzige, die ich je getroffen habe, die nach Ihnen roch. Aber sie gehört Ihnen nicht, verstehen Sie, sie hat mir gesagt, dass sie Ihnen nicht gehören wird. Sie flieht vor Ihnen, Sie können sie nicht einholen, der Abstand bleibt immer der gleiche, sie ist sehr weit fort.«

»Aber sie war in meiner Nähe!«

»Das meinen Sie nur! Sie hatten Ihre Gelegenheit, Sie haben einen Fehler gemacht!«

»Aber mich verzehrt ein Feuer!«

»Sie und mich, die ganze Welt! Jetzt rufen Sie mich an und wissen noch nicht einmal etwas über mich, das ist sehr enttäuschend!«

»Aber Sie sind mir gefolgt!«

»Wir haben nur zufällig denselben Weg.«

»Warum kommen Sie nicht heraus?«

Es gab erneut eine Pause, dann : »Ich verstecke mich überhaupt nicht, falls Sie das meinen. Ich bin nur … unsichtbar«

Überall nur sie, in allem, was vergeht. In den Bäumen raschelt ihr Name, in jedem Gewässer ist sie Loreley, hinabgestürzt vom Fels, auf dem sie sich kämmte und für den Tod der Seefahrer herausputzte.

Hinab zogʼs Schiffer und Kahn. Ich weiß auch nicht, was soll es bedeuten!

Jetzt aber zieht es mich zum Geäst, dem Gewölle, der Blüte im Unterholz. Ihre Form löst sich von den Zweigen. Wohin mein Blick auch schweift, ich bin verloren. Denn es gibt merkwürdiges im großen Abgrund, und der Traumsucher muss aufpassen, dass er nicht das falsche aufstöbert oder ihm begegnet.

Davor: wenn wir gestaltlos nur Gedanke sind, vom Leben träumen, geträumt vom Leben träumen. Ich steige in den Trichter der Unendlichkeit. Was Zeit mir ist, das muss sie mir beweisen. Die Geschichte in der Schleife.

Im Gräsermeer gab es früher eine Liebe zu bestaunen. Ich glaube, jeder Landstrich, jedes Feld, jeder Busch, kurz: jeder Fleck in der freien Natur hat eine Liebesgeschichte auf Lager. Wenn ich hier außerhalb der großen morschen Halle umherstreune, kann ich sie erkennen wie einen Spuk, fasse durch die Gestalt eines kleinen melancholischen Mädchens, durch die Gestalt ihres schüchternen Begleiters.

»Sie müssten die Schwingungen viel wesentlicher empfangen können, wenn Sie noch hier sind!?

»Ich bin, wo Sie sind, wir haben den gleichen Weg!«

So eine unsichtbare Stimme hat etwas Provozierendes.

»Würden Sie die beiden für mich fragen, was aus ihnen geworden ist?«

Eine Stimme, die von überall zu kommen schien, sagte : »Wir sind schon lange nicht mehr hier. Dieser Platz hat sich sehr verändert. Wir lebten in einer Zeit, als hier noch Züge abfuhren; stets sahen wir ihnen nach, denn es war überhaupt unsere größte Freude, die Züge ankommen und abfahren zu sehen. Wir sind nicht hier und doch für immer gebunden, unser Gedächtnis wird über die Lande gleiten und sie sehnsuchtsvoll berühren. Im Wald hatten wir eine Kate in einem Krater, und im Sommer streiften wir durch die Vorgärten der Stadt, meistens aber spielten wir hier. Ein Bahnhof ist ja gar so interessant!«

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    oder nein,
    es sind bewegliche Texturen,
    die unter anderem mit Flöten
    etwas anstellen.

    Die Hand ist nur das Werkzeug
    dieser Miniatur, die sich auf
    fremdartige Ornamente einlässt.

    Wenn es nicht Heinz ist,
    dann ist es keine richtige Tomate

    der Brand im Gesicht,
    Feuerwerkskörper die Augen, eine
    Schüssel voll ersoffener Stubenfliegen.
  • Nyctanthes

    Die Freiheit, die man gerne leugnet, besteht darin, sich in jeder Sekunde entscheiden zu können, was man als nächstes tut, ja, dass man bei einer Entscheidung oftmals ganz ohne Gedanken auskommt. Es mag uns scheinen, als dränge etwas wie ein Vulkan zur Eruption. Nur die Intensität markiert den Unterschied. Doch von Freiheit zu sprechen, wenn man voller Staunen zum ersten Male in das unbekannte Antlitz blickt, das so vertraut, weil vielleicht vor langer Zeit in allen Einzelheiten erträumt, weil vielleicht in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben so verabredet – man mag sich einst nur verlassen haben, in dem man, wie im Irdischen auch, sich Bilder voneinander schenkte – ist nicht mehr möglich. Man kann sich auf seinen Pfaden, die durch unterschiedliche Landschaften führen, an etwas erinnern, ohne genau zu bestimmen, was es ist, das immer wieder die Gewissheit anstachelt. Man kann sich vormachen, man bilde sich aus und gehe dahin, wo es einen beliebt, man mag in einsamen Stunden der Illusion genügend Macht einräumen, wenn man für sich selbst versunken sitzt in lauen Lüften unterm Sternenzelt oder mit seinen Träumen einsam spaziert. Man mag so oft den Mut fahren lassen, wenn man plötzlich bemerkt, wie unwegsam das Gelände geworden ist; und man fragt sich nicht selten, ob man denn richtig abgebogen sei. Doch niemals wird sich verleugnen lassen, was gerade in unserer Zeit der Raison zum Opfer ward, dass sich zwei Herzen finden können, weil sie füreinander bestimmt, sich noch im unbekannten winden, nicht eigentlich unglücklich, doch an einer ganz bestimmten Stelle leer oder noch nicht angefüllt. Man liebt so dann und wann drauflos und hält es für die Höhenluft. Da kommt es kaum in den Sinn, dass auch die Liebe ihre Lehrjahre kennt, dass nicht jedes mit Freuden angenommene Gefühl gleich das Jauchzen der Ewigkeit verspricht. Wir pilgern stumm, auch wenn wir laut und tönend uns durchs Leben peitschen, rennen oder ziehen, wir entwickeln uns zu einem Menschen, dessen Vorgänger wir schon bald nicht mehr kennen. Dann sagen wir: Ich habe mich verändert und ich bin nun bereit für dies und das. Bis dann das Unbekannte eingreift, mit dem wir uns selbst vor langer Zeit in dieser Weise verabredet haben.

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